Das Zisterzienserkloster

Freitag, der 9. Juni, von Riego del Camino

nach Tábara, 19,5 Kilometer,

gesamt 622,4 Kilometer

29. Wandertag

Jean hat den Wirt überredet, uns heute Morgen mit seinem Wagen zum Kloster von Moreruela zu fahren, das wir sonst zu Fuß nicht erreicht hätten. Dann wollen die Drei über Granjo de Moreruela weiter in Richtung Tábara fahren, um unterwegs irgendwo auszusteigen und noch ein wenig zu Fuß weiter zu laufen. Sie pilgern anders als ich, nicht so konsequent, nicht so eifrig und ausdauernd. Sie sind nicht so engagierte Jakobspilger. Für sie bedeutet Wandern Lust und Freude, für mich bedeutet es, den Weg zu machen, so wie mein Heiliger es mir vorschreibt, Kilometer um Kilometer zu Fuß, eine heilige Pflicht, ein Auftrag. Deshalb muß ich ja auch so viel leiden. Sie nehmen lieber morgens den Bus oder das Taxi, lassen sich den halben Weg fahren und laufen den Rest der Strecke zu Fuß. Das ist nicht meine Art, aber wenn ich die Freunde nicht verlieren will, muß ich schon ihren Weg gehen.

Pünktlich um acht Uhr packen wir uns und unsere vier Rucksäcke kreuz und quer in den schon etwas ältlichen Wagen, der knarrend und ächzend in die Knie geht. Dafür fährt er auch nicht so schnell und schlingert ein wenig über die Carretera. In Granja biegen wir ab auf eine winzige, holperige Landstraße und tauchen bald ein in einen Wald mit richtigen, grünen Bäumen. Der erste Wald seit zwei Wochen! Es ist frisch und kühl an diesem frühen Morgen, auf einer Lichtung flammt ein roter Diamant in der aufgehenden Morgensonne, himmelwärts aufragende Wände mit gotischen Spitzbögen, eine massige romanische Apsis mit Chor, Zwerchgaden und einem Kapellenkranz, sorgsam gefügt aus rotbraunem Sandstein, der jetzt zu dieser frühen Morgenstunde golden brennt vor dem nachtblauen Himmel. Rundfenster über Rundfenster, die Friese aus umlaufenden Balkenköpfen, schlichte, einfache, frühe Romanik. Durch die leeren Öffnungen der Fenster strahlt der tiefblaue Morgenhimmel, eine stolze Ruine nur ist übrig geblieben von Spaniens ältestem Zistersienserkloster, das hier 1131 eingerichtet wurde. In seiner Ruhe und menschenleeren Einsamkeit strahlt es immer noch Adel und Größe aus, Gottes Pracht auf Erden, verlassen seit Jahrhunderten in der schweigenden Stille der Wälder. Wir streifen um das Bauwerk herum durch kniehohes, gelbes Gras, fotografieren, streichen mit den Händen über die kühlen, samtigen, glatten, goldenen Sandsteine. 

An den beiden Klöstern der letzten zwei Tage erkennen wir die Bedeutung der Via de la Plata als große Völkerstraße, die Mönche waren die ersten, die kamen im Gefolge der christlichen Ritter, die die Mauren vor sich hertrieben. Sie suchten sich die schönsten Plätze aus in diesem noch menschenleeren Land, in den bewaldeten Hügeln oberhalb des Río Esla, schlugen die Bäume, rodeten, legten Pflanzungen und Weinberge an und beherrschten von nun an die Bauern, die die Ritter aus der Gewalt der Mauren befreit hatten. Ora et Labora – Bete und arbeite – und doch errichteten sie alsbald diese prächtigen Gotteshäuser zur Ehre ihres einzigen Gottes. Beide nun seit Jahrhunderten zerfallen, das Castrorafe der Jakobusritter ein zerstörtes Trümmerfeld, Moreruela eine leerstehende gigantische Ruine mit toten Augenhöhlen. Sic transit gloria mundi!

Gern wäre ich jetzt hier allein geblieben, hätte die Mauern und Kapellen durchstreift, mich unter einen der mächtigen Bäume gesetzt und in den aufdämmernden Morgen geträumt, der Jahrhunderte gedacht, die vergangen sind und verschwunden im Mahlen der Zeit, die Glocken gehört und die Gesänge der Zisterziensermönche. Unser Fahrer drängt, er will bald wieder nach Hause. Auch meine drei Freunde haben es eilig, die Bilder sind in ihren digitalen, kleinen Kameras, für Traum und Meditation haben sie keinen Sinn.

Wehmütig scheide ich von diesem verlorenen Paradies. Immer war ich so traurig glücklich auf diesen einsamen, verlassenen Klosterhöfen, allein mit mir, meinem Gott und der Unendlichkeit der Geschichte. Wir holpern wieder zurück nach Granja. Granja de Moreruela ist ein Scheideweg. Hier trennt sich die Via de la Plata von dem Mozarabischen Weg. Dieser kommt eigentlich von Granada über Córdoba und Mérida, folgt dann der Via de la Plata bis Granja und biegt dann nach Westen ab, während die Via de la Plata nach Norden bis nach Astorga führt, wo sie auf den Camino Francés – den großen Jakobsweg von Burgos und León – stößt. Der Mozarabische Weg, dem ich nun folgen will, verläuft erst nach Westen, immer nördlich der portugiesischen Grenze, die bald nicht mehr als 15 Kilometer entfernt im Süden verläuft, um dann hinter a Gudina in Galicien nach Nordwesten abzuknicken und über Ourense nach Santiago zu führen. Mozarabisch werden die Spanier bezeichnet, die unter der maurischen Herrschaft als Christen geduldet wurden und unbehelligt weiter lebten. Nach der Reconquista, der Vertreibung der Mauren, machten sie wie alle anderen Christen den Pilgerweg nach Santiago zum Grab des Heiligen. Dazu benutzten eben diese „Mozaraber“ aus den südlichen Provinzen des Landes den Mozarabischen Weg.

Die Straße bringt uns zum Río Esla, der in tiefer Scharte in den grünen Wäldern unter uns als blauschimmerndes Band aufblitzt. Auf einmal hat sich die Landschaft geändert. Fuhren wir bis Granja de Moreruela noch durch die endlose Weite der Weizenfelder, so ist das Land auf einmal hügelig geworden, von dichten Steineichenwäldern bedeckt. Man hat hier den Río Esla aufgestaut zum Embalse del Esla, den wir ja gestern schon umrundet hatten. War er aber gestern schlammig und halb ausgetrocknet, so liegt er nun als blaublitzende Spiegelfläche unter uns. Über dem See führt die Straße auf großer, neuer Bogenbrücke, erbaut wie die alten Römerbrücken in Salamanca und Mérida, über acht gewaltige Sandsteinbögen, die sich im Wasserspiegel zu Riesenkreisen schließen.

Hier will ich aussteigen, über diese Brücke muß ich zu Fuß gehen und mich dann auf der anderen Seite in die Büsche schlagen. Ich bin halt Wanderer aus Leidenschaft. Ich verabschiede mich von den drei Freunden, die weiterfahren wollen, wir werden uns heute Abend in Tábara sowieso wiedertreffen. Tief im See unterhalb der neuen Brücke liegt im Wasser ertrunken die Puente Quintos, über die einst die Pilger zogen. Fällt das Wasser ganz tief, soll die Brücke wieder auftauchen aus ihrem nassen Grab. Links hinter der neuen Brücke zweigt kaum erkennbar ein schmaler Pfad ab, der auf und ab über Felsen und Kiessschutt durch duftende Macchie dem Seeufer folgt. Schwierig und nicht ganz gefahrlos zu gehen mit dem schweren Rucksack. Sorgfältig benutze ich meinen Stock als Stütze. Welch eine andere Welt nun nach der gelben, verbrannten Steppe hoch über dem kristallklaren Wasser durch grüne Hügel, kalkweiße Felsen unter diesem strahlenden Morgenhimmel. Die Zeit des Leidens, der Entbehrungen, der unermeßlichen Grenzenlosigkeit ohne Horizonte und Ausblicke ist nun vorbei. Ich habe die große Ebene überwunden.

An einem Felsen treffe ich Hilmar aus Wennigsen und Pierre und Nicole aus Kanada. Sie frühstücken gerade und wir begrüßen uns freudig überrascht. Hilmar freut sich und erzählt mir strahlend, nun habe er endlich den berühmten Deutschen getroffen, von dem man sich auf dem Weg schon erzählt. Ich frage ihn verwundert, ob er mich meine. „Na klar“ sagt er, von mir spreche man doch, von dem, der abends immer noch bis spät in der Nacht vor den Bars sitzt, ein großes Glas Brandy trinkt und dabei genußvoll seine Havanna raucht. Da bin ich aber erstaunt, daß mir so ein Ruf voraus eilt.

Nun muß ich aber dazu und zu meiner Ehrenrettung etwas erklären. Nicht, daß man denkt, ich sei Alkoholiker! Es ist nämlich so: Wenn ich den ganzen Tag 6-8 Stunden mutterseelenallein durch diese staubigen, menschenleeren, verlassenen Landschaften gewandert bin und dann abends ebenso allein und verlassen ausgepowert und erschöpft vor meiner Bar sitze, wo mich niemand kennt und ich niemanden sehe, den ich kenne, dann brauche ich nach dem einsamen Essen mit mir allein eine Zeit des Entspannens, des Ausruhens, des Sichgehenlassens. Und das ist nun einmal meine Abendzigarre und mein Abendbrandy, die mir zu vertrauten Freunden geworden sind. Da habe ich etwas, an das ich mich „halten“ kann, mit dem ich mich beschäftigen kann. Ich sinne in die warmen Abende, träume den blauen Wölkchen nach, die ich aus meiner Zigarre paffe und habe noch zwei Stunden mit mir zu tun, bevor ich in mein einsames Bett falle. Ich denke über den Tag nach, freue mich auf den nächsten Morgen und dabei hilft mir der warme, dunkle, tiefe Brandy. Nebenbei ist dieses ein uraltes Ritual, Zigarre und Brandy, das den spanischen Männern im ganzen Land zu eigen ist.

Und außerdem, nirgendwo bekommt man für so wenig Geld ein solch großes, tiefes Glas voll funkelndem, erdigem, duftendem Brandy wie in Spanien, sei es Carlos Primero, Segundo, Tercero oder John Osborne Veterano – der mit dem schwarzen Stier. Nie würde ich dies in Deutschland machen oder in Frankreich, wo es diesen parfümierten, seifigen Cognac gibt oder in Italien, wo man sowieso nur in einem Riesenglas eine erbärmliche Pfütze für teures Geld erhält. Nein, hier in Spanien kann man seine Nase und seinen Mund in diesen dunklen See tauchen, braun und erdig und samtig süß wie dieses geheimnisvolle, dunkle, verschlossenen Land. In seinem Brandy steckt die Seele dieses Landes.

Außerdem ist ja auch meine Wanderung für mich harte Arbeit. Nicht, daß ich nur mit widrigen Wegen, staubigen, heißen Pisten, der erbarmungslosen Sonne kämpfe, auf meinem Weg mache ich ja auch ständig Notizen in mein kleines Büchlein, das ich in der Hosentasche trage, was mir so auffällt unterwegs, Namen, Gedanken, Orte, Träume. Dazu fotografiere ich mit meiner schweren Spiegelreflexkamera alles, was mich so erregt unterwegs, die Natur, durch die mein Weg führt, Häuser, Kirchen, Klöster, die Einsamkeit und Endlosigkeit, Blumen und Pflanzen, manchmal auch Menschen und Tiere, duchschnittlich einen Film pro Tag mit 36 Aufnahmen. Vor und zurück zur Motivsuche, Blendenwahl, Filterwahl, all das für meine Lichtbildervorträge nach meinen Wanderungen zu Hause, um die Menschen teilhaben zu lassen an den Ländern, durch die ich wandere. Un dann sitze ich am Abend vor oder nach dem Abendessen ja noch an meinem Tagebuch, in das die Notizen des Tages, alle meine Erlebnisse und Erinnerungen einfließen für meine Berichte und mein Buch.

Ja, und dann, wenn ich ganz leer und ausgelaufen bin, dann brauche ich meinen Brandy. So ist das.

Ich gehe schon mal voran, wir werden uns noch wiedersehen. Der Weg ist atemberaubend, die Ausblicke über die spiegelnde Seenfläche überwältigend, mein Auge trinkt die lang entbehrte romantische Landschaft, der Weg ist nur ein Trampelpfad, nur mit äußerster Konzentration und Anspannung zu gehen, er führt hinunter zum Seeufer, wo ich mich alsbald durch nasses Gras taste, 10 Zentimeter höher als die Wasserfläche. Bei Hochwasser ist der Weg weg. Unter mir im klaren Wasser erkenne ich die geisterhaften Umrisse der ertrunkenen Pilgerbrücke. Dann geht es den alten Weg steil hinauf, in Serpentinen durch gelbes Gras, hoch auf die Anhöhe, wo ich schnaufend Rast mache. Lange war ich nicht mehr so steil aufgestiegen. Bequem sitze ich auf einem warmen Felsen, von unten klettern zwei Pünktchen den Hügel empor, es sind Pierre und Hilmar, den dritten Punkt, Nicole, sehe ich nicht. Hilmar schiebt sich als erster über die Felskante, dann schnauft Pierre wie ein Bär heran, er trägt zwei Rucksäcke, seinen eigenen auf dem Rücken und Nicoles auf der Brust.

Ich erfahre die Tragödie: Nicole ist gestürzt, auf ihr Gesicht gefallen und verletzt. Pierre, der Brave, hat ihre Last übernommen und für sie den Berg hochgeschleppt. So ein Bulle. Dann kommt auch sie, ein Taschentuch vor das blutige Gesicht gepreßt, der Rucksack hat sie beim Stolpern zu Boden gedrückt. Arme Nicole. Doch sie lacht schon wieder. Halb so schlimm. Hilmar verarztet sie mit Feuchtetüchern und einer Wundsalbe. So schnell kann das Wandern gefährlich werden, einen Moment lang nicht aufgepaßt, einen der Millionen Schritte nicht kontrolliert, ein Stein gerollt, und wir werden wieder zu Würmern, die im Staub liegen.

Ich lasse die Drei vorausgehen und wandere allein und fröhlich, befreit von der erdrückenden Monotonie der Meseta, durch dieses liebliche Land. Es ist wieder wie in Andalusien, nur vier Wochen später, die breit ausladenden, schwarzgrünen Schirme der Steineichen über goldgelb flirrendem Gras, darüber der ewig blaue Himmel.

Der Weg schlängelt sich staubtrocken durch das weite Land, unter einem Baum im Schatten warten die Drei auf mich. Pierre, der Kanadier, hat sich aus seinem Land ein schwarzes Moskitonetz mitgenommen und zum Schutz gegen die lästigen, quälenden Fliegen über sein Gesicht gezogen wie in seiner Tundra gegen die Mücken. Eine kleine Pause, wir erzählen ein wenig aus unserem Leben, dann muß ich weiter, sie bleiben noch, Nicole ist doch ziemlich erschöpft von ihrem Unfall.

Das Land wird wieder trockener, von der Hügelkuppe blicke ich in das lange, weite, fruchtbare Tal von Tábara, durch das die Piste eine rostrote, endlose Spur zieht. Blauende Höhenzüge tauchen im Westen und Norden auf, zarte Schatten nur, verkünden sie doch das nahende Gebirge. Durch sumpfiges Tal erreiche ich den Ort, von weitem grüßt schon der einsam stehende Wehrturm von San Salvador, dräuende Romanik aus dem 11. Jahrhundert, Rest eines ehemaligen größeren Klosters, eine wuchtige gelbbraune Masse, Rundbogenfenster durchstoßen den massigen Kopf unter rotem Ziegeldach. Auch dies ein Wächter am Weg.

Die Herberge liegt natürlich wieder ganz am anderen Ende der Stadt, hoch auf dem Hügel unter dem Wasserturm. Heute sind einige Pilger da, zwei spanische Fußpilger und eine ganze Reihe Radler, die die ebenen breiten Kiespisten und die Asphaltsträßchen ohne Verkehr schätzen. Nur meine drei Freunde sind nicht da und Hilmar, Pierre und Nicole auch nicht. Ich wundere mich, meine Drei müßten doch mit dem Wagen mir voraus sein. Ich kann mir das nur erklären, daß sie bis Tábara durchgefahren sind und dann die 23 Kilometer bis Santa Croya gelaufen sind, die nächste Etappe, die wir eigentlich morgen gemeinsam laufen wollten. Vielleicht treffe ich sie ja in der Bar am Marktplatz? Und Nicole war vielleicht durch den Sturz doch so angeschlagen, daß sie in der Herberge von Faramontanos de Tábara, zwei Stunden vor Tábara, geblieben sind. Ich sollte sie nie mehr wiedersehen. Wer einmal zurückbleibt auf dem Weg, den trifft man nie mehr wieder und auch den nicht, der vorauseilt. Das ist das Gesetz des Weges.

Am 30. Januar 2007 erhielt ich von Hilmar einen langen Brief, den ich hier mit seiner Erlaubnis zitiere:

„In meinem Tagebuch vermerkte ich am 9 Juni 2006:

„...Der heutige Weg war mir von unserer Wanderung 2002 noch gut in Erinnerung. Bald erreichten wir den Río Esla, der in diesem Jahr wesentlich mehr Wasser führte als damals. Von den Resten der römischen Brücke am gegenüber liegenden Ufer war nichts mehr zu sehen. Die Kanadier waren weit hinter mir geblieben. Während ich von der Autostraße aus einige Fotos machte, kam ein PKW, hielt an und setzte einige Leute ab. Sie sahen aus wie Pilger.

Nachdem ich einen Teil der aufregenden Kletterpartie, die gleich hinter der Brücke begann, gut überstanden hatte, suchte ich mir einen geeigneten Rastplatz, um auf Pierre und Nicole zu warten. Und dann stand er plötzlich vor mir, der elegante Herr mit roten Socken, Shorts und Panamahut, den Nicole und ich vor drei Tagen in Zamora beim Abendessen beobachteten. Peter wird ca. 60 Jahre alt sein, begann seine Wanderung, wie wir in 2002, in Sevilla und schreibt Bücher über seine Erlebnisse auf dem Jakobsweg. Ein interessanter Mann, von dem ich gerne etwas mehr erfahren hätte. Ich gab ihm meine Visitenkarte, vergaß aber nach seinem Nachnamen und Adresse zu fragen. Vielleicht treffen wir uns nochmal. Seine Bücher sollen im Handel zu haben sein. Aber ohne den Namen des Autors wird das nicht leicht sein......“

Und nun meldet sich dieser „interessante“ Mann mit einem netten Brief und dem stimmungsvollen Foto, welches unser erschöpftes Team unter einer schattigen Steineiche zeigt....

Nach ihrem Sturz war Nicole doch ziemlich geschwächt und sie hatte Mühe, den viel zu schweren Rucksack zu tragen. Wir kürzten daher die vor uns liegende Strecke ab, indem wir mit Bus und Bahn bis A Gudina fuhren, um die anstrengende Bergstrecke zu umgehen. So war ein Wiedersehen mit Ihnen vollkommen ausgeschlossen. Am 19. Juni erreichten wir Santiago nun schon zum dritten Mal. Das „Ankommen“ war anders als vor 6 Jahren. Wir fuhren dann noch für drei Tage nach Madrid, von wo aus sich unsere Wege dann trennten. Pierre und Nicole bestiegen das Flugzeug nach Quebec und ich flog nach Hannover. Unsere Freundschaft lebt nun weiter in Briefen und gelegentlichen Telefongesprächen. Pierre hat neue Aufgaben in der Universität übernommen. Es geht ihnen beiden gut....

Ich schickte Hilmar dann auf seinen lieben Brief hin mein Buch „Der andere Jakobsweg“ über meine Pilgerreise durch Südfrankreich und Nordspanien.

Auch in der Bar an der Plaza Mayor ist niemand. So hatte ich sie also wieder verloren. Kaum gefunden und schon wieder verloren. Ich bin traurig. Nach den zwei schönen Tagen und der warmen Gemeinsamkeit hatte ich mich so gefreut, daß das Alleinsein nun zu Ende ist. Doch es sollte wohl nicht sein. Jakob weiß, warum. Die anderen sind halt nicht so konsequent wie ich, der ich nach meinem Plan laufe, den ich mir vorgenommen habe. Sie entscheiden spontan, was sie machen wollen, ganz nach Lust und Laune. Und so verliert man sich eben. Wir sind ja auch keine Reisegruppe mit gemeinsamem Reiseplan und Führer. Dann gehe ich also so weiter wie bisher. Traurig, trotzig und allein, Jakob ist wie immer der einzige, der mir bleibt.

Bin ich heute Abend also wieder allein zum Essen. Allein mit diesen ungehobelten, unfreundlichen Spaniern am Nebentisch, die nur dasitzen vor ihrem Bier und in den Bildschirm des Fernsehens starren, wo wieder so ein Stierkampf läuft. Also esse ich diesen ewig gleichen schönen, grünen Salat, das ewig gleiche zarte Tenero mit frischem Brot und Vino Tinto. Eigentlich möchte ich heulen vor Enttäuschung und Seelenschmerz. Die Wirtin stellt mir nach dem Essen die Brandyflasche auf den Tisch, ich solle mich nur bedienen. Ich versuche doch noch ein wenig zu reden mit den beiden Spaniern, doch aus denen ist kaum ein Wort herauszulocken.

Komisch, mit den Franzosen, den Holländern, den Italienern klappt das sofort, man erzählt die Kleinigkeiten vom Weg und aus seinem Leben. Die Spanier sagen nichts und wollen nichts wissen. Doch, sie fragen mich nach dem Jakobsweg für morgen, sie haben nämlich weder Führer noch Karte dabei. Heute sind sie den ganzen Tag 30 Kilometer auf der Carretera gelaufen. Ohne Pause, ohne Rast, ohne etwas zu sehen am Rand des Weges, nicht die Schönheiten, nicht die Natur. Ich komme nicht klar mit diesen Hackklötzen, die stundenlang in der Bar sitzen und in den Fernseher glotzen, nur Si! und No! Sagen und mit ihren Unterhosen im Bett schlafen. Dabei sind sie nicht eigentlich unfreundlich, sie sind nur verschlossen, haben wohl nie gelernt in ihrer Geschichte, mit Fremden umzugehen, sind nie Durchgangsland gewesen, isoliert am Rande Europas.

Auf der Silberstrasse 800 Kilometer zu Fuss durch die endlosen Weiten Spaniens
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