Santa María de la Barca
Sonntag, der 25. Juni,
von Santiago de Compostela
nach Muxía
44. Reisetag
Ich bin schon früh am Busbahnhof, dort, wo die Busse in alle nur möglichen Orte Galiciens abfahren. Auch die Fernbusse fahren hier ab, nach Madrid, Salamanca, Bilbao. Hier ist den ganzen Tag über lebhaftes Treiben, Menschen aus allen Ländern Europas warten auf den Bussteigen neben ihren bepackten Rucksäcken. Keiner fährt mit mir nach Muxía, nur ein paar junge Mädchen, zwei alte Männer mit Baskenmützen und grauen zerbeulten Jacken, eine Frau, die wohl Einkäufe in Santiago gemacht hat. Muxía ist kein Touristenziel wie Finisterre, auch hat die Badesaison noch nicht begonnen. Ich fahre deshalb nach Muxía, weil im letzten Jahr in Finisterre ein Gaitaspieler in galicischer Nationaltracht mir von seiner Heimatstadt erzählt und mir von der Schönheit seines Ortes vorgeschwärmt hat. Da wurde ich neugierig und nun sitze ich im Bus und fahre dorthin. Es ist grau und diesig, kein schöner Tag, um ans Meer zu fahren. Galicisches Wetter.
Die Morgennebel hängen in den grünen Tälern, liegen über den Eukalyptuswäldern, lasten auf den Felsen der Anhöhen, wo sie die Macchie feucht und schwer machen. Trotzdem wäre ich gerne da draußen in dem satten, feuchten Grün unter den tropfenden Bäumen. Der Bus ist ein Gefängnis, an dessen beschlagenen Fenstern ein Film vorbeiläuft. In Negreiro entdecke ich unser Hotel wieder, wo ich mit Georg im Jahr 2000 auf unserem Weg nach Finisterre übernachtete. Auch damals regnete es.
Hinter den letzten Hügeln an der Küste reißt der Nebel auf, die Sonne durchstößt die wabernden Schlieren, der Wind treibt die letzten Wolken über die Hügel landeinwärts. Eine weite Bucht mit graugrünem, ruhigem Wasser, gelbweißen Felsen, auf denen schwarz der nasse Tang hängt, ein weißer Sandstrand am gegenüberliegenden Ufer. Muxía ist ein unbedeutender, nicht eben schöner Ort, wie ich bald erkenne. Moderne, weiße, gesichtslose Hotelchen, eine weite, rotweiß gepflasterte Plaza mit Marinedenkmal, Supermärkte, in denen um diese Zeit niemand einkauft, Andenkenläden mit den Postkarten und üblichen Badesachen.
Leer und freudlos an diesem Sonntagmorgen, hier ist wohl erst im Juli und August etwas los. Die grauen Straßen sehen wenig einladend aus, viele der unfreundlichen Häuser sind noch verrammelt, ich möchte am liebsten gleich in der Bar am Platz bleiben. Nun kann ich nicht mehr zurück, der Bus fährt erst um vier Uhr.
Ich telefoniere mit meiner Frau, daß sie meinen Flug auf Dienstag umbucht, bis Donnerstag halte ich es nicht mehr aus. Auch Muxía hält mich nicht. Dann entdecke ich doch am Ortsausgang überraschend eine breite Promenade hoch über dem Meer mit grauen geduckten Gebäuden um eine ebenso graue Kirche mit massigem Kirchturm. Hier stehen auch einige Busse, am Andenkenkiosk lese ich, daß dies La Nuestra Señora de la Barca ist, eine berühmte Wallfahrtskirche. Etwas zieht mich hin zu der verschlossenen Kirche, zu der jetzt auch alte Weiblein, Männer und Kinder eilen. Ich weiß schon, Santiago zieht mich wieder, er will mir bestimmt etwas zeigen, um mich aufzumuntern in meiner Niedergeschlagenheit.
Die Kirche ist schon voll, die Zwölfuhrmesse hat gerade begonnen, ich drücke mich in eine der Bänke vor dem Altar, alles guckt, man sieht hier wohl nicht viel Pilger und dann noch einen mit Stock aber ohne Rucksack. Über dem Altar hängt ein schlichtes barockes Retabel aus dunkelbraunem Holz, vergoldet, mit der Maria auf dem Schiff – der Barca – wie sie von Engeln geleitet wird. Rechts und links die zwölf Apostelköpfe übereinander, einer davon ist Santiago mit blond gelocktem Haar, zwei Muscheln auf der Brust und dem Pilgerstab. Ich wußte es doch, er also hat mich gerufen. Er läßt mich auch am letzten Tag nicht allein. Eine Retabel links zeigt Christus am Kreuz und rechts die schwarze Mater Dolorosa mit den sieben silbernen Dolchen. Am rechten Seitenaltar lächelt eine junge Maria in weiß und hellblau, am linken sieht man sie mit zwei Kindern.
Es wird eine schlichte Messe gefeiert, ich bin der einzige Ausländer unter all den einfachen Menschen vom Lande mit ihren gebeugten Köpfen, die Ministranten sind zwei Kinder, die eifrig und engagiert bei der Sache sind. Wir singen auf Spanisch das unvergeßliche Bob Dylan Lied:
„How many roads must a man walk down,
before he is called a man .....
The answer, my friend, is blowin‘ in the wind,
the answer is blowin‘ in the wind.“
Die beiden schüchternen Mädchen neben mir versuchen mir etwas zu sagen, was ich nicht verstehe. Es muß wohl Galicisch sein. Dann schreibt eine von beiden es in mein Notizbüchlein: „Ke guapo eres como se di“. Ich verstehe es aber immer noch nicht. Alle gehen zur Kommunion, ich heute nicht, ich war ja gestern in Santiago.
Draußen vor der Kirche liege ich lange auf den glatt geschliffenen Felsen und blicke auf das sanfte Meer hinaus. Die Sonne kommt durch und streichelt mich mit warmen Strahlen. Ich habe nun das Ende erreicht, weiter geht es nicht mehr. Meine Reise ist zu Ende. Ich beobachte eine spanische Gruppe, die ausgelassen über die Felsen turnt. Einer wölbt sich aus dem Sand empor und bildet einen flachen Bogen. Durch diesen krauchen die Weiblein kichernd auf allen Vieren, gekrümmt unter dem steinernen Fels, und werden mit Gelächter und Applaus begrüßt nach dieser Verrenkung. Das muß wohl ein alter Brauch sein vor der Señora de la Barca, bestimmt bringt er Glück und Segen und Gesundheit, vielleicht gelenkige Glieder.
Beim Rückweg über die Felsen hoch über dem Meer, den ich wieder nur unter Schmerzen bewältigen kann, kommt mir ein Gedanke: nicht das Böse hat mich bekämpft. Es war alles falsch, was ich dachte. Santiago, der ja als Heiliger nicht mit mir sprechen kann, will mir die ganze Zeit sagen, daß ich einen Fehler gemacht habe, daß ich mich und meine Kräfte überschätzt habe. Daß ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, an dem ich mich übernommen habe und letztlich gescheitert bin. Demut will er mir zeigen und Erkenntnis meiner Grenzen. Nicht mehr 1000 Kilometer soll ich in Zukunft laufen, sondern nur noch die Hälfte. Auf einmal wird mir alles klar, die Schmerzen sind die Botschaft des Heiligen, die ich die ganze Zeit überhört habe, weil ich so auf die Zeichen des Bösen fixiert war. Im letzten Jahr geschah mir das Gleiche, da stürzte ich gleich hinter Bilbao am ersten Tag auf ebener Straße und brauchte lange, bis ich erkannte, warum. Auch da wollte mir der Heilige etwas sagen: ich solle nicht immer in die Luft gucken, nicht immer die Häuser bewundern mit meiner Kamera, nicht über das weite Land schweifen mit meinen neugierigen Augen und dabei vergessen, auf den Boden zu schauen, mich auf den Weg zu konzentrieren und sachte und aufmerksam gehen. Ich bin ein Wurm und kein Falke. Damals verstand ich die Botschaft, eine Woche lang taten mir meine Knochen weh, aber von da ab lief ich aufmerksam und konzentriert auf meinem Weg. So, jetzt geht es mir besser!
Im eleganten Restaurant zurück am Hafen tue ich mir etwas Gutes an und esse zur Belonung einige schöne Gerichte: Mejillones – Miesmuscheln – in schöner, scharfer Soße und fünf Cigalos – Flußkrebse – mit Mayonaise. Dazu eine Flasche frischen, kühlen Ribeiro. Nirgends ißt man das Meeresgetier so frisch und köstlich wie an der galicischen Küste. Ich weiß schon, warum Galicien mein Traumland geworden ist. Fröhliche Familien mit Kindern sind jetzt zum Mittagessen eingekehrt und tafeln, was die vollen Tische hergeben und das Meer anbietet. Der Ort hat sich gewandelt. Draußen scheint warm die Sonne von einem blauen Himmel. Galicisches Wetter: morgens der graue, zähe Nebel und mittags die lachende Sonne. Ich setze mich vor das Restaurant in die warme Sonne, vor mir das Meer mit den dümpelnden Booten, das Kreischen der Möwen über mir. Ich beschließe das köstliche Essen mit einem großen Glas Brandy und meiner geschenkten Davidoff von gestern. Neben mir sitzt ein Österreicher aus Wien, der mir vom Jakobsweg erzählt. Auch er ein Pilger, der hierher gelaufen ist. Der Himmel ist blau, die Sonne wärmt, wenn ich nicht laufen muß, ist das Leben schön. Während ich noch einmal mit meiner Frau telefoniere, ist der Österreicher auf einmal verschwunden, ohne Abschied.