In der Pilgermesse
Samstag, der 24. Juni, Santiago de Compostela
Ruhetag
Heute werde ich aber meinen Jakob besuchen. Ich stehe erst um neun Uhr auf, ich muß ja nun nicht mehr wandern. Neugierig beobachte ich von meinem Bett die anderen Pilger, die schon wieder früh aufbrechen, die Rucksäcke packen, die meisten werden wohl heimfahren in ihre verschiedenen Länder, hier in Santiago ist ihrer aller Weg zu Ende, sie haben ihr Ziel erreicht. Einige werden aber wohl noch weiter gehen, nach Finisterre, zum „Ende der Welt“, so wie sie früher auch noch dahin wanderten, wo die Welt der Alten zu Ende war und auch die letzten Pilger ihren Weg beendeten, dort an den felsigen Ufern des Atlantik, wo Jakobus vor 2000 Jahren angekommen war, gesteuert von seinen beiden Jüngern und behütet und gelenkt von der Macht der Engel. Ich habe das alles schon hinter mir, ich habe diese letzte Reise ja schon zweimal gemacht. So drehe ich mich noch einmal schläfrig und warm auf die andere Seite und lasse die jungen Leute ziehen in ihre Heimat oder an die Felsen des Atlantik.
Um zwölf Uhr ist Pilgermesse in der großen Kathedrale. Eine halbe Stunde vor elf bin ich schon angekommen, reihe mich geduldig in die endlose Schlange der Wartenden um den hohen Chor der Kirche, die geduldig und schwatzend Fuß um Fuß vorrücken und die steinernen Satuen umkreisen. Sie sind neugierig, ungeduldig, sie warten auf das große Erlebnis, endlich auch die steile Stiege emporzuklimmen und hoch über dem Altar die kleine, silberne Statue zu berühren, wegen der sie den langen Weg gemacht haben, 100 Kilometer die einen, 800 Kilometer die anderen, einige wenige 3000 Kilometer von ihrem Heimatort im fernen Europa.
Ich umarme den kleinen, kalten, glatten Rücken lange und zärtlich und küsse dann innig das blankpolierte Haupt zwischen den blitzenden Juwelen. Ich bin traurig, nicht fröhlich, nicht ausgelassen und heiter wie ich es die ersten beiden Male war. Ich komme ja als ein Geschlagener, Zerstörter, Gequälter. Ich habe mein Ziel nicht erreicht.
Ich bin zwar körperlich hier, aber innerlich in meinem Herzen ist etwas zerrissen, etwas zerdrückt. Ein Schmerz erdolcht mein Herz. Jakob, Jakob, warum hast Du mich verlassen? Das Böse hat mich besiegt und Du konntest mir nicht helfen. Ich bin in Deine Kirche gekrochen als ein Schmerzensmann, an Krücken. Und dann, in der Krypta, knieend vor seinem Grab, bricht es aus mir heraus, meine Schultern schütteln sich vor schmerzhaften Tränen, ich presse alles heraus, die lang angestaute Enttäuschung, die ertragenen Schmerzen, die unerfüllte Liebe, all meine enttäuschte Sehnsucht, mein ganzes Alleinsein. Ich habe keine Freude in mir, nur Traurigkeit, Verbitterung, Zorn. Die Tränen schwemmen die Traurigkeit langsam hinweg, mein Körper wird leer, geduldig, mein Kampf ist vorbei. 800 Kilometer Anstrengungen, Schmerzen, Leid fließen aus mir heraus. Zweimal kam ich als Triumphierender, diesmal als Geschlagener.
Aber Santiago nimmt mich auch so an. Er, der Gütige, der Verzeihende seit 1200 Jahren in seinem kühlen Marmorgrab, der die Verzweiflung Europas sah, das Leid der Millionen, die zu ihm kamen, er nimmt auch mich in sein Herz, wie all die anderen Geschlagenen vor mir. Im letzten Jahr zog ich ein in der Schar der Jubelnden, jetzt gehöre ich zu der Schar der Schmerzensreichen. Ich bin jetzt nur noch Traurigkeit und Schmerz und Müdigkeit. Ich bin leer und verbraucht und ausgelaufen. Eine Hülle nur, deren Seele in den Wäldern und Wüsten geblieben ist. Ich bin so grenzenlos allein in der großen Kirche. Als einzigen treffe ich den Ostberliner auf einen Händedruck.
Um zwölf zur Pilgermesse in der ernsten, gewaltigen Kathedrale Meister Matteus, drängen sich Tausende von Pilgern, Touristen und Besucher auf den harten Holzbänken, sitzen auf den steinernen Fußplatten, ihre staubigen Rucksäcke neben sich stehend, die Wanderstöcke an die Bündelpfeiler gelehnt. Eine kleine Schwester mit klarer, reiner, heller Stimme – ich kenne sie noch vom letzten Jahr – singt vor: „Magnificat anima mea“ und „Gloria in excelsis deus“. Ihre Stimme jubelt wie eine Lerche die Pfeiler empor in die himmelhohen Gewölbe und springt von Joch zu Joch. Hinter dem Altar stehen acht Priester: ein Japaner, ein Franzose, ein Deutscher, ein Italiener, ein Engländer und ein Ire, die uns in ihrer eigenen Sprache begrüßen. Halb Europa sitzt hier erwartungsvoll in dieser heiligen Halle. Der Priester aus Santiago liest vor, wieviele Pilger gestern angekommen sind, um heute die Messe zu feiern: 11 aus Sevilla und 40 aus Deutschland, 15 aus Frankreich und 9 aus Holland, 3 aus Belgien und 2 aus Brasilien. „Lobet den Herrn“ wird auf Deutsch gesungen.
Nach der Weihe des Allerheiligsten, nachdem Wein zu Blut und Brot zu Fleisch geworden sind und die Hostie in dem goldenen Kelch in die Höhe gehoben worden ist, reichen sich alle die Hände: „Pax vobiscum“ – der Friede sei mit Euch – und wildfremde Menschen neben und hinter und vor mir reichen mir ihre Hände und drücken sie warm und innig. Ich wollte eigentlich nicht zur Kommunion gehen, nun gehe ich doch und empfange unter Tränen den Heiligen Leib Christi. Santiago nimmt mich auf!
Mittags treffe ich Patricia wieder, die Französin von gestern abend. Ich sitze in der Casa Camilo und da kommt sie so einfach vorbei, rein zufällig, oder schickt sie Santiago, der meinen Schmerz lindern will? Wir essen zusammen Austern und Venusmuscheln und plaudern bis um vier. Wenigstens ein Mensch, mit dem ich reden kann in meinem Alleinsein. Wir verabreden uns für Montag in Finisterre.
Warum gefällt mir Santiago diesmal nicht? Zweimal war ich hier, einmal mit Georg im Jahr 2000 und einmal allein im letzten Jahr 2005. Ich war so begeistert und enthusiastisch. Die Stadt war warm und heiter und voller Musik und jubelnder Menschen. Diesmal ist sie kühl und grau und unfreundlich und voller Touristen. Ist es das, meine Schmerzen oder nur meine Müdigkeit? Oder bin ich von der Heiterkeit des Südens so verwöhnt? Es fehlt auch die Musik, die sonst an allen Ecken erscholl, die Gaitamusik unter dem Bogen neben der Kathedrale, das Violinenspiel unter den Arkaden, der Gitarrenspieler auf der Plaza Quintana. Weg, weg, vorbei.
Ich freue mich morgen aufs Meer. Hier habe ich nichts mehr verloren. Wäre ich gesund, würde ich noch einmal drei Tage wandern. Heute Nachmittag, nach dem Essen mit Patricia, konnte ich für eine Viertelstunde ohne Schmerzen gehen. Es war wundervoll. Wie fliegen. War es das erste Zeichen einer Besserung? Tut mir Santiago gut oder der Wein oder die lustige Patricia? Ich friere. Es ist höchstens 20 Grad. Hier auf der Plaza Quintana weht es erbärmlich. Es ist schon gespenstisch, auf einem Platz mit 200 Tischen und Stühlen allein zu sitzen, samstagabends um halb acht. Noch vor zwei Tagen saß ich in Ourense im warmen südlichen Abend unter heiterem Leben, hier sind nur gelangweilte Kunsttouristen. Ich glaube, ich habe Heimweh.
Und doch zieht es mich wieder auf meine geliebte, kleine Plaza vor der Casa Camilo. Zu meiner Überraschung kommen, ebenso zufällig wie gestern Patricia, die beiden Franzosen aus Montpellier, Hans und Annique vorbei. Ist das eine Freude! Wir umarmen uns herzlich. Wir sahen uns ja zuletzt in Cáceres, und ich dachte, es sei ein letztes Mal. Aber der Mensch denkt und Jakob lenkt. Er wollte uns wieder zusammenführen. Wir sind die Figuren auf seinem Schachbrett und er denkt die Züge. Ich lade sie an meinen Tisch, wir erzählen uns, wie es uns ergangen ist seit Cáceres. Santiago zieht doch immer wieder die Fäden, er kennt das Spiel, er sieht es von oben, von seiner himmlischen Warte. Er sieht die Schachfiguren, er zieht die Züge. Wenn er will, daß seine Kinder zusammen kommen, dann schiebt er den Bauern zum Turm, den König zur Königin, die Pilger auf den einen Weg, daß sie zusammenstoßen in seiner Stadt für ein paar Stunden nur, für ein kurzes Essen neben seiner Kathedrale.
Wir essen schön und gemütlich zusammen am kleinen weißen Tisch, frische Austern vom Meer, dazu Albirinho, den feinen galicischen Wein vom Duero, und den funkelnden, goldbraunen Brandy, und werden des Erzählens nicht müde bis um halb zwölf. Ich verspreche ihnen, sie im nächsten Jahr auf meiner Via Tolosana zu besuchen, führt doch mein Pilgerweg direkt durch Montpellier. Und so geschah es auch im nächsten Jahr, ich wohnte zwei Tage bei ihnen und sie zeigten mir ihre schöne Stadt. Wir wurden Pilgerfreunde fürs Leben.
Zwei Russen am Nachbartisch, die mein Edelstahlfeuerzeug bewundern, schenken mir eine Davidoff. So werde ich doch noch trotz meiner großen Traurigkeit von heute Morgen reich beschenkt durch unerwartete Freunde. Ich bin immer so kleinmütig, wenn ich verzweifelt bin, doch Santiago weiß es besser. Dann tröstet er mich wie der Vater seinen kleinen, weinenden Sohn. Ich sollte ihm mehr vertrauen.