Der Waldbrand

Montag, der 12. Juni, von Rionegro del Puente

nach Palacios de Sanabria,

29,5 Kilometer, gesamt 703,1 Kilometer

32. Wandertag

Das Wetter ist umgeschlagen. Nach einem Gewitterguß gestern Nacht ist es heute morgen feucht, kühl, diesig und grau. Es tut mir wieder alles weh, ich fühle mich erschlagen und erschöpft. Die beiden Spanier haben schon um halb sechs laut raschelnd und knisternd die Herberge verlassen. Die Bar ist geschlossen, es gibt kein Frühstück. Ich schleppe mich humpelnd durch langweilige, graue, struppige Hochheide nach Mombuey. Die Wolken hängen tief. Bis Pueblo de Sanabria sind es 33 Kilometer, das schaffe ich heute keinesfalls in meinem Zustand. Anita hatte uns einen Tip gegeben. In Palacios de Sanabria, nur 20 Kilometer von Mombuey, vermiete Teresa Zimmer, dort könnten wir übernachten. Sie gab Tom die Telefonnummer, ich würde ihn dort treffen.

Vor Mombuey sehe ich schon von weitem ein weißleuchtendes Hotel an der Carretera. Das ist mein Ort. Ich trinke zwei Kaffee, ein Wasser und esse ein großes Bocadillo mit Schinken. Dann geht es mir besser. Laut schwatzend betreten wild kostümierte deutsche Touristinnen die Bar, wackeln eine nach der anderen zum Klo, trinken dann noch schnell ein Wasser oder einen Kaffee und verschwinden wieder in ihren klimatisierten Bus, der mit laufendem Motor draußen wartet. So kann man auch reisen.

Der Himmel zieht sich immer mehr zu, ich komme jetzt doch tiefer in die Berge hinein, im Norden ist hinter diesigen Wolken die Sierra de la Cabrera zu ahnen, die Sierra de la Culebra steht noch deutlich im Süden. Unter mir, durch kleine Wäldchen verborgen, zieht der Río Tera durch die aufgestauten Buchten des Stausees. Hier ist eine ganze Folge von Stauseen entstanden: Embalse Nuestra Señora de Argavanzal, wo ich gestern noch in der warmen Sonne badete, Embalse de Valparaiso und Embalse de Cernadillo. Dieses Tal ist eine alte Völkerstraße, wohl noch aus keltischen Zeiten, die einzige Verbindung vom Atlantik, von den galicischen Hafenstädten Vigo und Pontevedra über die Cordillera Cantábrica ins Landesinnere. Auch heute führt hier die Autobahn neben der Carretera und der Eisenbahn durch das immer enger werdende Tal und über den Paß Portilla de la Canda.

Auch mein Weg führt heute auf dem Hochufer der Stauseen zwischen Autobahn und der weiten, heute grauen Wasserflächen. Hinter den Bergen entwickelt sich eine gewaltige, schwefelgelbe Wolke, die den Himmel bald mit einem schwarzgrauen, düsteren Pilz überzieht. Ich ahne schon, was das ist: ein Waldbrand in den menschenleeren, trockenen Wäldern zur portugisischen Grenze hin. Da höre ich auch schon das Gedröhne der Flugzeuge, der Canadairs, die Wasser aus dem See tanken und es von oben auf die brennenden Bäume schütten. Ich kenne das aus Italien und Frankreich. Im letzten Jahr im Juli war hier die Gegend der großen Waldbrände, wo von hier bis Portugal bei 45 Grad die zundertrockenen Wälder in Flammen aufgingen und ganze Landstriche wochenlang brannten.

Noch ein langer Weg durch gelbduftende Hochheide, mit vereinzelten Wacholderbüschen gesprenkelt. Dunkle Wolken ziehen im Westen auf, schwarz wird der Tag, die ersten Tropfen fallen, ich krame schnell meine blaue Regenjacke aus dem Rucksack, rette mich auf eine Bank an der Straße unter einem Pilgerkreuz vor Cernadillo unter dichten Bäumen. Dann ist der Platzregen da. Der erste Regen nach Sevilla, seit dem 3. Mai, seit fünf Wochen. Nun bin ich in einem feuchten Land. Nur kurz fallen die Fluten, dann tröpfelt es aus, die Straßen waren von der Sonne so heiß, daß der Regen verdampft und der Asphalt nach einer Viertelstunde wieder trocken ist. Der Regen hat auch den Waldbrand gelöscht, der Rauchpilz bricht allmählich in sich zusammen und vergeht.

Die wenigen Örtchen sind klein und unbedeutend, das Land ist trockener Buschwald, von dem es jetzt feucht tröpfelt, auch hier wohnen kaum Menschen, im Hintergrund dröhnt die nicht sehr ferne Autobahn. Die Etappe ist heute wieder lang, das Land grün und langweilig, ich trotte durch die feuchten Büsche, vor Asturianos steht einsam und allein ein braunes Kirchlein mauerumwehrt auf gelben, feuchten Wiesen. Im Ort habe ich keine Lust mehr, alles ist feucht, alles tut mir weh, um viertel nach sechs erreiche ich die einzige Bar an der Carretera, weiß, modern und kalt. Ich frage die unfreundliche, dicke Wirtin nach einem Zimmer: „No hay“ ist die karge Antwort – in Asturianos gibt es nichts. Auch im nächsten Ort soll es nichts geben, von dem Haus von Teresa weiß sie nichts oder will es nicht wissen. Aber um viertel vor sieben soll es einen Bus geben. Ich kippe mein Bier herunter und haste zur Bushaltestelle vor der Apotheke. Es gibt kein Halteschild, ich nehme aber an, daß der Bus hier hält. Er hält natürlich 100 Meter weiter, ich haste dorthin, schmeiße den Rucksack in die große, geöffnete Ladeluke und erklettere den strahlend neuen, weißen Luxusbus. Außer mir ist nur noch ein Fahrgast da. Ich nenne meinem Fahrer mein Reiseziel: Puenta de Sanabria, der nächste Ort. Mißmutig knurrt er mich an, warum ich da nicht zu Fuß hin gehe, es seien doch nur 2 Kilometer, da könne ich doch auch laufen. Ich sage, erstens seien es auf dem Wanderweg 4 Kilometer, dafür würde ich eine Stunde brauchen und zweitens sei ich jetzt müde – cansado. Er brummt etwas in sich hinein, er ist sauer, daß er sein Luxusgefährt extra für mich dreckigen Pilger für eine Station stoppen mußte und jetzt auch noch meine 5 Euro wechseln muß. So sind sie halt, diese Castillanos, freudlos und unfreundlich, können sich nicht vorstellen, daß einer auch zu Fuß laufen will. Wahrscheinlich denkt er, ich sei so ein dreckiger Tramp, der nun seinen schönen Bus naß und schmutzig macht.

In Palacios winkt mir schon von weitem eine kleine Frau zu, die mir die Straße entgegen kommt. Teresa hat schon auf mich gewartet. Sie führt mich fröhlich gestikulierend zu ihrem Haus, das heißt das Haus, das sie vermietet. Es ist die alte, verlassene Metzgerei, ein weißes Gebäude aus den Fünfziger Jahren mit goldenen Alufensterprofilen. Der Eingang ist durch die weißgeflieste Metzgerei, wo alles noch so dasteht, als solle der Betrieb am Montag weitergehen. Der Holzklotz steht auf der Marmorbank, daneben liegt das Beil, die Edelstahlhaken hängen an der Wand, die Nirostaspüle ist auch da, alles sauber und aufgeräumt, nur das Fleisch und die Würste fehlen. Oben sind die Schlafzimmer. Tom liegt schon im Ehebett und begrüßt mich fröhlich, ich bekomme das Nebenzimmer mit Holzbett und Nachtschränkchen. Im Bad ist eine Sitzbadewanne, etwas gelblich vom vielen Scheuern, ein Kunststoffvorhang mit bunten Blumen hängt von der schiefen Blechschiene. Es ist alles sehr häuslich und gemütlich hier.

Zu essen bekommen wir auch. Wir werden in das Speisezimmer geführt. Dies ist in einem Anbau untergebracht, der nie fertig geworden ist. Unverputzte, rohe Ziegelwände, roher Betonfußboden, nackte Betondecke, fensterlose Öffnungen. Das Essen gibt es auf dem ehemaligen Schreibtisch aus braunem Nußholz mit zwei alten Bürostühlen mit blauen Plastiksitzen. In der Ecke steht die Waschmaschine, Hosen und Hemden hängen auf der Leine. Neben dem Tisch eine rosa Plastikwanne, in die es von dem undichten Dach hineintropft. An der Wand lehnen weiße Eisengitter für die Balkone, die nie eingebaut wurden.

Teresa hat gekocht und serviert uns unser Pilgermenü: den üblichen Salat, Nudeln mit Tomatensoße, eine saftige Hühnchenbrust mit weichen, knatschigen Fertig Pommes Frites. Auch eine Flasche Rotwein gibt es wie immer dazu. Teresa sitzt die ganze Zeit daneben und guckt uns beim Essen zu. Nach dem Essen verdrücken wir uns in den Ort in eine „Wildwestbar“ zu Fußball und zwei Brandys. Die Bauern stehen laut schreiend im Raum mit hochgekrempelten Hemdsärmeln, Zigarren rauchend und Erdnüsse kauend. Der Boden ist von den Schalen übersät, die sie mit den Zähnen und in hohem Bogen auf den Boden spucken.

 

Auf der Silberstrasse 800 Kilometer zu Fuss durch die endlosen Weiten Spaniens
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