Im verzauberten Tal
Mittwoch, der 14. Juni, von Puebla de Sanabria
nach Lubián, 18,8 Kilometer
Gesamt 734,5 Kilometer
34. Wandertag
Um neun Uhr sollte heute morgen Frühstück sein, die Türen zu Bar und Frühstücksraum sind noch geschlossen. Ich warte in der leeren Hotellobby. Um zwanzig nach neun kommt mürrisch und unausgeschlafen eines der beiden Mädels von gestern herbeigeschlurft und schließt mir den Frühstücksraum auf. Aufgebaut ist in dem modernen Speisesaal ein Einheitsbuffet mit den üblichen Schüsseln voller trockener Wurst und Käse, dazu warmer Orangensaft, warmes Wasser und weiches Brot von gestern. Ich bin ja der einzige Gast dieses Luxushotels. 10 Minuten später steht pünktlich der bestellte Taxifahrer im Raum und drängt zur Abfahrt. Ich stopfe hastig die geschmacklosen, kargen Reste des Früstücks in den Mund, bezahle meine Rechnung und lege meinen Rucksack in den Wagen. Der Fahrer ist wie üblich ein mürrischer, wortkarger, älterer Mann in einem Privatwagen. Ich möchte nur wissen, was ich diesen Leuten hier getan habe, daß sie ständig so mürrisch und unfreundlich sind.
In 10 Minuten sind wir über die Carretera in Requejo, das Tal ist verhangen mit weißgrauen Nebelschleiern. Mein Fuß schmerzt auch wieder sehr, kühle, feuchte Luft am Morgen ist immer schlimm für die harten, kalten Muskeln und Sehnen. Und doch, trotz der Schmerzen, umfaßt mich bald ein unerwarteter Zauber. Ich steige durch das schönste Bergtal, das man sich vorstellen kann. Dichte, grüne, uralte, riesige Eichen überschatten ein mystisches Halbdunkel, aus dem giftig grüner Farn den Hang hinunterkriecht.
Der Weg ist ein Pfad zwischen bemoosten Feldsteinmauern, links zum Tal hin fließen gelbgrüne Wiesen zwischen dunklen Hecken zur rauschenden jungen Tera hinab, die glucksend und plätschernd über Basalt und Kies zu Tale fließt. Ein Urwald, übersponnen von Efeu, Lianen, wucherndem Unterholz. Es riecht faulig nach nassem Gras, dumpfem Moos, verfaultem Blattwerk. Der Weg hat den Berg aufgeschlitzt. Aus dunklen Schichten quillt von überall klares, glashelles Wasser, Bächlein springen über bemooste Felsen aus steilen, engen Schluchten, kleine Waserfälle sprudeln aus schwarzdunklen Höhlen, der Weg wird selbst zum Bach, sammelt die klaren Wasser und entläßt sie nach 100 Metern durch ein Loch in der Mauer auf die Wiese zum Fluß.
Ich muß aufpassen, kann ich doch streckenweise nur über die grün bemoosten Steine weiterkommen, über die ich von Block zu Block balanciere, mühsam mein Gleichgewicht haltend mit dem schweren Rucksack, der mich hinabzuziehen droht. Ohne meinen Wanderstock, mein drittes Bein, wäre ich hier verloren. Es ist ein Märchen, eine Zauberwelt fernab der Menschen. Wo ich doch vor drei Tagen mich noch über glühende, staubige Pisten geschleppt habe. Alle Müdigkeit, alle Schmerzen sind vergessen, ich muß an Galicien denken, das nun nicht mehr fern ist mit seiner märchengrünen, feuchten Amphibienwelt.
Am Talende führt mich eine steile Kiespiste aus diesem Zaubertal heraus nach oben, wo ich hoch über dem dunklen Tal an der leeren, alten Nationalstraße, die nicht mehr befahren wird, mein Mittagsmahl einnehme. Weit geht der Blick in die Ebene der Meseta, aus der endlos das gewundene, steile Band der Autobahn emporkriecht mit ihren Spielzeugautos. Ich sehe auch die Spur der Eisenbahn, die sich den gelben Hang hinaufwindet und unter dem Paß in ihrem dunklen Tunnel verschwindet. Im Süden hinter den hohen, gelben, baumlosen Bergen liegt Portugal.
Ich bin fast fertig, da prasselt ein Regenschauer nieder aus dunklen Wolken, die das Tal hinaufkriechen. Schnell den roten Poncho über und weiter geht’s. Auf atemberaubender Brücke quere ich 300 Meter hoch das steile Tal der Tera, dahinter muß ich durch den Padornelo Tunnel 425 Meter auf schmalem Fußweg neben der Fahrbahn laufen, am anderen Ende scheint bereits wieder die Sonne. Ich bin jetzt 1250 Meter hoch, nun geht es wieder abwärts in ein ebensolches Märchental wie heute Morgen. Nun habe ich die mittelalterliche Paßstraße wieder mit ihrem alten Pflaster unter riesigen, alten Kastanienbäumen. Die Orte sind noch älter, aus weißgrauem Granit, wie in Galicien. Politisch gehört dieses Tal noch zu Kastilien, geografisch, landschaftlich und kulturell bereits zu Galicien. Die Mauern sind überrankt mit weißen und roten, faustdicken Rosen, die meterhoch die braunen Wände emporklettern. Erinnerungen an letztes Jahr auf dem Camino Primitivo im Norden.
In Aciberos verlaufe ich mich. Im Führer steht: „Am Ortsanfang geht es geradeaus 300 Meter ins Zentrum zu einem kleinen Platz.“ Ich erreiche einen kleinen Platz am Ortsanfang, überlese aber die 300 Meter und folge dem Führer: „Hier geht man halblinks und verläßt das Dorf nach 100 Metern. Durch einen Hohlweg geht es 150 Meter hinab zu einer Weggabelung und dort halblinks weiter bergab. Auf einem schönen, jahrhundertealten Weg, der teilweise noch gut das alte Steinpflaster bewahrt, geht man 850 Meter hinab, bis unten auf einer Brücke der Bach Pedro überquert wird.“
Ich denke, ich bin auf dem richtigen Weg, alles stimmt – halblinks, Hohlweg, Weggabelung, halblinks bergab, jahrhundertealter Weg. Nur ist es der falsche, was ich nach 500 Metern merke, als dieser, sich immer mehr in den Wiesen verlierend, schließlich im Buschwerk auflöst. Also, alles wieder zurück zu dem kleinen Platz. Aha, da geht ja ein anderer Weg halblinks und verläßt das Dorf nach 100 Metern. Das ist jetzt der richtige Weg. Die Beschreibung stimmt wieder, auch nach 850 Metern auf altem Steinpflaster, nur stehe ich jetzt nicht vor einer Brücke, sondern oberhalb der Eisenbahn, wo es nicht mehr weiter geht. Verdammt, schon wieder falsch. Muß ich also wieder hoch, da war doch zwischendurch ein Abzweig nach rechts, den habe ich übersehen. Diesmal muß es der richtige sein, die Beschreibung paßt wieder, bis der Weg nach 500 Metern in dichtem Brombeergestrüpp als Irrweg sich verläuft. Also wieder den ganzen Hang hinauf, jetzt bin ich aber langsam sauer, es ist auch wieder schwülheiß geworden und ich schleppe mich hier dreimal den Berg hinauf. Es hilft nichts, ich muß wieder nach dem kleinen Platz zurück, wo ich wohl falsch abgebogen bin, und hier entdecke ich – richtig – den gelben Pfeil, der mich geradeaus ins Zentrum zu dem kleinen Platz führt, den der Führer gemeint hat.
Man muß aufpassen hier in dieser Wildnis, es führen viele Wege, die aber alle gleich aussehen, aus den Dörfern in die Gärten und Wiesen des Landes. Doch die meisten enden dann im Nirgendwo. Sie dienen nur den Einheimischen, um in ihre Gärten zu gelangen. Nur ein Weg, der Hauptweg, die alte Verbindungsstraße, führt aus dem Ort hinaus und weiter in das nächste Dorf.
Nun bin ich aber ziemlich erschöpft nach diesen drei Irrwegen. Dafür entschädigt mich der jetzt richtige Hohlweg, die alte, breite Straße mit den dicken, dunklen Kastanienbäumen, der nun ruhig den Hang hinab mäandert. Dies ist der Camino Mozarrabe, wie mir die dicken, alten Steine des Pflasters und das Brückchen über den Pedro mit seinen steinernen Brüstungsmauern zeigen. Jetzt muß ich wieder steil hinauf nach Lubián, zwar auf breiter, ehemaliger Straße, aber doch nun ziemlich fertig mit meinem schmerzenden Fuß. Ich schleppe mich stolpernd hoch, Gott sei Dank ist diesmal die Herberge das erste Haus.
Vom Balkon schon begrüßt mich winkend Tom, der mir ja voraus war. Total erschöpft falle ich auf mein Bett, mein rechter Fuß ist feuerrot, heiß und dick geschwollen. Mit kühlem Lappen lege ich mich erst einmal eine Stunde hin. Zum Abendessen gehen Tom, der Japaner Hugo aus Osaka, der in Salamanca Spanisch lernt und ein junger Mann aus San Sebastián einige Meter weiter in die Casa Irene, eine so genannte Casa Rural, eine private Pension. Irene ist eine etwas überdrehte, quirlige Frau unbestimmten Alters in weiter psychedelischer Kleidung mit Kettchen, Glöckchen und Röschen. Sie führt das Haus mit zwei anderen Frauen, von denen eine die Köchin ist. Ich fühle mich sofort zu Hause mit goldgelben Wänden, einem Kamin aus Bruchstein in der Ecke, Holzbalkendecke, polierten Eichenholzmöbeln, Kragsteinen mit braunen Tongefäßen.
Die Einrichtung erinnert mich an diese gemütlichen französischen Gites d’Etappes, die ich auf dem Chemin de Compostelle in Südfrankreich so liebte. Ich beschließe spontan, morgen hier meinen Ruhetag einzulegen. Ich spüre, dies ist ein Ort, um die Seele baumeln zu lassen. Es kostet zwar 50 Euro, aber ich habe eine ruhige, freundliche Atmosphäre dringend nötig. Tom und ich nehmen Abschied mit zwei Chupitas, das sind diese klaren Aguardiente. Wir werden uns wohl nicht mehr wiedersehen, er will in 9 Tagen in Santiago sein.