Der Raser und sein Hündchen

Mittwoch, der 17. Mai, von Mérida

nach Aljucén, 16,9 Kilometer,

gesamt 228,6 Kilometer

11. Wandertag

 

Als ich Mérida verlasse, steht rechts von mir schon bei den letzten Häusern der Stadt eine vielbögige Brücke hoch über dem Tal. Es ist der Aquädukt de los Milagros, eine antike Wasserleitung aus dem 1. Jahrhundert v. Chr., über die von einem Stausee in fünf Kilometer Entfernung das lebensnotwendige Wasser für die große Stadt nach Mérida geleitet wurde. Die Römer, obschon großartige Ingenieure, kannten das Prinzip der kommunizierenden Röhren noch nicht, daß Wasser nämlich in einer geschlossenen Leitung durch den Wasserdruck immer wieder auf seine Ausgangshöhe emporgehoben wird und ein immer gleiches Niveau herstellt – Prinzip Wasserschlauch. Deshalb mußten sie aufwändige Aquädukte bauen, um die Täler zu überqueren, hinterließen uns aber damit gewaltige Kunstwerke auf vielbögigen Brücken. Der Aquädukt de los Vilagros ist 830 Meter lang und 25 Meter hoch und überquert den Río Albarregas. Der bekannteste und brühmteste, wohl auch der schönste in seinem weiten Tal ist der Pont du Gard, der das Wasser in die Römerstadt Nimes in Südfrankreich leitete.

Die Sonne ist noch nicht aufgegangen, die zweigeschossigen Bögen schneiden einen scharfen, schwarzen, gewaltigen Scherenschnitt aus dem pfirsichfarbenen Morgenhimmel. Oben drauf hocken schwarzen Gespenstern gleich die Störche auf ihren Nestern und erwarten den wärmenden Sonnenaufgang. Ich muß erst wieder einmal fünf Kilometer Landstraße gehen, wie immer, um aus diesen großen Städten hinauszukommen. Links steht ein Pilgerkreuz am gelbverbrannten Straßenrand: eine steinerne römische Säule mit einem Kapitell obenauf.

Die Christen entfernten das Kohortenzeichen der Römer, den Reichsadler mit Eichenkranz und setzten an dessen Stelle ihr christliches Kreuz, Triumph ihres Gottes über den römischen Unglauben. Und so überdauerte das alte römische Wegzeichen die zwei Jahrtausende bis in unsere Zeit und weist nun uns Pilgern den Weg. Ich werde in den nächsten Tagen noch mehrere solche Zeichen am Wegesrand entdecken, gehe ich doch auf der alten Römerstraße – der Via Calzada – die allerdings hier noch von der neuen Teerstraße überdeckt wird, bis sie sich bald frei machen wird und mich auf ihrem alten unversehrten Pflaster geleiten wird.

Im nächsten Tal liegt der Embalse de Proserpina, der alte römische Stausee, eine ruhige, träge, grauweiße Wasserfläche zwischen gelben Hügeln. Es ist der größte bekannte römische Stausee, von der Unesco zum Kulturgut der Menschheit erklärt. Werden unsere Talsperren in 2000 Jahren auch noch erhalten sein? Ich gehe tatsächlich über die alte römische Staumauer, ein Erdwall mit Resten von Mauerbefestigungen. Auf einer Halbinsel am See sitzt der Katalane beim Frühstück, dieser schweigsame, verschlossene Mann, der immer schwarz gekleidet und dick angezogen mit Mütze und langer Hose läuft. Er winkt mir freundlich zu.

Am Seeufer liegt ein Ausflugslokal neben dem anderen mit Gärten hinter Zäunen und schilfgedeckten Bars am Ufer. Gewiß ist am Wochenende und in den Ferienmonaten hier der Teufel los, heute ist alles tot und verschlossen. Ich hatte mich schon auf ein Bad im stillen See gefreut, aber es ist noch zu kühl, nur ein einsamer Reiher stakst durch die Seerosen.

Heute ist es erdrückend schwül, die Sonne verbirgt sich hinter langsam ziehenden grauen Wolkenfeldern. Auf weißem Sandweg wandere ich durch eine hügelige Landschaft, trockene olivgrüne Steineichen stehen weit verstreut und verlassen auf dem gelben Gras. Eine Savannenlandschaft, wie ich sie aus Filmen über Afrika kenne, heiß, trocken, menschenleer. Ich bin nicht mehr in Europa. Manchmal muß ich verrostete Weidetore aufsperren, die quer über den Weg gebaut sind und die Besitztümer der Fincas voneinander trennen. Braune Rinder liegen wiederkäuend auf dem Weg, ich umgehe sie vorsichtig in weitem Bogen. Sie sind groß und mächtig und weichen nicht, starren mich nur neugierig mit ihren großen Kuhaugen an.

Ich bin mutterseelenallein in dieser großartigen Landschaft, dies ist das Reich der Kühe, ich bin der Eindringling. Sie beachten mich nicht, grasen dumm und ruhig weiter, brave, braune, warme Leiber, auf nahem Hügel steht still und stumm ein schwarzer Stier mit spitzen langen Hörnern, da schleiche ich mich lieber schnell und lautlos vorbei, bis ich beim Näherkommen an dem Euter erkenne, daß auch dies eine brave Kuh ist. Das ist hier anders als in Bayern, wo die Kühe getrennt von mir hinter dem Zaun grasen. Hier muß ich durch sie hindurch, klein und schwach und nichtig. Puh, geschafft! Die Schweine auf der nächsten Weide beachten mich nicht, sie suhlen lieber in einer Mulde im schlammigen Teich.

Mittags, ich lehne zur Rast bequem im Schatten eines Olivenbaumes an einer Mauer, habe die beiden Stiefel mit Wein und Wasser vor mir aufgebaut, da höre ich schon von weither ein eiliges Dröhnen von Wanderstiefeln auf dem Boden und dann ein heftiges Keuchen. Da kommt wohl ein ganz schneller angelaufen. Richtig, er bleibt kurz vor mir stehen und fragt mich erstaunt, ob es mir nicht gut gehe, so wie ich da liege im Gras. Ich biete ihm meinen Rotwein an. Er lehnt ab, er trinke nur Vino del Ganso. Ich frage, was das sei. Er deutet auf seine Plastikflasche mit Wasser und sagt: „Gänsewein“. Ha, das soll wohl lustig sein! Zeit hat er auch keine mehr für ein Schwätzchen, er sei schon seit halb sieben aus Torremagía unterwegs, Mérida habe er ohne Pause durchlaufen, die Altertümer interessierten ihn nicht, nur den Aquädukt am Weg habe er gesehen. So kann man auch wandern. Dann rast er weiter, wir würden uns ja in der Herberge in Aljucén sehen.

Eine halbe Stunde später kommt eine Frau vorbei und fragt mich, ob ich ihren Begleiter gesprochen hätte. Ja, ja, er habe es furchtbar eilig gehabt, sei gleich weiter gelaufen, ob sie nicht ein wenig bleiben möchte hier im Schatten, mit mir plaudern und einen Schluck meines köstlichen Rotweins trinken. Nein, nein, sie müsse weiter, ihr Begleiter habe es immer so eilig, sie sei ohnehin schon weit zurück. Und hastet weiter. Der Raser und sein Hündchen! Was die wohl vom Wandern haben? An den Schönheiten der Natur laufen sie vorbei, die Kulturgüter der Städte erleben sie nicht, Klöster und Kirchen am Weg auch nicht. Da könnten sie ja gleich zu Hause in Bayern bleiben. Ich mache mir nichts daraus. Ein jeder pilgert auf seine Art. Santiago mag sie alle. 

Wegen der drückenden Schwüle bin ich ziemlich erschöpft, als ich gegen drei Uhr in der hübschen, kleinen Privatherberge in Aljucén ankomme. Ein weißes Häuschen in einer Seitenstraße mit gemütlichen Zimmerchen, einer kleinen Küche, einem Aufenthaltsraum und einem schattigen Garten. Die Herberge heißt Annalena, nach ihren beiden Besitzerinnen, Anna und Elena, die aber leider nicht erscheinen. Der Raser und sein Hündchen sind schon da, er ist gerade dabei, schimpfend und grummelnd seine Wäsche aufzuhängen, 9 Euro müsse er für die Scheißherberge bezahlen und noch nicht einmal eine Waschmaschine sei da. Verzieht sich in sein Bett und ward nicht mehr gesehen.

Ich lade seine Begleiterin, ein spätes Mädchen aus München, zu einem Glas Rotwein in den Garten ein. Sie ist Floristin, auf der Ichsuche, hat gerade eine Beziehung beendet und kann immer noch nicht loslassen. Kein Wunder, wenn sie sich gleich an solch einen Hackklotz hängt, der sie durch das Land schleift. Ich erzähle ihr etwas von Fremdbestimmung, was sie aber nicht versteht. Armes Mädel, so wird sie nie zu sich finden.

Am nächsten Morgen sind sie schon um halb sieben Uhr weg und bestimmt bis Valdesalor gerannt, da ich sie in Alcuéscar im Kloster nicht getroffen habe. Dann sind sie in zwei Tagen in Cáceres. Ich habe sie nie mehr wiedergesehen.

Ich sitze schön und gemütlich in der schwülen Nachmittagsluft im schattigen Hof und schreibe seit Tagen wieder in meinem Tagebuch. Leider gibt es nur eiskalte Cola im Kühlschrank. Außer uns kommt niemand mehr. Der laute Rummel der ersten zwei Wochen von Sevilla nach Mérida ist vorbei, die meisten sind wieder zurück nach Hause geflogen. Jetzt kommt allmählich die intime, entspannte Pilgeratmosphäre auf, die ich noch vom Camino del Norte her in Erinnerung habe und nach der ich mich in den letzten zwei Wochen so manches Mal zurückgesehnt habe.

Die Münchenerin und ich gehen bei Sergio im Ort essen, der einzigen Möglichkeit, etwas Warmes zu bekommen. Eine südländische Frau steht hinter der Theke, der Comedor ist mit weißen und blauen Azulejos gefliest, spartanisch eingerichtet mit einfachen Holztischen und Stühlen, die Fensterläden bleiben geschlossen, wir speisen bei Neonlicht von der Decke. Es gibt eine fette Nudelsuppe, Kartoffelomelett mit Käsedreiecken, einen einfachen Bauernsalat und nachher grüne Äpfel und Orangen. Dazu einen Rosé in weißer Flasche aus dem Haus. Wir sitzen noch lange und erzählen. Pilgeratmosphäre. Sie mag das auch. Sonst ist niemand da. Ich nehme mir noch eine Flasche ohne Etikett von dem einfachen Rosé mit für morgen. Um zehn sind wir im Bett.

Auf der Silberstrasse 800 Kilometer zu Fuss durch die endlosen Weiten Spaniens
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