Extremadura

Sonntag, der 14. Mai, von Villafranca de los Barros nach Torremagía, 28,7 Kilometer

Gesamt 196,1 Kilometer

9. Wandertag

    

Heute stehe ich wieder ganz früh auf um sechs Uhr. Wir haben uns in der Bar von gestern zum Frühstück verabredet. Es wird ein langer Tag, 28,7 Kilometer. Durch die Übernachtung in Villafranca habe ich 6,8 Kilometer gespart, so daß ich nicht in Almendralejo übernachten muß, das 3 Kilometer abseits des Weges liegt. 35,3 Kilometer wären einfach zuviel für einen Tag gewesen. Es wird trotzdem die härteste Tour bisher. Der Name Villafranca – Stadt der Freien – besagt übrigens, daß dies eine planmäßig angelegte Stadt gewesen ist, die die kastilischen Könige nach der erfolgreichen Reconquista überall im Reich anlegen ließen, um hier Menschen aus dem Norden in dem entvölkerten Land anzusiedeln. Auf dem Camino Francés im Norden gibt es zum Beispiel eine Villafranca del Bierzo, wobei hier die Freien auch die Franken und später die Franzosen gewesen sind.

Ich bin jetzt in der Tierra de Barros – barro ist im spanischen Schlamm oder Lehm – also dem Land des Lehms. Und so ist es auch. Kein Baum, kein Strauch, eine endlose flache Ebene bis zum Horizont, die staubige, gelbe Piste führt schnurgerade 10 Kilometer geradeaus, dann knickt sie etwas ab, um ebenso schnurgerade 10 Kilometer weiter zu führen, es gibt keinen Schatten, kein Haus, nach 15 Kilometern kreuzt die erste und einzige Straße von Almendralejo den Weg.

Dies ist Farmland ohne einen einzigen Baum. Plantagenland für maschinelle Ernte. Die Weinstöcke sind kleine grüne Büsche, die vereinzelt in Reih und Glied in der kupferbraunen Erde stehen. Die Olivenbäumchen wachsen in ebenso langen Reihen bis zum Horizont, der staubtrockene Boden ist umgepflügt und planiert. Der rote Klatschmohn taucht auf, auch er steht in endlosen knallroten Feldern in der gelben Gerste. Der kühle Morgenwind schläft ab elf Uhr Mittags ein, eine bleierne Schwere legt sich über das Land, ab ein Uhr wird es glühend heiß.

Eine fast senkrechte Sonne sticht gnadenlos vom wolkenlosen Himmel. Ortschaften gibt es heute keine. In den Feldern abseits der Wege liegen einige weiße Farmhäuser, aus deren Ställen laut die Schweine quieken.

Ab und an kommt ein Bauer auf seinem riesigen John Deere Traktor die Piste entlang getuckert, eine endlose rostrote Staubfahne hinter sich herziehend. Ist er vorbei, muß ich mich minutenlang von der Piste abwenden, bis die Staubwolke sich gelegt hat. Wenigstens ruft er mir von hoch oben ein fröhliches „Buen Día“ zu. Hier im Süden werden die „S“ des Plurals verschluckt. Es heißt „Buen Día“ statt „Buenos Días“ „Mucha Gracia“ statt „Muchas Gracias“.

Ich schlurfe nur so vor mich hin, der Boden scheint an den Füßen zu kleben. Die fernen Hügel am Horizont kommen nicht näher. Meine Füße sind die Hölle. Links schmerzt die Ferse, die rechte auch, trotz des Stützstrumpfes, der kleine Zeh sticht bei jedem Schritt wie mit einer Nadel. Als ich ihn mittags untersuche, erlebe ich eine böse Überraschung. Er ist dick und blaurot angeschwollen, obenauf eine giftgelbe harte Linse. Wenn ich den Zeh drücke, verliert er alle Farbe und wird gelbweiß.

Das muß eine böse Entzündung sein, ich vermute sogar eine Vereiterung. Auch die Hühneraugenringe vermögen den Schmerz nicht zu lindern. Ich versuche, den Zeh so gut es geht zu entlasten, indem ich den Fuß schräg stelle. Dann geht es etwas besser, weil der Druck nachläßt. Diesmal hat mir Santiago die Schmerzen geschickt. Will er mich prüfen? Sein Weg ist auch ein Schmerzensweg, ein Golgatha der Pilger, warum soll es mir besser gehen als den meisten Anderen, die auch Fußprobleme haben? Bislang war ich auf meinen Wanderungen davon verschont geblieben, diesmal bin auch ich dran!

Ein größerer Olivenbaum bietet etwas Schatten, Gras zum Liegen gibt es nicht mehr. Der Baum blüht, tausende von kleinen, weißen Blüten mit gelben, kleinen Kügelchen im Zentrum. Gestern waren die Blüten an den Bäumen noch zu. Ich will nicht mehr raus in die brüllende Hitze. Wie mag es erst hier im Sommer im Juli, August sein? Wir haben jetzt erst Mai. Der Wind von heute morgen hat sich gedreht. Kam er des Morgens kühl und frisch aus dem Norden, kommt er nun sengend heiß aus dem Süden.

Um vier Uhr werden die winzigen, weißen Häuschen am Horizont endlich größer. Die Luft ist hier so klar und trocken, daß alles viel näher aussieht als es in Wirklichkeit ist. Die Entfernungen schrumpfen, und was zwei Kilometer entfernt zu liegen scheint, erreicht man erst in zwei Stunden. Doch endlich schleppe ich mich in den Ort, die Herberge ist wie immer am entgegengesetzten Ende, die leeren Straßen liegen menschenleer und ausgestorben in der bleiernen Hitze. Doch, oh Wunder, auch hier ist die Herberge in dem ehemaligen Adelspalast der Lastra aus dem 15. Jahrhundert untergebracht, hinter meterdicken weißen Mauern kühle Hallen unter schwarzbraunen Eichenbalken.

Jetzt bin ich wirklich in der Extremadura. Die Luft kocht. Der starke Wind kühlt nicht mehr. Der Himmel ist bleiern grau. Ich sitze mit einem eiskalten Bier tapfer unter roten Coca-Cola Schirmen, die im starken Wind flattern, vor der Bar Casablanca. Außer mir sitzt niemand draußen, alle Männer sind drinnen in der eisgekühlten Bar und schauen Stierkampf auf dem großen Flachbildschirm.

Die Nationalstraße zerschneidet den Ort, sie kommt schnurgerade aus den gelben Hügeln im Süden und verschwindet ebenso gerade in den gleichen Hügeln im Norden. Sie ist 50 Meter breit, beidseitig der Straße stehen bunt verputzte Häuschen wie Kulissen in einem Westernfilm aufgereiht. Und so heißen sie auch: Avalon, Casablanca, El Mesón. Die Autos parken rechtwinklig zur Straße, auf der ab und zu ein Wagen vorbeigefahren kommt.

Die neu gebaute Autobahn hat den ganzen Verkehr abgezogen, der vor einem Jahr noch durch den Ort rauschte. Die Telefonleitungen zerkratzen mit ihren schwarzen Strichen den orangegelben Abendhimmel. Der heiße Wind stürmt durch den Ort, die Jungen toben mit ihren Quads auf dicken Ballonreifen. Plastiktüten und Eisbecher wirbeln scheppernd über die Straße. Die Sonnenschirme knattern im Wind. Ein Typ stakst mit öligem, schwarzen Haar und offenem Hemd mit Goldkette auf der braunen Brust über die leere Straße. High Noon. Jetzt weiß ich, wo das herkommt.

Wir essen wieder alle drüben im Mesón, das ewig gleiche Menú del Peregrino für 7,50 Euro. Nachher sitzen wir noch mit Brandy und Zigarre auf dem Gehweg mit Blick auf die Straße, auf der nun nichts mehr passiert. Als ich in die Herberge komme, ist meine Hose weg. Ich hatte gewaschen und alles mit meinen Plastikklammern auf die Nylonschnüre vor die Herberge gehängt. Die Schnüre liegen auf dem Boden, der Wind hatte sie herabgerissen. Meine Wäsche liegt getrocknet auf dem Brunnen, die Klammern daneben. Jemand muß sie aufgesammelt haben. Nur die Hose kann ich nicht finden, trotz intensiven Suchens mit der Taschenlampe. Wuff vermißt seine auch. Ob es einen Hosendieb gibt?

Auf der Silberstrasse 800 Kilometer zu Fuss durch die endlosen Weiten Spaniens
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