Zu viert nach Riego del Camino

Donnerstag, der 8. Juni, von Montamarta

nach Riego del Camino, 16,4 Kilometer

Gesamt 602,9 Kilometer

28. Wandertag

Um acht Uhr steht das Taxi pünktlich vor der Tür unserer Cafeteria. Wir stopfen noch schnell die letzten Brocken unserer Crostadas in den Mund, den letzten Schluck heißen Kaffee, dann die vier Rucksäcke in den Kofferraum, drei passen rein, einer muß mit nach vorne, die drei Freunde hinten auf die Rückbank, der vierte Rucksack quer über die Knie. Los geht’s. Adiós Zamora, du warst mir eine liebe, eine schöne Stadt, etwas unfreundlich zwar, doch so sind die harten Castillianos eben, nun geht es weiter auf Jakobs Wegen, der Heilige zieht uns. Wir wollen uns auch bewegen, die drei, weil es ihr erster Tag ist, ich, weil ich schon zu lange in Zamora herumgesessen habe. Die unfreundlichen Bedienungen schicken uns keinen Gruß nach. Ihnen ist es egal, ob wir kommen oder gehen. Römer, Mauren, Christen, Touristen, sie haben schon viele über sich ergehen lassen müssen, das hat sie hart gemacht, sie können nicht jeden Eindringling gleich umarmen und anlächeln.

Der Fahrer hält vor der schon bekannten Bar Rosamari in Montamarta, wo ich gestern meine Wanderung beendete und die drei netten Deutschen aus Torremolinos traf. Das Taxi spuckt uns aus „in the middle of nowhere“. Die Gegend ist noch trostloser als gestern, heute sind auch die Weizenfelder verschwunden, nur ausgetrocknete Bachbetten, weißgraues, verbranntes Gras, gelbe zerfahrene Pisten. Aber ich bin nicht mehr allein. Wir trotten hintereinander her, ein Häuflein Verlorener, die drei leiden unter der sengenden Sonne, gestern waren sie noch im kühlen, wolkenbedeckten Holland, ich sehe mit Sorgen auf ihre rosige Haut und rate ihnen, sich gut und reichlich mit Sonnenschutzmittel einzucremen.

Auf flachem, rostbraunem Hügel ragen einige staubige, zerfallene Ruinen in den Himmel, Mauerreste, zerbrochene Torbögen, Stümpfe von Türmen. Dies ist die Burgruine Castrotorafe, eine Ordensburg der Jakobsritter aus dem 12. Jahrhundert oder vielmehr das, was die kriegerischen Zeitläufte von ihr übrig gelassen haben. Eine gewaltige Anlage, Zeugnis der Macht und Größe der Ritterorden, wie stolz eine große, weiße Tafel am Weg verkündet. Wir sehen die staubige Piste, die durch die Einöde zur Burg führt und verzichten auf eine Besichtigung der hitzeflirrenden Trümmer.

Unser Weg ist ein Trampelpfad geworden, der sich in umständlichen Windungen um den Embalse del Esla o de Ricobayo schlängelt, einen Stausee, der den Río Esla aufstaut. Der ist in dieser Jahreszeit zur Hälfte ausgetrocknet, graue Felsen ragen aus grauweißem, zerrissenem, trockenem Schlamm. Das verschlossene Feriendorf oberhalb des Randes läßt bessere Zeiten vermuten, wo der See wohl ein lieblicher Erholungsort mit Wassersport und Baden ist.

In der größten Mittagshitze suchen wir ein wenig Schatten unter einem der seltenen, trockenen Büsche, wo wir uns erschöpft ins Gras werfen und die mitgebrachten Schätze auspacken. Jeder stiftet ein bißchen bei und unter Lachen, Scherzen und Erzählen genießen wir unser frugales Picknick. Ich bin glücklich. Es ist ein tiefes, schönes Gefühl, nicht mehr so allein sein zu müssen in dieser verlassenen Landschaft. Louk freut sich wie ein Kind, daß er in seinem mitgebrachten GPS nach einigen Versuchen unseren Standort genau bestimmen kann. Louk ist ein Technikfreak, der alles auf seinem Computer ermittelt.

Nach dem Mittagessen verliere ich die drei, die schneller sind als ich, aus den Augen. Sie sind ja auch noch frischer und unverbrauchter. Ein Schäfer, der mir mit seiner Herde entgegen kommt, erzählt mir, daß er meine drei „Compañeros“ getroffen habe. Keine Sorge, ich werde sie schon wiederfinden. Eher verliert man im Gedränge des Hauptbahnhofs einen Freund aus den Augen als hier in der Unendlichkeit, wo es außer uns Vieren niemanden gibt. Und den Schäfer natürlich. Ein harter Händedruck und „Buen Camino“. In der Wildnis ist man freundlich, in der Stadt nicht.

An der Carretera treffe ich auf eine riesige Tankstelle, weiß und rot und Texaco, wie ein Ufo in einer grellweißen Wüste. Ich muß an New Mexico denken, wo die gleichen rotweißen Tankstellen an den Highways stehen, genau so gottverlassen in der gleichen hitzeflirrenden Landschaft. In einer klimatisierten Blechbude stürze ich ein eiskaltes Bier herunter. Ja, eine blonde Frau sei hier gewesen und habe Wasser gekauft. Ich bin auf dem richtigen Weg. Die drei sind vor mir.

Der erste Ort ist auch gleich der letzte für heute. Am Eingang des Ortes, der mit seinen verkommenen, eingeschossigen Häusern hinter brüchigen, roten Ziegelmauern brutal von der Carretera zerschnitten wird, liegt gleich links eine Bar, die einzige des Ortes, eine dreckbespritzte Mauer mit einem mit Läden verschlossenen Fenster und einer geöffneten blauen Tür. Drinnen in dem fast dunklen Raum sitzen meine drei Freunde. Sie eröffnen mir, daß sie für heute genug hätten, und hier bleiben wollen. Mir soll’s recht sein, ich bin so glücklich, nicht immer alles allein entscheiden zu müssen. Santiago hat uns vier wieder zusammen geführt, er wird schon wissen, wie es weiter geht. Und er weiß es auch.

Der freundliche Wirt, froh, endlich Gäste gefunden zu haben, führt uns durch die verwinkelten Gassen zu den Herbergseltern, über roh betonierte Straßen mit unverputzten, roten Ziegelmauern und Wänden aus großen, rohen Flußkieseln, fußballgroß, mit getrocknetem Lehm verschmiert, den der Winterregen tief ausgewaschen hat. An einem Ende der Wasserturm aus Beton, grellweiß gekalkt, am anderen Ende die winzige, braune Kirche mit der bescheidenen Glockenwand und zwei Glocken. Telefon- und Stromleitungen an Holzstangen zerhacken kreuz und quer den seidenblauen Abendhimmel. Schwer fällt es uns zu verstehen, wie man nur leben kann in dieser grenzenlosen Einöde ringsum und dem verkommenen Chaos dieses winzigen Ortes.

Wahrscheinlich muß man hier geboren und nie woanders hingekommen sein. Verstehen kann ich schon, daß viele Spanier aus diesen Dörfern ihre Heimat verlassen haben und nun in unseren sauberen, aufgeräumten, gepflegten Städten leben. Für sie bestimmt ein Paradies.

Es gibt wahrhaftig eine Herberge in diesem Nest, von der der Führer weiß: „Es gibt auch hier einen Raum, in dem Pilger auf dem Boden schlafen können; immerhin gibt es eine warme Dusche“. Da sollte er sich aber gewaltig irren. Seitdem ist manches geschehen. Die Wirtin führt uns durch die verstaubten, verwinkelten Gassen des Ortes, hinter einer schmutzigen Mauer öffnet sich ein Paradies. Draußen sieht es aus wie in der Dritten Welt, drinnen stehen schattige Feigen- und Walnußbäume, strotzen saftige rote und weiße Rosen, prunken lilarote Bougainvilleen in tropischer Pracht. Draußen die Hölle, drinnen ein Paradies. Wo Wasser ist, ist Leben in diesem Land. Wir setzen uns auf weiße Stahlrohrstühlchen, die Herbergsmutter begrüßt uns lachend, wir bekommen die Stempel in unser Credencial, ein Glas kühles Wasser auch, dann geleitet sie uns die Straße hinunter zu einem gepflegten Haus mit kühlen, weißen Räumen unter braunen Holzbalkendecken.

Wer hätte eine solche Herberge in diesem „lausigen“ Ort erwartet? Das Äußere täuscht hier im Süden. Außen, das ist das Öffentliche, um das sich niemand kümmert, weil das Land verarmt ist und der Südländer kein Sozialgefühl hat. Innen, das ist das Private, das Eigene, das liebevoll gepflegt und gehegt wird. Die Möbel mit Spitzendeckchen, das Sofa mit gehäkelten Kissen, Heiligenbilder an der Wand, Kristallgläser in der Glasvitrine, die Steinfußböden spiegelnd und gewachst, als wenn man von ihnen essen könnte. Das ist in Spanien so, in Italien und Griechenland ebenso. Der Staat sind die anderen, die da oben, in meinem Haus bin ich der König.

Wir pflegen uns, wir ruhen uns aus, dann geht’s zurück in die Bar, wo uns die Wirtin schon erwartet. Heute gibt es etwas zu verdienen und was für liebe Menschen sie da gefunden hat, Alemanes, Holandeses, Franceses, stolz präsentiert der kleine Sohn seine kümmerlichen Englischkenntnisse. Die Bar besteht nur aus einem einzigen, halbdunklen Raum, die Fenster stehen offen, die Blechläden sind geschlossen, wie stets hier im Süden. Draußen vor den Fenstern rauscht die Carretera vorbei, alle zwei Minuten ein donnernder Camión, daß die Fenster klirren und die Stühle wackeln. Geschwindigkeitsbegrenzungen gibt es nur auf den Schildern, die Fahrer kümmert es nicht, Polizei gibt es hier auch nicht.

Der Raum ist dunkelblau gestrichen, es gibt zwei Tische und zwanzig blau bezogene Stühle. Die Wirtin bereitet uns ein schmackhaftes Mahl, wie immer in diesen Bars gibt es einen grünen, frischen Salat, nachher erstaunlich zartes Rindfleisch, dazu einen trockenen Wein aus namenloser Flasche. Pilgermahl. Ich bin immer wieder überrascht, welch einfaches, gut schmeckendes Essen diese Frauen für uns Pilger bereiten. In die Küche schaue ich lieber nicht hinein. Wir gehen früh zu Bett, es ist auch nicht so gemütlich in der Bar und müde sind wir auch.

Auf der Silberstrasse 800 Kilometer zu Fuss durch die endlosen Weiten Spaniens
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