Catedral Nueva
Mittwoch, der 31. Mai, Salamanca
Ruhetag
Ich bleibe bis um acht Uhr in meinem gemütlichen Privatzimmer. Heute muß ich nicht mehr unter Schmerzen über die glühende Steppe laufen, heute habe ich einen Ruhetag. Ich pflege meine Beine, ziehe den neuen Stützstrumpf über, den ich gestern gekauft habe, trinke mein entzündungshemmendes Pulver, das mir die Apothekerin empfohlen hat. Ich fahre mit dem Bus in die Stadt, Linea Numero 1, der hält ja genau gegenüber der Jugendherberge, wie ich jetzt weiß. Morgens ist noch wenig Verkehr, die Spanier stehen spät auf, dafür gehen sie abends auch spät zu Bett. Es sind fast nur Touristen unterwegs, Kulturtouristen, die andächtig mit dem Führer in der Hand die Sehenswürdigkeiten bestaunen. Pilger sehe ich keine.
Neugierig schlendere ich durch die Straßen der honiggelben Stadt. Heute bin ich auch Tourist mit Kamera, kein Pilger mehr mit Rucksack und Pilgerstock.Gleich hinter der Plaza Mayor, hinter dem großen Portal in der Ecke hinter den Kolonaden liegt San Martín, eine romanische Kirche mit gotischem Netzgewölbe. Sie wurde als erste christliche Kirche im 12. Jahrhundert von den Rückeroberern erbaut. In der Kirche entdecke ich wieder die schlafenden, steinernen Ritter in ihrer Rüstung mit dem Schwert an der Seite, liegend auf steinernen Kissen zu ewigem Schlaf, ihren Lieblingshund zu ihren Füßen. Ich sah sie zum ersten Mal vor zwei Jahren auf der Via Podiensis in Südfrankreich. So weit erstreckte sich im Mittelalter die gotische Kunst, die sich über die Jakobswege von Norden nach Süden verbreitete.
Die Rúa Mayor hinunter mit ihren schweigenden Patrizierhäusern entdecke ich an der Ecke ein seltsames Haus. Ein gotischer Palazzo aus glatt gefugtem Sandstein, der über und über mit steinernen Jakobsmuscheln beklebt ist. Wie Katzenspuren tanzen sie die Fassade hinauf bis zur Dachtraufe, von Platte zu Platte in die Fugen geklammert. Es sollen mehr als 300 sein. Dies ist die berühmte Casa de las Conchas des Don Rodrigo Árias, der im 15. Jahrhundert dem Orden des Heiligen Jakob angehörte.
Die glatte, sonst schmucklose Fassade durchbrechen nur einige reich verzierte gotische Fenster, zwei davon umkleidet mit kunstvollen, braunen Eisenkäfigen, ein Erbe aus der maurischen Zeit, wo die Haremsdamen, von der Welt draußen unbemerkt, hinter den Gittern verborgen, dem Treiben auf der Straße zuschauen durften. Wieder durchdringen sich Abend- und Morgenland in diesem Teil Spaniens.
Gegenüber wuchtet die Renaissancefassade La Clérica in den Himmel, gewaltig, grotesk, wie alles in dieser Stadt der Überheblichkeit. Sie ist ein Werk von Juan Gómez de la Mora, wurde 1617 als Jesuitenkirche gegründet und gehört zur Universidad Pontificia. Der riesige Komplex wurde von Margareta von Habsburg erbaut, der Gemahlin Philipps III., die auf diese Weise dem Jesuitenorden das Leid wieder gutmachen wollte, das ihrem Gründer, San Ignacio de Loyola zugefügt wurde, als dieser in Salamanca von den Dominikanern eingesperrt wurde. Im gewaltigen dreigeschossigen Kreuzgang erlebe ich die ebenfalls gewaltigen Fresken mit dem Zyklus aus dem Leben des Heiligen Ignazius. Dieser Kreuzgang hat eine Besonderheit.
Als einziger ist er mit raumhohen Fenstern und Läden verschlossen, während sonst die Kreuzgänge sich auf den Innenhof öffnen, mit Blumenrabatten, Kieswegen und Brunnen dekoriert. Hier umschließt er einen streng gepflasterten Hof, ohne ein einziges Blümchen zur Freude und Erbauung der Mönche. Wie heißt es doch: Nueve meses de invierno, tres meses de infierno. Kastilien, das Land der eiskalten Winter und der glühendheißen Sommer.
An den Wänden des gigantischen Treppenhauses entdecke ich in roter, antiker Schrift, über die ganzen Wände verstreut, lateinische Namen. Vom Führer einer Touristengruppe erfahre ich, daß hier sämtliche Studenten der Jurisprudenz mit Auszeichnung seit 1970 mit lateinisiertem Namen und Geburtsort verewigt sind. In der ergreifenden Aula umrundet das ansteigende, braun geschnitzte Gestühl mit samtroten Bezügen einen feierlichen Raum. Hier ziehen sich die Studenten vor ihrem Examen drei Tage und Nächte zurück, um sich innerlich zu sammeln und vorzubereiten. Tiefe, alte Geschichte und Tradition dieses alten Landes. Nichts wurde hier vergessen und verdrängt, nichts verloren und verboten. Die Größe der Nation mit ihrer heroischen Geschichte ist hier Ehre, keine Schande, wie in unserem Land, das sie lieber vergessen möchte. Nation hatte hier nie etwas mit Nationalismus zu tun. Selbst Franco konnte diesen Nationalstolz nicht zerstören. Hitler tötete uns, Franco ritzte nicht einmal den spanischen Stolz.
Nach soviel heroischer Kultur zieht es mich zum Essen auf die Plaza Mayor, die nun gleißend hell und schattenlos unter Kastiliens Sonne liegt. Ich versuche im Freien ein Bier zu trinken. Es weht ein bitterkalter Wind, trotz der strahlenden Sonne. Wir sind schließlich 900 Meter hoch. Keiner sitzt draußen, zu essen bekomme ich hier nichts. Erstens sitzt man in Kastilien nicht über Mittag draußen in der Sonne und zweitens bekommt man deshalb draußen auch nichts zu essen. Da muß man in den Comedor und der liegt im Keller neben den Toiletten. Sonnenschirme gibt es nicht.
Auch ich ziehe mich deshalb in eine der vielen klimatisierten Bars hinter den Kolonaden zurück, wo man mittags kleine Pintxos ißt, das sind die bekannten spanischen Appetithäppchen mit Fleisch, Wurst, Fisch, Oliven, Sardellen, Käse, Zwiebeln, Paprika auf kleinen Brötchen, anderswo auch Tapas genannt. Dazu trinkt man den kühlen, spritzigen, weißen Wein der Gegend.
An der Bar sitzen zwei Mädchen auf den hohen Hockern. Bei der einen sieht man ihr scharlachrotes Höschen, bei der anderen bereits die Pobacken, das Höschen sieht man nicht. Sie trägt nur einen Tangaslip aus hauchdünnen Bändern. Sie versuchen ständig, ihre zu kurzen Jeans hochzuziehen, was aber nie gelingt. Die sind im Sitzen eben zu kurz. Warum ziehen und zuppeln sie eigentlich ständig? Entweder zeige ich meine Unterwäsche oder nicht oder ich trage nicht diese zu kurz geschnittenen Hosen. Oder ist hier doch noch ein Funke von Scham übrig geblieben in all der Geilheit, die unsere Jugend durchzieht?
Zwei andere liegen mit nackten Bäuchen, die T-Shirts bis zu den Brüsten hochgezogen, mitten auf der Plaza in der Sonne. Eine Jugend ohne Scham und Moral. Wie es das Fernsehen mit ihren Go-Go-Stars und Sternchen ihnen vormacht.
Nachmittags besuche ich die Catedral Nueva – die Neue Katredrale – hoch über dem Fluß. Ein honiggelbes Zuckerwerk aus gotischen Fialen, Strebebögen und Spitztürmchen. Alles, was die Spanier machen, ist immer etwas übertrieben. Plateresk nennt man diesen Stil, wo ein Rankenwerk von Arabesken wie Honigsoße die Fassade überzieht und von den Türmen die Wände hinabläuft. König Ferdinand der Katholische ließ die Kathedrale 1513 beginnen, da die alte Kathedrale – die Catedral Vieja – zu klein geworden war, die jetzt wie eine Kapelle zu Füßen der großen Mutter liegt. Die Bauarbeiten zogen sich über Jahrhunderte hin.
Es begannen Juan Gil de Hontanos und Juan de Álava im spätgotischen Stil, Rodrigo Gil de Hontanos, ein Sohn des Juan, setzte das Werk seines Vaters fort und führte dabei Renaissanceelemente ein. Am Ende des 16. Jahrhunderts übernahm Juan de Ribero das begonnene Werk, der ein Westwerk mit zwei Türmen vorschlug, die aber nie gebaut wurden. Das Erdbeben von Lissabon verursachte 1755 große Schäden, der Turm mußte gestützt und ein neues Kuppelgewölbe errichtet werden, da das alte eingestürzt war. Oben drauf wurde dann über dem gotischen Gewölbe die barocke Kuppel errichtet.
An der Hauptfassade türmt sich Bogen über Bogen. Über Christi Geburt und der Anbetung der Heiligen drei Könige im Tympanon über den Doppeltüren schwingen sich flammensprühende Bögen in dutzendfacher Wiederholung wie ein gewaltiger Choral bis unter den Gekreuzigten auf 30 Meter Höhe. Faszinierend ist der Rundgang unterhalb des Daches in der Welt der Strebebögen und Fialen. Wie in den Carceri des Piranesi schwingen sich Gänge um die Fialen in hundertfacher Anzahl herum und ducken sich unter ebenso viele Strebebögen. Jedes Teilchen hier auf dieser Höhe, 40 Meter über der Straße, ist mit einer unglaublichen Perfektion bis ins Kleinste modelliert, auch wenn es nie von Nahem zu sehen war. Alles zur Ehre des Höchsten Gottes, ein Werk für den Allergrößten gemacht, nicht für die sterblichen Menschen. Die vergleichsweise winzige Kuppel der Catedral Vieja, auf deren Höhe das neue Längsschiff erst beginnt, kann ich mit den Händen fast berühren.
Ich tauche in das mystische Halbdunkel der Alten Kathedrale, diese schon so groß wie bei uns ein Dom. Durch die Gewölbe perlt die traumhafte Musik von Jan Garbarek mit Gregorianischen Gesängen: „Officium – pace mihi domine“. Heute will mich Santiago verzaubern, erlösen von der Qual des gestrigen Tages. In der halbrunden Apsis entdecke ich 55 – 5 mal 11 übereinander – bemalte Bildchen mit der Leidensgeschichte Christi, gemalt 1445 von Nicolás Florentino, schreiend bunt mit viel Gold. Die einfachen, ungebildeten Menschen des Altertums hatten es gern naturalistisch aus ihrem bekannten Leben, Abstraktion war ihnen fremd und unverständlich. In der Halbkuppel droht das Jüngste Gericht, der Schrecken des Mittelalters, links die Seligen in weißen Gewändern, rechts die Verdammten, nackt und rosabloß, wie sie in den tomatenroten Rachen eines froschgrünen Drachen getrieben werden. Die Nischen sind ebenfalls bunt ausgemalt mit schlafenden Äbten und Äbtissinen, die Sarkophage von drei Löwen getragen.
Rings um den Kreuzgang verschiedene gotische Kapellen mit apokalyptischen Gemälden, die an realistischer Deutlichkeit nicht zu überbieten sind: Die Heilige Barbara trägt ihre abgeschnittenen Brüste auf einem Silbertablett, gekleidet in ein Goldbrokatgewand einer adligen Dame. Die Virgen de la Leche – die Jungrau von der Milch – säugt ihren munteren Jesusknaben, der uns dabei fröhlich anblickt. Auf einem Tryptichon bewirkt eine andere Heilige das Zerbrechen hölzerner Räder, die außen mit Messern bestückt sind und gefangenen Christen, die von finsteren Mohren mit Turban gehalten werden, die Köpfe abschneiden, wie bei einem Mühlrad: ein Messer ein Kopf, ein Messer ein Kopf, und so weiter, die Köpfe rollen ins grüne Gras, die kopflosen Körper werden noch von den Mohren gehalten.
In der Mitte thront sie als Heilige, wie die Maria, vor den Marterrädern, rechts wird ihr selber zur Strafe der eigene Kopf abgeschlagen, der ohnmächtig zur Seite sinkt. Der Hals ist erst halb durchgeschnitten. In der Capilla Santa Catalina stehen vier Heilige in Doppelreihen lebensgroß hintereinander, lebensecht bemalt. Rechts die Padres de la Iglesia de Oriente, schwarz gekleidet und barhäuptig, links die Padres de la Iglesia Occidente, in rot mit dem Bischofshut auf dem Kopf.
Warum die Touristen nur immer lärmen und kichern müssen, wo man doch andächtig sein sollte in diesen heiligen Räumen? Ich bete vor der weißen Madonna und zünde drei Kerzen an für meinen Weg und meine Schmerzen. Ein Franzose fotografiert die Madonna mit seinem Handy und zeigt das Bild gleich stolz seiner Frau, die das Abbild bewundert, wo das Original doch vor ihnen steht. Eine verkehrte Welt, das Bild verdrängt die Wirklichkeit. Die Krankheit unserer Zeit.
Am Ende entfliehe ich der Kathedrale mit soviel realistischer Grausamkeit und kehre auf die stille Plaza zurück. Aber da herrscht jetzt ein ohrenbetäubender Lärm. Für eine Show am Wochenende werden Stahlrohrgerüste aufgebaut. Aus ist es mit der stillen Romantik von gestern. Heute herrscht spanische Lust am Lärm und das bis zehn Uhr nachts. Da man morgens spät aufsteht nach der Feierei bis in die späte Nacht, fängt man auch nicht so früh an zu arbeiten und arbeitet lieber bis spät in die Nacht, um dann morgens wieder spät anzufangen usw. So ist das spanische Leben!
Von meinen Freunden der letzten Tage sehe ich niemanden mehr. Ich vermute, daß sie, so wie ich sie kennengelernt habe, heute morgen im Eildurchgang Salamanca besichtigt haben und heute nachmittag bereits weiter gelaufen sind. Bravi, so kann man das auch machen. Solche Menschen schaffen es einfach nicht, bei einem Vino stundenlang auf der Plaza zu sitzen und zu lesen, zu schreiben oder einfach nur zu träumen und zu leben.
Plötzlich steht doch noch Marguerita neben mir am Tisch. Sie wohnt in einer Privatherberge in der Innenstadt. Wir freuen uns, uns wiedergefunden zu haben und erzählen. Marguerita fängt gleich an zu schwärmen, wie schön doch dieser Platz sei und wie schlimm, daß es so etwas in Deutschland nicht gebe. Das stimme doch nicht, sage ich und erinnere sie an den Viktualienmarkt und die Theatinerstraße in München, an Freiburg, Düsseldorf und Münster. Sie läßt nichts gelten, München sei ein großes Dorf, alles ohne Kultur, ohne Atmosphäre, ohne Tradition. Im Süden sei alles schöner. Marguerita hat diese linksintellektuelle, alternative Denke, nach der alles in Deutschland beschissen, zubetoniert, provinziell ist, die Luft verpestet, die Flüsse verseucht. Nur anderswo, da ist alles besser. Die heimatlosen Gesellen, ohne Wurzeln, ohne Stolz auf ihre Nation. Diese Menschen hocken in ihren Großstadtwohnungen, Sommerfeste werden auf Bänken in den Straßen gefeiert, Stadtneurotiker, die nie in Gottes freie Natur gehen. Dabei brauchen sie nur eine Stunde hinauszufahren aus ihren beklagten großen Städten und sie finden die herrlichste, schönste Natur, unbefleckt, unverpestet, unverbaut. Sie aber suchen das Schöne, Edle, Gute immer nur außerhalb ihres Landes, ihr eigenes verachten sie, weil sie nie gelernt haben, es zu lieben. Sie verbreiten nur ihren Pessimismus, haben aber bereits ihr Häuschen in der Toskana oder der Provence, wo ja alles so viel schöner und unverdorbener ist als in unserem verdreckten Land. Sie hat auch gleich eine Erklärung dafür parat: Schuld daran ist das Großkapital und die Industriebosse. Ihnen gehören die Macht und das Geld. Und deshalb gehören ihnen ihre Macht und ihr Geld abgenommen und neu verteilt an die, die nichts besitzen, auf daß unser Land alsbald schöner, sauberer und gerechter werde. Immer wieder schlägt dieser Uraltkommunismus wieder durch und zwar bei den Bürgersöhnchen und Töchtern, die selbst alles haben und meinen, sich mit den Besitzlosen verbrüdern zu müssen.
Marguerita fährt morgen nach Ciudad Rodríguez, in Salamanca ist es ihr wieder einmal zu „touristisch“. Dann geht sie kurz und knapp, verabschiedet sich ohne große Gefühle, die sind ihr sowieso zuwider. Wie mich diese Typen ankotzen, die keine Heimat haben und deshalb auf ihr eigenes Land immer spucken und herumhacken und ständig vor sich und den anderen davonlaufen. Nun bin ich ganz allein. Alle, die ich kannte, sind weg.
Heute ist es laut auf der Plaza. Die Gerüstbauer hämmern lustig auf die eisernen Stangen. Ich fliehe auf ein kleines Plätzchen, wo um neun Uhr noch die letzte Sonne hereinscheint und kein eiskalter Wind weht wie auf dem großen Platz. Ich esse Revueltas mit Gambas und Knoblauch, trinke dazu einen frischen weißen Wein und bekomme endlich einmal ein knuspriges Weißbrot. Man wird als Pilger einfach bescheiden und freut sich wie ein König über diese einfachen Dinge.
Und doch kehre ich noch einmal auf meine geliebte Plaza zurück. Noch zwei Brandy und meine Abendzigarre. Der Himmel ist schwarz wie gestern, ein dunkles Tuch, durchstoßen von den Tausenden von Sternen, die wie kalte, eisglitzernde Diamanten unbeweglich über dem Viereck der Wände stehen. Der Zauber von gestern ist heute aber verflogen, es gibt keine Beleuchtung der Fassaden und die Gerüstbauer lärmen bis um zehn Uhr.