Endlich in Galicien
Freitag, der 16. Juni, von Lubián
nach A Gudina, 14,7 Kilometer,
gesamt 759,2 Kilometer
35. Wandertag
Marguerita will heute gemeinsam mit mir gehen. Sie hat Angst, von den beiden „Malos Peregrinos“ überfallen zu werden, eine verständliche Befürchtung, allein als Frau in den dunklen, menschenleeren Wäldern. Sie steckt mich direkt an mit ihren Ängsten. Gemeinsam überlegen wir, wie wir unser Geld verstecken sollen, ich habe noch 500 Euro in 50 Euro-Scheinen bei mir, eine Menge Geld für solche Lumpen. Und ich bin kein starker Held bei einem Überfall. Zwei entschlossenen, starken Männern wären wir hoffnungslos unterlegen. Ich verstecke mein Geld in meiner Zigarrendose unter den Zigarren und gebe Marguerita den Rat, 50 Euro offen in der Geldbörse bei sich zu tragen, die sie den Gaunern dann ohne Gegenwehr freiwillig übergeben kann. Dann, meine ich, würden sie uns ziehen lassen. Zweimal 50 Euro sind für sie eine Menge Geld, und dann würden sie uns nicht mehr durchsuchen.
Marguerita erzählt mir, daß Angel noch am Nachmittag zur Bürgermeisterin gegangen sei, nachdem der Hospitalero – der Herbergsvater – die beiden rausgeschmissen hat, da sie kein Credencial – den in Deutschland ausgestellten Herbergsausweis – hatten, der zur kostenlosen Übernachtung berechtigt. Die Bürgermeisterin hat dann trotzdem die Erlaubnis zur Übernachtung gegeben, nachdem der schmierige Angel sie offenbar bequatscht hat.
Diese Burschen sind zu allem fähig. So, gut gerüstet, unser Geld im sicheren Versteck und mit einem Hilferuf an Santiago, den Heiligen der Pilger, machen wir uns gemeinsam auf den Weg.
Bei der Kirche La Tuiza, einer dieser Wallfahrtskirchen, die unvermittelt auf einer Waldlichtung prächtig und riesig, einsam und verloren auftaucht, beschreibt mein Führer von 2003 einen stillen Waldweg links in den Wald und in ein Tal, wohingegen die gelben Pfeile nach rechts den Berg hinauf auf einer Betonpiste zur Autobahn führen.
Ich will den stillen Waldweg gehen nach meinem Führer, Marguerita die Betonpiste nach ihrem Führer und den gelben Pfeilen. So trennen sich unsere Wege. Mit ihrer Angst und dem „starken“ männlichen Begleiter scheint es doch nicht so weit her zu sein. Ich lasse sie ziehen, ich habe ja keine Angst, allein zu sein. So stapft sie allein die steile Piste hinauf und ich verschwinde im rauschenden Wald.
Der urige Weg, es ist die alte Straße, führt zwischen bemoosten Feldsteinmauern immer tiefer in den urwaldähnlichen Wald, es wird immer dunkler, immer nasser, der Weg wird zum Morast, ich wate durch weiche, fußtiefe Pfützen und ausgewaschene, vollgesoffene Fahrspuren. Gelbe Pfeile sehe ich auch nicht. Ich ahne, daß dies vielleicht doch nicht der richtige Weg ist. Fußspuren sehe ich auch nicht mehr. Hier ist seit langem niemand mehr gelaufen.
Aber ich taste mich entschlossen weiter, bis nach 500 Metern ein Drahtzaun den Weg versperrt, dahinter fällt er zu einem Bach hinunter, die Brücke ist vom Hochwasser zerstört. Nun könnte ich mutig sein, unter dem Draht durchkriechen, den Bach durchwaten und die Wiese hinaufspuren, dies war sicher einmal vor Jahren der Jakobsweg. Nun ist er aber verlegt, wahrscheinlich hat man wegen der Autobahn die neue bequemere Piste gebaut und der alte Weg ist verfallen. Also kehre ich besser um, 500 Meter wieder zurück, macht einen Kilometer gleich einer viertel Stunde, besser als im Bach zu versaufen oder im Morast der Wiese stecken zu bleiben. Ich bin kein Held und kein Abenteurer.
Marguerita ist natürlich schon lange weg. Nach einem Kilometer trifft, wie ich vermutet habe, die neue Piste auf den alten Weg, der von links die Wiese emporspurt. Jetzt habe ich ihn wieder, und auch die Beschreibung meines Führers paßt. Es beginnt ein langer und mühsamer Aufstieg, zwei Stunden lang, zuerst durch dschungelartigen Urwald, dann durch mannshohe Farnwälder, verbuschte Macchie mit Lorbeer, Brombeeren und Rosengestrüpp, zum Schluß durch dichte Heide- und Krautlandschaft. Ich sehe nun tief unter mir im Tal die Autobahn, die sich an den gegenüberliegenden Hängen hinaufwindet und auf der Spielzeuglaster geräuschlos hinaufkriechen, um zuletzt in dem Tunnel unter mir zu verschwinden. Auch die Märklineisenbahn verschwindet durch ein Loch im Berg. Oben treffe ich auf die alte Paßstraße, nun nicht mehr befahren, ein Kilometerstein mit gelber Jakobsmuschel auf blauer Fliese zeigt mir, ich bin in Galicien. 247 Kilometer bis Santiago de Compostela ist zu lesen. Von nun an zeigen alle Wegweiser die Entfernungen bis zum Grab des Heiligen. Ich bin 1262 Meter hoch, der letzte Paß über die Cordillera, Portilla de la Canda. Endlich bin ich in Galicien, zum dritten Mal in acht Jahren. Das erste Mal 2000 auf dem Camino Francés, das zweite Mal 2004 auf dem Camino Primitivo und nun das dritte Mal auf dem Camino Mozarabe.
Gelber Ginster begrüßt mich mit mannshohen Büschen, er duftet und glänzt mit tausenden von gelben Blüten, Santiago empfängt mich mit Sonnenschein, ich bin raus aus der grauen Suppe hinter den Bergen. Ergriffen, mit Tränen in den Augen, danke ich meinem Heiligen an seiner gelben Muschel: „Nimm mich an, lieber Jakob, und beschütze mich auf allen meinen Wegen. Halte mich und nimm mir meinen Schmerz, daß ich glücklich an dein Grab komme, Dich zu küssen und zu umarmen.“
Hinunter geht es besser. Bald empfängt mich ein traumhafter, idyllischer Weg durch grünes Wiesental mit Mäuerchen, Trittsteinen und Brückchen aus Granit. Links schlängelt sich ein junges Bächlein zwischen Erlen, Buchen und Steineichen, springt über weißgrauen Granit, rechts über mir liegt eine kahle Hochheide mit rundgeschliffenen Steinblöcken. Picknick im Gras am einsamen Weg, einen Fels im Rücken, das Tal zu meinen Füßen. Als ich nachher aufstehe nach kurzer Rast, kann ich vor Schmerzen kaum laufen, erst nach einer Viertelstunde sind die Sehnen am Knöchel warm und weich, dann geht es wieder. Ohne Stock, mein drittes Bein, käme ich kaum voran.
Es beginnt zu regnen. Ich bin in Galicien. Eben Sonne, jetzt Regen, maritimes Klima, der Atlantik ist nicht weit. Die Dörfchen, Villavela, Pereiro, O Canizo sind winzig und verkommen, an der Straße stehen verlassene Ruinen mit zusammengebrochenem Balkon und leeren Fensterhöhlen. Auf einem Türsturz sehe ich ein Kreuz in einem Wappen, früher war es ein stattliches Bürgerhaus mit prächtigem, verzierten Türgewände, jetzt stehen in der Halle riesige Feigenbäume und strecken ihre fünf grünen Finger durch die leeren Fenster. Ich bin jetzt im Armenhaus Spaniens.
Im letzten Ort, O Canizo, treffe ich in der einzigen Bar-Tienda in einem dunklen vollgestopften Raum halb unter der Erde an der Theke Angel, meinen „Schwarzen Engel“, der mich wieder laut schallend als Señor Peter, seinen Freund aus Deutschland begrüßt und gleich wieder auf Deutsch auf die Scheißspanier schimpft und die guten, edlen Deutschen lobt. Ich bestelle ein warmes Bier aus der Flasche – Gläser gibt es nicht – und fühle mich peinlich und unbequem.
Nach der Lobeshymne macht er mich gleich wieder um einen Euro an. Ich sage ihm: „finito, ich habe dir gestern fünf Euro gegeben, mehr gibt’s nicht“. Er will mich gleich bei Freunden im Nachbarort zum Abendessen einladen, ich lehne dankend ab und mache, daß ich davon komme. Armer, verkommener Mensch ohne Heimat. Marguerita hatte mir heute morgen erzählt, daß er für meine fünf Euro gleich mehrere Flaschen billigen Rotwein gekauft hat und mit seinem Kumpan noch bis nach zwölf Uhr nachts laut lärmend in der Herberge gefeiert hat.
Diese Bar-Tiendas findet man in Galicien in diesen einsamen, menschenleeren Gegenden in den Orten, wo es weder Restaurant noch Läden gibt. Dort bekommt man alles, was die wenigen Menschen zum Leben brauchen, Streichhölzer, Zigaretten, Brot, Wein, Coca-Cola, Kartoffeln in Säcken, Würste, vergammelten Schinken, ranzigen Käse, Klopapier, matschige Tomaten, angefaulte Pfirsiche und vieles mehr, alles in unvorstellbarem Chaos durcheinander und übereinander gelagert. Hier muß man einkaufen, sonst gibt es nichts. Nebenbei ist es auch noch Bar für Bier, Schnaps und Café und ein öffentliches Telefon. Meist sind die Wirtsleute freundlich und helfen einem gern weiter. „Buen Camino“, auch von den Pilgern leben sie.
Im leichten, warmen Nieselregen streife ich über eine verwunschene Hochfläche. Wie Riesenspielzeug liegen rundgewaschene Steine auf einer Hochheide, in den Senken murmeln kleine, klare Bächlein durch das Steingewirr, menschenleer, wie alles hier. Am höchsten Punkt, dem Alto do Canizo, kreuze ich auf hoher Brücke die tief eingeschnittene Eisenbahn. Unten in weitem Tal sehe ich schon grau zwischen grauen Hügeln A Gudina liegen, ein verbauter Klecks am Schnittpunkt zwischen Autobahn und Straße.
Von Nordwesten,vom Meer, quellen schwarze, dicke Wolken empor, ich muß mich eilen, bevor mich die Düsternis verschluckt. Ein böser, kalter Wind pfeift über die baumlosen Hügel, ich erreiche die ersten Häuser, schnell den roten Poncho über, darunter bin ich sicher und geborgen, als das Inferno beginnt. Der wütende, durch nichts gehemmte Sturm peitscht den harten Regen waagerecht über die Carretera, die binnen Sekunden eine gurgelnde Wasserfläche ist, durch die peitschend die wenigen Autos pflügen.
Ich rette mich quer über die Straße in eine Bar, die mit hellem Licht warmen Unterschlupf verspricht. Kaum komme ich durch die Tür, die der Orkan immer wieder mit Gewalt zudrücken will. Drinnen ein warmer, trockener Ort, ich schleppe eine Pfütze Wasser an meinen Tisch, die einsamen Männer schauen mich verwundert an, als ich mich aus meiner Regenhaut winde, Strohhut, Rucksack, Stiefel, alles naß, Bächlein rinnen auf den Fliesenboden. Draußen peitscht der Wind Regenfluten an die Fenster, die im Sturm zittern, es ist stockdunkle Nacht geworden, die Scheinwerfer der Autos geistern durch den Regenvorhang. Dann nicken die Männer mir aufmunternd und verständnisvoll zu, sie verstehen das Inferno, dem ich entronnen bin. Nach zwei Bier läßt der Regen schon nach, es pladdert jetzt nur noch stetig, die Orkanböen sind vorübergezogen in die Cordillera. Ich raffe mich auf, die Herberge ist nicht weit, hier sitzen sie alle auf ihren Betten, die ich kenne, ich bin wie immer der letzte.
Eine ordentliche Herberge, der Hospitalero besteht darauf, daß die nassen Schuhe und der Poncho in der Eingangshalle bleiben. Nach dem Regenguß essen wir gemeinsam in dem einzigen Restaurant bei Antón im hell erleuchteten Comedor zu Abend, eine feine Gemüsesuppe mit Kartoffeln, Tenero mit schönen matschigen Pommes in fettiger Soße. Danach brauche ich drei gelbe, süße Aguardiente zum Herunterspülen. Heute Abend sitzt ein finnisches Ehepaar an unserem Tisch, sie spricht nur Finnisch, er kann etwas Englisch mit finnischem Akzent. Ansonsten sind sie eher schweigsam, so wie ich mir die Finnen so vorstelle.