Rolonso

Donnerstag, der 11. Mai, Fuente de Cantos

Ruhetag

Trotz des angenehmen, ruhigen, friedlichen Ortes habe ich heute Nacht nicht gut geschlafen. Leicht, oberflächlich. War es das sich Fallen Lassen nach den Anstrengungen der letzten Tage? Oder die aufwühlenden Gespräche des vergangenen Abends und die zwei Glas Brandy? Um neun Uhr gehe ich erst einmal in den Ort zum Einkaufen. Verpflegung für unterwegs für den morgigen Tag. In der Apotheke am Kirchplatz kaufe ich einen Stützstrumpf gegen meine Zerrung und eine Voltaren Creme. Noch nie habe ich so etwas getragen, man wird halt doch ein bißchen älter, und wenn es hilft, die Schmerzen zu lindern? Tapfer trage ich die weiße Binde an meinem braunen, nackten Bein. Jakobspilger!

Mittags setze ich mich auf die Terrasse in die weinroten Regiestühle unter die kleinen Olivenbäumchen, die etwas Schatten spenden, und nehme, wie immer, mein karges Mittagsmahl zu mir, heute verfeinert mit einer Dose grüner Oliven – hier Aceitunas genannt. Ich schreibe Tagebuch und beobachte die neu ankommenden Pilger. Wieviel dicke und häßliche Menschen es doch gibt! Besonders die Amerikaner mit ihren krebsroten, langen Beinen und den kurzen Hosen. Trotzdem wandern sie Jakobswege. Complimenti! Heute sind viel weniger Pilger hier als gestern. Ab drei verziehe ich mich ins kühle Dormitorium zu einem Mittgsschläfchen, es wird draußen zu heiß.

Ich schlafe gut und tief und hole das nach, was ich heute Nacht versäumt habe. Nun kommt doch eine lähmende Gleichgültigkeit auf, in die ich langsam versinke. Das Pilgergefühl, das ich seit Tagen vermißt habe. Ich habe meinen Weg angenommen. Ab sechs Uhr kommt ein starker, kühler Wind auf, der die Olivenbäumchen biegt.

Ich komme mit Rolonso ins Gespräch, der bereits auf der Terrasse sitzt, sein Brandyglas in der Hand. Er sitzt allein und träumt vor sich hin in den verdämmernden Nachmittag. Dann erzählt er mir seine Geschichte. Er hat einen Herzschrittmacher und zeigt mir den Schnitt in der Brust, wo er eingepflanzt wurde. Er ist seit langem herzkrank, zu 100 % erwerbsunfähig und weiß, daß er nur noch einige Jahre zu leben hat. Nun verstehe ich so einiges, worüber ich gestern geschrieben habe, besser, seinen Zynismus zum Beispiel, und verzeihe ihm. Jeder Mensch hat sein Schicksal und ist geprägt von ihm. Man muß es nur kennen.

Nach dem gemeinsamen Abendessen besuchen wir in der Kirche die Ausstellung über den Maler Zurbarán, der 1598 in Fuente de Campos geboren wurde und 1644 in Madrid starb. Er war einer der größten spanischen Barockmaler und besonders berühmt für seine Halbdunkel-Malerei und seine Stilleben. Er hat vornehmlich religiöse Szenen gemalt und paßte mit seinen verzückten Heiligen so recht in die Zeit der Inquisition. Das Schönste für mich sind die zarten, feinen Stilleben in seinen Bildern, die Krüge, Töpfe und Vasen, die von einer noch nie gesehenen Naturtreue sind. Danach sitzen wir fünf Deutsche noch lange im lauen Abendwind auf der Terrasse in den Regiestühlen, philosophieren und reden über den Weg. Ein dünner Mond steigt über die fernen Hügel vom Türkis ins Nachtblau, an dem bald im Schwarz die Millionen Sterne funkeln.

Auf der Silberstrasse 800 Kilometer zu Fuss durch die endlosen Weiten Spaniens
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