Durch das Tal der Stiere
Mittwoch, der 24. Mai, von Canaveral
nach Galisteo, 29 Kilometer,
gesamt 361,1 Kilometer
17. Wandertag
Heute sollte der wohl schönste Tag meiner Wanderung bisher werden. Um halb acht Uhr verlasse ich Canaveral, zuerst auf der Carretera, dann hinauf in die grünen Hügel, die ich gestern stundenlang hinter dem weißen Ort sah. An alten Mauern, hinter denen Olivenbäume, Gemüsegärten und Weinstöcke wuchern, steige ich bald bergauf durch duftenden, kühlen Kiefernwald. Ich atme tief durch. Ein Gefühl von Heimat nach all der sonnenverbrannten Ödnis der letzten Tage. Am Puerto de los Castaños – dem Kastanienpaß - blicke ich von 500 Meter Höhe auf welliges, grünes Land im Norden, das sich in der Ferne verliert. Ich habe die Steppe der Extremadura hinter mir gelassen. Nun geht es bergab auf weißen Kiespfaden durch Korkeichenwälder auf grünen Wiesen. Die Römerstraße ist nicht mehr auszumachen, der Weg schlängelt sich als Pfad zwischen den Bäumen hindurch. Leider versperrt mir später die neu gebaute Autobahn den Pilgerweg, ich muß hinauf nach Grimaldo, steige dann aber in fruchtbarem Tal zwischen Mauern und uralten Olivenbäumen hinab und finde den Pilgerweg wieder.
Stundenlang lasse ich mich treiben auf weißem Trampelpfad zwischen Weidezäunen. Die Wiesen gehen wieder von Grün in Gelb über, die Korkeichen in Steineichen. Hügel über Hügel wellt sich vor mir mein Weg, ich bin stundenlang allein. Welch ein dramatischer Wechsel, bislang war tagelang ein Tag wie der andere. Gestern noch die dramatische Weite der ausgedörrten Urlandschaft, heute die liebliche Schönheit der Eichen auf den Wiesen.
Ein junges französisches Pärchen überholt mich, der Katalane in seiner schwarzen Kleidung geht an meinem Picknickplatz vorbei, einige schnelle bunte Radfahrer überholen mich. Kühe auf der Weide, Schafe flüchten vor mir über den Weg, eine Herde schwarzer Stiere grast unter mir im Tal. Michael Kasper schreibt in seinem Wanderführer: „Auf einem Weg geht es geradeaus über die Wiese, auf der möglicherweise schwarze Kühe weiden. Haben Sie keine Angst! Es sind keine wilden Stiere!“ Das war vielleicht so, als er den Weg wanderte. Jetzt aber sind es ohne Zweifel Stiere, wie ich an dem schwarzen Pinsel unter dem Bauch leicht erkennen kann. Einer hat mich auch schon ins Visier genommen und funkelt mich aus seinen kleinen, roten Augen böse an. Er senkt auch schon seinen Kopf mit den langen, nadelspitzen Hörnern, schnaubt durch seine erregten Nüstern und scharrt mit den Hufen im gelben Gras, ganz so, wie ich es gestern im Fernsehen in der Corrida in Madrid sah. Was tun, wenn er gleich los stürzt? Ich habe ja rote Socken an! Neben mir ein verrosteter Weidezaun, die wenigen Bäume stehen im Tal, auf die ich sowieso nicht mit meinem schweren Rucksack hinauf könnte. Heiliger Jakob, steh mir bei!
Keine Angst, der Stier hier ist kein wilder Toro, er hat mich nur zur Kenntnis genommen, seine Herde gewarnt, dann grast er ruhig und zufrieden weiter. Trotzdem bin ich ganz froh, als ich das Weidetor hinter mir schließen kann. Man weiß ja nie, was in so einem Stierkopf vor sich geht. Und ob der Heilige mich da schützen kann, wenn das Tier angreift?
Ein Stück laufe ich wieder über die 2000 Jahre alten Steinplatten, die bald wieder verschwunden sind. Nur der Damm zeigt noch an, daß auch hier die alte Straße durch ging. Dafür sind die Mauern links und rechts wieder sauber mit großen Platten geschichtet. Da haben die Bauern die für sie nutzlose Straße abgeräumt und die wertvollen Steine lieber für ihre festen Mauern verwendet!
Nachmittags taucht vor mir auf einem Hügel eine 10 Meter hohe Mauer auf, die kreisförmig einen Ort umschließt, von dem ich nur die Spitze des Kirchturms emporlugen sehe: Galisteo, mein Tagesziel. Beim Näherkommen entdecke ich, daß an die hohe, braune Mauer weiße Häuser mit roten Dächern geklebt sind. Nach Beendigung der kriegerischen Zeiten haben die Nachfolger der Ritter einfach ihre Häuser an die Festungsmauer gebaut, um sich eine Wand zu sparen. Der weißrote Ringwall mit Feigenbäumen, Agaven und roten Bougainvilleen sieht richtig hübsch aus.
Aus der stechenden Hitze kommend, betrete ich durch ein gewaltiges Rundbogentor die Kühle der Stadt. Herrlich, und zuerst ein eiskaltes Bier unter den Kolonaden des Marktplatzes. In der Herberge El Trillo treffe ich die beiden Franzosen wieder und den schweigsamen Katalanen. Die zwei jungen Leute räkeln sich auf ihrem Bett, sie wollen morgen 50 Kilometer bis nach Aldeanueva laufen, obschon er Knieschmerzen hat, eine Schleimbeutelentzündung, die ich später auch noch bekommen sollte.
Es gibt nämlich morgen ein Problem. Die nächste Etappe führt zu den Ruinen von Cáppara, einer verlassenen Römerstadt, wo es aber keinerlei Übernachtungsmöglichkeit oder Sonstiges gibt. Die beiden geben mir den Tip, morgen früh in Carcoboso in der Bar Ruta de la Plata durch Helena, die Wirtin, für morgen abend ein Taxi nach Cáppara zu bestellen, um mich in das 12 Kilometer entfernte Hotel Asturia an der Nationalstraße zu bringen.
Ich aber habe mich anders entschieden. Michael Kasper schreibt: „Sehr romantisch ist die Übernachtung im Freien nach 18,5 Kilometern unter dem römischen Bogen von Cáppara“. Ich schaue mir das Bild des Bogens in romantisch einsamer Landschaft an und träume von einer idyllischen Nacht mit rotem Sonnenuntergang auf grüner Frühlingswiese unter dem sternklaren Himmel des Südens.
Ich kaufe groß ein für mein Abendessen im Freien morgen Abend, auch zwei Liter Wasser muß ich mitnehmen, denn es gibt „auf dem gesamten Weg keine Wasserstelle“ wie mein Führer besorgt schreibt. Ich schleppe zwei große, schwere Plastiksäcke in die Herberge. Das Schlimme beim Wandern ist, daß man immer schleppen muß, tagsüber den schweren Rucksack und abends noch das schwere Essen für den nächsten Tag. Manchmal bin ich es so leid!
Zum Essen geht es heute in das Restaurant Los Emigrantes. Wieder bin ich der Einzige in dem großen Comedor. Die anderen drei kochen sich selber etwas in der Herberge. Es gibt kalten Reissalat, mein „Lieblingsessen“! Ich picke mir die Oliven, Fischstückchen und Paprika heraus und esse nur diese. Ich hätte den Riesenteller sowieso nicht aufessen können. Danach gibt es eine ebenso große Platte mit zartem Fleisch in einer Salsa blanca – einer delikaten Weinsoße. Hm, wie das schmeckt! Später kommt dann doch noch ein Deutscher in den Raum und setzt sich an den Nachbartisch. Es ist ein wenig großsprecherischer Bayer, von Cáceres unterwegs, der auch morgen nach Cáppara will. Wir verabreden uns für morgen Abend in den Ruinen, da bin ich nicht so allein. Er wohnt hier im Hotel und geht auch bald schlafen. Ich setze mich dann noch nach draußen auf die Terrasse, rauche meine Abendzigarre, erst ein Brandy, dann noch ein Whisky auf Eis und träume in die warme Nacht. Wie ich diese warmen Nächte im Süden liebe, wo es um elf Uhr noch nicht kühl wird. Ein Pärchen sitzt am Nachbartisch. Sonst ist niemand mehr da.