Durch ein endloses Land
Montag, der 29. Mai, von Fuenterroble de Salvatierra
nach San Pedro de Rozadas
29,1 Kilometer, gesamt 476,7 Kilometer
22. Wandertag
Heute Morgen stehe ich wieder um sechs Uhr auf. Es wird ein langer, heißer Weg werden. In der Herberge gibt es einen Kaffeeautomaten, der für 30 Cent einen Becher heißen Kaffee ausgibt. Dazu esse ich die süßen Kekse, die ich jetzt immer bei mir habe. Das muß zum Frühstück reichen. Die schönen Bars, wo man morgens schon um sieben Uhr frühstücken konnte, gibt es hier in Kastilien nicht mehr. Ich habe den Süden hinter mir gelassen. Die Holländer und Marguerita gehen schon um halb sieben los. Sie sind immer schneller als ich. Zusammen laufen wir ja nicht. Jeder geht seinen eigenen Weg, seinen eigenen Schritt. Abends treffen wir uns ja sowieso alle wieder in der nächsten Herberge.
Noch nie traf ich einen Pilger, der so schnell seinen kleinen Rucksack gepackt hat wie Marguerita. Ich bewundere und beneide sie, mit wie wenig sie den gleichen Weg schafft mit ihrem Achtkilo-Rucksack wie ich mit meinem Dreizehnkilo-Rucksack. Ich muß noch bescheidener werden auf meinen nächsten Wanderungen! Sie braucht zehn Minuten, dann hat sie gepackt und nichts wie weg. Da bin ich noch dabei, alles fein säuberlich in meine einzelnen Plastiktüten zu wickeln. Und deshalb bin ich immer der letzte.
Um sieben Uhr gehe auch ich dann zum Ort hinaus in die taufrische Morgenlandschaft. Das Land ist noch schwarz von der Nacht, die Bäume wie dunkle Felsen. Hinter der weißgrauen Bergkette wölbt sich ein aprikotfarbener, samtiger Himmel, der im Osten immer gelber und weißer wird. Dann springt die Sonne wie goldenes Messing über die grauen Wände, schnell steigt sie hoch und übergießt alles mit orangefarbenem Licht.
Ich bin wieder auf der alten Cañada, der Schafttrift nach Norden, eine tiefgrüne, saftige Spur, genau ihre vorgeschriebenen 75 Meter breit, abgegrenzt gegen die umliegenden Weiden durch einen rostigen Stacheldrahtzaun rechts und links, der die Cañada aus den endlosen Wiesen mit den Kuh- und Schafherden herausschneidet. Bald sind meine Stiefel naß von dem taufeuchten Gras, silbern glänzt die Spur der vor mir gelaufenen Freunde.
Ich bin allein mit mir und dem taubenblauen Morgenhimmel, hoch über mir jubeln unsichtbar die Lerchen, Störche schweben majestätisch in weitem Flug in die nassen Wiesen, um dann wie weiße Statuen im dunklen Grün zu stehen. Eine Landschaft im Urzustand, der Weg ist eine grüne Spur geworden, all unsere Technik und Zivilisation sind weit weg hinter den fernen Bergen, nur die Stacheldrahtzäune erinnern an unsere Zeit. Ich trinke den Frieden und die Stille eines Paradieses mit mir, den Vögeln und Gottes weitem Himmel über mir. Eichendorff kommt mir in den Sinn:
„Wem Gott will rechte Gunst erweisen,
den schickt er in die weite Welt,
dem will er seine Wunder weisen
in Berg und Wald und Strom und Feld.
Die Bächlein von den Bergen springen,
die Lerchen jubeln hoch vor Lust;
wie wollt ich nicht mit ihnen singen
aus voller Kehl und frischer Brust.
Den lieben Gott laß ich nur walten;
der Bächlein, Lerchen, Wald und Feld
und Erd und Himmel will erhalten,
hat auch mein Sach auf’s Best‘ bestellt.“
Wie jedes Paradies hat auch dieses ein Ende. Nach Überquerung des Río Aragón muß ich aus den schönen, kühlen, endlosen, grünen Weiten hinauf auf steiler, steiniger Piste durch gelbes, ausgewaschenes Geröll auf einen mit schwarzgrüner, vertrockneter Macchia bewachsenen Höhenzug. Jetzt, ab elf Uhr, brennt die Sonne wieder mörderisch auf den steilen, schattenlosen Weg. Oben sehe ich schon die Windrotoren weißsilbern vor dem schwarzblauen Himmel stehen und ihre Propeller müde im Wind drehen. Am Gipfel steht noch ein altes, steinernes Kreuz bescheiden unter den Monumenten unserer Zeit. Ich bin auf dem 1100 Meter hohen Pico de la Dueña, dem letzten Ausläufer der Sierra de Gredos vor der endlosen Weite der kastilischen Meseta. Von der Hitze und dem steilen Aufstieg völlig fertig, krieche in den Schatten eines stachligen Busches. Weit, unendlich weit geht der Blick über die grün gesprenkelte Meseta, einige weiße Punkte deuten auf Häuser hin, ein gelbes Band am Horizont ist die Carretera nach Salamanca. Sonst wieder das Nichts, die Leere, die Monotonie, über die sich der ewig gleiche blaue Himmel wölbt. Ich drehe mich: daher kam ich, dahin gehe ich – es sieht alles gleich aus, 360 Grad ein erstarrtes Meer aus gelben und grünen Flecken. Die Meseta ist jetzt 900 Meter hoch und geht endlos so weiter bis an die Berge der Sierra Cantábrica im fernen Norden, wo ich noch hin muß.
Man fragt mich oft, warum ich das überhaupt mache – Jakobswege wandern. Warum ich all die Strapazen auf mich nehme, das lange Alleinsein, die Entbehrungen, die schlechten Herbergen, die Anstrengungen der langen Fußmärsche. Ja, warum mache ich das alles? Ich könnte bequem und entspannt auf meiner Terrasse in Italien sitzen oder am glasklaren Wasser des Mittelmeeres liegen, Ausflüge in die ligurischen Berge machen oder mit meiner Frau eine Autotour durch die Provence oder die Toskana. Ja, warum gerade Jakobswege?
Es sind wohl verschiedene Beweggründe, wenn ich so darüber nachdenke. Erst einmal ist es wohl eine unstillbare Neugierde, die mein ganzes Leben durchzieht, die Neugierde auf fremde Länder, unbekannte Orte, ungesehene Menschen. Diese Neugierde zog mich mit 16 Jahren mit Fahrrad und Freund Christoph 1956 nach Südfrankreich, mit 28 für zwei Jahre nach USA, später mit Frau und Kindern jeden Sommer auf die Ägäischen Inseln, dann noch später nach Ligurien in mein kleines Bergdorf, zweimal nach Nepal in den Himalaya zur Annapurna und zum Fuße des Mount Everest. Dann kamen die Jakobswege. Erst war es wieder die Neugierde, etwas noch nie Gesehenes, noch nie Gemachtes zu erleben, wieder neue Wege zu entdecken, Spuren zu finden, die ich noch nicht gegangen, Berge, die ich noch nicht erstiegen hatte.
Der erste Jakobsweg machte mich neugierig auf den zweiten, dieser auf den dritten, und so zog ich Jahr für Jahr wieder hinaus auf diesen Wegen ins unbekannte Frankreich und Spanien. Aber dann begann etwas Neues, etwas Anderes, etwas Ungeahntes diese unstillbare Neugier zu überlagern. Es war wie eine Faszination. Ich entdeckte eine Mystik, etwas Heiliges, etwas Religiöses, nach dem ich mein Leben lang gesucht hatte, etwas, was ich weder bei Bhagwan in seinem Ashram noch bei Buddha im Himalaya gefunden hatte. Ich erlebte eine Zwischenwelt zwischen dem Realen der Natur, der Umwelt, durch die ich wanderte und dem Irrealen einer geistigen Welt, einer großen tausendjährigen Vergangenheit, deren Teil ich wurde. Ich fand meinen Heiligen, ich entdeckte meinen Gott wieder, ich tauchte tief in eine längst vergessenene Geschichte ein, wurde einer der langen, endlosen Schar der Pilger vor mir, neben mir und nach mir.
Und so wurde ich süchtig. Immer süchtiger von Mal zu Mal nach diesen stillen, einsamen, menschenleeren Wegen durch unberührte, vergessene Natur, mit nichts als dem staubigen Weg unter mir, dem endlosen, blauen Himmel über mir, den nebelfeuchten Wäldern des Nordens, den sonnenverbrannten Steppen des Südens, dem endlosen Rauschen des Meeres an den sturmumtosten Klippen und dem Säuseln des warmen Windes in den Gräsern. Und dem endlosen Schweigen über einer leeren Landschaft. Ich wurde süchtig nach den honiggelben Städten des Südens, den gigantischen Kathedralen mit ihren Säulenwäldern und toten Heiligenfiguren, den ernsten Bischöfen an den Säulen und den im ewigen Schlaf liegenden steinernen Rittern, den jauchzenden Orgeltönen im dämmrigen Halbdunkel der Kirchen und den klagenden Gaitaspielern unter den Torbögen.
Ich wurde süchtig nach den unzähligen Menschen, die ich traf auf meinen Wegen, den höflichen Franzosen, den lustigen Italienern, den lebendigen Holländern, den gebildeten Deutschen und den verschlossenen Spaniern. Nach den Eseln am Weg, den Kühen auf den Weiden, den Schweinen unter den Eichen, den endlosen Schafherden, die mich umringten und an mir vorbeiflossen.
Und nach den stillen, sonnendurchglühten Wiesen, in denen ich lag unter schattigem Baum, den Ausblicken in die weiten, grünen Täler und auf die endlosen in der Ferne blauenden Höhenrücken, nach dem Schrillen der Zikaden, dem Brummen der Hummeln und den Ameisen, die neben und über mir durch die Gräser krabbelten. Nach dem Einssein und Verschmelzen mit einer übermächtigen Natur, die mich aufnahm in ihre Arme, Mutter Erde, Gaia, Zauberin, Verführerin.
Deshalb wandere ich Jakobswege.
Jakobswege zu gehen ist für mich aber auch die Möglichkeit zu einer Flucht. Flucht vor einer, mich immer mehr einengenden bedrückenden Welt mit Computer, Telefon, Fernsehen. Eine übertechnisierte Welt, die meine Gefühle erdrückt, meine Freiheit unterdrückt, meine Seele bedroht. Der Jakobsweg ist eine Fluchtmöglichkeit aus dieser bedrohenden und letztlich tödlichen Welt.
Wenn ich aus dem Flugzeug steige, den Zug verlasse, die erste Herberge am nächsten Morgen, dringe ich in eine neue, verführerische Welt ein: die Welt der Natur, die Welt des Lebens, Gottes Welt. Ich brauche dazu nicht in den Himalaya zu gehen – da war ich schon – auch die Wüste und die Antarktis brauche ich nicht. Diese Natur liegt am Weg, mein Weg durchquert sie, sie liegt zwei Flugstunden von meiner Wohnung in Frankfurt entfernt: leere, schweigende Wälder, endlose Felder, Wiesen, Steppen und Halbwüsten, menschenleer. Eisenbahn, Straßen, Hochspannungsmasten, all das, was meine Welt zu Hause so sehr beschneidet und einengt, ist auf einmal so weit weg. Ich habe keine Termine mehr, muß nichts mehr besorgen, kein Telefon, kein Handy, kein Fernsehen, keine Tageszeitung, keine Sensationen, Katastrophen, Unfälle, Kriege. Ich streife den Ballast unserer Zivilisationsgesellschaft ab wie die Schlange ihre alte Haut und fliege nackt durch mein Paradies.
Ich tauche in eine heile Welt, eine Welt der Schönheit, der Harmonie, des Friedens. Vögel sind meine Begleiter, Kühe und Schafe meine Freunde, Käfer mein Vergnügen. Bruder Wolf, Schwester Vogel, wie Franz von Assisi gesagt hat. Nur der schweigende, blaue Himmel wölbt sich über mir, der Wind streicht durch mein Haar, die Sonne streichelt meine Haut. Hunger, Durst und Hitze sind meine Sorgen, Schmerzen meine Katastrophen, Erschöpfung mein Unglück.
Aber ein tiefes Glück erfüllt mich den ganzen langen Tag, von den feuchten Nebeln des Morgens, den Strahlen der Mittagssonne bis zur Hitze des Spätnachmittags. Gewiß, es sind „Kleine Fluchten“, wie der unvergessene Schweizer Film sie das erste Mal darstellte, kleine Fluchten, vier Wochen lang, sechs Wochen, acht Wochen, von denen ich dann wieder gerne in meine bürgerliche, geborgene Welt zurückkehre. Aber sie sind es wert zu fliehen. Ich habe den Atem der Freiheit gespürt, der Faszination des Abenteuers gelauscht, den Hauch der Ewigkeit geahnt.
Auch deshalb wandere ich Jakobswege.
Gierig trinke ich mein Wasser. Ich mache jetzt bei den langen Etappen und der großen Hitze eine regelmäßige Tageseinteilung. Die erste Pause um zehn mit Wasser und einer Orange. Picknick um zwölf. Dann weitere Pausen um zwei, drei und vier Uhr, jeweils eine Viertelstunde mit viel Wasser und der zweiten Orange. Heute trinke ich 2 Liter Wasser, keinen Rotwein.
Die Römerstraße auf der Cañada ist wohl unten im Tal geblieben und hat den Höhenrücken umgangen. Die mittelalterlichen Pilger nahmen ja selten den direkten Weg. Sie eilten von Kapelle zu Kapelle, von Pilgerkreuz zu Pilgerkreuz, um zu beten und Steine abzulegen. Oft führten die Wege gerade in weiter, ebener Landschaft auf den einzigen Berg oder Hügel, um sich einen Überblick zu verschaffen über das Land, das noch vor ihnen lag, führten doch die Wege im Mittelalter vor den großen Landrodungen der Neuzeit tagelang durch dichte, verfilzte, niedere Buschwälder, aus denen es keine Aussicht gab. Heute ist alles baumloses Land, früher war es menschenleerer, undurchdringlicher Urwald, aus dem nur die einzelnen Hügel ragten.
Nun muß ich auf der steilen Geröllpiste wieder herunter, vorsichtig mit meinem Stock mich stützend, um den immer wieder schmerzenden Fuß zu schonen. Eine endlose Straße windet sich durch ebenso endloses, baumloses Land, 12 Kilometer, der Asphalt kocht bei 35 Grad und klebt an den Stiefeln wie Kaugummi. Gott sei Dank gibt es bald eine Kiespiste längs der Landstraße, überraschenderweise durch zauberhafte Blütenwiesen, Millionen von weißen, gelben und lila Blumen. Insekten summen, Schmetterlinge taumeln, die gräßlichen Fliegen versuchen auf meiner schweißnassen Haut zu landen. Ein stetiger Wind kühlt ein wenig, trotz der Hitze wird mir der Weg durch die Frühlingsauen nicht lang.
Alle 30 Minuten kriecht ein Auto auf der Straße entlang. Am Landgut Deheso del Mendigos, das gelb und heiß und verschlafen an der Straße nach der Brücke liegt – übrigens das einzige menschliche Gebäude heute am Weg – versuche ich Autostop. Obschon ich der einzige lebende Mensch in dieser Einöde bin, rauschen drei Wagen mit überhöhter Geschwindigkeit an mir vorbei. Sie geben direkt Gas, wenn sie mich sehen. Sehe ich so schlimm aus, mit meinem Strohhut, Sonnenbrille, Pilgerstab und Rucksack? Später erzählen Leute mir, daß Spanier grundsätzlich keine Anhalter mitnehmen.
Ich gebe es auf und trotte noch acht Kilometer weiter durch nun wieder welliges Land mit schönen Ausblicken auf die weiten Felder. Vor mir sehe ich weit im Tal die beiden Holländer, zwei winzige bunte Menschlein, die sich kaum bewegen in der endlosen Weite. Total erschöpft komme ich in San Pedro an, in der Bar Morena kippe ich erst einmal ein eiskaltes Bier und eine Cola herunter. Die Wirtin hat eine kleine private Herberge um die Ecke, ein weißes Häuschen mit blau gestrichenen Fenstern und Türen, zwei Schlafzimmern mit acht Holzbetten und einen Aufenthaltsraum mit offenem Kamin und kleiner Küche. Alles recht gemütlich und persönlich eingerichtet, es liegen Bücher und Zeitschriften herum zum Lesen.
Heute essen wir alle noch einmal zum letzten Mal gemeinsam in der Bar zu Abend: die Holländer, die Spanier und Marguerita. Dazu wird eine Holzplatte über zwei Tische gelegt, mit Papier weiß gedeckt und darauf Teller und Gläser gestellt. Der Fernseher mit Stierkampf läuft in voller Lautstärke ungestört weiter, die Männer starren auf die Bildröhre, das Neonlicht wird ganz aufgedreht. Der Sohn der Wirtin, der hinter der Bar steht, hat ein schönes Gesicht wie ein Torero und ist auch so arrogant. Es gibt einen schönen Salat: Spargel, Tomaten, gekochte Eier, Kartoffeln, Erbsen, dazu diese weiße, fettige Mayonnaise. Marguerita schwätzt pausenlos und sehr schnell mit den Spaniern, ich verstehe wenig. Der eine der beiden, mit Bart und lustigen Augen, trägt ein T-Shirt mit Aufdruck: „Carribean Company“.
Um elf Uhr kommen noch die beiden Dorfpolizisten an die Bar mit schweren Pistolen in den schwarzen Holstern. Der eine zündet sich eine dicke Zigarre an. Rauchen ist in dieser Bar ausdrücklich erlaubt: „Se permitte fumar“ verkündet ein silbernes Plastikschild an der Wand. Die beiden Holländer liegen schon längst im Bett.