Das Museum der Romanik
Samstag, der 3. Juni, von El Cubo de la Tierra del Vino
nach Zamora, 32 Kilometer
Gesamt 568,6 Kilometer
26. Wandertag
Dies war keine gute Nacht in meiner einsamen Herberge. Dauernd ist mir das Bettzeug verrutscht auf dem durchgelegenen Feldbett. Als ich in der Nacht aufstehen muß, merke ich, daß ich vor Schmerzen im Fuß nicht mehr auftreten kann. Ich muß meinen Wanderstock zur Hilfe nehmen, um mich abzustützen und ins Bad zu kommen. Morgens gibt es dann das dazu passende Frühstück: kalter Nescafé, da es kein warmes Wasser gibt und trockenes Weißbrot, das unterste Pilgerniveau.
Dafür bin ich bereits um sieben Uhr auf der Piste, ich muß ja heute 32 Kilometer schaffen! Es ist bitterkalt und heulender Sturm. Ein eisblauer Himmel zeigt die letzten Sterne, ein orangezarter Streifen am Horizont kündigt die Sonne an. Mit Regenjacke und Kapuze trotze ich dem Wind, bei jedem Schritt trete ich auf ein Messer. Meine Muskeln und Sehnen sind noch steif und kalt, kein Morgenkaffee wärmt meinen Körper, die Nacht hat mich ausgelaugt, der kalte Wind nimmt mir die letzte Wärme. Die Zahnschmerzen sind wieder schlimm, ich kann nur noch mit Schmerzmitteln laufen. Das Land hat sich nicht geändert. Stunde um Stunde stapfe ich tapfer die Piste entlang, staubig und weiß mit gelbem Sand, baumlos von Hügel zu Hügel und menschenleer bis an den fernen verdämmernden Horizont.
Vor der Bar in Villanueva treffe ich Marguerita wieder, die sich diesmal an zwei Italiener gehängt hat. Sie sind heute morgen mit dem Bus von Salamanca nach El Cubo gafahren. Wir essen gemeinsam Bocadillos, dann laufen sie mir davon. Sie sind jünger und stärker. Mittags in der Wärme stabilisiert sich mein Fuß, ich kann stellenweise schon wieder flüssig laufen. Die Wärme und die Bewegung tun gut. Mittags schlummere ich eine halbe Stunde im kühlen Schatten eines Pappelwäldchens. Nachher bin ich ganz weiß von dem Pappelsamen wie nach einem Schneefall. Dann will ich nicht mehr raus aus dem warmen Gras in den brüllenden Sturm.
Der Weg nimmt kein Ende, der mörderische, kalte Wind tobt den ganzen Tag. Hört er einmal auf in einer Senke, ist die Sonne sofort glühend heiß. Die Luft ist so klar, das Licht so gleißend wie auf dem Mond. Hügel über Hügel, endlich muß doch Zamora kommen. Noch ein Tal, noch eine trockene Bergkuppe, verkommene, stinkende Bauernhöfe, Schutt und Abfall neben der Piste, quiekende Schweine hinter weißen Mauern, Kühe, die nach Futter schreien. Ein letzter schweißtreibender Anstieg, ich bin völlig fertig, schleppe mich nur noch mit zitternden Knien voran. Dann das ewig gleiche Wunder, ein Schritt, die Staubpiste wird zur Asphaltstraße, Häuser rechts und links, die Bar an der Straßengabelung. Das erste Bier stürze ich in einem Zug herunter. Ich bin wie ein Schwamm, der leer und trocken von der Flüssigkeit angefüllt wird, erst das zweite Bier löscht den Durst, bringt Erfrischung, Ruhe, Erlösung.
Schön liegt die Kathedrale über dem blauen Strom, honiggelbe trutzige Türme mit winzigen Schlitzen der wenigen Fenster, Kubus über Kubus türmt sich vom Wasser den Hügel empor, zeitlos, im Fluß auf versoffenen Bögen die ehemaligen Mühlen. Ich liege im Gras vor dem wispernden Schilf, das Wasser zieht träge über glucksende Steine, Enten spielen auf wachsenden Kreisen. War ich nicht eben noch in der afrikanischen Savanne, gelb verbrannt unter tödlicher Sonne? Ein Fenster öffnet sich in ein Paradies, grün und frisch und blau und weich, die Römerbrücke spannt rosagelb im Abendlicht ihre jahrtausende alten Bögen über den fließenden Strom. Ich erkenne gleich, dies ist eine ruhige, alte, vornehme Stadt. „Museum der Romanik“ wird sie deshalb auch genannt, unverändert, unzerstört überkommen aus der fernen, alten Zeit der christlichen Ritter.
Wenn ich die Wildnis verlasse, sehe ich immer aus wie ein Soldat, der aus dem Manöver kommt, über und über mit gelben Ähren behangen, die überall sind. Die Schuhe sind rot von dem Staub, der auch überall ist.
An der Plaza Mayor finde ich das einfache Hostal „La Reina“ – die Königin – für 20 Euro pro Nacht. Diese Stadt gefällt mir, lange sitze ich noch auf einem Platz unter schattigen Platanen gegenüber dem Parador im Palast Alba y Aliste und trinke einen schönen weißen Wein aus der „Tierra del Vino“. Ich bin heimgekehrt in die Umarmungen der Zivilisation, die Geborgenheit der alten menschlichen Kultur. Zum Essen finde ich ein feines Reataurant, gleich neben meinem Hostal. Es ist auch das Einzige an der Plaza Mayor, alle anderen sind Bars oder Cafeterias. Ich habe keine Lust, weiter zu suchen. Als ich eintrete, merke ich gleich, daß es wohl sehr teuer werden wird, aber mich umarmt die vornehme Eleganz nach all dem Dreck und Staub und der Primitivität der letzten Tage. Heute belohne ich mich. Santiago erlaubt es. Außer zwei Holländern bin ich um halb zehn der Einzige, der trotzdem gleich an einen Tisch ganz in der Ecke gesetzt wird. Das Lokal ist leer, auf jedem weiß gedeckten Tisch steht eine Armada von Gläsern, Tellern, Bestecken und gefalteten Servietten. So ist das, wenn man ein Single ist!
Das Restaurant ist wieder so elegant modern eingerichtet zwischen den rohen Sandsteinwänden, wie die Spanier es lieben in ihren alten Städten. Ich auch. Endlich kein laut aufgedrehter Fernseher mit Stierkampf und Fußball. Dafür laute Musik und gleißendes Licht. So mögen es die Spanier. Ich nicht. Dann aber kommt’s: Gänseleber karamelisiert auf Blinis. Danach butterzartes Rindfleisch in brauner Rotweinsoße mit Trüffeln. Dazu trinke ich einen Toro roble 2001. Das ist kein Stierblut, sondern ein Wein aus dem Nachbarort Toro, der Hauptstadt der Tierra del Vino. Zum Dessert einen braunen heißen Schokoladenklecks auf riesigem, weißen Teller mit einem delikaten Fruchteis. So belohnt Santiago seine Pilger, wenn sie aus der Wüste kommen. Leiden und Freuden, Entbehrung und Genuß, das ist das Glück der Jakobswege. Ich tu mir gut. Gestern ein Bettelmann, heute ein König.
Ich frage, ob ich an die Bar muß zum Rauchen. Man serviert mir Streichhölzer „Tres Estrellas“ und eine silberne Zigarrenschale „Montechristo“. Dazu einen feinen Brandy 1866 Gran Reserva. Die Spanier kommen erst um halb elf. Ich knoble, wie ich die nächsten Tage verbringen werde. Ich muß einiges an meinem Plan ändern. Ich habe nämlich eine Verabredung mit drei Pilgerfreunden, zwei Holländern und einem Franzosen, die ich im vorigen Jahr auf dem Camino Primitivo in Asturien traf. Wir wanderten einige Tage gemeinsam und wurden Freunde. Als ich sie im Januar dieses Jahres in Delft besuchte, verabredeten wir ein Treffen Anfang Juni in Zamora, um wieder ein Stück Weges gemeinsam zu wandern. So geht das auf dem Weg. Man kennt sich nicht, man trifft sich, wird Freund fürs Leben und sieht sich wieder. Wir sind alle Jakobs Kinder. Er führt uns zusammen, wenn er will. Er führt uns alle auf seinem großen Schachbrett, Figuren sind wir nur, er hat den Plan, wir folgen ihm. Er weiß warum und woher und wohin. Er kennt sich aus und wir fragen nicht.
Die Drei wollen Dienstag kommen, heute ist Samstag. Ich muß also noch drei Tage in Zamora bleiben. Ich wollte sowieso hier einen Ruhetag einlegen, nun bleibe ich eben drei Tage. Mein schmerzender Fuß braucht Ruhe, mein erschöpfter Körper auch, außerdem muß ich unbedingt übermorgen zum Zahnarzt, der Zahn ist wohl enzündet, da muß etwas geschehen, ich kann kaum mehr zubeißen auf der rechten Seite. Außerdem ist die nächste Etappe nach Granja de Moreruela 41,3 Kilometer lang – laut meinem Führer – das kann ich sowieso nicht an einem Tag schaffen, da muß ich mir etwas einfallen lassen. Also erstmal abwarten und ausruhen. Der Kellner in diesem feinen Lokal hat einen schwarzen Schnauzbart und trägt ein gestreiftes Hemd elegant über seinen Jeans.