Die Patas Negras

Dienstag, der 9.Mai, von El Real de la Jara

nach Monesterio, 19,7 Kilometer

gesamt 107,2 Kilometer

5. Wandertag

Heute bin ich der erste, der in den kühlen Morgen läuft. Meine vier neuen Freunde brauchen etwas länger, um aufzubrechen. Jetzt tauche ich ein in die Sierra Morena, die das andalusische Becken von dem Becken des Guadiana trennt. Das zentrale Hochland Spaniens wird von drei Becken gebildet, die von West nach Ost verlaufende Gebirgszüge von einander trennen. Im Süden das Becken des Guadiana mit der Stadt Mérida im Zentrum, nördlich davon das Becken das Tajo mit der Stadt Cáceres. Zwischen beiden die Sierra de Guadelupe. Ganz im Norden der Río Tormes mit Salamanca und der Río Duero mit Zamora. Dazwischen liegt die Sierra de Gredos mit Höhen von immerhin bis auf 2.592 Metern. Die Becken sind heiß und wüstenartig, die Höhenzüge kühl und frisch, auf der Sierra de Gredos liegt im Mai noch Schnee. Die Iberische Halbinsel hebt sich von Süden nach Norden immer höher empor, die Meseta Kastiliens ist im Mittel 900 Meter hoch, ein rauhes, arides Tafelland mit glühend heißen Sommern und eiskalten Wintern. Ein kastilisches Sprichwort sagt: „Nueve meses de invierno y tres meses de infierno“ – Neun Monate Winter und drei Monate Hölle. Ich sollte das noch kennen lernen.

Noch bin ich in den kühlen, klaren Höhen der Sierra Morena, kurz hinter El Real wacht auf grünem Hügel eine Burgruine am Weg, rotbraune Rundtürme recken ihre Stümpfe in den zarten Morgenhimmel. Hier überquert der Weg auf alter Brücke einen Bach und damit die Grenze zwischen Kastilien und Extremadura. Kein Zweifel, ich bin auf der alten Römerstraße, denn diese Burg bewachte und sicherte im Mittelalter den Grenzübergang. Leicht steigt der Weg bergauf, eine gelbe Piste durch die Steineichenwälder. Zäune auf beiden Seiten, dahinter Schaf- und Ziegenherden grasend in pastoraler Landschaft, der Frieden des frühen Morgens mit dem zitternden, goldenen Licht der flachen Sonne hinter den schwarzen Schatten der Bäume.

Ich begegne den ersten „Schwarzen Schweinen“, den Patas Negras – eigentlich den Schwarzpfoten – von denen der köstliche, leicht salzige Jamón Ibérico stammt, Spaniens Köstlichkeit, den man fein geschnitten auf großem Teller, überträufelt mit Olivenöl, zu Weißbrot und Rioja ißt. Die Schweine sind flinke Kerlchen, mit glänzender, graubrauner Haut, schmalen Köpfen und Körpern auf flinken Beinchen, so ganz anders als unsere fetten, grunzenden, rosa Hausschweine. Sie leben ihr ganzes Leben draußen auf den Wiesen unter den Steineichen und ernähren sich von den Eicheln, die von den Bäumen fallen. So wie die Natur, so schmeckt auch ihr Fleisch. Neugierig quiekend kommen sie schnüffelnd an den Zaun, wenn wir Wanderer vorbei kommen. Vielleicht erwarten sie einen Apfel, ein Stück hartes Brot.

Heute ist so ein ganz anderer Tag als gestern, die alte Römerstraße schlingt sich kiesbestreut durch die bukolische, sanfte, stille Landschaft, kein Haus, keine Straße, nur duftende Natur den ganzen Vormittag lang. Ich atme wieder froh und frei, die Enttäuschung von gestern ist vergessen. Auf dem Weg entdecke ich einen Gruß, mit weißen Kieseln ausgelegt: „Buen camino a todos“, dann bemerke ich ein kleines grünes Zelt, aus dem sich ein verwuschelter, verschlafener Kopf schiebt – Max, der Italiener, der abends immer mit uns ißt und dann mit seinem Zelt in den Wald zieht. Auch dir ein „Buon giorno, lieber Max, a lugo.“ – bis bald. Wir werden uns heute Abend wiedersehen.

Leider ist das Paradies nach zweieinhalb Stunden zu Ende, brutal zerschneidet die neue Autobahn die friedlichen Wälder. Eine unmenschlich breite, rostbraune Schneise zerteilt den Wald, auf der gelbe, riesenhafte Caterpillar auf Ballonreifen entlang kriechen, hundert Meter lange schmutziggelbe Staubfahnen hinter sich herziehend. Der Lärm ist unerträglich, wenn sie mit ihren häßlichen Schaufeln den Fels aufkratzen und ihn polternd und knirschend in die Muldenkipper schaufeln. Ich hetze über die staubtrockene Fahrbahn, fröhlich winken die Bauarbeiter den Jakobspilgern zu. Was mögen sie denken? Ob sie uns verstehen? Bestimmt sind wir in ihren Augen arme Irre, deren Beweggründe sie nicht begreifen, deren Ziel sie nicht kennen. Obschon in Spanien die Jakobspilger und das Pilgern nach Santiago Tradition hat und auch von den einfachen Leuten verstanden wird.

Ab Mittag dann ein glühend heißer Aufstieg zwischen rotstaubiger Baustelle und lärmender Carretera durch schütteren Pinienwald mit gelben, verklebten Blättern zum Puerto de la Cruz auf 800 Meter Höhe. Hier dient die alte nicht mehr befahrene Nationalstraße als Weg, die sich schlaglochübersät, schattenlos in Serpentinen nach oben windet. Hinter dem Gipfelkreuz mit den Steinbänken, wo früher die Pferdefuhrwerke Rast machten, liegt auf naher Höhe Monesterio in der glühenden Nachmittagssonne. In der Herberge des Cruz Roja – des Roten Keuzes – sind alle Türen noch verschlossen, Pilger warten vor der Tür, da laufe ich weiter zum Hostal Moya, das mein Führer empfiehlt, in dessen kühlen Räumen ich für 20 Euro unterkomme. Ich schlafe von drei bis fünf, bin immer noch erschöpft und noch nicht an die Hitze und Trockenheit gewöhnt. Eine Blase am linken Fuß und ein entzündetes Hühnerauge am kleinen Zeh rechts schmerzen höllisch. Außerdem tut mir immer noch die Zerrung weh, die ich mir im April in Italien zugezogen habe, als ich mit dem rechten Fuß auf einer hohen Stufe umgeknickt bin. Ich hoffe nur, dass dies bald besser wird.

Monesterio ist einer dieser Unorte, wie ich sie nenne, die häßlich und modern verbaut, an der lärmenden Carretera liegt. Nichts erinnert mehr an die stillen, schönen, weißen Städtchen in Andalusien. Mit Mühe entdecke ich eine moderne Bar an der Nationalstraße, die einzige, die nachmittags geöffnet hat, in die ich mich vor der sengenden Hitze und dem lärmenden Verkehr flüchte. Innen ist alles neu und modern, angenehm kühl von der Klimaanlage, vor dem Fenster donnert ein autobahnähnlicher Verkehr vorbei. Der Lärm ist unbeschreiblich, mit Blaulicht werden Betonteile für eine Autobahnbrücke transportiert. Laster folgt auf Laster und rauscht mit unverminderter Geschwindigkeit und quietschenden Bremsen durch den Ort.

Hier drinnen ist es wenigstens angenehm kühl, bald kommen auch Gebhard und Cäcilie auf einen Drink vorbei. Max steht schon an der Bar. Ich lade ihn auf Italienisch zu einem Bier ein, er setzt sich an meinen Tisch. Wir reden ein wenig über Italien, ich erzähle ihm von meinem Haus in Ligurien, er von seinem in den Marken. Als ich später mein Bier bezahlen will, hat er alles schon bezahlt. So sind sie, meine Italiener.

Abends treffen alle in dem Restaurant meines Hostals ein, wir sitzen gemeinsam an einem langen Tisch, es gibt eine vortreffliche Minestrone auf spanische Art, mit frischem Gemüse und Gewürzen aus dem Garten. Ich zahle nur 7,50 Euro für mein Pilgermenü mit einer Flasche Rotwein, Sonderpreis für Hotelgäste. An den Nachbartischen sitzen spanische Fernfahrer und Vertreter, die hier übernachten.

Auf der Silberstrasse 800 Kilometer zu Fuss durch die endlosen Weiten Spaniens
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