Auf der Cañada

Donnerstag, der 25. Mai, von Galisteo

nach dem Hostal Las Asturias, 29 Kilometer gelaufen

Gesamt 390,1 Kilometer

18. Wandertag

Hinter Galisteo überquere ich den still dahin treibenden Río Jerte auf alter Brücke. In der Mitte steht auf steinernem Podest ein Heiliger, der über die Brücke wacht. Auf einmal bin ich in einer bezaubernden frischen Landschaft. Der Fluß mäandert träge durch grünstrotzende, feuchte Wiesen, unterbrochen von kleinen Pappelwäldchen, deren Blätter leise im Morgenwind zittern. Ich bin wieder allein auf der Landstraße, die anderen sind schon früh weg. Das Land ist mild und fruchtbar, ich fühle mich ein wenig nach Norddeutschland versetzt, Felder mit Kohl, Zwiebeln und Mais.

Unbegreiflich sind mir immer wieder die Gegensätze dieses Landes, vorgestern die verbrannte Wüstensteppe, heute die bewässerten grünen Niederungen der Flußauen. In Carcaboso nach zwei Stunden treffe ich in der Bar beim Bier den scheuen Katalanen, der mich endlich einmal anspricht und mich zu einem Kaffee einlädt.

Er geht noch den gleichen Weg, will aber von Cáppara abbiegen zur Nationalstraße, um in einem Hotel zu übernachten. Ich erzähle ihm, daß ich in Cáppara im Freien unter dem Triumphbogen schlafen will. Wir plaudern noch ein wenig über die Jakobswege, er verabschiedet sich. Ich sollte ihn nie mehr wiedersehen. Menschen trifft man auf dem Weg und verliert sie wieder. Im Grunde ist man ganz allein.

Ich breche in dem heißen Mittag auf, der Weg zieht nun steil bergauf, hinaus aus dem Tal des Río Jerte. Ich habe heute viel zu schleppen, mehr als sonst, da ich ja doppelt Wasser und mein Essen für heute Abend mittrage. Ich schätze so um die 17 Kilo. Die Gegend ist wieder wie gestern, Stein- und Korkeichen auf gelben Wiesen.

Endlos schlängelt sich der Weg zwischen zerfallenen Mauern, die einstmals die römische Straße waren. Frieden in einer stillen, menschenleeren Landschaft, einer schönen Landschaft, nur etwas langweilig, da sich stundenlang nichts ändert. Wenigstens spenden die mächtigen Steineichen Schatten und ein leichter Nordwind kühlt.

Der Weg nimmt wieder einmal kein Ende, am späten Nachmittag erreiche ich das Landgut Venta Quemada, das weiß und gewaltig hinter einer großen, geschlossenen Mauer in einem verwilderten Park vor sich hinträumt. Am Weg steht das Dienstgebäude hinter weinüberwucherter Pergola, zwei alte Leutchen sitzen auf der Steinbank, ein gelber Hund schläft im Staub. Sie sind die einzigen Menschen, die ich nach Carcaboso sah. Ich setze mich zu ihnen auf die Bank, die alte Frau läuft ins Haus und bringt mir einen Krug kaltes Wasser, das ich gierig trinke. Wir erzählen ein wenig über den Camino, viele Menschen kommen hier nicht vorbei.

Am Gutshaus beginnt eine Cañada. Cañadas sind Viehtriften, das heißt Wege, die die Schafherden benutzen, um die so genannte Transhumanz, den Weidewechsel zwischen den Sommerweiden im Norden und den Winterweiden im Süden zu vollziehen. Die Schafzucht war im Mittelalter der entscheidende Wirtschaftszweig Kastiliens. Gegen Ende des Mittelalters gab es etwa zwei Millionen Schafe, und dank seiner Wollausfuhren wurde Kastilien zu einem der reichsten Länder Europas. Das Funktionieren des Weidewechsels war darum von vitaler Bedeutung und im 14. Jahrhundert wurden die wichtigsten Wege – die Cañadas – gesetzlich geschützt. Die bedeutendsten erhielten den Titel „königlich“ – Cañadas Reales. Schon die Keltiberer hatten auf diese Weise ihre Schafe vom Süden in den Norden getrieben. Später übernahmen die Römer diese uralten Pfade für ihre Militärstraßen und machten daraus die Calzadas Romanas, über die ich ja schon seit einer Woche laufe. Im Laufe der Jahrhunderte verloren die Cañadas ihre Bedeutung, aber noch heute wird die Transhumanz in einigen Regionen Spaniens auf große Distanz praktiziert, und seit einigen Jahrzehnten bemüht man sich, einige Cañadas zu reaktivieren.

Im Mittelalter war ihre Breite gesetzlich vorgeschrieben: 90 kastilische Ellen – 75 Meter – aber im Zuge des Verfalls der Cañadas wurden sie von den anliegenden Landgütern immer mehr beschnitten, bis heutzutage meist nur noch eine breite Piste übrig geblieben ist. Eine Ausnahme bietet diese prächtige, breite Cañada, die über 5 Kilometer noch original erhalten ist. Ich erkenne es an den beiden Steinmauern, die exakt im Abstand von 75 Metern parallel nebeneinander verlaufen. Dazwischen mäandert der Weg endlos auf weißem Sand durch blühende Frühlingswiesen. Hier wird nichts abgemäht, die Wiesen bleiben für die Schafherden, die fressend hier entlang getrieben werden. Gelbweiß geschliffene runde Felsbuckel liegen verstreut, mächtige Steineichen säumen den Weg. Ein kleines Paradies, wenn ich nicht so müde und geschafft wäre von dem schweren Rucksack und dem harten, langen Weg. Der ersehnte Bogen von Cáppara will nicht kommen.

Doch dann senkt sich der Weg durch grüne Gärten, einige Kurven noch und vor dem abendroten Himmel steht schwarz das Stadttor von Cáppara. Ich bin enttäuscht. Ich hatte einen Bogen erwartet auf grünen Wiesen, mein Führer schreibt: „Eine Übernachtung unter dem Bogen von Cáppara ist ein unvergeßliches und außergewöhnliches Erlebnis, wo sich zahlreiche Pilger zum nächtlichen Happening einfinden“. Mein Bogen steht einsam und verloren auf schwarzem Schotterbett zwischen rostigroten Drahtzäunen, hinter denen gelbe, staubige Ruinenfelder liegen. Außer mir ist sowieso niemand zum Happening da. Das Besucherzentrum ist geschlossen, die Tore versperrt. Auch der angekündigte Bayer ist nicht da.

Weiter kann ich nun nicht mehr. Ich suche etwas herum, öffne ein Gatter in einer hohen Mauer und finde eine geschützte Wiese mit Büschen und Olivenbäumen und herrlichem Blick in die weite abendliche Landschaft. Das ist mein Platz. Runter mit dem Rucksack, die Schuhe aus, die Isomatte auf die Wiese unter einen Baum, den Schlafsack raus. Hier werde ich es mir gemütlich machen. Ich lege mich nieder, Rotwein, Brot, Käse, Schinken, Tomaten ausgepackt, mit dem Messer schneide ich nun endlich mein hart gewordenes Hühnerauge aus dem Zeh. Gott sei Dank, erlöst von dem Dauerschmerz.

Ruhig will ich gerade mein Abendessen zubereiten, als laut äsend eine Schafherde den Hang hinaus auf mich zukommt. Oh Gott, das ist ihre Wiese hier und ich mitten drin. Auch weht der Wind mittlerweile kühl von Norden her aus dem Tal hinauf. Ob das so gemütlich wird heute Nacht? Mich beginnt zu frösteln und leise Angst befällt mich vor der Einsamkeit und dem Dunkel der langen Nacht. Aber ich wollte es ja so. Heiliger, hilf!

Da höre ich Stimmen. Viele Stimmen, spanische Stimmen, eine Menschenmenge hinter meiner Mauer kommt die Straße herauf. Ich luge über die Mauer: ein Reisebus steht unten an der Biegung, herauf kommen schwatzende Touristen, das Ruinenfeld zu besichtigen. Es ist sieben Uhr, das ist meine Chance! Die schickt mir der Heilige. Er will wohl nicht, daß ich hier einsam im Freien übernachte in kalter Nacht. Ich hatte einen Plan, aber er hatte einen anderen. Ich folge seinem.

Ich klettere durch das Gatter, stelle mich dem Reiseführer als Jakobspilger vor und frage ihn, ob sie mich zur Carretera ins Hotel bringen könnten. Freudig stimmt er zu, ich packe blitzschnell meine Sachen zusammen, rein in den Bus, den Rucksack neben einer Frau auf den Sitz und ab geht’s. Der Reiseführer greift zum Mikrofon und erzählt seinen Mitreisenden glücklich, sie hätten nun einen echten Jakobspilger an Bord, der zu Fuß in acht Wochen 1000 Kilometer von Sevilla nach Santiago wandert. Alle sind begeistert, ich muß gleich per Mikrofon über meine Jakobswege erzählen, einige befühlen meinen Rucksack und staunen entgeistert, wie schwer er ist. Bald sind wir an der Carretera, der Führer wuchtet meinen Rucksack ins Freie, ich verabschiede und bedanke mich: „Buen viaje, buen camino“. Der Bus rauscht ab, alle winken und klatschen, ich stehe am Rand der Carretera an einer Tankstelle vor einem Haus mit Bar. Es ist zwar nicht mein Hotel Asturias, aber nach einem Bier und einem Telefonat erscheint der Besitzer mit seinem Wagen und nimmt mich die 12 Kilometer mit.

Ich bekomme ein winziges Zimmerchen, im gleißend hell erleuchteten Comedor sitzen lauter Fernfahrer allein an ihren Tischen und schauen auf den dröhnenden Fernseher, während sie dabei essen. Ich bestelle ein großes Steak vom Grill und eine Flasche Vino Tinto. Das muß ich feiern. Ich wollte zwar die Einsamkeit, aber ich glaube, ich bin doch ein „Steppenwolf“, den es in die warme Kammer zieht. Wenn ich jetzt an die kalte, dunkle, einsame Schafweide denke. Happening unter römischem Bogen! Am Nachbartisch sitzt ein englisches Ehepaar. Jakobspilger mit Muschel. Ich glaube, ich habe es richtig gemacht! Gracias a Santiago, der mich wieder einmal seinen Weg geführt hat.

Auf der Silberstrasse 800 Kilometer zu Fuss durch die endlosen Weiten Spaniens
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