Das spanische Rom

Dienstag, der 16. Mai, Mérida

Ruhetag

Gestern Abend aßen wir fünf noch gemeinsam Pizza in einem italienischen Restaurant und italienischen Kellnern. Die Italiener sind eben überall. Heute Morgen fahre ich erst einmal mit dem Bus ins Krankenhaus. Ich muß meinen kleinen Zeh verarzten lassen. Empfang wie bei uns, internationale Versichertenkarte vorgelegt, warten mit anderen Spaniern. Dann ruft man mich auf: „Señor Piter, venga!“ Mit etwas Beklemmung betrete ich das Untersuchungszimmer, ich befürchte eine Vereiterung. Nichts desgleichen, es ist nur eine Entzündung unter einem Hühnerauge. Nichts muß betäubt, nichts geschnitten werden, die Ärztin ist sichtlich enttäuscht, daß ich wegen einer solchen Kleinigkeit ins Krankenhaus komme. Ich auch, hatte ich doch eine größere Operation erwartet. Aber erleichtert bin ich schon. Ein Pulver gegen Entzündung und dreimal täglich in Salzlösung baden. Wie soll ich das wohl machen in der Steppe? Gleich kaufe ich mir ein großes Paket Kochsalz und zeige dem Wärter in der Herberge den Untersuchungsschein des Krankenhauses. Damit darf ich nämlich eine zweite Nacht in der Herberge bleiben, während man normalerweise nur eine Nacht bleiben darf. „Estoy enfermo“ sage ich stolz und darf bleiben. Wuff auch, er fragt erst gar nicht.

Später besichtige ich die Hauptsehenswürdigkeiten Méridas, das Amphitheater und das römische Theater. Beide liegen nebeneinander, das eine oval, das andere halbrund, die Ränge geschickt in einen Hügel gebaut. Das Amphitheater ist ähnlich groß wie in Itálica, aber nur für 14.000 Zuschauer, jedoch besser erhalten, mit scharf geschnittenen Sitzreihen, erbaut 8 v. Chr. Das Theater ist eines der besterhaltenen römischen Theater, erbaut 16-15 v. Chr. von Marcus Agrippa, dem Schwiegersohn des Augustus.

Noch gänzlich erhalten ist die Frons Scaenae, die Bühnenwand, eine zweigeschossige Kolonnade mit 32 Marmorsäulen. Zwischen den Säulen stehen die Figuren der römischen und griechischen Theaterwelt mit wallenden Steingewändern und gelockten Haaren. Mich überwältigt noch nach 2000 Jahren die Größe und imperiale Geste eines Weltreiches, das einst das ganze Mittelmeer beherrschte. Alles ist hier gewaltig und von übermenschlicher Größe. Klein wie bunte Zwerglein streifen die Touristen in ihrer Freizeitkleidung um die gewaltigen Quader und inszenieren ihr eigenes Theater, lachend, feixend, Witze reißend, sich ständig vor den Steinen fotografierend, die lärmende Spaßgesellschaft, für die Urlaub eine große Gaudi ist. Die Größe der Geschichte um sie herum begreifen sie nicht.

Ich ziehe mich auf die oberste Reihe des Tribünenrundes zurück auf die kühlen, weißen Steine und betrachte von oben zurückgezogen das bunte Treiben vor den uralten Kulissen. Man nennt Sevilla auch das „Spanische Rom“, der Wind trägt den Zauber der Jahrtausende zu mir empor. Im Straßenbild fallen mir immer wieder Häuser auf, deren Obergeschosse auf Stützen stehen. Man hat das Erdgeschoß leer gelassen, auf stählernen Stegen läuft man über die meterdicken römischen Grundmauern, blickt tief in die ehemaligen Räume, Höfe, Zisternen und Straßen hinunter. Die gesamte Altstadt Méridas ist auf die alte römische Stadt gebaut, die man nur an besonderen Stellen freigelegt hat.

Das Beeindruckendste in dieser Hinsicht ist die Basilica de Santa Eulalia, eine romanische schlichte Kirche, die unter ihrem Schiff ein unglaubliches Geheimnis enthüllt. Ich steige eine steile, steinerne Treppe hinab und befinde mich unvermittelt unter dem Kirchenschiff wieder, dessen Säulenfundamente man freigelegt hat, um die Geschichte des Untergrundes zu zeigen. Der Kirchenboden schwebt auf einem Stahlgerüst über den Säulenbasen und darunter tun sich drei Schichten der Vergangenheit auf.

Ganz zu unterst liegen die römischen Mauern, in deren ehemaligen Wohnhäusern, als sie von den Römern verlassen wurden, sich eine christliche Nekropole mit steinernen Sarkophagen eingerichtet hat. Daraus entstand dann später eine kleine Urkirche der Westgoten, die nach den Römern von Norden her in Spanien einfielen, und darüber, Jahrhunderte später, eine große byzantinische Kirche, auf die dann wieder einige Zeit später die jetzige mächtige romanische Kirche gebaut wurde, die der Märtyrerin Santa Eulalia geweiht wurde. So baut sich hier Epoche auf Epoche, Jahrhundert auf Jahrhundert, Baustil auf Baustil auf, jeweils die Mauern der vergangenen Zeit als Fundamente für die eigene nutzend. Ein Gräberschnitt durch die gesamte Geschichte Méridas. Vor der Kirche bauten dann die Spanier im 16. Jahrhundert den Hornito da Santa Eulalia auf – das Heiligtum der Hl. Eulalie – im schneeweißen Marmor der Renaissance mit einer antikisierenden Vorhalle. Geschichte über Geschichte. Müde und erschöpft gehe ich zur Herberge und ruhe mich auf der Steinbank am Wasser aus.

Hier lerne ich Susanne kennen, ein blutjunges Mädel aus Salzburg. Susanne hat gerade Matura gemacht und ist losgezogen, die Welt der Jakobswege kennen zu lernen. In Roncesvalles hat ihr der große Schlafsaal nicht gefallen, den Camino fand sie zu touristisch, ein junger Mann, den sie unterwegs traf, erzählte ihr von der Unverdorbenheit der Via de la Plata, auf der Landstraße mochte sie nicht laufen, da machte sie lieber Autostop, jetzt ist die Oma gestorben, danach will sie durch Kreta wandern.

Sie fängt alles an und führt nichts zu Ende. Sie wird auch Kreta nicht schaffen und wieder woanders hinreisen, wenn die Träume sich nicht erfüllen. Martin erzählte mir in Fuente de Cantos von den Menschen, die einen „Biß“ haben und denen, die keinen „Biß“ haben. Die einen erreichen etwas im Leben, die anderen nichts. Susanne hat keinen Biß. Sie wird nichts erreichen, weil sie immer kneift, wenn etwas schwierig wird. Trotzdem wünsche ich ihr viel Glück. Sie ist ja noch so jung und muß noch so vieles versuchen, bis sie ihren Weg gefunden hat.

Heute ist unser letzter Abend. Wir treffen uns noch einmal auf der Plaza Espana, morgen fliegen die Vier wieder nach Deutschland. Sie waren mir so lieb geworden, Freunde für zehn Tage. So ist der Jakobsweg. Man gewinnt Freunde, ist eine Zeitlang zusammen, dann verliert man sie wieder. Wir trinken zuviel Brandy. Um halb eins ist die Tür der Herberge fest verschlossen, ich suche mir schon einen Platz auf der Wiese aus, da hört einer drinnen unser lautes Klopfen und läßt uns herein. Ich bin traurig.

Ich besuchte sie dann einige Monate später in Bad Neuenahr. Wir aßen italienisch zusammen, schauten die Fotos von unserer gemeinsamen Wanderung, blödelten, lachten. Und doch war es anders. Wir waren wieder normale Alltagsmenschen geworden, ich auch, und eigentlich hatten wir uns außer Erinnerungen nichts mehr zu sagen. Eine schöne Zeit ist vergangen und man kann sie nicht wieder zurückholen.

Auf der Silberstrasse 800 Kilometer zu Fuss durch die endlosen Weiten Spaniens
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