Salamanca
Dienstag, der 30. Mai,
von San Pedro de Rozados nach Salamanca,
24,3 Kilometer, gesamt 501 Kilometer
23. Wandertag
Als ich um sieben Uhr aufbreche, sind die anderen schon längst weg. Die Holländer standen bereits um halb sechs auf und gingen noch im Dunkeln weg, als ich gerade aufstand. Auch Marguerita saß bereits auf ihrem Bett und zog sich an. Abends früh zu Bett und morgens früh raus. So kann man es auch machen. Ich kann so früh einfach nicht aufstehen. Dafür sind die Abende viel zu lang und zu schön! Es weht ein eisiger Nordwind, der gnadenlos über die brettflache Meseta tobt. Ich ziehe wieder alles übereinander, was ich habe, als letztes die schwarze Regenjacke, deren Kapuze ich über dem Strohhut festknote. So kämpfe ich gegen den Sturm an. Den Hut muß ich mit der linken Hand fest am Kopf halten, sonst wird er mir davongeweht.
Es ist schon seltsam. Bei uns bedeutet Sturm dunkle Wolken, die grau über den Himmel fegen, Regenschauer und frostige Haut. Hier strahlt eine messingfarbene Sonne von einem tiefblauen Himmel, der sich wolkenlos von einer Seite des Landes zur anderen spannt, das 360 Grad im Umkreis bretteben ist. Es ist wie ein Ozean aus gelbem Gras, das der Wind peitscht und in Wellen aufbraust. Der Wind erinnert mich an den Meltemi Griechenlands, der täglich ab elf Uhr vom wolkenlosen Himmel das Meer der Ägäis zu weißschäumenden Brechern peitscht.
Die Piste ist ein weißer Strich, die das Land rechts und links in zwei gleiche Hälften teilt. Rechts ist Nichts und links ist Nichts, oder rechts ist wie links, und fünf Sunden später ist es immer noch Nichts. Tres meses de infierno! Und ich ganz klein im Zentrum der gewaltigen Weite, ein kleiner Zwerg mit roten Socken und schwarzer Kapuze. Früh am Morgen trete ich auf meinen meterlangen Schatten in der Längsachse der Straße, mittags ist der Schatten ein schwarzer Fleck unter mir und abends läuft er wieder lang hinter mir her. Unter mir im weißen Staub erkene ich die Spuren meiner Vorgänger. Zwei nebeneinander, das sind die Holländer, eine kleinere leicht versetzt, das ist Marguerita mit ihren kurzen Beinchen.
Alle Bäume haben das Land verlassen. Es gibt keinen Halt, keinen Schatten mehr. Rast mache ich an einer Pistenkreuzung mit einem Kilometerstein für den Rücken, die Füße im Straßengraben, mein Hut ist der Schatten. Schläft der Wind für Minuten ein, sticht die Sonne mit Strahlenmessern. Nur einige Schluck lauwarmes Wasser, eine Orange, etwas Brot und Käse, noch nicht einmal müde darf ich werden. Der rechte Fuß schmerzt wieder höllisch. Ich bin jetzt neun Tage ohne Ruhetag unterwegs, erschöpft , kraftlos, müde. Dieses Land macht mich fertig. Santiago, diesmal quäle ich mich zu Dir. Was habe ich getan, daß ich so leiden muß? Daß Du mich so strafst! Du willst mich diesmal als Schmerzensmann sehen, der zu Dir hinkriecht auf Deinen Berg im fernen Norden. Oder bin ich Dir noch nicht zu demütig? Habe ich immer noch den alten Stolz des Siegers, des Kämpfers, der erreicht, was er will? Der auf die anderen Mühseligen herabblickt von seiner Warte des Auserwählten. Kastilien mein Golgatha! Du wirst mich noch klein kriegen. Ultreya! Runter von dem Hochmut. Ich bin auch nichts Besseres. Ein Wurm bin ich, kein Falke.
Das Schlimmste sind die Fliegen. Kaum erwärmt die Sonne die Luft mit den ersten Morgenstrahlen, erwachen sie aus ihrer nächtlichen Starre und kriechen aus den dürren Gräsern. Erst eine, zack, dann eine zweite, wumm, und bald ist es ein schwarzer Schwarm. Auch der Wind vermag sie nicht zu vertreiben. Es sind dicke, nicht die Stubenfliegen, die zarten, die wir bei uns kennen, dies sind Raubtiere, darauf aus, zu beißen und zu saugen, das wenige Fleisch, das vorbeikommt den langen Tag. Sie versuchen immer, in einen einzudringen, nicht der salzige Schweiß reicht ihnen aus in ihrer Gier, nein, in mein Inneres versuchen sie zu krabbeln. Setzt sich eine auf mein linkes Ohr, um in den Gehörgang an das Ohrenschmalz zu gelangen, klatsche ich sie mit einem langen Schlag weg. Nie erwische ich sie, ich haue auf mein Ohr, daß es schmerzt und mir die Brille fast von der Nase fällt. Das Ohr ist rot, die Fliege ist weg und eben auf dem rechten Ohr gelandet. Auch hier ein Schlag, da ist sie wieder auf dem linken Ohr. Eine andere versucht in die Augen zu krabbeln, die Tränendrüsen zu entdecken, hier darf ich nicht schlagen, sonst fliegt mir die Brille weg. Der Zeigefinger nützt wenig, bald ist sie wieder da. Der Mund, trocken zwar und salzig, ist ein weiteres Objekt ihrer Begierde. Sie wollen in den saftigen, feuchten, schleimigen Schlund, ein tiefer Atemzug, schon ist eine drin, die ich hustend und würgend ausspucke. Am unangenehmsten sind die im Nacken, der schweißglänzend lockt. Da krabbeln sie besonders gerne, Schweiß ist für sie wie Champagner, doch da kann ich schwer dran mit meinen Händen, mit links schon eher, etwas unbeholfen, rechts habe ich ja den Wanderstab. Und immer, wenn ich meinen Kopf schlage, ist das Biest schon wieder weg und sitzt lachend auf meiner Nasenspitze, um dort nach meinem Nasenschleim zu wühlen. Selbst beim Pinkeln sitzen sie auf den freigelegten, rosigfeuchten Teilen, um auch hier begierig einen Einlaß zu fordern. Ekelpack, ich fluche und schimpfe vor mich hin.
Die Fliegen sind auf der sonnenüberglühten Via de la Plata das, was die bissigen, jaulenden Hunde auf dem Camino del Norte im letzten Jahr waren: das Böse, das aus den Winkeln kriecht, den braven Pilgersmann zu überfallen, ihm seinen Frieden zu rauben. Die zwei Plagen des Weges. In Ägypten gab es sieben.
Ich bin fertig, und Salamanca will nicht näher kommen. Seit Stunden schon sehe ich den weißen Strich am Horizont, doch aus dem Strich werden keine Häuser. Fünf Kilometer in dieser kristallklaren Luft sehen aus wie ein Kilometer. Ein Hügel noch wie auf dem Mond, weißer Kalk mit gelben Grasfetzen, der Sturm wird fast zum Orkan. Eine Baustelle noch, Dreckberge mit grauem Staub überpudert, dann stehe ich plötzlich unvermittelt auf schwarzglänzender Asphaltstraße, rechts und links gepflasterte Gehwege, moderne Klinkerhäuser aus gelbem Hartbrand, die kleinen Bäumchen sind noch angebunden und blattlos, wie ein Schlag beginnt die Stadt. Eben noch die Verzweiflung der Halbwüste, jetzt die sterile Sauberkeit der Vorstadt. Ich entdecke ein Busschild, eine Haltestelle mit Glasdach, Schulmädchen warten auf den Bus. Ich bin wieder bei den Menschen in der Zivilisation, der kühle, gläserne Bus trägt mich auf weichen, sanften Straßen über den Fluß in die große Stadt.
Am Busbahnhof frage ich nach dem Bus zur Albergue Juvenil – der Jugendherberge. Man sagt mir: Linie 1. Linie 1 kommt, der Fahrer sagt, zur Jugendherberge der rote Bus. Kein roter Bus kommt. Nach einer halben Stunde wird es mir zu bunt. Ich laufe, humpele los, über die lange Brücke, verlaufe mich in den Verkehrskreiseln, zurück, die Ausfallstraße entlang, dann rechts ab, vor der Jugendherberge hält der Bus Linie 1. Ich verfluche den Fahrer, jetzt bin ich da. Eine schöne, große, moderne Herberge mit Rezeption und freundlicher Empfangsdame, ich habe ein Vierbettzimmer für 12,40 Euro mit eigenem Bad, ganz für mich allein, kühl, ruhig, dunkel, es ist noch kein Betrieb in der Herberge.
Heute war die beschissenste Etappe der ganzen Wanderung, Halbzeit, ich bin 500 Kilometer gelaufen, vier Wochen unterwegs. Dusche, zwei Stunden Dämmern im kühlen, dunklen Zimmer ohne stechende Sonne und eklige Fliegen, fein gemacht und auf der Römerbrücke über den breiten Río Tormes in die Stadt. Auch Salamanca hat natürlich eine Römerbrücke.
Salamanca, die große, alte Stadt, gegründet als Salmantica im Jahre 17 v. Chr. von Kaiser Trajan am Flußübergang der Silberstraße. Später war Salamanca islamisch, bis es im Jahr 1085 von den Christen unter Alfons VI. zurückerobert wurde wie Cáceres, Mérida, Sevilla. Die ewig gleiche Geschichte. 1218 wurde die Universität gegründet, die Salamanca weltberühmt machte und im 16. Jahrhundert ihre Blütezeit erlebte. Sie verfügte über 70 Lehrstühle für 12.000 Studenten. Damals festigte sie ihren Ruf als eine der ältesten und berühmtesten Lehrstätten der Welt.
Grandios beherrscht die Catedral Nueva – die Neue Kathedrale – den Fluß mit der zehnbogigen Römerbrücke, eine honiggelbe Festung mit dem gewaltigen Glockenturm und der mächtigen barocken Kuppel über dem Zuckerwerk hunderter Strebebögen und Fialen. Ein Netz von kleinen und kleinsten Türmchen ist über die Kathedrale gegossen, Spätstil der Gotik aus dem 16. Jahrhundert. Ich schlendere müde, aber gelassen, die Rampe vom Fluß in die Oberstadt, vorbei an den irrwitzigen Portalen des Westwerks – das werde ich Morgen alles sehen. Die lange Rúa Mayor saugt mich auf, die Kühle des frischen Abends zieht mich auf die gewaltige Plaza Mayor, dieses Gemisch aus lauter gleichen Fensterachsen, hunderte von ihnen verbunden mit umlaufenden Balkonen und Arkaden. Diese Plazas kenne ich schon von Bilbao und San Sebastián, Treffpunkt Tausender von Menschen in den kühlen Abendstunden, ein ruhiger Hort im Verkehrsgewühl der Altstadt, blaue Stühlchen unter Arkaden, grüne, gelbe, weiße.
Das Rathaus ist heute geflaggt, die Standarten der Stadt, Kastiliens und Spaniens hängen gelb auf rubinrotem Grund vom Balkon. Die Feuerwehr ist aufgefahren, eines der vielen Feste, die die Spanier so gern feiern, mit Trompeten, Posaunen, Trommeln und Flöten, markigen Ansprachen von hohen Balkonen. Bald verläuft sich das Spektakel, die Ruhe kriecht wieder über den Platz, die nächtliche Fassade glüht im goldenen Licht der Scheinwerfer. Um mich ein Gewimmel von Menschen, Einheimischen, Studenten, Touristen. Kühle, Geborgenheit. Ich bin heimgekehrt in die Welt der Menschen. Welch ein Gegensatz immer wieder: heute Vormittag noch über sonnenverbrannte, menschenleere Steppe, und jetzt in der Umarmung der großen Stadt. Ich bin heimgekehrt aus der Wildnis in die Geborgenheit der menschlichen Kultur. Die zwei Seiten des Lebens. Ein schmaler Mond steht am nachtdunklen Himmel, die Figuren auf den Balkonen ragen golden in die Schwärze der Nacht. Und wieder ist alles vergessen von den Schmerzen des Tages und der Wut und der Verzweiflung.