Zafra

Freitag, der 12. Mai, von Fuente de Cantos

nach Zafra, 25,4 Kilometer,

gesamt 154,3 Kilometer

7. Wandertag

Heute ist der erste wirklich harte Tag der Extremadura. Endlose, staubige, breite Pisten durch endlose Weizenfelder. Das Land ist hügelig und eintönig. Die lauschigen Steineichenwäldchen sind verschwunden. Die Piste windet sich in weiten Schwüngen von Hügel zu Hügel und taucht dazwischen in sanfte Täler ab. Den ganzen Tag gibt es kein einziges Dorf, auch keine Landstraße oder sonstige Anzeichen menschlicher Gegenwart. Ab und an liegt ein Bauernhof an der Piste, einfache weiß gestrichene industrielle Anlagen mit fensterlosen Ställen, rot gestrichenen Silos und einem bescheidenem Wohnhaus. In den Ställen stehen Schweine, deren Grunzen und Quieken man schon von weitem hört. Ein infernalischer Gestank nach Gülle liegt über dem Land, vor den Ställen sind schlammige Ausläufe, in denen sich dreckverkrustete, braune Schweine suhlen und mit den Schnauzen nach Eßbarem wühlen.

Das sind nicht mehr die flinken Patas Negras aus dem Hochland, die unter den Eichen auf den Wiesen herumstreunen. Das sind Zuchtschweine, die in den Ställen gehalten und zur Schlachtreife gemästet werden. Mit zugekniffener Nase eile ich aus dem Dunstkreis des Gestanks weiter in die gelben Felder. Pfui, das ist nicht mehr das Paradies von vorgestern in den grünen Hügeln der Sierra Morena.

Jakob schickt mir heute den einzigen Baum des Tages über den Weg. Auf gelber, strohiger Wiese lasse ich mich im Schatten nieder. Martin und Anja kommen vorbei, neiden mir meinen Baum und fotografieren mich mit meiner Rotweinflasche. Um vier Uhr nachmittags bin ich ziemlich fertig. Doch bald ist die Herberge von Puebla de Sancho Pérez in Sicht, in der Ermitá de Belén, einem weißen Kloster mit romantischem Innenhof. Doch leider ist alles zu. An der verstaubten Tür hängt ein Zettel mit einer Telefonnummer.

Doch ohne Handy kann ich nicht anrufen, eine Telefonzelle gibt es nicht. Nach den blinden Fenstern und dem Unrat vor der Tür ist die Herberge schon längere Zeit geschlossen. Von den anderen Pilgern ist auch niemand zu sehen. Sonst stehen immer die Schuhe vor der Tür und die Wäsche hängt auf der Leine. Vor den Mauern unter den schattigen Platanen sind Zelte aufgebaut. Morgen feiert man San Isidro, einen spanischen Nationalheiligen, dessen Geburtstag das ganze Wochenende über begangen wird. Ich frage einen Mann in einem der Zelte, doch er weiß keinen Bescheid über die Herberge. Er bemerkt aber meine leere Weinflasche, zieht sie aus dem Rucksack und bringt sie mir gefüllt zurück. Dies sei sein eigener Wein und er sei gut. „Con pan y vino, se anda el camino“ – lacht er dazu, das alte Sprichwort aus dem Mittelalter.

Also stapfe ich die fünf Kilometer mißmutig und erschöpft bis nach Zafra weiter, an einer Bahnanlage vorbei, über deren rostige Geleise ein Schäfer seine Herde treibt, die endlose Bahnhofstraße entlang mit Auto- und Möbelhäusern, durchquere wie üblich die halbe Stadt und werde dann von meinen vier Freunden mit Hallo begrüßt, die vor einer Bar auf der Straße sitzen. Wir trinken erst einmal ein Bier zusammen und schimpfen über die geschlossene Herberge.

Unsere Herberge hier ist gleich um die Ecke, wieder in einem alten Kloster in ehrwürdigen Gewölben, die gefühlvoll und modern eingerichtet sind. Die Spanier verstehen es, diese Herbergen in den alten Häusern mit einem unerwarteten Geschmack und modernem Design auszustatten, von der Eingangshalle in den alten Gewölben über die Schlafräume mit abschließbaren Schränken bis zu den sauberen, eleganten Toiletten und Waschanlagen. Ich bin immer wieder begeistert von so viel guter moderner Architektur.

Nach der Dusche gönne ich mir keine Ruhepause. Es ist schon sechs und ich will ja noch etwas von der Stadt sehen. Nun bin ich wieder in einer schönen, stolzen, eleganten Stadt mit vornehmen, engen, weißen Straßen und Plätzen. Die Kirchen sind hier im mozarabischen Stil aus roten Ziegelsteinen mit mächtigen, dicken Wänden und kleinen Rundbogenfenstern. Säulenarkaden umrahmen die weite und offene Plaza Mayor, um deren Brunnen Reihen von Palmen stehen. Der Platz ist noch leer um diese Nachmittagsstunde, das sollte später anders werden. Auf der kleinen romanischen Plaza dahinter - der Plaza Chica - treffe ich die Vier auf einen Kaffee. Glücklich schlendere ich dann allein weiter, fotografiere und schaue. Vor mir erhebt sich ein prächtiges Schloß. Es ist der Alcázar de los Duques de Feria, ein neuntürmiger Palast aus dem 15. Jahrhundert, in dem ein nobles Parador Hotel eingerichtet ist. Neugierig durchschreite ich das prächtige Portal und finde mich in einem entzückenden Renaissance Innenhof mit weißem Marmorfußboden und plätscherndem Springbrunnen wieder, von vornehmen Arkaden umstellt. Es herrscht eine ruhige, feine Atmosphäre, auf der einen Seite speisen die Hotelgäste, auf der anderen setze ich mich auf ein zartes, weißes Stahlrohrsofa und bestelle einen trockenen, kühlen Weißwein, zu dem ich die obligaten Aceitunas serviert bekomme. Nun kann ich mich ausruhen und das stille, ruhige, elegante Leben um mich herum beobachten.

Ich denke so über den Tag nach und danke Santiago, daß er alles wieder einmal so glücklich gefügt hat. War ich erst mißmutig über die geschlossene Herberge in Puebla, so erkenne ich nun, daß ich so nicht nach Zafra gekommen wäre oder es nur mit dem Rucksack auf dem Rücken hätte durchhetzen müssen. Immer wieder wird mir klar, daß Jakob den großen Plan kennt, wie er mich führt auf meinem Weg, ich aber in meinem Kleinmut seinen Plan nicht kenne und ihm zürne. Nachher merke ich, daß er es wieder einmal richtig gefügt hat und bedanke mich für seine Weisheit und seinen Großmut. Ich kenne meinen Heiligen ja schon seit langem, und doch falle ich immer wieder rein, wenn ich zornig werde und ungeduldig und schimpfe, weil ich seinen Plan nicht erkenne. Verzeih mir, Jakob, ich bin ein dummer Schüler!

Ob die feinen Gäste mich da wohl als Jakobspilger erkennen, der ich vor Stunden noch verstaubt und verschwitzt mit Wanderstab und Rucksack durch das endlose Land gezogen bin? Eigentlich ja, ich trage ja die Jakobsmuschel um den Hals. Aber sie beachten mich gar nicht. Nach dem erfrischenden Aperitif esse ich in einer einfachen Cafeteria an der Plaza Mayor zu Abend. Polo – Hähnchen – aber in welch einer delikaten Ölsoße mit den Gewürzen des Südens, Spargel mit Mayonnaise, geröstete Kartoffeln – Papas asadas – und eine Karaffe kühlen Rotwein, das Menú del día, für 7,50 Euro.

Als ich um zehn Uhr heraustrete, ist die ganze Plaza voller Menschen. War sie vor Stunden noch menschenleer, so herrscht jetzt ein unglaubliches Gewimmel. Spanien bei Nacht.

Die Kinder lärmen und laufen hinter den Bällen her. Die Mädchen umringen die Jungen, die cool und abgeklärt wie amerikanische Stars ihre Nüsse kauen. Die Älteren sitze in Gruppen um die Tische herum und reden und lärmen alle gleichzeitig. Die Stimmen sind wie die Musik eines großen Orchesters, der Platz ist der Konzertsaal. Die Väter laufen hinter den Kleinsten her, die immer wieder ausbüxen, um dann schreiend vor Glück auf den Schultern der Väter zurückgeholt zu werden.

Der Mond geht silberweiß voll am nachtdunklen Himmel über den Häusern auf, gefolgt von der Venus schräg unter ihm. Ich tauche tief ein in dieses einfache spanische Leben, zum ersten Mal auf dieser Reise. Acht Tage habe ich gebraucht, um in dieses Mysterium einzudringen. Ich bin der einzige Ausländer auf dem Platz. Ich gehöre nicht dazu, aber ich werde, ein Fremder zwar, aufgenommen.

Auf der Silberstrasse 800 Kilometer zu Fuss durch die endlosen Weiten Spaniens
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