Durch die Verlorenheit
Freitag, der 2. Juni, von Calzada de Valdunciel
nach El Cubo de Tierra del Vino,
19,8 Kilometer, gesamt 536,6 Kilometer
25. Wandertag
Früh breche ich wieder auf in diese ewig gleiche Landschaft: endlose grüne Weizenfelder, ein Grün, das schillert von weißgrün über lindgrün zu wiesengrün und dunkelgrün, dazwischen Felder von braun und strohgelb. Ein Patchwork von erdigen Farben. Ich hätte nie gedacht, daß diese eintönige Landschaft doch so voller feiner Nuancen und Zwischentöne ist, die bunte Palette eines impressionistischen Malers, der eine sonnendurchglühte Landschaft darstellt. Danach sechs Kilometer längs der Carretera, diesem höllischen, schwarzen Band, das die grünen Felder durchschneidet. Von Norden peitscht der Wind, gegen den ich mich stemmen muß, ich gehe auf dem harten Asphalt auf der linken Seite, dem Verkehr entgegen, der seine brüllenden Laster von Norden herabschickt. Sie tauchen klein und rot wie Spielzeuge am Fluchtpunkt der Straße auf, lautlos erst, klein und harmlos. Minuten später fauchen sie als brüllende Ungetüme bebend und blaue Wolken ausstoßend mir entgegen. Ich ahne schon die Druckwelle, die sie vor sich herschieben, einen Meter Freiraum habe ich zwischen dem kiesgelben Schotter des Straßenrandes und dem tobenden Ungeheuer. Ich kenne das schon, ich weiß, was nun kommt. Ich sehe die Druckwelle nicht, ich höre nur das Röhren der Maschine, drei Meter über mir, ich senke meinen Kopf nach unten, halte meinen Strohut mit der linken Hand und dann packt mich die Welle und droht mich von der Straße zu stoßen in den Graben mit den spitzen Steinen. Ich stehe einen Moment still auf kräftigen Beinen, gebeugt, meinen Stock umklammernd, ein Beben geht durch meinen Körper, ein Zittern, eine Sekunde nur, dann ist es vorbei, durch mich hindurch, das Brüllen verschwindet hinter meinem Rücken, ich atme kräftig durch, schaue wieder nach vorne zum Fluchtpunkt der Straße, wo ich wieder den nächsten roten, zitternden Punkt sehe, der die schwarze Bahn auf mich zuschießt.
Der Heilige hält mich, er schützt mich sicher, ich bin diese Straßen gewöhnt, durch diese Hölle muß ich hindurch, das Fegefeuer, 6 Kilometer, eineinhalb Stunden Zittern, Beben, Heulen, Brüllen, Stampfen, nach dem Orkan der Trucks versucht der ewige Nordwind mich von der Straße zu blasen. Auch das geht vorbei, ein gelber Pfeil auf der Straße weist nach rechts, geschafft, das Höllenband zwischen zwei Trucks überquert, eine Sandpiste nimmt mich auf zwischen Carretera und den rostigen Geleisen der Eisenbahn, auf der kein Zug mehr fährt. Durch staubige Macchie geht es voran, Dornen, Disteln, trockenes Gebüsch. Noch einmal über die Carretera, hier wird es besser, eine staubige Piste zwischen gelben vertrockneten Wiesen und staubigen Steineichen.
Blökende, stumpfäugige Kühe hinter rostigen Zäunen, ab und an muß ich ein schweres, rotes Tor aufsperren und mit kantigem Riegel sorgfältig wieder verschließen, wenn ich von einer Weide auf die andere gehe. Die gleiche Verlorenheit wie gestern, der gleiche stahlblaue Himmel, die gleiche gleißende Sonne, der gleiche Wind, der die Bäume peitscht und kleine Staubteufel über die Piste treibt.
In El Cubo de Tierra del Vino, trotz des langen Namens ein unbedeutendes Örtchen, hole ich den Schlüssel im Wohnhaus des Pfarrers an der Plaza Mayor, einem schlichten, kahlen Betonplatz, menschenleer zu dieser Nachmittagsstunde. Tierra del Vino bedeutet „Weinland“ und bezeichnet das Land südlich des Duero. Das Land nördlich heißt Tierra del Pan, das „Brotland“, weil dort der Weizen wächst. Die Herberge ist in der Kirche des Ortes in einem Nebenraum. Fünf leere Betten. Heute bin ich der Einzige, der noch übrig geblieben ist, auch der Spanier von gestern ist nicht mehr erschienen. Im Gästebuch lese ich, daß Gebhard und Cäcilie am 17. Mai hier waren und Hanns und Annique am 1. Juni, also gestern. Sie sind mir einen Tag voraus. Schade, ich hätte sie gerne wieder getroffen.
Hier hat man die Kirchenglocken durch elektrische Lautsprecher ersetzt, die jede Viertelstunde erklingen wie die Laute der Spielautomaten. Vor dem Essen, das wie überall erst um neun Uhr beginnt, sitze ich vor der einzigen Bar des Ortes. In der Abendsonne ist es noch warm. Kaum ist sie verschwunden, wird es gleich bitterkalt. Ich muß den Pulli überziehen und zuknöpfen. Ich bin auch der einzige, der draußen sitzt. Für die Kastillaner ist dies noch kein Sommer. Ein Sprichwort sagt: „Hasta el cuarento de mayo no te quiter el sayo.“ – „Zieh dir bis zum 40. Mai nicht den Mantel aus.“ Heute ist erst der 33. Mai!
Jede Stunde fährt ein großer, eleganter Bus mit Klimaanlage und getönten Fenstern vorbei: Salamanca – Zamora. Ich frage mich, warum ich mir das alles antue. Eine Stunde und das alles wäre vorbei, alle Quälerei, alle Einsamkeit, aller Wind. Ich bleibe, weil ich ein Pilger bin. Pilger nehmen nicht den Bus.
Der Wirt sammelt die Stühle auf, die der Wind immer wieder umwirft und auf die Straße treibt. Der „Stuhlwind“ der Griechen. Beim Essen bin ich dann der einzige Gast, außer dem lärmenden Fernseher und dem Wirt, der mir beim Essen neugierig zuschaut.