Über die Sierra

Samstag, der 27. Mai, von Aldeanueva del Camino

nach La Calzada de Béjar, 22,7 Kilometer

Gesamt 426,7 Kilometer

20. Wandertag

Gestern war ein Whisky zuviel. Ich komme erst sehr spät aus meinem Bett. Eigentlich habe ich gar keine Lust, wieder auf die Straße in die Hitze zu gehen. Liegen bleiben möchte ich und ausschlafen. Aber es muß sein. Der Heilige läßt mir keine Ruhe. Erst um acht Uhr bin ich auf der Carretera, die dank der neuen Autobahn ohne Verkehr ist. Das breite Asphaltband zieht sich aus der Ebene hinauf in ein grünes, fruchtbares Tal, ich sehe wieder Kastanien und Feigenbäume. Wo hier im Süden Wasser ist, entsteht ein Paradies. Die Berge rücken näher zusammen, oben kann ich schon die Paßhöhe sehen. Die Landschaft erinnert an Italien – die grünen, dichten Täler der Toskana.

Längs der Straße stehen große Hotels hinter weiten Parkplätzen, auf denen kein Auto mehr steht. Die Rolläden sind herunter gelassen, die Auminiumtüren verschlossen, die Vorhänge der Restaurants zugezogen. Hier übernachtet keiner mehr, seit die Autobahn gebaut wurde und elegant die Talhänge hinaufzieht. Dort rollen die Trucks nach Kastilien, die früher hier am Beginn der Paßstraße übernachtet haben. Stille und Schweigen ist wieder eingekehrt in das grüne Tal, ein Hotel mit weißen und rosa Oleanderbüschen und einem Swimmingpool im Hof ist für Touristen geöffnet. Einige Wochenendgäste besteigen ihre Autos zu einem Ausflug in die Berge. So verändern die großen Straßen das Land. Das war früher so wie heute.

Unter den schattigen, mächtigen Kastanien, die jetzt im Mai in voller Blüte stehen, steige ich auf der breiten Straße das weite Tal empor. Ruhig schwingt sie sich durch die Obstgärten hinter ihren Steinmauern. Wo der Weg die Straße verläßt, kurz vor Baños de Montemayor, sucht in einem Hohlweg ein alter Mann mit seiner Sichel Kräuter. Am Hang des Hohlweges, dort wo der Weg den Ort erreicht, ist die alte Römerstraße restauriert mit ihren großen Steinplatten. In zwei Stunden drei Schichten von Straßen, drei Zeitalter übereinander: die neue Autobahn hoch oben am Berg, die Carretera darunter am Hang und zuunterst im Tal, im Hohlweg, die unterste, die älteste Schicht, die Römerstraße.

So betrete ich den schönen, alten Ort Baños de Montemayor über die alte Landstraße unter einem Laubdach von riesigen, alten Bäumen mit großen Blättern und langen, grünen Schoten, Johannisbrotbäume, der letzte Ort der Extremadura, mit vornehmen, alten Häusern, feinen Hotels und Bars. Ein Badeort, hier strömen am Fuße der Sierra heiße Quellen aus den Bergen. Schon früh siedelten hier die Menschen, wie immer, wo es heiße Quellen für die Gesundheit gab, vielleicht hatten schon die Römer hier ihre Bäder. Ein lebhafter Ort, jetzt am Wochenende sind viele gut gekleidete Menschen auf der Straße. Gern wäre ich hier gebleiben in der gemütlichen, kleinen Herberge an der schönen alten Plaza, hätte gesessen unter den schattigen Platanen am Nachmittag, einen kühlen Roten zu trinken, und in einem der kleinen, feinen Restaurants zu Abend gegessen.

Doch es ist noch zu früh am Tag, ich muß weiter auf meinem Weg. Am Ortsausgang, hinter der alten romanischen Kapelle ist wieder auf einem Kilometer ein Stück Römerstraße den Berg hinauf restauriert. Auf einem Podest steht hoch über dem Tal ein Pilgerkreuz aus dem Mittelalter aus weißgrauem Granit. Ein froher, glücklicher Schauder durchfährt mich, ich bin wieder auf dem Pilgerweg, die Müdigkeit und Unlust des Morgens sind verflogen. Rüstig erklimme ich den Weg, den vor mir Hunderttausende gewandert sind über die Berge und die Ebenen dieses gewaltigen Landes nach Norden, nach Santiago.

Puerto de Béjar ist die Paßhöhe, 850 Meter hoch, gleichzeitig die Grenze zu Kastilien. Hier überquert die Via de la Plata die Sierra de Gredos, ein langgestreckter Höhenzug, der in Ost-West-Richtung das Hochland von Zentralspanien durchquert und die Talebene des Tajo von der des Duero trennt. Sein höchster Gipfel, der Pico Almanzor ist 2.592 Meter hoch. Hier beginnt Kastilien, heute die Provinz Castilla y León, die größte aller spanischen Regionen und auf Grund ihrer historischen Bedeutung eigentlich der Inbegriff Spaniens, zumindest für die Spanier. Bis Mitte des 11. Jahrhunderts war das Königreich León die führende Macht unter den christlichen Königreichen des Nordens, bis die Vorherrschaft an das noch junge Königreich Kastilien überging. Beide Reiche vereinten sich im Jahr 1230 und setzten gemeinsam die Eroberung des Südens der Iberischen Halbinsel fort. 

Hinter Puerto de Béjar verläßt die Via de la Plata die Autobahn, die Carretera und die Eisenbahn, die alle den niederen Paßübergang nutzen, und schwingt in dicht bewaldetem Tal hinab auf die kastilische Meseta. Río Cuerpo de Hombre heißt der schäumende Fluß, der aus den Bergen.

In dem stillen Wald kommt mir ein Schwadron junger Burschen auf lärmenden, knallbunten Quads mit aufwirbelnden Staubwolken und infernalischem Geheul entgegen, wie eine Erscheinung aus dem „Krieg der Sterne“, mit farbigen Helmen, schwarzen, eng anliegenden Lederanzügen mit roten und gelben Schnallen und Gürteln, wie aus einem Science Fiction Film.

Die schwarzen Visiere sind herabgezogen, die Augen und die Gesichter sieht man nicht, mit schwarzen Handschuhen stehen sie auf ihren gigantischen Maschinen und heulen kreischend durch den Wald. Entsetzt springe ich schutzloser Wanderer zur Seite und starre das infernalische, weltferne Schauspiel an.

Was die wohl an diesem stillen Samstagnachmittag von dem schönen Kastanienwald sehen, dem stillen Tal, den grünklaren Höhenzügen? Furchtbar, wie die Menschen geprägt werden von Film und Fernsehen! Was sie dort sehen, spielen sie nach. Früher waren die edlen Ritter auf ihren Pferden die Vorbilder, heute diese unmenschlichen Monster aus den kranken Hirnen der Filmemacher Hollywoods. Eine kaputte Welt, die jeglichen Kontakt zu den reinen feinen Schönheiten der Welt verloren hat und nur die finsteren, dunklen Mächte des Bösen spielt.

Schaudernd warte ich in dem beißenden Staub und Qualm, bis die blaue Luft wieder rein und klar wird, mein Herz sich beruhigt hat, und versuche, das Höllenspektakel zu vergessen. Still wandere ich auf der schönen, alten Straße hinab durch den kühlen Kastanienwald, hoch oben über mir liegt der weiße, alte Ort Béjar mit seinen mittelalterlichen Häusern, eine Bergfeste am steilen Hang, darüber am hohen Gipfel liegen noch weiße Schneereste im grauen Dunst.

Hinter der alten Steinbrücke wird das Land wieder gelb und karstig, mich überfällt die lähmende, schwüle Hitze Kastiliens. Der kühle Wind der Extremadura vom Vormittag ist eingeschlafen, hier steht die Luft und kocht. Ich schleppe mich auf staubiger Piste durch eine Steppe mit rund geschliffenen Granitblöcken, der Schweiß läuft mir aus allen Poren. „Nueve meses de invierno y tres meses de infierno“ – „Neun Monate Winter und drei Monate Hölle“. Jetzt beginnt die Hölle.

Wie erlöst bin ich, als gleich das erste Haus in La Calzada de Béjar die Herberge ist. La Calzada de Béjar bedeutet, daß der Ort an der Römerstraße – Calzada – liegt, während der große Ort Béjar oberhalb hoch oben am Berg liegt. Mit einem holländischen Pärchen entspanne ich mich vor der Herberge bei einem kühlen Bier. Bukolischer Frieden, auf der Wiese gegenüber grasen ruhig die Kühe.

Wäsche gewaschen, auf die Leine gehängt, die heiße Sonne trocknet alles in einer Stunde. Dies ist ein Dorf ohne Verkehr, ohne Autostraße, am Ende oder Anfang Kastiliens. In der engen Gasse gibt es die einzige Bar des Ortes, Bar Tele Club, davor einige weiße Plastikstühle, links und rechts steht allerlei Ackergerät vor den Hofeingängen der Bauernhöfe. Die Häuser an der schmalen Straße sind weiß, alt und etwas schmuddelig, zweigeschossig, mit weit herabgezogenen Dächern. Vor dem oberen Geschoß hängen etwas schief auf morschen Balken hölzerne Balkone, von denen prächtige Blumenkaskaden in weiß und rot hinabfallen. Ich bin jetzt in Kastilien.

Ich sitze allein an meinem Tisch, die Bauern etwas entfernt, wie immer, zusammen. Am Nachbartisch sitzt ein Typ mit schwarzem Kraushaar, Hakennase, offenem Hemd und Silberkreuz auf der braunen, behaarten Brust. Sechs edle Pferde mit langen, weißen Schwänzen und Mähnen werden vorbeigetrieben, Nachkommen der Araberpferde aus vergangenen, großen Zeiten. Es ist halb sieben und immer noch gnadenlos heiß und schwül. Der kühle Abendwind Extremaduras fehlt. Die Bauern unterhalten sich laut über die Störche auf dem Kirchturm, die emsig ein- und ausfliegen, die aufgesperrten Schnäbel ihrer piepsenden Brut zu stopfen. Immer mal wieder kommt einer vorbei – „Holá“ – schüttelt die derben Hände seiner Freunde, setzt sich steif und etwas verquer auf den Stuhl als säße er auf seinem Traktor. Einfache, bescheidene Welt. Samstagabend, Feierabend, die Freunde, ein Bier.

Ein Vater treibt zwei Pferde an meinem Tisch vorbei. Auf einem Apfelschimmel mit geflochtener Mähne sitzt ein junges Mädchen mit rosigem Gesicht, ihr Bruder kommt als zweiter auf braunem Rappen vorbei. Stolze, junge Gestalten mit strahlenden, gesunden Gesichtern. Welch ein Gegensatz zu den Horrorgestalten heute Mittag auf ihren Science-Fiction-Maschinen. Eine Welt – zwei Gesichter. Die schöne, gute Welt und die verkommene böse. Auf meinem Weg erlebe ich beide innerhalb weniger Stunden. Der Weg, ein Abbild des Lebens.

Aus der Bar klingt Rock Musik der Sixties, der Padrón mit seinen langen Haaren, die unten herum schon weiß werden, ist wohl auch aus dieser Zeit. Neben meinem Tisch dampfen die warmen Leiber der Pferde, die ungeduldig mit den Hufen scharren, bis der Bauer sie durch das große Holztor in den Hof und den Stall getrieben hat. Weiße Wolken quellen über den Kirchturm. Alle Pilger sind weg, sie mögen das Volksleben wohl nicht. Also bleibe ich eben allein.

Ich speise wie ein König. Die Bauern trinken nur Bier, sie essen später zu Hause. Der wacklige Tisch auf der schiefen Betongasse wird mit einer weißen Papierdecke gedeckt, der bestellte Weißwein „Veliterra“ wird in einer roten Coca-Cola Schüssel voll Eis auf den Tisch gestellt, daneben ein edles Weißweinglas. Ich speise ein Purré – eine sämige Kartoffelsuppe – den üblichen grünen, selbstgemachten Salat mit Spargel, kalten Eiern und Paprika und Pollo – ein Huhn – kreuz und quer gehackt, einschließlich der Knochen, in einer fettigen Ölsoße, mit Gewürzen in der Pfanne geschmort. Hier kriegt man kein geschmackloses, tiefgefrorenes Hähnchen aus dem Supermarkt. Die anderen aus der Herberge sind wie immer nicht da, sie kochen sich lieber selbst etwas oder essen Brot und Wurst.

Auf der Silberstrasse 800 Kilometer zu Fuss durch die endlosen Weiten Spaniens
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