Muscheln im Pilgerwinkel
Montag, der 19. Juni, von Laza
nach Vilar d Barrio, 19,9 Kilometer
Gesamt 814,9 Kilometer
38. Wandertag
In diesem lausigen Ort kann ich erst ab neun Uhr etwas einkaufen, für mein Picknick heute Mittag. Gestern gab es ja nichts zu kaufen, da Sonntag war. Marguerita und die anderen sind schon um halb sechs im Dunkeln aufgestanden, da sie heute 34 Kilometer bis Ourense durchlaufen wollen. Viel Spaß, das wird ein Marathonlauf. Diese Menschen pilgern nicht, erleben nicht die Schönheiten der Landschaft, die göttliche Natur, liegen nicht unter schattigen Bäumen am plätschernden Bach, sitzen nicht hoch auf den Bergen im Wind und träumen in das weite Land, sie hetzen die Kilometer herunter, um ihr Ziel dann am Abend erschöpft zu erreichen und todmüde in die Betten zu fallen. Schnelläufer sind sie, Pilger sind sie nicht. Marguerita sah ich dann auch nie mehr wieder, die anderen auch nicht, der Ostberliner schrieb mir noch vom Müggelsee eine Karte.
In dem ausgestorbenen Ort finde ich auch tatsächlich eine Tienda, die schon um neun geöffnet hat. Alles andere ist noch fest verschlossen und verriegelt, nur die Bank hat schon geöffnet, die mir den Weg zur Tienda weist. Frisches Brot bekomme ich schräg gegenüber bei einem Bäcker im Hinterhof mit rußiger, rauchgeschwärzter Backstube, wo die warmen Brotlaibe noch im Ofen liegen. Die Bäckerin fischt einen heraus, warm, goldgelb, duftend und packt ihn mir in Zeitungspapier. Im Hof liegt das Holz für den Ofen in hohen Stapeln.
Im grünen Tal zwischen Bäumen und Wiesen pflügt ein alter Mann sein Maisfeld mit einem Esel. Die Bäuerin mit Kopftuch und geblümtem Kittel klaubt Kartoffeln aus der Erde. Hinter Tamicelos steigt die Piste aus dem Kiefernwald steil bergauf. Dies ist der berüchtigte Aufstieg, vor dem mich Marguerita, die alles weiß, gewarnt hat. 45 Grad Steilaufstieg, das härteste Stück Weg.
Ganz so steil und schlimm ist es nicht, aber fast so geht es endlos in der Direttissima den roten Hügelrücken hinauf, durch sonnenverbranntes Ginster- und Kieferngestrüpp, gnadenlos heiß in der sengenden Sonne. Die Fliegen schwirren wieder in dichten, surrenden Wolken um den schweißnassen Kopf, die salzigen Tropfen fließen in Bächlein in den Nacken, Schritt für Schritt kämpfe ich mich, schwer auf meinen Wanderstock gestützt, die Steilstrecke hinauf, das Messer im Knie, die Nadel im Fußgelenk.
Ich bin nun gänzlich ausgelaugt, mein strapazierter Körper hat nun nach 40 Tagen und 800 Kilometern keine Kraft mehr, ich bin am Ende, meine Reserven sind verbraucht, mein Körper baut ab. Wo ich vor zwei Wochen noch 35 Kilometer gelaufen bin, schaffe ich jetzt nur noch 20, morgen nur noch 15, dann noch weniger bis zum Zusammenbruch.
„Jakob, Jakob, warum hast du mich verlassen?“, stöhne ich, „hilf mir in meiner Qual! Nimm mir meine Schmerzen weg. Halte mich, daß ich nicht falle!“
Ich fühle mich wie Jesus auf Golgatha, seinem Schmerzensweg. Dies ist mein Schmerzensweg, mein Golgatha. Das Böse hat von mir Besitz ergriffen, kämpft in mir, versucht mich hinabzuziehen auf den roten, heißen Grund, mich abzubringen von meinem rechten Weg zu Santiago, meinem Heiligen. Ich hatte ja ein Gelübde getan, Weihnachten 2005 im Dom zu Mainz, daß ich pilgern würde, 1000 Kilometer zu seinem Grab, ihn zu küssen und zu umarmen, wie schon zweimal zuvor.
Für meine Tochter lief ich diesen Weg, wie schon einmal 2005 nach Santiago, zum Dank dafür, daß er ihr geholfen hatte. Damals war mein Gelübde in Erfüllung gegangen und ich war zum Dank 800 Kilometer gelaufen durch die Wildnisse Kantabriens, Asturiens und Galiciens, um an seinem Grab meinen Schwur einzulösen.
Jetzt versucht das Böse in mich einzudringen und mich zu hindern, mein Gelübde zu erfüllen. In mir tobt der ewige Kampf des Guten gegen das Böse, des Gesunden gegen das Kranke, des Willens gegen die Verzweiflung, und ich habe nun Angst, diesen Kampf zu verlieren. Nur der Heilige kann ihn noch gewinnen. „Vinceremos“ murmele ich – wir werden siegen. „Et Deus adjuva nos“ – und Gott helfe uns. So bin ich jetzt ein leidender Pilger voller Angst und Schmerzen, wie die Millionen vor mir, die ebenfalls gelobt hatten, sein Grab zu besuchen und in die Fänge des Bösen gefallen waren, Krankheit, Not und Pein.
Endlich bin ich oben auf meinem Golgatha, ich suche mir keuchend einen schattigen Platz unter den verkrüppelten Zwergkiefern auf heißen Steinen und stechenden Nadeln. Die Sonne brennt vom stahlblauen Himmel, der Wind zittert durch die trockenen, duftenden Kiefernäste. Ich liege im kühlen Schatten und schaue in die weite Bergwelt, die ich in den letzten Tagen durchquert habe. Die Kiefernnadeln wiegen sich im Wind, unsichtbare Lerchen schlagen über mir, ich träume in die blau verhangenen Berge, die sich seidig im Horizont verlieren. Mein Heiliger nimmt mich wieder in seine starken Arme, er wird mich nicht verlassen in meiner Not, er wartet ja auf mich, er darf den Kampf nicht verlieren.
Hinter dem Paß auf der Hochfläche mit überraschend grünen Wiesen und blühenden Kastanien wieder so ein kleines, verlassenes, verfallenes Örtchen, Alberguería – Albergária, haben die Galicier mit schwarzer Farbe daraus gemacht - stehen weiße Plastikstühle vor dem dunkelbraunen Steinhäuschen. Die Bar „Rincón de Peregrino“ – Pilgerwinkel – genannt, lauert auf die erschöpften Pilger. Ein räudiger Hund schläft im Schatten neben alten galicischen Wagenrädern.
Ich taumele in die erfrischende Kühle der schwarzdunklen Finsternis, der Raum ist vollgestopft mit Kürbissen, Würsten, Dreschflegeln, einem alten Radio und allerlei sonstigem, verstaubten Krimskrams. Unter der dunkelbraunen Holzbalkendecke schwingen hunderte von schneeweißen Jakobsmuscheln wie tanzende Schmetterlinge. Nach dem ersten eiskalten Bier kramt der Wirt eine aus einem großen Sack, ich muß mit einem schwarzen Filzstift unterschreiben und er hängt sie in einen freien Spalt zu den anderen. Noch ein schneller, glasklarer Agurdiente, ich muß mich losmachen, bevor die drei Alten vor der Bar mich totquatschen. Viele Pilger kommen hier nicht vorbei. Noch ein Schluck Wasser mit zwei Schmerztabletten – ich nehme jetzt eine Tablette alle zwei Stunden – danach geht es mir besser.
Ich steige durch schöne Wiesenwege an alten Steinmäuerchen vorbei, über weite, duftende Hochheide mit Ginster, Heidekraut und weißen Felsen. Auf dem nächsten Paß unter einem großen Holzkreuz breche ich wieder zusammen, der Blick geht weit in die Ebene des Río Limia mit dem Örtchen Vilar de Barrio im Talgrund. Ich bin nun ziemlich am Ende.
Das Knie schmerzt fürchterlich, der rechte Fuß auch. Der steile Aufstieg heute Morgen hat ihnen den Rest gegeben. Ich beschließe, morgen noch die 14 Kilometer bis Xunqueira de Ambía zu gehen und dann den Bus nach Ourense zu nehmen. Dort muß ich dann zu einem Arzt gehen. So kann ich nicht mehr weiter. Jetzt ist mein Tiefpunkt erreicht. Allein, von allen Freunden verlassen, liege ich hier unter dem Kreuz von Golgatha und mag nicht mehr aufstehen. Ich will nun nicht mehr. Zwei Schmerztabletten noch, der letzte Schluck warmes Wasser. Schritt vor Schritt schleppe ich mich die rutschige, steile Kiespiste hinunter, nur jetzt nicht fallen! Santiago, hilf mir armen Pilger!
Vilar de Barrio, wieder so ein lausiger Unort, wenigstens gibt es eine weiße, moderne Herberge. Die beiden Finnen sind schon da, sonst nur ein Brasilianer, der sich in der Küche etwas zu essen macht. Die Finnen geben mir den Tip, wo wir hingehen können, um zu Abend zu essen.
In der riesigen Bar des Restaurants „Via de Prata“ – Via de la Plata auf galicisch – erwartet uns ein Saal, 20 auf 20 Meter groß mit 10 Meter langer, funkelnder Bar, zwei Fernsehern in der Ecke, ein Platz von 6 auf 6 Meter ist durch hölzerne Faltwände als Comedor abgeteilt. Hier sitzen wir drei in gleißendem Neonlicht zusammen, die letzten, die übrig geblieben sind. Die Wirtin hat den Fernseher extra laut für uns eingestellt. Auch hier im Restaurant umschwirren uns die Scheißfliegen. Dieses Südgalicien ist das Primitivste, was ich je erlebt habe auf meinen Jakobswegen. Wie Menschen nur so leben können!
Die kontaktarmen Finnen gehen nach dem schnellen Essen um neun Uhr ins Bett und lassen mich mit meinem Brandy, meiner Zigarre und dem dröhnenden Fernseher allein. Jetzt ist wirklich mein Tiefpunkt erreicht. Morgen noch der letzte Tag, dann will ich nicht mehr.