Der Stierkampf

Montag, der 22. Mai, von Cáceres

nach Casar de Cáceres, 11,2 Kilometer

 gesamt 298,4 Kilometer

15. Wandertag

Heute habe ich nur eine kurze Etappe vor mir, 11,2 Kilometer. Deshalb gehe ich erst um neun Uhr los. Die ersten Kilometer muß ich aber erst einmal auf einer stark befahrenen Landstraße gehen, wie immer, wenn es aus den großen Städten heraus geht. Die Autos schießen wie Geschosse an mir vorbei. Ich verfluche sie. Die Hunde der Straße. Es ist auch ungemütlich kühl. Trotz des tiefblauen, wolkenlosen Himmels, an dem schon hoch die Sonne steht, pfeift ein Wind eiskalt von Norden. Ich behalte meinen Fleecepulli den ganzen Vormittag über an. Meine Füße schmerzen mir trotz des Ruhetages in Cáceres wieder, immer noch mein linkes Knie und die rechte Ferse. Mein Hühnerauge von Mérida ist doch noch nicht weg. So habe ich drei Schmerzen zu ertragen: links im Knie bei jedem Schritt einen Stich, wie von einem Messer, dann rechts beim nächsten Schritt den gleichen Stich in der Ferse und dann noch die Nadel im kleinen Zeh. Wie gut, daß ich meinen Wanderstab habe, auf den ich mich stützen und das Bein entlasten kann. Jetzt würde ich zwei brauchen.

Morgens früh, wenn es noch kalt ist, schmerzt es besonders. Dann sind die Muskeln und Sehnen noch kalt und steif. Erst ab elf Uhr, nach zwei Stunden, wenn sie warm gelaufen sind, wird es besser. Warming up, nennen es die Sportler. Ich sollte vielleicht auch Morgengymnastik machen, aber dazu bin ich zu faul. Ich gehe lieber gleich los. So muß ich die Schmerzen eben ertragen. Man muß auch einen stoischen Gleichmut entwickeln auf dem Weg. Nur so kann man die Entbehrungen und Strapazen des endlosen Gehens ertragen.

Die Landschaft ist genau so öde und leer, wie vorgestern vor Cáceres. Die Städte sind hier immer wie große, weiße Kleckse in der menschenleeren Einöde. Vorher ist nichts und nachher auch nichts. Unvermittelt beginnen die ersten Häuser an der asphaltierten Straße. Die Kiespiste hört am ersten Haus unvermittelt auf und geht als asphaltierte Straße weiter. Ohne Übergang beginnt die Stadt.

Nicht wie bei uns in Mitteleuropa, wo sie sich allmählich entwickelt aus Randsiedlungen, Vororten, Gewerbegebieten. Hier gibt es nur diese staubige, verbrannte Wüstensteppe und dann unvermittelt die steinige, saubere, gepflegte Stadt, die asphaltierten Straßen mit Gehwegen, kleinen Bäumchen, Mauern, Vorgärten, weißen Häuschen.

Also spuckt mich die kühle Stadt wieder aus ihrem geordneten Häusergewirr durch ein Straßenloch in die heiße, sirrende Ebene, endlose gelbe Weiden auf rollenden Hügeln bis an den Horizont. Nur der blaue Himmel, weiße Wolken, gelbes Gras. Eisenzäune mit verrostetem Stacheldraht. Extremadura. Die Landschaft erinnert mich an Arizona oder New Mexico. Lost Horizons. Rinderherden, am Wegrand eine Schafherde, die in kleinem Tal saftig grünes Gras weidet, das noch von den Frühlingsregen übrig geblieben ist. Der Schäfer schläft an einem Stein. Brutal zerschneidet die neue Autobahn die schläfrige Stille.

Um zwölf Uhr bin ich nach drei Stunden schon in Casar. In der Bar Majuca bekomme ich den Schlüssel zur Herberge und esse gleich zu Mittag: Salat, Tintenfisch und Frites. Ich bin jetzt der einzige Pilger, der übrig geblieben ist von den 30 am Anfang. Jetzt kann ich mir mein Bett in der Herberge aussuchen. Ich schließe die Läden und ruhe mich für zwei Stunden in der dunkeln Kühle aus. Draußen ist es wieder heiß geworden. Nachmittags kommen noch zwei spanische Pilger. Sie sind wortkarg wie immer.

Die Menschen sind verschlossen hier. Verschlossen in einem harten Land. Nicht das muntere Geplapper der Italiener, das höfliche Gespräch der Franzosen, das freundliche Reden der deutschen Freunde. Die Spanier fragen nicht, geben auch keine Antworten, wollen nichts hören und nichts preisgeben von sich. Sie sind nicht unfreundlich, sie sind reserviert, zurückhaltend.

Auf eine Frage erhält man nur als Antwort ein „Si“ oder ein „No“, mehr nicht. Vielleicht macht dieses Land sie so, oder ihre Geschichte. Ihre Isolation all die Jahrhunderte, wo sie unter sich waren, ohne Fremde, ohne Besucher. Spanien am Rande Europas. Nie war es Durchgangsland wie Deutschland, Frankreich oder Italien. Nie hat es gelernt, mit Fremden umzugehen, nachdem es die Mauren und die Juden aus dem Land geworfen hat, immer war es ein Herrenvolk, grausam zu den Unterlegenen, untergeben zu den Herrschenden. Ist dies der spanische Charakter? Ich werde mit den Spaniern nicht warm, ich, der Weitgereiste, der überall Freunde fand, deren Sprache er sprach, der aufgenommen und angenommen wurde als Freund unter Freunden. Nur Spanien verschließt sich mir, nach acht Jahren und vier Jakobswegen. Schade, ich will es weiter versuchen.

Nachmittags sitze ich in dem kühlen, schattigen Innenhöfchen und schreibe Tagebuch. Majuca hat extra den Springbrunnen mit einem nackten Knaben, der Wasser in die Schale spuckt, und einem Lyra spielenden Mädchen eingeschaltet. Alles aus weißem Beton. Zum Abendessen gibt es nur eine einzige Bar, wo ich mich schon um sieben Uhr hinsetze und auf das Abendessen warte, das aber wie immer hier in Spanien erst um neun Uhr kommt. Bei einem Bier schaue ich dem Stierkampf – der Corrida - im Fernsehen zu. In Madrid ist Fiesta: zehn Tage lang Stierkampf mit den besten Torreros des Landes. Alle Kämpfe werden pausenlos vom Fernsehen übertragen. In jeder Bar hängt ja so ein überdimensionierter Flachbildschirm und die Männer, die offensichtlich den ganzen Tag nichts anderes zu tun haben, hocken vor einem Bier an der Bar oder an kleinen Tischchen und schauen schweigend zu.

Ich habe noch nie einen Stierkampf original in der Arena gesehen, auch noch nie so nah und ausführlich im Fernsehen, so daß auch ich ganz interessiert und fasziniert zuschaue. Die Banderilleros, das sind die, welche den Stieren zu Anfang diese kleinen Spieße mit den farbigen Bändern in den Nacken bohren, haben etwas dumme, arrogante Gesichter unter ihren schwarzen Käppis. Sie sind dazu da, den Stier erst zu reizen und „scharf“ zu machen, damit er auch richtig „wild“ wird. Sind doch diese dummen Tiere erst einmal völlig still und stumm, wenn sie aus den dunklen, kühlen Ställen in die heiße, grellweiße Arena mit den Tausenden von schreienden Menschen getrieben werden. Da möchten sie lieber zurück in ihren gemütlichen, ruhigen Stall. Dann kommen diese Banderilleros und pieken sie mit den kleinen Spießen, bis das Blut rot die schwarzen Flanken entlang in den weißen Sand tropft. Das tut weh und macht sie vor Schmerz und Wut wild. Ich bewundere die eleganten Bewegungen und den Mut, wenn sie gänzlich unbewaffnet den Stier auf sich zukommen lassen, ihm elegant ausweichen und ihm dabei die zwei Spieße in den Rücken stechen. Manchmal müssen sie aber auch rennen, wenn der Stier sie verfolgt und sie es eben noch hinter die hölzernen Schutzgitter schaffen.

Da haben die Pescadores es schon leichter, die hoch oben auf ihren Pferden dem Stier von oben weitere, diesmal längere Spieße in den Nacken stoßen. Die Rösser sind geduldige Tiere, die einfach stehen bleiben, während der Stier seine Hörner in die gepanzerte Decke bohrt. Ich wundere mich, daß der starke Stier die Pferde nicht einfach umwirft. Doch sie stehen wie aus Beton felsenfest in der Arena und ertragen stoisch das wütende Stoßen des Stieres.

Die Toreros sind ausgesprochen schöne, junge Männer, mit ihren eleganten, bestickten, goldgelben Anzügen und den weißen Strümpfen. Sie haben feine, edle Gesichter, die Erben einer langen, großen Vergangenheit. Wie Ballettänzer umkreisen sie den Stier, schwenken die rosarote Muleta mit kurzen, zornigen Schwüngen auf und ab, bis der Stier losspringt und darauf zu rast. Sie weichen in kühnem, eleganten Bogen einfach zur Seite und lassen das plumpe Tier passieren, das dann dumm und erstaunt stehen bleibt und gar nicht versteht, daß es der Torero nicht durchbohrt hat. Die Toreros fixieren die Stiere mit bösen, kleinen Augen und sprechen mit ihnen. Man spürt die äußerste Konzentration, mit der sie den Stier zwingen, den Kopf nach unten zu halten in den weißen, heißen Sand der Arena, ihn zum Stand zu bannen, um ihm im „Augenblick der Wahrheit“ – wie die Spanier es nennen – die höchste Konzentration des Lebens gegen den Tod, den todbringenden Degen ins Herz zu bohren.

Der Stierkampf ist Jahrtausende alte Tradition, letztendlich der Triumph des Menschen mit seiner Intelligenz, seiner Kunst gegen die plumpe, dumme Kampfmaschine, die immer wieder, gereizt durch das bunte Geflatter der Muleta, auf den Torero einstürmt, ihn, den elegant und überlegen zur Seite springenden, immer wieder verfehlt mit seinen todbringenden, spitzen Hörnern, bis sie ermattet von ihren sinnlosen Attacken, gebannt von der Macht des Toreros, den Todesstoß empfängt. Der Barkeeper formt mit zwei Fingern seiner rechten Hand das V-Zeichen: Vinceremos – wir werden siegen! Stierkampf, die Faszination eines Landes.

Ich bin der einzige, der in dem riesigen dunklen Speisesaal – in Spanien Comedor genannt – ißt. Nie ißt man in der Bar, immer wird man in den Comedor gebeten, auch wenn man der einzige Gast ist. Man hat drei Kronleuchter für mich entzündet. Der Tisch ist festlich für vier Personen gedeckt. Der Kocht kocht für mich allein, die zwei spanischen Pilger sind, ohne zu essen, wieder in der Bar verschwunden.

Ich esse Judía verdes con Jamón – warme, grüne Bohnen mit Knoblauch – scharf gebratenen Lammkoteletts, mehr Knochen und Fett als Fleisch, mit knackigen Pommes Frites, dazu eine ganze Flasche Rotwein und Wasser für 8 Euro, der übliche Pilgerpreis. Zum Schluß gibt es noch Spiegeleier in heißem Öl. Die beiden Spanier sind doch noch zurückgekommen und vertrauen mir, da sie ja nun an meinem Tisch sitzen, an, daß sie Basken aus Vittoria, der Hauptstadt des Baskenlandes sind. Der Saal ist nun gleißend hell erleuchtet für uns drei Gäste.

In der Bar läuft um halb zehn immer noch der Stierkampf aus Madrid. Sie tragen den Torero auf Schultern aus der Arena. Das Publikum jubelt und klatscht. Die Kamera fährt die Tribünen ab. Die Zuschauer sind alle elegant gekleidet, die Herren trotz der Sonnenhitze mit Krawatte und Jackett, das nicht abgelegt wird. Die Frauen in eleganten Sommerkleidern, alle mit großen, schwarzen Sonnenbrillen. Ich vermute unter den Dargestellten die Größen der spanischen Gesellschaft, den Oberbürgermeister, hohe Politiker und Wirtschaftsbosse. Wenn ich das mit der unglaublichen Primitivität unserer Fußballstadien vergleiche mit ihren lärmenden, johlenden, pfeifenden, schlecht gekleideten Massen, für die das Spiel ein Ventil ihrer Frustration ist.

In Spanien ist der Stierkampf, auch ein Volksfest der Massen, doch ein Abbild einer alten, gehegten, vornehmen Kultur, die bei uns längst verloren gegangen ist und einer undisziplinierten Massendarstellung Platz gemacht hat.

Auf der Silberstrasse 800 Kilometer zu Fuss durch die endlosen Weiten Spaniens
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