Der Schlangenfänger

Freitag, der 19. Mai, von Alcuéscar

nach Valdesalor, 26,4 Kilometer,

gesamt 275,4 Kilometer

13. Wandertag

Heute ist ein Tag auf Römerstraßen. Ich gehe um halb acht los in den kühlen Morgen. Die Gräser sind noch naß vom Tau, der Weg führt zwischen Mauern mit Gärten und alten, knorrigen Olivenbäumen über blühende Wiesen. Ich habe den Frühling wieder eingeholt. Ich bin der letzte auf dem Weg, die zwei Spanier und Franzosen sind schon weg. Ein kühler Wind geht von den Hügeln, der Himmel ist tiefblau, es verspricht ein herrlicher Tag zu werden. Ich hatte heute morgen keine Verdauung, doch nach einigen Kilometern wird der Druck stärker. Ich schaue mich nach einem stillen Plätzchen um, doch der Weg ist beidseitig von Mauern eingefaßt. Sie sind zu hoch zum Überklettern, die Eingänge zu den Wiesen sind mit Toren versperrt. Auch die Querwege haben die gleichen Mauern. Als es nicht mehr geht, denke ich mir, außer mir ist ja doch niemand mehr auf dem Weg, und erreiche gerade noch die Mauer. Ich kenne das schon aus Nepal, wo ich auch fast immer mein Geschäft draußen gemacht habe. Es ist schön, so in der Natur zu sitzen, mit den Fliegen um einen herum. Und Klopapier habe ich auch immer dabei.

Erleichtert schlendere ich über die taufrischen Wiesen. Ein Storch kurvt in elegantem Schwung um mich herum und stellt sich in das nahe, nasse Gras. Es sind meisterhafte Flieger, wie sie so schwerelos ohne Flügelschlag vom Himmel gleiten. Ich pirsche mich näher heran, um ihn zu fotografieren. Aber näher als 50 Meter läßt er mich nicht an sich heran kommen. Dann hüpft er auf und gleitet mit wenigen Flügelschlägen 100 Meter weiter.

Vor Casas de Don Antonio überquere ich die erste Römerbrücke mit vier Bögen über einem verschilften Flüßchen. Am Ortsende ist eine alte Ölmühle aufgebaut mit ihrem Mahlwerk aus zylindrischen Granittrommeln und verrosteten Zahnrädern. Dann nimmt mich die Römerstraße auf.

Ein mannshoher rechteckiger Block aus weißgrauem Granit beschreibt mit farbigem Bild die „Calzada Romana“. Die Sehenswürdigkeiten der Wege hier in Extremadura sind vorbildlich ausgezeichnet. Am Weg liegen an jedem Abzweig und jeder Kreuzung kubische Granitwürfel im Gras mit dem Zeichen der Via de la Plata, einem gelben Weg durch einen schwarzen Triumphbogen. Verschiedenfarbige glasierte Fliesen kennzeichnen den Weg in drei verschiedenen Farben: gelb, wenn er die originale Römerstraße ist, blau, wenn der Weg an der Stelle der Römerstraße verläuft und grün, wenn der Weg außerhalb der Straße verläuft.

Hier auf dieser endlosen flachen Ebene hat sich die alte Straße gut erhalten. Drei Straßen laufen nebeneinander: die moderne Autobahn, die Nationalstraße und rechts daneben durch die blühenden Wiesen die Römerstraße oder das, was von ihr übrig geblieben ist. Nachdem die Römer im 4. Jahrhundert Spanien verlassen hatten, wurde die Straße, die ja in erster Linie eine Militärstraße war, nicht mehr gebraucht und verfiel, da sie nicht mehr gepflegt wurde. Die Bauern liefen ja nur zu Fuß von ihrem Hof aufs Feld, Pferde und Wagen gab es nicht mehr in den Wirren der Völkerwanderung und der arabischen Invasion.

Da sie die Straßen nicht mehr brauchten, freuten sich die Bauern über die vortrefflichen Steine, die da so unbenutzt und unbewacht herumlagen, groß und exakt behauen. Also schleppten sie sie im Verlauf der Jahrhunderte weg und benutzten sie zum Bau ihrer Häuser und Mauern. Interessanterweise findet man immer da, wo die Straße verschwunden ist, die höchsten und stärksten Mauern und entdeckt in ihnen just das alte behauene Straßenpflaster. Bezeichnenderweise sind nur die Brücken noch erhalten. Diese wurden gebraucht, um die Flüsse zu überqueren und wurden entsprechend in Stand gehalten. Fünf Meter vor und hinter der Brücke endet das Straßenpflaster. 

Unterwegs hat man ein Stück der alten Römerstraße wieder frei gelegt, das unter einer 30 Zentimeter dicken Lehm- und Staubschicht verborgen war, mit der der ewige Wind in 1700 Jahren die Straße zugedeckt hat. Man erkennt die 5,00 Meter breite, gewölbte Straße mit den mächtigen behauenen Randsteinen und dem Graben, in den das Wasser geleitet wurde. Ich passiere einen römischen Meilenstein, eine Trommel aus gelbem Sandstein, 1,20 Meter hoch und 30 Zentimeter dick, mit den Ziffern XXVIII – das sind die römischen Meilen von Mérida bis hierher. Eine römische Meile – millia passuum – sind etwa 1,480 Kilometer. Der Stein steht einsam und verloren in der endlosen Steppe als bewache er eine Straße, die es nicht mehr gibt.

Am Weg sitzt ein junger Deutscher neben seinem Auto, mit dicken Lederhandschuhen auf den Knien. Er wartet auf seinen Freund, der Schlangen sucht, da er ein Buch darüber schreibt. Er erzählt mir, daß es äußerst schwierig sei, die scheuen Tiere zu entdecken, da sie sehr sensibel sind, und die dröhnenden Füße der Menschen schon von weitem spüren. Deshalb ist die Angst vor Schlangen beim Wandern völlig unbegründet. Lange, bevor der Wanderer die Schlange erreicht, hat das scheue Tier bereits das Weite gesucht. Höchstens, wenn man unbedacht unter einen Stein greift oder in einen dichten Busch, wo die Schlange sich verkrochen hat, meistens noch steif von der Kälte der Nacht, kann es ausnahmsweise geschehen, daß sie in Notwehr zubeißt.

Ich selber habe nur drei- oder viermal Schlangen angetroffen auf meinen vielen Wanderungen und habe sie als scheue, aber schöne Tiere in Erinnerung, wenn sie dann geräuschlos in zuckenden „Schlangenbewegungen“ in den Wegesrand entflohen sind.

Ich mache Rast an einer entzückenden kleinen Römerbrücke mit einem großen Bogen in der Mitte und zwei quadratischen Überlauflöchern rechts und links. Ein einzelner Baum, der einzige weit und breit, spendet etwas Schatten. Ich versinke in der gelbblühenden Uferwiese, das Gras ist 80 Zentimeter hoch. Die umliegenden Wiesen sind gemäht, es duftet warm nach Heu. Die Carretera ist 100 Meter entfernt und überspannt den Bach auf moderner Brücke. Ab und an rollt ein Truck vorbei, hier unten sieht man mich nicht.

Das Wasser steht braun und bewegungslos, vor mir auf einem Hochspannungsmast entdecke ich ein großes Storchennest. Ein Storch steht auf einem Bein und klappert laut mit seinem Schnabel, die anderen sind in den Wiesen, Nahrung zu suchen. Aus dem Nest fliegen ständig kleine Vögel, die in dem Gestrüpp unter den Störchen wohnen und vielleicht von den Abfällen der Großen leben. Über mir kreist ein Milan im Stahlblau des Himmels. Ich bin ganz allein in der Mulde mit meiner zweitausendjährigen Brücke. Ich dichte: „An der alten Römerbrücken, laß ich mir mein Essen schmecken“. Ich bin ein glückliches Kind in dieser herrlichen Welt.

Nachmittags wird es sehr heiß, das Gras ist wieder gelb geworden und teilweise schon braun, die Extremadura hat mich eingeholt. Der Weg ist nur noch ein Strich in der endlosen Weite, kleine weiße Wolken segeln wie Watte durch das unendliche Blau, ihre schwarzen Schatten gleiten lautlos über die Felder und fallen in die grünen Mulden, in denen Schafe unbeweglich grasen wie zersprenkelte Felsblöcke.

Ich werde Zeuge eines Dramas. Ein Bussard jagt eine Taube hoch über mir. Der kräftige braune Vogel stößt immer wieder mit seinen langen Schwingen lautlos von oben auf die Taube hinab, die in Panik und Todesangst mit hektischen Flügelschlägen auf und ab flattert. Der große Vogel stößt immer wieder im Sturzflug ruhig und überlegen auf das kleine Tier herab, ihr Geflatter wird immer nervöser und kraftloser, sie kann ihrem Jäger nicht entkommen. Sie ahnt ihren Tod, Millionen von Jahren geschah immer das Gleiche. Ein letzter Sturz, dann hält er sie in seinen Krallen und hackt ihr das Leben aus dem Kopf. Nie sah ich vorher, wie ein Raubvogel einen anderen Vogel im Flug angreift und tötet.

In Valdesalor überspannt eine 200 Meter lange Römerbrücke mit fünf Bögen den Río Salor. Sie ist perfekt restauriert mit steinerner Brüstung aus weißem Sandstein, in der Mitte durch Trittplatten geteilt in einen rechten und einen linken Streifen aus kleineren, unregelmäßigen Steinplatten. Auf diesen Brücken konnten sich zwei Reiter oder zwei Mulikarawanen, mit Säcken beladen, begegnen und einander passieren, ganz wie auf unseren Autobahnbrücken, die ein Mittelstreifen teilt. Dahinter hat man wieder ein 100 Meter langes Straßenstück, 5,00 Meter breit, freigelegt.

In Valdesalor gibt es keine Herberge, nur eine so genannte „Notunterkunft“ im Rathaus, im Versammlungsraum des Ortes. Im Raum stehen die Tische und Polstersessel, in denen sonst der Bürgermeister und seine Räte Platz nehmen. Auf dem Boden liegen zwei blaue Matratzen, die aber schon belegt sind. Wir anderen, wir sind heute zu sechst, müssen auf unseren Isomatten auf dem nackten, harten Steinboden schlafen. Wir sind zwei Spanier, zwei Franzosen und zwei Deutsche. Einer der Spanier, ein drahtiger Kerl, ist 71 Jahre alt.

Valdesalor ist ein moderner, sauberer, weißer Ort, eine „Schlafstadt“ von Cáceres. Es gibt kein Hotel, keine Möglichkeit, etwas einzukaufen, kein Restaurant. Gegenüber der Kirche gibt es aber eine Bar, wo ich mich unter die Arkaden in den Schatten setze. Ich trinke erst einmal drei eiskalte Bier hintereinander, bis mein Durst gelöscht ist. Die trockene Luft und der heiße Wind trocknen einen richtig aus und man muß viel trinken, bis man sich wieder frisch fühlt. Ich fühle mich immer erst einmal wie ein trockener Schwamm, der nur langsam wieder feucht wird. Dafür hat man ja auch alle Zeit der Welt. In diesen schläfrigen Orten ist sonst nichts los. Ich trinke, schreibe Tagebuch und rauche. Diese Bars allerdings sind immer laut und fröhlich. Die Jungs sind wild und hart, die Mädels bunt und verführerisch. Sonst gibt es hier nichts.

Um halb neun Uhr gehe ich mit den zwei Franzosen und dem Katalanen aus dem Ort heraus an die Carretera, wo es ein Restaurant gibt, in dem man essen kann. Eine Szene wie in New Mexico: die breite lärmige Carretera, zwei bunte weißrote Texaco-Tankstellen rechts und links der Straße, ein riesiger Parkplatz und drumherum gelb verbrannte Ödnis. Im Restaurant dröhnt die ganze Zeit ohrenbetäubend der Fußball aus dem Fernsehen.

Auf der Silberstrasse 800 Kilometer zu Fuss durch die endlosen Weiten Spaniens
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