Das gebrochene Gelenk

Donnerstag, der 22. Juni, Ourense

Ruhetag

Heute Morgen frage ich in einer Apotheke nach einem Orthopäden für meinen kranken Fuß. Man empfiehlt mir ein Centro Medical, das ist ein Ärztehaus, wo viele verschiedene Ärzte gemeinsam praktizieren. Ich zeige wieder meine internationale Versichertenkarte vor, nach etwas Warten unter vielen Spaniern, werde ich aufgerufen, die junge Ärztin stellt eine böse Entzündung am rechten Fuß und am linken Knie fest. Sie empfiehlt mir, nicht mehr weiterzulaufen, da es nur noch schlimmer werden würde. Sie schreibt mir einen netten Brief – handschriftlich – an ihre Kollegin in Santiago, bei der solle ich mich am Montag melden. Sie sind so lieb, die Spanier, und manchmal so herrlich unbürokratisch, wie ich es schon so oft im Süden erlebt habe. Sonst kann sie mir nicht helfen. Hier wird alles mit Penicillin bekämpft.

Sie und auch ich konnten nicht ahnen, daß ich die ganze Zeit ein gebrochenes Sprunggelenk hatte. Vom ersten Tag in Sevilla an. Ich war ja im April in meinem Garten in Italien umgeknickt und dachte die ganze Zeit, ich hätte eine Sehnenzerrung. In Wirklichkeit war aber das Sprunggelenk angebrochen und hätte natürlich äußerste Ruhe gebraucht, um auszuheilen. Da ich aber, die wahre Ursache nicht kennend, ahnungslos 800 Kilometer mit dem schweren Rucksack auf den langen, strapaziösen Pisten, mich nicht schonend, unterwegs war, ist die Sache mit der Zeit immer noch schlimmer geworden. Als ich nach Hause zurückkehrte und die Schmerzen weiter nicht nachließen, bin ich zu meinem Orthopäden gegangen, der erst auch nichts feststellen konnte und eine Computertomografie machen ließ. Erst da wurde ein feiner Haarriß im Sprunggelenk festgestellt. Als der Arzt mir das erklärte, habe ich erst einmal laut schallend gelacht. Verwundert fragte er mich, warum ich so lache.

„Wissen Sie, Herr Doktor“, antwortete ich, „daß ich mit diesem gebrochenen Sprunggelenk 800 Kilometer durch ganz Spanien gewandert bin mit meinem Rucksack auf dem Rücken?“

Das sei gar nicht so verwunderlich, entgegnete er, das Gelenk sei ja nicht durchgebrochen, sondern nur in Längsrichtung angebrochen, das habe man öfters, daß Leute mit angebrochenen Knochen noch lange weiter gehen oder sogar arbeiten und der Bruch mit der Zeit von selber zuwachse. Ich hatte noch lange Schmerzen bis in den Oktober, bis alles ausgeheilt war. Und damit, so wurde mir auch klar, hing meine Schleimbeutelentzündung zusammen, da ich unbewußt, um den Fuß rechts zu entlasten, die Kraft auf das linke Bein verlegt hatte, dieses damit überfordert war und sich entzündete.

Im nächsten Jahr, 2007, lief ich auf der Via Tolosana 620 Kilometer an einem Stück ohne die geringsten Beschwerden, allerdings mit einem deutlich leichteren Rucksack mit nur acht Kilogramm. Ich hatte gelernt.

Bei einem Kaffee denke ich über meine Zukunft nach. Ich will immer noch nicht aufgeben, wie die Ärztin mir geraten hat. Ich werde versuchen, noch drei kurze Etappen zu machen, solange ich überhaupt noch gehen kann. Morgen fahre ich mit dem Taxi nach Linares im Norden, aus der großen Stadt hinaus. Dann werde ich versuchen, 10 Kilometer bis Cea zu laufen. Am nächsten Tag 9 Kilometer bis in das Zisterzienserkloster „Monasterio Santa María la Real de Oseira“, das ich unbedingt besuchen und dort übernachten will. Am nächsten Tag 11 Kilometer bis Castro Razón. Ich werde mich von allem überflüssigen Gepäck befreien, das bedeutet auch, keine Siesta mehr mit Brot, Käse, Schinken und Rotwein. Nur Wasser und Orangen. Ich werde diesen Weg beenden. Zumindest bis Castro. Dann nehme ich am 26. Juni den Bus nach Santiago. Vinceremos!

Vor der Kathedrale spricht mich noch einmal der Küster an und bedauert, daß ich in der Kirche bestohlen worden sei. Er sagt, daß seien nicht die Gläubigen gewesen, die in die Kirche kommen, um zu beten, sondern anderes Gesindel – mala gente – das um die Kirche herumlungere. Ich weiß schon, wen er meint, die Rotweinbrüder am Brunnen.

Noch einmal tauche ich ein in das südliche, heitere Leben, ich finde meinen kleinen Platz wieder, wo ich gestern saß unter den Studenten, nur mit Mühe bekomme ich einen Platz, es ist alles besetzt an diesem warmen Abend. Ich tauche noch einmal ein in die Menge der fröhlichen jungen Leute, esse Champinones al ajillo, trinke einen Ribeiro, rauche meine Zigarre. Ich habe Angst vor morgen. Werde ich es schaffen? Ich muß es versuchen. Wenigstens bis zum Kloster. Drei winzige, kurze Etappen. Ich bin nun in der großen Stadt ganz allein. Zum ersten Mal seit langem höre ich wieder Musik.

Auf der Silberstrasse 800 Kilometer zu Fuss durch die endlosen Weiten Spaniens
titlepage.xhtml
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_0.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_1.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_2.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_3.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_4.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_5.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_6.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_7.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_8.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_9.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_10.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_11.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_12.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_13.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_14.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_15.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_16.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_17.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_18.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_19.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_20.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_21.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_22.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_23.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_24.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_25.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_26.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_27.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_28.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_29.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_30.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_31.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_32.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_33.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_34.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_35.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_36.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_37.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_38.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_39.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_40.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_41.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_42.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_43.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_44.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_45.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_46.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_47.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_48.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_49.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_50.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_51.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_52.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_53.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_54.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_55.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_56.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_57.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_58.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_59.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_60.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_61.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_62.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_63.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_64.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_65.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_66.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_67.html
Auf_der_Silb-eiten_Spaniens_split_68.html