Der Schwarze Engel

Donnerstag, 15. Juni, Lubián

Ruhetag

Ich bleibe bis um neun im Bett. Alle anderen sind schon fort, erst die Frau, die die Räume säubert, wirft mich aus dem Bett. Heute werde ich faulenzen, ruhen, ausspannen. Ich bin nun 7 Tage ohne Pause gelaufen, 165 Kilometer und das unter Schmerzen mit meinem entzündeten Fuß. Diesen Ruhetag habe ich mir verdient. Der Fuß ist trotz nächtlicher Kühlung dick und rot geschwollen. Ich reibe ihn mit Voltaren ein und ziehe den Stützstrumpf über. Dann packe ich meine Sachen und ziehe rüber zu Irene. Welch ein herrliches Zimmer. Fenster nach Süden, weiches Doppelbett, luxuriöses Bad. Und endlich, endlich einmal wieder allein in einem Raum, ohne Schnarcher, ohne Rascheln und Packen morgens um halb sechs. Denke ich, denn es sollte anders kommen. Ich setze mich auf einen Holzstuhl auf die Terrasse vor dem Haus in die noch etwas kühle Morgensonne. Irene werkelt mit Kopftuch und Jeans in ihrem Kräutergärtchen, drei Hunde liegen zu meinen Füßen, die mich schnüffelnd bewachen. Ich blicke hinunter in das grüne Hochtal, drüben liegen die Kämme der Sierra de Culebra, dahinter ist Portugal.

Lubián ist ein Hochtal zwischen zwei Pässen, der Río Tuela entwässert nach Portugal im Süden. Von dort gibt es aber keine Straße, das Tal ist wohl nicht passierbar. So ist Lubián eine galicische Enclave am Ende von Kastilien, wie man es oft hat in Europa in den Grenzgebieten: Elsaß, Südtirol, Aostatal. Auf der anderen Seite schlingt sich am Gegenhang die Autobahn mit ihrem silbrigen Band, die Autos kriechen klein wie Spielzeug den Hang hinab, lautlos, man hört nur das Zwitschern der Vögel, Bienen summen, ab und an bellt ein ferner Hund. Schwarze Wolken quellen von Südosten, dahinter tiefblauer Himmel. Ich habe ein kleines Paradies gefunden für einen Tag. Ich lese, schreibe Tagebuch, mittags gehe ich hinein zum Essen, ein gemischter Salat, er kommt ganz frisch aus Irenes Garten, mit kalten Eiern, Spargel, Tomaten.

Ich esse allein, abends werden wohl wieder neue Peregrinos kommen, die von gestern sind alle weg und schon unterwegs nach A Gudina in Galicien. Ein Kaffee auf der Terrasse, er wird auf einem Holzgestell serviert, ein Zigarillo, ich träume in den warmen Nachmittag. Ein junger Mann stört meine Ruhe, in schwarzem Jogging Anzug, mit schwarzer Reisetasche und schwarzen Lederschuhen, mit schwarzem, schmalzigen Kraushaar und Hakennase kommt er den Hof hinauf und spricht mich auf Deutsch an. Das ist kein Peregrino, das sehe ich gleich. Es ist Angel, ein Galicier mit deutschem Personalausweis, angeblich unterwegs zu seiner Familie in Pontevedra, arbeitslos, aus Stuttgart. Er kniet vor mir in die Hocke, erzählt mir seine ganze Leidensgeschichte, er hat kein Geld mehr, seit drei Tagen nichts mehr gegessen. Er lobt mich, ich sei ein guter Mensch, Peter, sein Freund, alle Deutschen seien gute Menschen, alle seine Freunde seien Deutsche, die Spanier seien schlechte Menschen, böse Menschen, herzlos, kalt.

Ich weiß schon, was jetzt kommt. Ob ich ihm nicht ein wenig helfen könne, nur ein paar Euros, um etwas zu Essen zu kaufen. Er wolle versuchen, in der Herberge umsonst zu übernachten. Dies ist ein „Mal Peregrino“, so nennen die Spanier diese Menschen – ein schlechter Pilger.

Das sind arbeitslose Typen, die sich unter die Pilger mischen, kostenlos in den Herbergen übernachten und nachts, wenn die anderen schlafen, die Rucksäcke nach Geld und Wertsachen durchwühlen. Mir stahl einmal ein solcher „Mal Peregrino“ 1997 in Logroño nachts meine Geldbörse, die ich leichtsinnigerweise unter meinem Kopfkissen „versteckt“ hatte. Man fand dann zu meinem Glück die Börse am nächsten Tag im Bad hinter dem Klo, allerdings ohne Geld, aber mit meinen Papieren und Kreditkarten. Seitdem verschwindet mein Geld immer mit meiner Bauchtasche in meinem Schlafsack zu meinen Füßen, da ist es sicher. Ich gebe dem „Schwarzen Engel“, nur um ihn loszuwerden 5 Euro. Er küßt mir fast die Hand: „Gracias, Señor Peter, Muchas Gracias!“ Dann zieht er, hündisch winkend, ab.

Mein Nichtstun tut mir gut. Nach diesem guten Vormittag gehe ich für zwei Stunden in mein schönes, weiches Bett. Draußen streichelt der Wind die Blätter und wiegt mich in den Schlaf. Zurück auf der Terrasse bestelle ich mir eine Flasche Weißwein aus der Posada de Irene und lese weiter in meinem Buch. Plötzlich steht wie aus dem Nichts Marguerita wieder neben mir, die ich doch seit langem nicht mehr gesehen hatte und schon weit vor mir wähnte. Freudig lade ich sie zu einem Gläschen Wein ein. Sie sucht eine Unterkunft, da sie nicht in der Herberge mit den Malos Peregrinos bleiben will. Neben Angel sei noch ein zweiter, älterer aufgetaucht, der noch unangenehmer und verkommenen aussieht. Er habe so einen lauernden, stechenden Blick, erzählt Marguerita. Der Preis in meiner Casa Rural von 50 Euro sei ihr allerdings zu hoch. Da habe ich eine spontane Idee. Ich sage Irene, Marguerita sei überraschenderweise angekommen, eine alte Freundin von mir, ob sie nicht bei mir übernachten könne, da ich sowieso ein Doppelzimmer habe. Kein Problem, meint Irene, dann koste es 60 Euro für uns beide. Marguerita ist einverstanden, so zahlt jeder nur 30 Euro. Auch für mich ist es gut, ich habe Gesellschaft, muß nicht allein zu Abend essen und spare ja auch 20 Euro. Wir sind beide glücklich, leeren die ganze Flasche und erzählen uns unsere Erlebnisse seit Zamora. Das hat unser großer Heiliger wieder richtig gut eingefädelt. Er kennt den Weg, er führt uns richtig, seine Kinder, er weiß, wie er uns wieder zusammenführt, wenn er es will. Wir reisen sicher in seiner Hand. Gracias, Santiago.

Ich habe der Köchin von meinem schlimmen Fuß erzählt. Sie kennt sich aus, war wohl mal Krankenpflegerin und bringt mir gleich eine große Schüssel warmes Wasser mit Salz, Öl und Lorbeerblättern im Wasser schwimmend. Darein muß ich meinen geschwollenen Fuß stellen, der wirklich schlimm aussieht, dick und rot. Sie versteht etwas davon und stellt gleich mit Kennermiene fest, da sei wohl Wasser im Bein, und massiert und salbt das Gelenk mit einer weißen Creme. Das tut gut. Sie meint, durch das Umknicken seien die Sehnen wohl verrutscht, und versucht durch Kneten sie wieder an die richtige Stelle zu bringen. Ich genieße die Pflege, den wahren Grund ahnen wir beide nicht, deshalb hat es auch nachhaltig nichts genutzt. Aber ich fühle mich danach gleich besser.

Marguerita und ich essen gemeinsam schön zu Abend. Es gibt eine köstliche Gemüsesuppe frisch aus dem Garten, so eine Art Minestrone, dazu warmes Gemüse mit frischem Weißbrot. Fleisch gibt es heute nicht. Wir vermissen es auch nicht, alles schmeckt so köstlich. Zwei Spanier kommen in den Raum zum Essen und verlangen gleich, auf die herrische Art der spanischen Männer – Machos – daß das Fernsehen zum Fußball angestellt wird. Ich sage, daß ich das nicht gern hätte, wir seien schließlich gemütlich beim Essen. Der Fernseher wird trotzdem angestellt in der üblichen spanischen Lautstärke, da sie wohl alle schwerhörig sind wegen des pausenlosen Lärms. Darauf setze ich mich ostentativ mit dem Rücken zum Fernseher und zu den beiden Männern. Das nehmen sie mir übel und erzählen abends in der Herberge, ich sei ein Mensch ohne Anstand und Erziehung. Außerdem machen sie die liebenswerte Köchin an, weil es heute Abend kein Fleisch und keine Pommes Frites gibt. Wir erregen uns sehr, schließlich ist das hier kein öffentliches Restaurant und Marguerita und ich wohnen hier als Hausgäste. Aber so sind diese spanischen Kotzbrocken. Bier, Fleisch und Fernsehen.

Auf der Silberstrasse 800 Kilometer zu Fuss durch die endlosen Weiten Spaniens
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