San Francisco

Mittwoch, der 21. Juni, von Xunqueira de Ambía

nach Ourense

40. Reisetag

Um fünf Uhr morgens poltern die Finnen bereits im Schlafraum. Gestern aßen wir noch gemeinsam zu Abend, eine köstliche Linsensuppe und dann das Übliche. Sie laufen heute nach Ourense. Ich fahre. Um sieben Uhr bin ich bereits an der Bushaltestelle. Den Herbergsschlüssel habe ich an der Bar Retiro unter den Blumentopf gelegt. Ein alter Mann mit Baskenmütze und zahnlosem Mund und eine stämmige Frau mit Einkaufstasche warten mit mir im nebelfeuchten Morgen. Um 7.25 Uhr kommt der große blaue Bus, wir sind zu dritt allein. Es geht durch grünhügeliges Land, bergauf, bergab, ich entdecke die gelben Pfeile des Jakobsweges an den Mauerecken, auf der anderen Talseite sehe ich die Finnen auf dem Weg durch die Wiesen. Der Bus hält in vielen kleinen Orten, die Bebauung nimmt zu, das fruchtbare Tal ist total zersiedelt, bald beginnt das Weichbild der großen Stadt mit Lagerschuppen, Supermärkten, Schnellstraßen. Ich bin froh, daß ich hier nicht laufen muß. Die Vegetation wird wieder mediterran: dicke, alte Feigenbäume, Palmen, Bougainvilleen, Lilien.

Von der Bushaltestelle im Stadtzentrum gehe ich sofort gegenüber in eine Cafébar und frühstücke seit langem einmal wieder ausgiebig: Café solo, Croissant, Orangensaft, und sprudelndes, kaltes Wasser aus einem sauberen Glas. Ein Taxi bringt mich samt Rucksack ins Krankenhaus. Der Arzt stellt wieder das Gleiche fest, inflammación, gibt mir vier Penicillintabletten, ich solle einige Tage Pause machen und Voltaren draufstreichen. Das kenne ich ja jetzt schon.

Der nächste Taxifahrer spricht Deutsch, er hat zehn Jahre in Frankfurt bei Hochtief gearbeitet. Ich glaube, hier in diesem armen Galicien war schon fast jeder einmal in Deutschland zum Arbeiten. Wir Deutsche genießen einen guten Ruf in Spanien. Nicht nur als Touristen, sondern auch als Gastland. Er bringt mich hoch über die Stadt zur Herberge im alten Kloster San Francisco aus dem 14. Jahrhundert. Die Herberge macht erst um zwölf Uhr auf, ich lasse meinen Rucksack einfach neben der Tür des Museums stehen, das auch im Kloster untergebracht ist. Ihn wird wohl niemand mitnehmen.

Tief unten im Talkessel liegt honigfarben die mächtige Kathedrale, die zweitgrößte Galiciens, umgeben von dem roten Dächergewirr der Altstadt. Über eine elegante, gewaltige Treppenanlage humpele ich hinunter in die Stadt. Unübersehbar ist die Kathedrale, ein frühromanisches Durcheinander von Türmen, Nischen, Portalen, Zinnen, Dächern Kuppeln. Hier bauten wohl Jahrhunderte. In einer Seitenkapelle erlebe ich gleich eine Messe, die ein Priester auf Gallego – in galicischer Sprache - hält. Ich verstehe kein Wort, gehe aber mit den anderen zur Kommunion. Dies ist ein gutes Zeichen dafür, daß ich meinen Weg nun mit Freuden beenden kann. Die Kapelle ist über und über mit gold bemaltem Schnitzwerk überladen. Vier riesige Engel, Herolden gleich, tragen den Baldachin. Sie sehen eher aus wie derbe Landsknechte mit Flügeln. Christus hängt am Kreuz mit langen schwarzen Haaren wie ein Hippie, mit Stirnbinde und rotem, gold bestickten Tuch um die Lenden.

Um den Altar ist ein Umgang mit riesigen, geschnitzten, hölzernen Tafeln: Christi Geißelung, Kreuzabnahme und Auferstehung. Am Eingang zur Kathedrale gibt es einen Pórtico del Paraíso – ein Paradiesportal – wie die Puerta de la Gloria in Santiago, mit den zwölf Aposteln und den vierundzwanzig Ältesten der Apokalypse, die im romanischen Rundbogen ihre mittelalterlichen Zupf- und Leierinstrumente spielen. Am Mittelpfeiler steht eine Statue mit Muschel auf dem Sockel, einem Schwert und einem Buch. Ist das mein Jakob? Die Figuren sind alle bemalt. In zwei Nischen in der Kirche liegen diesmal keine Ritter mit Hund und Schwert, sondern friedliche Bischöfe.

Als ich die Kirche verlassen will, ist mein Wanderstock weg, den ich innen neben der Tür abgestellt habe, der Bettler vor der Tür auch. Ich frage den Küster, er hat nichts gesehen und gefunden. Jetzt dringt das Böse auch schon in die Kirche ein!

Dafür finde ich aber am Ende des Kirchplatzes unter den schattigen Arkaden in den alten Kaufmannshäusern die Bar Bacelo, mit Glas und Edelstahl elegant eingerichtet in den gelben Sandsteinmauern des alten Kontors. Holztischchen sind draußen aufgestellt, im Brunnen steht eine gewaltige nachgebaute römische Triumphsäule, gegenüber schlafen die weißen Häuser hinter ihren grünen Fensterläden. Es ist Mittag, eine schläfrige Stille macht sich breit, die Türen klappen zu. Siesta.

Leider lagern hinter dem Brunnen aber auch andere Gestalten, die es zu diesem romantischen Plätzchen gezogen hat. Langhaarige, heruntergekommene Burschen in schmutziger Kleidung, mit Rotweinflaschen und Zigaretten und einem dröhnenden Kassettenrecorder. Ab und an kommt einer zu uns herübergeschlurft und macht uns um eine Zigarette an. Der Bettler von der Kirche ist auch dabei. Da ist wohl mein Wanderstock geblieben. Ich rede mit dem Kellner über diese unerfreulichen Gestalten neben seinem Edellokal.

Er klagt mir sein Leid, daß sie seine Gäste belästigen und vertreiben, aber er könne nichts unternehmen, die Polizei schreite nicht ein, wenn sie nicht gegen Gesetze verstießen, und das Sitzen auf Treppenstufen um einen Brunnen herum in ungepflegter Kleidung sei auch in Spanien nicht verboten. Und ruhestörender Lärm ist in Spanien etwas anderes als bei uns. Das ist die mediterrane Gelassenheit und Großzügigkeit. Ich muß es akzeptieren und mich darein fügen. Vielleicht war ich auch wieder zu lange in der Eisamkeit. Ich muß den Umgang mit den Menschen erst wieder lernen.

Ich esse einen köstlichen Queso del País mit Honig und einen Teller Jamón Ibérico mit krustigem Weißbrot und trinke dazu einen kühlen Ribeiro. Die Kultur hat mich wieder. Fast vergesse ich meinen Fuß. Außer mir sitzen noch einige gut gekleidete Geschäftsleute mit ihren schicken Sekretärinnen oder Freundinnen an den Nachbartischen, Ourense ist kein Touristenort, hier bin ich wieder Fremder unter Spaniern.

Ohne Stock schleppe ich mich mühsam die steile Treppe hinauf in meine Herberge, die inzwischen geöffnet ist, mein Rucksack steht noch da, wo ich ihn gelassen habe neben dem Museum – hier gibt es keine Dunkelmänner, die Pilgerrucksäcke gebrauchen können. Der Herbergsvater begrüßt mich freudig, bedauert meine Schmerzen, nein, einen Stock habe er nicht. Ich ruhe erstmal zwei Stündchen hinter den kühlen Mauern meines Klosters, dann entdecke ich, daß die Finnen auf dem Bett mir gegenüber ihre Sachen abgelegt haben, auch zwei Wanderstöcke hängen an der Wand. Ich leihe mir einen aus, schreibe einen Zettel auf Englisch und lege ihn auf das Bett.

Jetzt geht es wieder besser, ohne Stock bin ich nicht mehr in der Lage, vom Bett auf die Toilette zu gehen. Ich muß mich immer mit den Händen abstützen und festhalten. Wie quält mich das Böse! An der Kathedrale treffe ich eine ältere Frau mit Stock und frage sie, wo ich wohl einen Wanderstab kaufen könne. Sie zeigt mir einen Laden in einer Seitengasse, den ich so nie gefunden hätte, die Besitzerin hat neben Regenschirmen, Spazierstöcken und Stützstöcken für alte Damen auch noch einen einzigen Teleskopstock, golden mit schwarz, ein schickes Design. Der gefällt mir zwar nicht, aber ich habe keine andere Wahl, ich hätte jeden genommen in meiner Not. Die Besitzerin plaudert noch nett mit mir über Santiago und den Camino, die Leute hier sind alle sehr nett und freundlich, nicht so „Kotzbrocken“ wie in Kastilien. Ich werde morgen noch zu einem privaten Arzt gehen, wenn die Schmerzen nicht nachlassen. Die vier Tabletten von gestern aus dem Krankenhaus nutzen nichts. Glücklich über meinen „goldenen“ Stock, der mir das Gehen wieder erträglich macht, bummele ich dann noch durch die später am Nachmittag geschäftiger werdende Stadt mit ihren eleganten mit poliertem Granit gepflasteren Einkaufsstraßen und chromblitzenden Geschäften.

Später entdecke ich einen schattigen Park mit Caféterrassen, wo ich die Mütter mit ihren kleinen Kindern treffe. Ich bestelle mir einen dicken Eisbecher mit Erdbeeren und beobachte neugierig das geschäftige Treiben auf den Verkehrsstraßen. Auf einem großen digitalen Thermometer an einer Bank auf der Ecke lese ich die Temperaturanzeige, die – ich kann es kaum fassen – alle Viertelstunde hochklettert von 35 Grad auf 36 Grad und erst bei 37 Grad stehen bleibt. Es ist fünf Uhr nachmitags. Heute ist Ourense der heißeste Ort Spaniens. Es gibt wieder Palmen, die Menschen sind freundlich und liebenswürdig. Es geht wieder aufwärts nach dem Tiefpunkt gestern. Es tut gut, so viele Autos, Menschen und Busse zu sehen nach den „toten“ Dörfern der letzten Tage, die heiße Luft zu spüren, den warmen Wind, der die Blätter der Platanen streichelt. Aus den nebelfeuchten Wäldern bin ich zurückgekehrt in die Welt des Südens, die ich so über alles liebe.

Am Abend verliere ich mich wieder in die Altstadt mit ihren engen, schmalen Gäßchen und vielen kleinen Kneipen. Ourense ist Universitätsstadt, so ähnlich wie Santiago, aber ohne Touristen. Ich menge mich unter die lebhaften jungen Leute, bin mal wieder der Älteste, mit meinem Stock und meinem Hinkefuß sowieso, aber ich tauche in die lebendige, flirtende, schwitzende Menge ein und sie nimmt mich auf. So wie letztes Jahr in Oviedo, da war es genau so auf der Plaza del Pescado. Wenn ich auch ein Fremder bleibe, so bin ich nun nicht mehr allein, ein stiller Beobachter zwar, der schreibt und liest und ißt und trinkt wie sie und doch, zwar für Stunden nur, mit dazu gehöhrt. Nicht mehr dieses grenzenlose Alleinsein in den menschenleeren, freudlosen Comedors und Bars der Bergdörfer. Wir Menschen sind nun mal Sozialwesen und brauchen die Nähe und Wärme der Anderen, auch wenn wir sie nicht kennen. Auch die Schafe suchen die Wärme und Nähe der Herde.

Morgen, am Donnerstag in einer Woche, fliege ich nach Hause. Wie das klingt „nach Hause“. Acht Wochen hatte ich ja kein Zuhause. Irgendwie bin ich nun das Leben aus dem Rucksack leid. Zwei Monate sind einfach zu lang. Noch nie war ich so lange unterwegs. Und jetzt noch diese Schmerzen, die geben mir den Rest. Ich habe Angst vor jedem Schritt, weil jeder sticht wie mit Messern. Alle laufen frei und fröhlich herum, nur ich schleiche mich wie ein Krüppel an meinem Stock. Wie ich all die jungen Menschen beneide, die behende mit flinken, schmerzfreien Füßen durch die Gassen eilen. Wofür werde ich so bestraft, ich, der ich doch auf einem „heiligen“ Weg bin? Im Augenblick kämpft das Böse gegen mich. Wer wird den Kampf gewinnen?

Schön sind diese warmen Nächte, wo es um halb zehn hier in Galicien am äußersten Ende Europas noch taghell ist. Der Brunnen plätschert auf der kleinen Plaza, die Stimmen der jungen Leute hallen gedämpft durch die Gassen, es ist friedvoll und heiter. Welch ein Gegensatz zu gestern in den kühlen, feuchten, nebligen Bergdörfen mit ihrem Geruch nach Kuhscheiße. Ich versuche zu ergründen, wie die Galicier sich von den Spaniern unterscheiden. Ich erkenne nichts, es sind fröhliche junge Menschen, die alle Spanisch sprechen, wobei wahrscheinlich die meisten Studenten gar keine Galicier sind. Es ist mir auch egal. Ich rauche eine Monte Christo für 5,00 Euro das Stück. Andachtsvoll. Hecho da mano. Ich muß diese große, warme Welt feiern. Der Himmel ist pfirsichfarben. „Mach mich aller Schmerzen los, horch, der Seewind weht“ – erinnere ich mich an Borchert. Ich höre Möven vom Fluß.

Auf der Silberstrasse 800 Kilometer zu Fuss durch die endlosen Weiten Spaniens
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