
Maamo sagte kein Wort mehr über Suliman, nicht, bis er um Viertel nach drei vor dem Haus vorfuhr. Nicht, bis er gehupt hatte und Khadija und ich unsere Mäntel nahmen. Da hob sie den Kopf und sah uns an.
»Ich muss gleich weg«, sagte sie beiläufig. »Ihr werdet Sahra und Maryan mitnehmen müssen.«
»Was ist mit Fowsia?«, fragte ich. »Kann sie nicht …?«
»Nein, kann sie nicht.« Maamo sah wieder ihre Näharbeit an. »Fowsia kommt mit mir.«
»Aber wir gehen mit Onkel Suliman weg«, sagte ich.
»Er hat in seinem großen Auto sicher noch Platz für zwei mehr.« Sie nickte Sahra und Maryan zu. »Holt eure Mäntel, ihr geht mit Abdi.«
»Sie können nicht mitkommen«, erklärte ich. »Sag es ihr, Khadija.«
Aber Maamo ließ Khadija keine Gelegenheit, mich zu unterstützen. »Wie ihr wollt.« Sie faltete das Kleid zusammen, an dem sie nähte. »Wenn ihr sie nicht mitnehmen könnt, dann müsst ihr eben hierbleiben und euch um sie kümmern.«
Was sollten wir tun? Wenn wir die beiden kleinen Mädchen mitnahmen, würden sie zurückkommen und erzählen, wo wir gewesen waren und wen wir getroffen hatten. Aber wenn wir ohne sie gingen, würde Maamo wissen, dass wir etwas zu verbergen hatten.
Ich sah Khadija an, aber sie zuckte nur mit den Achseln und nahm ihre Tasche. »Komm«, sagte sie. »Er wartet.«
Maryan und Sahra liefen vor uns die Treppe hinunter. Je näher wir Suliman Osmans Auto kamen, desto schlechter konnten wir es uns voller Kinder vorstellen. Ich glaubte schon, er würde nur einen Blick auf uns werfen und den Kopf schütteln.
Aber das tat er nicht. Als er uns kommen sah, nahm er sein Telefon und rief jemanden an und als wir sein Auto erreichten, lächelte er.
»Wie schön eure Familie zusammenhält«, meinte er.
Ich verzog das Gesicht. »Maamo hat befohlen, dass wir sie mitnehmen. Ich konnte nicht …«
»Schon gut.« Suliman winkte mich auf den Beifahrersitz, während die Mädchen hinten einstiegen. »Lasst uns fahren. Faarah wartet.«
Ich hatte keine Ahnung, wovon er redete. Wer war Faarah? Ich hätte ja gefragt, aber als ich den Mund aufmachte, sah mich Suliman von der Seite an und verzog den Mund. »Schon gut«, meinte er wieder. »Hör auf zu grübeln und stell lieber das Radio an.«
Ich suchte einen Radiosender, der Musik spielte, konnte aber nicht aufhören, nachzudenken. Ich hatte ja keine Ahnung, dass wir gleich die perfekte Vorstellung davon bekommen sollten, wie Suliman arbeitete. Kein Stress. Nur eine glatte Operation, bei der von vornherein an alles gedacht wurde.
Wir waren kaum zehn Minuten gefahren, als wir vor einem Möbelhaus anhielten. Suliman schaltete den Motor aus und der Besitzer kam heraus, um uns zu begrüßen. Er war ein Bruder. Somalier.
Doch er runzelte auf sehr unsomalische Weise die Stirn, als er die beiden kleinen Mädchen sah, und fragte. »Was machen die denn hier?«
»Nun, weißt du …« Suliman breitete lächelnd die Hände aus. »Sie müssen irgendwo bleiben, Faarah. Es sind nette Mädchen. Sie werden kein Problem sein.«
»Sie können hier nicht rein«, erklärte Faarah steif. »Du weißt doch, wie es hier aussieht. Überall stapeln sich Möbel. Ich habe keine Versicherung für Kinder.«
Suliman sah betroffen aus. »Aber wir müssen mit dir reden. Was können wir tun?«
Faarah sah Sahra und Maryan durch das Fenster an. Dann lächelte er plötzlich. »Keine Angst. Jaz kann sich um sie kümmern. Sie liebt Kinder.« Er wandte sich um und rief ins Warenhaus: »Hey, Jaz! Mach doch mal Pause bei der Inventur! Mr Osman hat zwei nette Mädchen mitgebracht, mit denen du spielen kannst!«
So einfach war das. Ein hübsches asiatisches Mädchen kam heraus, ein Klemmbrett in der Hand und ein breites Grinsen im Gesicht.
»Ich muss etwas mit Mr Osman besprechen«, erklärte Faarah. »Unterhalte sie, bis wir fertig sind, O.K.?«
»Geht klar.« Jaz lächelte Sahra und Maryan fröhlich an. »Dann kommt mal mit, ihr zwei.«
Sahra und Maryan sprangen aus dem Auto und stritten sich darum, wer ihre Hand halten durfte.
»So nicht«, wehrte Jaz ab und gab Sahra ihr Klemmbrett und Maryan den Stift. »Wenn ihr das für mich tragt, könnt ihr mir beide die Hand geben.«
Sie gingen fort, ohne sich auch nur einmal nach uns umzusehen, und Faarah grinste. »Seht ihr? Die Mädchen sind versorgt. Aber bevor ihr geht …«
Er ging mit Osman beiseite und unterhielt sich leise mit ihm. Ich lehnte mich zurück und beobachtete sie. Ich hatte das angenehme Gefühl, dass wir in guten Händen waren. Suliman war nicht wie sein Vater. Er wusste, wie man vorgehen musste.
Ich konnte kaum erwarten, zu sehen, wie er mit Sandy Dexter reden würde.