Abbildung

Ich hatte befürchtet, Khadija würde schreien und weinen, als die Entführer aufgelegt hatten. Aber das tat sie nicht. Sie schloss die Augen und stand da, ohne etwas zu sagen, so still, dass ich nicht einmal sehen konnte, ob sie atmete.

»Du könntest Sandy um das Geld bitten«, meinte ich. Es war das Einzige, was mir einfiel. »Man kann ja nie wissen, vielleicht gibt sie dir die zehntausend Dollar, wenn du ihr sagst, wozu du sie brauchst.«

Khadija machte die Augen auf. »Was? Wir sagen ihr, dass jeder erpresserische Budhcad in Somalia weiß, dass sie mir einen Job geben will? Sei doch nicht dumm. Wir sollten es doch geheim halten. Wenn sie davon erfährt, wird sie mich nicht mehr wollen – und dann habe ich gar keine Chance mehr, Mahmoud das Leben zu retten.«

»Aber wir müssen doch irgendetwas tun können«, wandte ich ein. »Wenn die Entführer hier in diesem Land wären, könnten wir zur Polizei gehen. Aber in Somalia …«

Ich musste es nicht aussprechen. In Somalia gibt es keine Polizei. Es gibt keine Regierung, kein Recht und kein Gesetz. Nur Budhcads und Kriegsherren und Piraten. Kinder, die mit Kalaschnikows die Straße entlangspazieren. Gepanzerte Wagen mit hinten aufmontierten Maschinengewehren … Das wusste sogar ich.

Khadija wandte sich zu mir um. »In Somalia haben wir Familie. Mein Vater und meine Onkel suchen alle nach Mahmoud. Und wenn ich dort wäre, könnte ich sie fragen, was ich tun soll. Aber hier bin ich allein. Ich habe keine Unterstützung.«

»Du hast doch meine Familie!«, erwiderte ich hitzig.

»Das ist nicht dasselbe!«, rief Khadija. »Wie sollte es auch?«

Sie hatte recht. Natürlich hatte sie recht. Mein Clan und ich gegen den Rest der Welt, sagt man in Somalia. Meine Familie und ich gegen meinen Clan. Wie sollte man sich so je auf jemand anderen verlassen können?

»Wir haben versprochen, uns um dich zu kümmern«, sagte ich, denn das war wenigstens das Zweitbeste. »Wir werden alles tun, was wir können.«

Khadija zuckte mit den Achseln. »Werdet ihr das Geld für mich auftreiben? Oder mich nach Somalia bringen, damit ich Mahmoud suchen kann?«

»Du weißt, dass das nicht möglich ist.« Ich versuchte verzweifelt nachzudenken. »Aber es muss doch jemanden geben, der uns helfen kann.«

Erst im Bus kamen wir darauf, wer das war. Natürlich musste es jemand sein, der die Wahrheit über Khadija wusste. Eine davon war Maamo, aber ich wusste nicht, was sie hätte tun können. Aber vielleicht war da noch jemand anderes …

 

Er war in dem kleinen Raum hinten in der Moschee und besprach etwas mit dem Imam. Durch die Glastür konnten wir sie beide sehen – den alten Onkel Osman mit seinem grauen Bart und dem weisen, zerfurchten Gesicht, und den jungen, ehrgeizigen Imam mit seiner Leidenschaft für Güte und Wahrheit. Ich hielt es für keine gute Idee, sie zu unterbrechen, aber Khadija klopfte an die Tür und trat ein, ohne auf eine Antwort zu warten.

Onkel Osman sah auf. Als er Khadijas Gesicht sah, bat er uns, näher zu kommen. »Was ist los?«, fragte er.

»Es ist etwas passiert«, flüsterte ich. »Etwas Schlimmes.« Ich sah den Imam an.

»Was immer es ist, du kannst es uns beiden sagen«, meinte Onkel Osman ernst. »Wir haben keine Geheimnisse voreinander.«

Khadija zögerte kurz, dann sagte sie: »Mein Bruder Mahmoud ist in Somalia entführt worden. Sie wollen zehntausend Dollar für sein Leben.« Ihre Stimme klang flach und tonlos. »Und sie haben uns drei Monate gegeben, um es zu beschaffen.«

Sie klang so gleichmütig, dass ich mich fragte, ob sie ihr glauben würden. Der Imam schloss einen Moment lang die Augen und Onkel Osman saß ganz still und betrachtete seine Hände.

Khadija strich mit ihren Fingern über den Tisch hin und her und fragte: »Nun? Werdet ihr mir helfen?«

Onkel Osman runzelte die Stirn. »Ich bin kein reicher Mann, Khadija. Und selbst wenn ich das Geld hätte …«

Khadija schlug leicht mit der Hand auf den Tisch. »Ich bitte nicht darum, dass du allein all dein Geld gibst. Aber du könntest alle anderen fragen. Sie vertrauen dir. Wenn du ihnen sagst, dass es ein Notfall ist … und sie bittest, zu geben, was sie können, vielleicht …«

Sie hielt inne und sah zwischen ihm und dem Imam hin und her, als versuche sie zu raten, was sie dachten. Aber sie sagten nichts. Sie warteten nur ab.

»Zehntausend Dollar sind keine so riesige Summe«, fuhr Khadija verzweifelt fort. »Nur je hundert Dollar bei hundert Leuten. Was ist das schon? Sechzig Pfund? Siebzig? Wenn jede Familie uns siebzig Pfund gibt – wenn sie es uns leiht …«

Onkel Osman sah sie mitleidig an, aber wir sahen beide, dass er ablehnen würde. Khadija ließ den Kopf hängen.

»Bitte helft mir«, flehte sie. »Bitte. Ich weiß nicht, was ich sonst machen soll.«

Onkel Osman seufzte so tief, dass ich die Last auf seinem Herzen fast spüren konnte. Aber der Imam antwortete ihr.

»Ich weiß, es ist schwer«, sagte er. »Aber wir dürfen solchen bösen Menschen nicht nachgeben, Khadija. Wenn die Entführer das Geld bekommen, das sie verlangen, werden sie es wieder tun. Und wieder und immer wieder. Viele andere Leute werden noch leiden müssen.«

»Aber zumindest wird Mahmoud in Sicherheit sein!« Khadija versuchte, hartnäckig zu sein, aber es klang eher verzweifelt.

»Niemand wird sicher sein«, sagte Onkel Osman. »Selbst wenn du das Geld bekommen solltest, kannst du nicht sicher sein, dass du deinen Bruder wiederbekommst. Für sie ist es viel sicherer, wenn sie ihn umbringen.« Er versuchte, so milde wie möglich zu klingen, aber Khadija zuckte bei seinen Worten zusammen.

Der Imam neigte sich vor und fragte nachdenklich: »Eine Sache macht mich stutzig. Warum glauben diese Männer, dass es sich lohnt, Khadijas Bruder zu kidnappen?«

Die Frage war so offensichtlich, dass sie mir bis ins Mark fuhr. Und dabei hatte er die schlimmste Frage noch gar nicht gestellt. Woher wussten die Entführer von Sandys Angebot?

»Wir haben versucht, ihnen zu sagen, dass sie nur eine Schülerin ist«, sagte ich, »aber das hat sie gar nicht interessiert.«

»Es sind grausame, böse Menschen«, sagte Khadija. »Und sie interessieren sich für nichts außer für Geld. Was können wir tun, um sie aufzuhalten?«

Onkel Osman hob den Kopf. »Ich werde mit meinem Sohn Suliman reden. Er hat Kontakte in ganz Somalia. Vielleicht kann er etwas über deinen Bruder herausfinden.«

Ich fand, das klang wenig hoffnungsvoll, aber Khadija schrak plötzlich auf und ihr Blick wurde konzentriert. »Ja, vielleicht kann er das«, sagte sie. »Daran hatte ich noch gar nicht gedacht.« Ohne Vorwarnung stand sie auf. »Vielen Dank, dass ihr mich angehört habt.«

Auch ich stand auf und bedankte mich leise. Als wir schon an der Tür waren, fragte Onkel Osman plötzlich: »Sagt mal … Wie haben die Entführer mit euch Kontakt aufgenommen?«

Ich wagte es nicht, ihm die Wahrheit zu sagen. Ich musste mein Telefon behalten. »Sie haben mir gemailt«, sagte ich schnell.

»Dir? Nicht Khadija?« Onkel Osman hob die Augenbrauen.

Es war zu spät, mich zu korrigieren. Ich lächelte ihn schwach an und zuckte dümmlich mit den Schultern. »Ich kann das auch nicht erklären.«

Dann rannte ich Khadija nach.

Schöne Khadija
00000000000_cover.html
b978-3-8387-1190-4_000017.xhtml
b978-3-8387-1190-4_000041.xhtml
b978-3-8387-1190-4_000136.xhtml
b978-3-8387-1190-4_000152.xhtml
b978-3-8387-1190-4_000173.xhtml
b978-3-8387-1190-4_000389.xhtml
b978-3-8387-1190-4_000757.xhtml
b978-3-8387-1190-4_001046.xhtml
b978-3-8387-1190-4_001104.xhtml
b978-3-8387-1190-4_001277.xhtml
b978-3-8387-1190-4_001478.xhtml
b978-3-8387-1190-4_001813.xhtml
b978-3-8387-1190-4_001855.xhtml
b978-3-8387-1190-4_001996.xhtml
b978-3-8387-1190-4_002131.xhtml
b978-3-8387-1190-4_002439.xhtml
b978-3-8387-1190-4_002496.xhtml
b978-3-8387-1190-4_002641.xhtml
b978-3-8387-1190-4_002825.xhtml
b978-3-8387-1190-4_003044.xhtml
b978-3-8387-1190-4_003129.xhtml
b978-3-8387-1190-4_003293.xhtml
b978-3-8387-1190-4_003589.xhtml
b978-3-8387-1190-4_003747.xhtml
b978-3-8387-1190-4_003778.xhtml
b978-3-8387-1190-4_004064.xhtml
b978-3-8387-1190-4_004218.xhtml
b978-3-8387-1190-4_004523.xhtml
b978-3-8387-1190-4_004582.xhtml
b978-3-8387-1190-4_004751.xhtml
b978-3-8387-1190-4_005008.xhtml
b978-3-8387-1190-4_005243.xhtml
b978-3-8387-1190-4_005294.xhtml
b978-3-8387-1190-4_005404.xhtml
b978-3-8387-1190-4_005664.xhtml
b978-3-8387-1190-4_005802.xhtml
b978-3-8387-1190-4_005904.xhtml
b978-3-8387-1190-4_006039.xhtml
b978-3-8387-1190-4_006307.xhtml
b978-3-8387-1190-4_006681.xhtml
b978-3-8387-1190-4_006735.xhtml
b978-3-8387-1190-4_006909.xhtml
b978-3-8387-1190-4_007026.xhtml
b978-3-8387-1190-4_007219.xhtml
b978-3-8387-1190-4_007296.xhtml
b978-3-8387-1190-4_007446.xhtml
b978-3-8387-1190-4_007591.xhtml
b978-3-8387-1190-4_007718.xhtml
b978-3-8387-1190-4_007829.xhtml
b978-3-8387-1190-4_008029.xhtml
b978-3-8387-1190-4_008133.xhtml
b978-3-8387-1190-4_008342.xhtml
b978-3-8387-1190-4_008392.xhtml
b978-3-8387-1190-4_008486.xhtml
b978-3-8387-1190-4_008566.xhtml
b978-3-8387-1190-4_008661.xhtml
b978-3-8387-1190-4_008687.xhtml
b978-3-8387-1190-4_008776.xhtml
b978-3-8387-1190-4_008844.xhtml
b978-3-8387-1190-4_009153.xhtml