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Der alte Mann konnte nichts tun, um Mahmoud zu retten und der Imam auch nicht. Die Zeit war zu kostbar, um sie mit ihnen zu verschwenden. Ich lief aus der Moschee und war schon die halbe Straße hinunter, bis mich Abdi einholte.

»Was machst du denn?«, rief er. »Warte auf mich!« Meine Beine sind länger als seine und ich ging sehr schnell.

»Wenn wir zu langsam sind, wird mein Bruder Mahmoud sterben«, gab ich zurück.

»Du hast Onkel Osman doch gehört. Er hat versprochen, mit Suliman zu reden.«

»Wann? Morgen? Übermorgen?« Ich ging weiter. »Ich kann keine einzige Minute warten. Wenn Suliman uns wirklich helfen kann, dann muss ich sofort mit ihm sprechen.«

Das Internetcafé war der erste Ort, an dem wir nachsahen, aber schon durchs Fenster erkannten wir, dass Suliman nicht da war. Nur der Filialleiter bediente einen Haufen Kunden. Wir hätten ihn fragen können, ob Suliman in einem seiner anderen Läden war, aber die Vorstellung, warten zu müssen, bis ich mit ihm sprechen konnte, war schrecklich. Ich musste etwas tun. Also ging ich am Café vorbei die Straße entlang, ohne Abdi zu erklären, was ich vorhatte.

Aber er erriet, wo ich hinwollte, und fragte: »Kannst du nicht bis morgen warten? Suliman wird sich nur aufregen, wenn du ihn zu Hause belästigst.«

»Wenn dir nicht gefällt, was ich tue, musst du ja nicht mit mir gehen«, erwiderte ich, ohne langsamer zu werden. Er hätte wissen müssen, wie ich mich fühlte. Wenn jemand eine seiner Schwestern entführt hätte, hätte er dann bis morgen gewartet?

Suliman Osman wohnte nicht in einer Wohnung wie die meisten anderen Somalier im Battle Hill. Er hatte ein hübsches weißes Haus auf der anderen Seite der Hauptstraße, mit drei Reihen Fenstern und einer Treppe zur Vordertür. Ich ging hinauf und griff nach dem Türklopfer. Er war aus gelbem Metall und wie eine geballte Faust geformt und er erzeugte einen guten, lauten Klang, als ich ihn gegen die Tür schlug.

Als Suliman die Tür öffnete, rechnete ich damit, dass er überrascht war, mich zu sehen, aber davon keine Spur. Er sah uns nur einen Moment lang ganz still und gefasst an. Dann lächelte er.

Schnell, bevor er etwas sagen konnte, stieß ich hervor: »Asslaamu alaykum, Onkel Suliman! Bitte hilf mir! Mein Bruder wurde entführt!«

Sulimans Augenbrauen zogen sich in die Höhe und er sah Abdi an. Ganz langsam, wie ein Geschichtenerzähler, der will, dass man die versteckte Bedeutung erkennt. Nicht dieser Bruder, sagte Sulimans Gesicht. Dann trat er zurück und bat uns einzutreten.

»Familienangelegenheiten sollten wir nicht auf der Straße besprechen«, erklärte er. »Kommt herein, Amina macht euch einen Tee.«

Amina kam lächelnd aus einem Zimmer und knotete ihr Kopftuch zu. Suliman brachte uns ins Wohnzimmer. Gleich darauf kam Amina mit Tee und Keksen zurück und einer kleinen Schale Datteln. Aber sie blieb nicht, um zu hören, weshalb wir gekommen waren. Sie servierte nur den Tee, ging hinaus und schloss die Tür hinter sich, als ob sie es gewohnt sei, dass Leute kamen, um sich privat mit ihrem Mann zu unterhalten.

Suliman wartete, bis wir unsere Tassen genommen und getrunken hatten. Dann forderte er uns auf: »Und jetzt erzähl mir mal von deinem Bruder.«

»Nicht Abdi«, sagte ich.

»Natürlich nicht.« Suliman wedelte mit der Hand, als sei das selbstverständlich. »Ein anderer Bruder anscheinend. Aber nicht in England?«

Abdi lehnte sich vor und unterbrach mich: »Ihr Bruder wurde in Somalia entführt. Ich habe einen Anruf bekommen …«

»… und sie werden Mahmoud töten!« Das musste ich selbst sagen, damit Suliman verstand, wie ernst die Sache war. »Der einzige Weg, sein Leben zu retten, ist, ihnen zehntausend Dollar zu schicken.«

»… sie haben gar nicht zugehört, als ich ihnen gesagt habe, dass Khadija nur eine Schülerin ist …«

»… und es ist kein Trick, denn sie haben Mahmoud mit mir sprechen lassen …«

Suliman hörte zu, trank seinen Tee und wartete, bis uns die Worte ausgingen. Dann stellte er sehr sorgfältig seine Tasse ab und sagte: »Das ist wirklich schrecklich. Du hast mein volles Mitgefühl, Khadija. Aber warum seid ihr zu mir gekommen?«

»Bitte deine Freunde in Somalia, die Entführer zu finden!«, stieß ich heftig hervor. »Sie sollen sie dazu bringen, Mahmoud gehen zu lassen.«

»Sie dazu bringen?« Wieder zog Suliman die Brauen hoch. Er legte die Hände zusammen und sah uns über die Fingerspitzen hinweg an. »Meinst du, meine Freunde sollen die Entführer finden – und dann mit ihnen verhandeln? Wie soll das gehen? Was hast du ihnen zu bieten?«

»Sie hat gar nichts«, antwortete Abdi.

Suliman sah mich an. Plötzlich wurde sein Blick sehr scharf. »Vielleicht keine zehntausend Dollar. Aber du musst irgendetwas haben. Warum suchen sie sich sonst deinen Bruder aus? Somalia ist voll von Jungen mit Verwandten in England. Warum haben sie sich ausgerechnet ihn ausgesucht?«

Abdi sah mich an.

Ich sah Abdi an.

Suliman griff wieder zu seiner Tasse und trank ganz langsam von dem Tee. Er wartete darauf, dass wir redeten. Aber was sollten wir ihm sagen? Wenn wir ihm von Sandy erzählten, würde sich unsere einzige Hoffnung auf das Geld in Luft auflösen.

Als die Tasse leer war, stellte Suliman sie ab und sah Abdi an. »Ihr dürft nicht den Fehler machen, zu glauben, die Menschen in Somalia seien dumm«, sagte er leise. »Dort ist kein Platz für Dummheit. Die Dummen sind alle schon vor langer, langer Zeit gestorben. Keiner überlebt, wenn er nicht clever ist.«

Seine Augen glitzerten wie schwarze Käfer in der Sonne. Als er mich wieder ansah, hatte ich das Gefühl, er blicke in mein Herz.

»Dein Bruder ist nicht von Dummköpfen entführt worden«, erklärte er. »Du kannst davon ausgehen, dass sie über dich Bescheid wissen. Sie wissen, dass du mit einem Hambaar nach England gekommen bist, um eine gute Ausbildung zu bekommen und dass du kein richtiges Geld verdienen wirst, bis du damit fertig bist. Trotzdem haben sie sich diesen Moment ausgesucht, um deinen Bruder zu kidnappen. Es muss einen Grund dafür geben.«

Ich sah zu Boden. »Keinen, den sie kennen könnten.«

»Und was ist das für ein Grund, den sie nicht kennen können?«, wollte Suliman wissen.

»Da ist etwas …«, sagte Abdi langsam. »Aber es ist ein Geheimnis. Und wenn es kein Geheimnis mehr ist, dann wird es nicht eintreffen.«

Suliman stand auf und ging durch das Zimmer. Er stellte sich mit dem Rücken zu uns und sah aus dem Fenster. Dann sagte er sehr leise: »Ich glaube, ihr könnt mir euer Geheimnis anvertrauen. Was glaubt ihr, wer das Telefon wieder in deine Tasche hat stecken lassen?«

Abdi zuckte spürbar zusammen. Als ich ihn ansah, drückte sein Gesicht zwar den Schrecken aus, aber auch noch etwas anderes. Er begann zu glauben, dass Suliman etwas bewirken konnte.

Ich hoffte, dass er recht hatte. »Ich habe einen Job angeboten bekommen«, erzählte ich. »Da ist eine berühmte Modedesignerin namens Sandy Dexter …«

Suliman drehte sich nicht um, sondern deutete nur mit einer Kopfbewegung an, dass er wusste, wer das war.

»Und sie hat mir einen Job angeboten.« Ich holte tief Luft. »Sie möchte, dass ich für sie als Model arbeite und einige ihrer Kleider in ihrer Show trage.«

Es war das erste Mal, dass ich darüber gesprochen hatte, und die Worte laut auszusprechen ließ mich erst erkennen, was für eine große Sache Abdi und ich angefangen hatten. Ich begann zu zittern und erwartete einen Haufen wütender Fragen. Wieso glaubst du, du könntest dieser Frau vertrauen? Will sie, dass du kurze Röcke trägst und deinen Kopf entblößt? Woher willst du wissen, dass sie überhaupt Sandy Dexter ist?

Aber Suliman stellte keine Fragen. Er sah einen Augenblick lang weiter aus dem Fenster, dann drehte er sich um und sagte: »Deshalb haben sie deinen Bruder gekidnappt. Ich weiß nicht, was diese Frau dir angeboten hat, aber bei dieser Art von Mode geht es um viel Geld. Warum bittest du sie nicht um Hilfe?«

»Das können wir nicht«, erklärte Abdi. »Nicht, ohne ihr zu sagen, dass die Entführer das Geheimnis kennen.«

»Ich weiß nicht, woher sie es wissen«, warf ich verzweifelt ein. »Ich habe es niemandem gesagt. Und ich muss dieses Geld verdienen …«

»Reg dich nicht auf«, sagte Suliman, doch er war mit seinen Gedanken gar nicht bei mir. An seinem Blick sah ich, dass er sich auf etwas anderes konzentrierte. »Vielleicht könnt ihr mit Sandy Dexter nicht darüber reden, aber sie ist immer noch der Schlüssel dazu. Seht ihr sie in nächster Zeit?«

»Das ist noch ein anderes Problem«, gab ich hoffnungslos zu. »Sie möchte sich mit uns am Sonntag um vier Uhr treffen – und wir sollen unsere Eltern mitbringen. Aber ich glaube nicht, dass Maamo …«

Plötzlich hob Suliman den Kopf und seine Augen blitzten – wie die von meinem Onkel, wenn er Wolken entdeckt, die Regen bedeuten. Er kam zurück und setzte sich neben uns.

»Erzählt Abdis Mutter lieber nichts davon«, meinte er aalglatt. »Sagt ihr nur, dass dein Bruder entführt wurde, Khadija, und dass ich versuchen werde, dir zu helfen. Und dann ruft ihr Sandy Dexter an und sagt ihr, dass ihr mit eurem Vater kommt.«

Abdi verstand sofort. »Cool!«, fand er.

Suliman stand auf und öffnete die Tür. »Ich hole euch um Viertel nach drei ab. Seht zu, dass ihr fertig seid.«

Abdi grinste, als löse das all unsere Probleme, aber mir war nicht so zumute. Als wir in den Gang traten, sah ich Suliman noch einmal an. »Bitte, vergiss Mahmoud nicht«, sagte ich. »Wir müssen ihn schnell finden. Bitte alle Leute, die du in Somalia kennst …«

Suliman neigte den Kopf. »Natürlich werde ich das. Ich verspreche dir, dass für deinen Bruder alles getan wird, was möglich ist. Alles.«

Er machte die Tür auf und sah uns nach, als wir die Treppe hinuntergingen.

 

Abdis Mutter nähte, als wir nach Hause kamen, und ließ lange Stoffbahnen durch die klapprige alte Nähmaschine rattern. Als Abdi ihr von der Entführung erzählte, setzte sie sich ruckartig auf, erschrocken und traurig zugleich.

»Wer hat ihn entführt?«, fragte sie.

Woher sollten wir das wissen? Glaubte sie, die Männer am Telefon hätten ihre Namen genannt?

»Onkel Suliman wird versuchen, es herauszufinden«, erzählte Abdi. »Am Sonntag wollen wir uns mit einigen seiner Freunde unterhalten.«

»Wozu soll das gut sein?«, fragte Maamo. »Was weiß Suliman denn darüber?«

»Er kennt Leute«, erklärte ich. »Eine Menge Leute, in England und in Somalia. Es muss ihm gelingen, etwas in Erfahrung zu bringen.« Ich versuchte, ruhig und gefasst zu bleiben, aber meine Stimme verriet, wie sehr ich mich darum bemühen musste.

Maamo legte mir einen Arm um die Schultern. »Mach dir keine Sorgen«, sagte sie. »Deinem Bruder geht es bestimmt gut. Wenn sie erst erkennen, dass du nur ein armes Schulmädchen bist, werden sie ihn gehen lassen.« Sie drückte mich an sich.

Ich öffnete schon den Mund, schloss ihn aber wieder, ohne etwas zu sagen.

»Es wird alles gut werden«, behauptete Maamo und wandte sich wieder ihrer Nähmaschine zu. Sie breitete das Material aus und schnippte heftig den Schlitten herunter, um den Stoff festzuhalten. »Es besteht kein Grund, dass sich Suliman Osman in unsere Familienangelegenheiten mischt.«

»Das ist keine Einmischung«, sagte Abdi. »Natürlich will er uns helfen. Er war schließlich einer der besten Freunde meines Vaters, oder?«

Die Nähmaschine schwieg plötzlich. Einen Augenblick lang hielt Maamo die Hände ganz still. Dann zuckte sie mit den Achseln. »Nun – Suliman Osman macht, was er will. Wie immer. Hoffen wir das Beste für deinen Bruder.« Sie ließ die Nadel über einen Saum surren und damit war das Gespräch beendet.

Dachten wir zumindest.

Schöne Khadija
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