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Ich konnte es nicht fassen, dass Sandy Dexter oben im Büro den Kopf geschüttelt hatte. Aber sie ließ keinen Zweifel an ihren Worten aufkommen. Sie wollte mich doch nicht.

Also warum fuhren wir jetzt zusammen im Taxi weg?

Ich flüsterte Abdi auf Somali zu: »Was ist denn passiert?«

»Wir fahren in Sandys Dexter Atelier«, flüsterte er zurück. »Und das ist wohl eine große Ausnahme, weil sie aus ihren Sachen ein großes Geheimnis macht. Ich glaube, normalerweise lässt sie niemanden sehen, was sie tut. Also halt den Mund und sperr die Augen auf.«

Das ergab immer noch keinen Sinn für mich. »Warum bringt sie uns dorthin, wenn sie doch nicht will, dass ich für sie arbeite?«

»Doch, das will sie«, erklärte Abdi. »Aber das muss auch ein Geheimnis bleiben.«

So viele Geheimnisse.

Dies war ein Land mit anderen Gesetzen. Ein kleines, enges Land, wo man alles verstecken musste. Ich schloss die Augen und sehnte mich nach der einfachen, sauberen Weite der offenen Wüste.

 

Als ich die Augen wieder aufmachte, fuhr das Taxi vor einem hohen, düsteren Haus in einer engen Straße vor. So hatte ich mir den Ort, an dem Sandy Dexter arbeitete, nicht vorgestellt. Ich hätte gedacht, dass sie einen großen, lichtdurchfluteten Raum voller glitzernder Spiegel und gazellenhafter Models hatte und dass ihr Name in goldenen Buchstaben außen am Haus stehen müsste.

Aber es gab gar kein Schild. Nur eine schlichte Holztür mit einer Klingel daneben.

Sandy bezahlte den Fahrer, sprang aus dem Auto und suchte nach dem Schlüssel.

»Wir sind da«, verkündete sie. »Kommt, ich stelle euch Carmel vor.«

Carmel war jung und fröhlich, mit roten Haaren und langen klimpernden Ohrringen. Sie saß an einem Schreibtisch direkt hinter der Tür und bewachte den Zugang zum Rest des Gebäudes.

»Hi, Freya«, sagte sie, als wir alle zusammen hereinkamen. »Und wer seid ihr?«

»Das sind Abdi und Khadija«, erklärte Sandy, »und sie sind gar nicht hier, verstanden? Wenn du sie je wiedersehen solltest, erkennst du sie gar nicht. Wir gehen nach oben.«

Carmel lächelte und zog die Augenbrauen hoch. »Hallo, ihr Unsichtbaren! Ihr müsst etwas ganz Besonderes sein. Dort oben kommt sonst kaum jemand hin.«

Sandy eilte bereits am Tresen vorbei. Als sie nach oben ging, rief Carmel ihr hinterher: »Bist du hier, falls jemand anruft?«

»Noch nicht«, rief Sandy zurück. »Du hast keine Ahnung, wo ich bin!«

Überall Geheimnisse.

Im ersten Stock kamen wir in einen großen Arbeitsraum. Es war ein wildes Durcheinander von Tischen, Maschinen und Zeichnungen, die an die Wände geheftet waren. Models waren keine zu sehen. Nur ein Dutzend beschäftigter, eifrig nähender Frauen, zu deren Füßen Stofffetzen und Fäden herumlagen. Und ein großer, ernster Mann im Hintergrund, der aus einer Rolle wunderschönen, hellen Stoffes Formen ausschnitt.

Sie hatten keine Besucher erwartet. Als ich mit Abdi eintrat, hielten sie in ihrer Arbeit inne, und zwei von ihnen sahen sich schnell im Raum um, um zu prüfen, was wir sehen konnten.

Sandy winkte ihnen zu. »Keine Sorge«, sagte sie fröhlich, »Abdi und Khadija sind gar nicht hier. Ihr habt sie nicht gesehen.« Dann zog sie mich am Arm zu sich. »Sieh dich um«, lud sie mich ein. »Du kannst überall hingehen. Und wenn du genug gesehen hast, gehen wir rüber in mein Atelier.«

Zuerst wusste ich gar nicht, was ich mir ansehen sollte. Es war ein Wirrwar aus Formen und Farben. Der große Mann mit der Schere beobachtete mich, als ob ich ihm Angst machte.

»Schon gut, Etienne«, sagte Sandy. »Ich erkläre dir alles.« Sie ließ mich allein und ging zu ihm hinüber, beugte sich über seinen Tisch und sprach leise mit ihm.

»Er ist ein ausgezeichneter Zuschneider«, murmelte Freya, »aber er ist autistisch veranlagt und mag keine Überraschungen.«

Ich wusste nicht, was sie meinte. Ich verstand überhaupt nichts an diesem Ort oder der Art, wie sich die Leute verhielten.

Freya gab mir einen kleinen Stoß. »Mach dir um ihn keine Sorgen. Geh und sieh dir Sandys Geheimnisse an. So eine Chance bekommst du nie wieder.«

»Das stimmt«, murmelte mir Abdi ins Ohr. »Schau dich um und sieh dir an, was sie hier machen.«

Ich hatte ein komisches Gefühl dabei, herumzulaufen und den Leuten bei der Arbeit zuzusehen. Aber am anderen Ende des Raumes stand ein Ständer mit Kleidern, ein wenig abseits der Tische. Ich ging hinüber, um sie mir anzusehen. Und sie waren genauso merkwürdig wie alles andere.

Es waren viele verschiedene Formen – Kleider, Mäntel und Jacken, lang und kurz, weit und eng –, aber nichts war richtig fertig. Alle Säume waren grob und unsauber. Und alles hatte dieselbe Farbe – die Unfarbe ungebleichten Stoffes.

War das das große Geheimnis? Keine Farben? Warum sollte jemand für solche Kleider Geld ausgeben?

Hinter dem Ständer stand eine große gepolsterte Schneiderpuppe in einer Ecke, sie war in eine einzige lange Stoffbahn gehüllt. Ich hatte meine Großmutter ein- oder zweimal in ein solches Gewand gekleidet gesehen, vor langer Zeit – aber der Stoff war anders. Er sah eher aus wie die rot-weiß gemusterten Sachen meines Vaters, wenn er somalische Kleidung trägt.

Ich ging hinüber und berührte das Gewand. Als ich den Stoff des Suuf zwischen meinen Fingern fühlte, tat mir vor Sehnsucht das Herz weh. Es gibt Dinge, von denen man nicht einmal weiß, dass man sie vermisst, bis man sie wiederfindet.

Auf der anderen Seite des Raumes zog Abdi eine Grimasse, um mir anzudeuten, dass er sich langweilte. Sandy drehte sich um, bemerkte es und begann zu lachen.

»Nicht ganz, was ihr erwartet habt? Kommt mit nach oben, vielleicht könnt ihr da eher sehen, um was es geht.«

Im zweiten Stock kamen wir in einen engen, dunklen Gang, mit geschlossenen Türen auf einer Seite. Sandy öffnete die erste Tür und steckte den Kopf ins Zimmer.

»Hi Stefan«, sagte sie und ein junger Mann sah auf und blinzelte uns an.

Er war sehr dünn und blass und so blond, dass er fast ganz weiß erschien, abgesehen von den hellblauen Augen. Als mich diese Augen ansahen, leuchteten sie plötzlich auf.

»Ist sie das?«

»Das ist sie.« Sandy winkte uns, hereinzukommen. Freya kam mit und Sandy schloss hinter uns die Tür. »Sie ist gekommen, um sich umzusehen.«

»Bitte sehr!«, lud Stefan mich eifrig ein. »Was soll ich dir zeigen? Möchtest du ein paar Zeichnungen sehen?« Er schlug eine Mappe auf und breitete einen Stapel hastig hingeworfener Zeichnungen auf dem Schreibtisch aus. Abdi sah sie sich an, aber ich hatte etwas anderes entdeckt.

An der Wand hinter Stefans Tisch hing eine lange Tafel mit Bildern und Stoffmustern. Das waren vertraute Dinge, die den Schmerz, den ich unten verspürt hatte, noch vertieften. Ich erkannte den langen Schwung eines Giraffenhalses, schwarz und weiß auf ein gelbes Stück Papier gezeichnet. Und zwei Fotografien von Nomadenhäusern an einer staubigen Straße. Was hatten solche Dinge im Atelier einer Modedesignerin verloren? Ich ging um den Tisch herum, um mir anzusehen, was sonst noch an der Tafel hing.

Da war ein Stück verblichener blauer Stoff, wie vom Segel einer alten Dhau.

Ein geschnitzter Holzkamm und eine Bernsteinkette an einem Stück Kordel.

Ein Fächer aus rosa Wiedehopffedern mit schwarz-weißen Spitzen.

Ein heller Baumwollschal über einer Ecke der Tafel.

Alles war sorgfältig arrangiert, sodass die Formen ineinander übergingen und die Farben miteinander harmonierten. Dem Schal entströmte ein schwacher Geruch nach Weihrauch. Ich nahm eine Ecke hoch, sog den Duft ein und dachte daran, wie meiner Mutter einmal das Tuch vom Kopf gerutscht war, als sie sich über den Weihrauchtopf gebeugt hatte und sich der Duft in ihren Haaren fing.

Der Geruch zog an meinem Herzen. »Somalia«, sagte ich leise zu Abdi.

Er verstand mich nicht. Wie sollte er auch, wenn er noch nie in Somalia gewesen war? Er hatte noch nie in der Wüste unter den Sternen gesessen und den Duft des Weihrauchs eingeatmet, während jemand begann, alte, bekannte Geschichten zu erzählen.

Es war einmal ein Mann, der hatte drei Frauen …

Sandy konnte wohl auch kaum wissen, was ich meinte, aber ihr Gesicht leuchtete vor Aufregung auf. »Das ist richtig«, sagte sie. »Das ist aus Somalia. Verstehst du jetzt?«

Ich wusste nicht, was ich verstehen sollte. Aber eines war mir klar, so wie sie ihre Tafel ansah.

Sie hatte sich in mein Land verliebt. Und sie hatte gesehen, wie schön es war.

Schöne Khadija
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