Carola arbeitet für die Organisation Todt
September/Oktober 1944
Am 27. September 1944, neun Tage nach der Deportation seiner Frau vom Schlachthof in Düsseldorf-Derendorf, fährt Heinz mit dem Zug nach Minkwitz bei Zeitz. Er hat herausgefunden, dass sich Carola dort in einem Lager der »Organisation Todt« befindet, 40 Kilometer südlich von Leipzig.
Ende 1944 verfügt die »Organisation Todt« über 1 360 000 Arbeitskräfte. Eine davon ist Carola Crott. Heinz Crott schreibt an seinen Sohn Helmut am 1. Oktober 1944 in Brief Nr. 43 aus Minkwitz/b. Zeitz:
Mein lieber Helmut, ich bin Mittwochabend von Elberfeld abgefahren und kam Donnerstag nach 20-stündiger Fahrt hier an. Mit mir reisten noch 2 Herren, einer aus Remscheid und einer aus Elberfeld.
Bisher ist man noch in einem Saal mit 160 Personen gleichen Geschlechts untergebracht. Die O.T. ist die Betreuerin. Notlager und Wehrmachtsverpflegung. Es ist aber nur ein vorübergehender Zustand, da die Aufteilung noch vor sich gehen soll. Soviel aber zur Beruhigung, daß vorläufig kein Anlaß zur übermäßigen Sorge vorliegt, es scheint auch ein wesentlicher Unterschied zwischen dieser Aktion und früheren (Tetta) zu bestehen. Und so wollen wir hoffen, daß alles ein gutes Ende findet.
Ich konnte auch mit Genugtuung feststellen, daß die halbe Portion doch ein tapferer Kerl ist, der wegen seiner aufrechten und keineswegs sich hängen lassenden Haltung allgemein Sympathie genießt und bereits den Spitznamen »Liebling« trägt.
Morgen fahre ich wieder nach Hause, aber es ist mir bei unveränderter Lage unbenommen, mit der halben Portion Briefe zu wechseln und auch fernerhin Besuche zu machen. Dienstagmorgen werde ich wieder in Elberfeld sein.
Damit will ich meine Epistel beschließen, etwaige Briefe für die halbe Portion kannst Du an mich leiten, damit ich sie zusammen mit meinen eigenen abschicke. Viele herzliche Grüße
Dein schon wieder besser gelaunter Alter.
Darunter stehen nur ein paar Zeilen von Carola:
Mein lieber, guter Helmut, viel schreiben kann ich heute noch nicht und Du wirst verstehen, weshalb. Nimm, wie immer, von mir die herzlichsten Grüße und die allerbesten Wünsche für die Zukunft von Deiner M.
Helmut ist zunächst erleichtert. Die Mutter lebt, und der Vater kann sie besuchen. Vielleicht schaffen es die Crotts ja doch, dies alles zu überleben.
Inzwischen ist es sehr kalt am Lyngenfjord geworden, und die Soldaten kämpfen nicht nur gegen heftigen Schneefall, sondern auch gegen die Niedergeschlagenheit und die Angst. Sooft es geht, schreibt Helmut an Lillian, aber von der Deportation seiner Mutter erzählt er ihr nichts. Das will er erst tun, wenn sie sich in Harstad wiedersehen.