20. Kapitel
23. Mai 2011
Fortaleza, Brasilien
5.13
Uhr
Nachdem Ondragon und Steiner die Ambulanz für Ritter gerufen hatten, flohen sie in aller Eile mit dem BND-Van vom Parkplatz. Dasselbe hatte Ondragon zuvor auch Charlize empfohlen und sie hatte sich mit Sem rasch aus dem Staub gemacht. Mit ihrer Einsatzkleidung und den Waffen hätte selbst die Polizei von Fortaleza nicht lange kombinieren müssen, um sie alle sofort mit dem Diebstahl in dem Labor in Verbindung zu bringen. Und das wollten sie um jeden Preis vermeiden.
Auf einigen Umwegen brachte Steiner sie aus der Gefahrenzone und fuhr schließlich zum Stadtteil Joaquim Tavora, der nicht unweit von der Praia Meireles lag. Doch ehe Ondragon den grimmig dreinblickenden Agenten neben sich fragen konnte, wo die Reise hinging, passierten sie auch schon ein unbeleuchtetes Tor in einem hohen Zaun. Ein mehrstöckiges Gebäude ragte dahinter auf. Prangte da nicht das deutsche Hoheitssymbol neben dem Eingang? Alarmiert verrenkte sich Ondragon den Hals, um besser sehen zu können. Verdammt, ja! Scheiße! Jetzt befand er sich doch tatsächlich auf dem Gelände des deutschen Honorarkonsulats. Na, das konnte ja heiter werden!
Kaum hatten sie gehalten, kamen auch schon zwei Mitarbeiter des Konsulats auf den Van zu und öffneten die Türen. Freundlich baten sie Steiner und Ondragon auszusteigen und ihnen in das Gebäude zu folgen. Dort mussten beide Männer ihre Waffen und Handys abgeben und in getrennten Räumen Platz nehmen.
Mit einem Seufzen ließ sich Ondragon an dem Tisch nieder, auf dem eine Flasche Wasser und ein Glas standen. Ein Verhörzimmer, dachte er nüchtern, schenkte sich ein und trank. Selbstverständlich würde der BND über die Ereignisse der vergangenen Nacht genau Bescheid wissen wollen und es war anzunehmen, dass sie zuerst Steiner und dann ihn befragen würden. Es konnte also dauern, bis etwas passierte. Er seufzte erneut. Wenn man ihm wenigstens sein Handy gelassen hätte, dann hätte er jetzt mit Charlize Kontakt aufnehmen und sie fragen können, was eigentlich schiefgelaufen war. Immer wieder ging er das Geschehen im Kopf durch, kam aber zu keinem Ergebnis. Wer, verdammt nochmal, hatte ihnen dazwischengefunkt? Wer hatte Ritter so kaltblütig überfahren? Erneut flackerte Wut über die Heimtücke dieses vermaledeiten Bastards in ihm auf. Der Kerl hatte es billigend in Kauf genommen, jemanden zu töten. Und dieser jemand hätte durchaus auch er sein können! Und wie war dieser Jemand überhaupt dahinter gekommen, was auf dem Parkplatz ablaufen sollte? Klar war nur, dass er es auf die Kiste abgesehen hatte. Das war eindeutig gewesen. Aber was wollte er damit? Zu wem gehörter er? Stand eine andere Staatsmacht hinter dem Überfall oder war es ein privater Feldzug? Viel zu viele unbeantwortete Fragen schwirrten durch Ondragons Kopf. Müde rieb er sich mit dem Handballen über die Schläfe und blinzelte in den fensterlosen Raum, dessen kaltes Neonlicht im Kontrast zu der Bullenhitze stand, die hier drinnen herrschte. Entweder gab es keine Klimaanlage, oder man hatte sie aus psychologischen Gründen abgestellt. Ondragon spürte, wie sich die Erschöpfung mit aller Gewalt seines Körpers bemächtigte, und kämpfte dagegen an. Schließlich wusste er nicht, ob er hier an diesem Ort überhaupt sicher war. Bei dem Gebäude handelte es sich zwar um eine Vertretung des deutschen Staates und er war offiziell deutscher Staatsbürger, aber es war dennoch unklar, ob er sich hier nun als ein Gefangener oder als Gast aufhielt. Fuck! Er schlug mit der Hand gegen seinen Kopf, um die Müdigkeit zu vertreiben. Er war einfach zu schlapp, um in diesem Moment eine Lösung für all die neuen Rätsel zu finden. Und dann diese Hitze!
Immer wieder fielen ihm die Augen zu und immer wieder riss er sie auf. Zäh wie Gummi verstrichen die Minuten, wurden zu einer halben Stunde und dann zu einer ganzen. Ungerührt tickte die große Uhr an der Wand seine Lebenszeit herunter. Tick, tock. Tick, tock. Du wirst älter und älter und älter. Na gut, dachte sich Ondragon schließlich. Wenn ich hier schon älter werde, dann kann ich das auch im Schlaf tun. Außerdem übersteht man ein Verhör wesentlich besser, wenn man ausgeruht ist. Er verschränkte die Arme vor der Brust, ließ den Kopf nach vorne sacken und gab seiner Müdigkeit nach.
Seine selbst im Schlaf ausgefahrenen Antennen nahmen eine Veränderung wahr und weckten ihn. Schnell setzte sich Ondragon auf. Er konnte es spüren, es war kühler geworden. Jemand hatte die Klimaanlage eingeschaltet. Er sah auf die Uhr und stellte fest, dass er ganze zwei Stunden geschlafen hatte. Energisch schüttelte er den Kopf und stieß Luft aus, um seine Gedanken klar zu bekommen. Da öffnete sich auch schon die Tür und ein Mann mit Nickelbrille kam herein. Er sah aus wie jemand, der niemals Spaß hatte, war abgemagert wie eine Vogelscheuche und hatte ein pockennarbiges, verbissenes Gesicht. Zu allem unsympathischen Überfluss bildeten seine strohigen, grauen Haare eine exakte Kopie zu Andy Warhols Rundum-Pottschnitt. Als der Mann zu sprechen begann, erkannte Ondragon ihn wieder. Diesen arrogant näselnden Tonfall würde er so schnell nicht vergessen.
„Verzeihen Sie, dass Sie so lange warten mussten“, entschuldigte sich der hagere BND-Agent. Es klang eher lakonisch als zerknirscht. „Ich hoffe, es hat Ihnen keine Umstände bereitet. Mein Name ist Alexander Kubicki. Wir haben vor ein paar Tagen miteinander telefoniert. Ich habe Sie, wenn man so sagen darf, engagiert.“ Er knöpfte sein Sakko auf und setzte sich ihm gegenüber an den Tisch, ohne ihm die Hand zu geben.
Ondragon ignorierte den Mangel an guter Erziehung und den herablassenden Blick des BND-Führungsoffiziers und griff wortlos zu der Wasserflasche. In einem Zug trank er sie aus. Dann knallte er das leere Plastikgefäß auf den Tisch. „Ich will mein Handy!“, sagte er schroff.
Kubicki lächelte dünn. „Das bekommen Sie, wenn wir hier fertig sind.“
„Aha. Das heißt also, Sie halten mich hier fest.“
„Das heißt, dass Sie vorläufig unser Gast sind, bis wir entschieden haben, was wir mit Ihnen machen.“
Ondragon holte tief Luft und wollte protestieren, doch Kubicki kam ihm zuvor. „Jetzt machen Sie hier bloß nicht einen auf ‚ich bin ein freier Bürger und habe Rechte‘! Das wird Ihnen nichts nützen. Sie befinden sich hier als Deutscher unter der Jurisdiktion Deutschlands. Also besinnen Sie sich auf das, was Sie sagen, und kooperieren Sie mit uns, umso schneller dürfen Sie dieses Gebäude wieder verlassen!“
Nun, das war deutlich, dachte Ondragon. Er saß hier fest. So viel zu seinem deutschen Pass. Schöne Scheiße. Vielleicht sollte er demnächst doch offiziell die amerikanische Staatsbürgerschaft beantragen.
Da er unter diesen Umständen nicht gewillt war, mit Mr. Oberwichtig zu plaudern, verschränkte er einfach seine Arme und sah gleichgültig an dem Mann vorbei auf die Uhr. Weitere Lebenszeit verstrich.
Kubicki lächelte bedächtig, so als schien er zu wissen, was im Kopf seines Gegenübers vor sich ging. Er lehnte sich vor und begann in einem ekelhaft vertraulichen Tonfall zu sprechen: „Hilft es Ihnen vielleicht, wenn ich Ihnen sage, dass ich der Leiter der Operation Pandora bin und Ihnen die Einsicht in Ihre Akte verweigern kann.“
Ondragon wusste, dass die BND-Bohnenstange ihn bloß provozieren wollte und blieb ruhig, auch wenn es ihm schwerfiel. „Mein Auftrag war erfolgreich“, sagte er kalt. „Pandora befand sich in den Händen Ihrer Agentin. Dass Sie angegriffen und ihr die Kiste entrissen wurde, ist nicht mein Verschulden. Die Einsicht in meine Akte war eine Vereinbarung und wenn Sie mir dies nun verweigern, ist das Vertragsbruch!“
„Eines mündlichen Vertrages wohlgemerkt“, entgegnete Kubicki mit einem selbstsicheren Gesichtsausdruck.
Ondragon senkte seine Stimme. „Gehen Sie immer so leichtfertig mit Ihren Vertragspartnern um? An Ihrer Stelle wäre ich vorsichtig, sonst spricht sich ihre Praxis schnell herum, und dann wird keiner mehr auch nur einen Finger für Sie krumm machen.“ Er wusste natürlich, dass ein Nachrichtdienst, egal welcher Nation, auf externe Mitarbeiter angewiesen war. Und wenn diese Quellen versiegten, standen sie buchstäblich auf dem Trockenen.
„Das lassen Sie mal unsere Sorge sein, Mr. O“, entgegnete Kubicki unbekümmert, „alles, was ich von Ihnen wissen will, ist, wer da in die Übergabe geplatzt ist? Und wo sich Pandora jetzt befindet?“
„Woher soll ich das wissen?“
„Vielleicht, weil Sie diese Finte organisiert haben?“
Ondragon schwieg mit versteinerter Miene. War es möglich, dass der BND von seiner geplanten Version der Übergabe wusste, oder war es bloß eine Vermutung? Ondragon kannte solche Verhörmethoden und war auf der Hut. Ohne zu antworten, wartete er ab.
„Der Täter floh in dem Wagen, den wir Ihnen zur Verfügung gestellt haben. Das lässt die Annahme zu, dass Sie an der Sache beteiligt waren.“
„Ich hatte den Wagen an der Straße geparkt. Jeder hätte ihn stehlen können.“
„Das stimmt, aber woher wusste der Kerl, dass die Übergabe an Position 1 nicht klappen würde, weil Sie bei der Aktion zu früh aufgeflogen sind? Und wie konnte er so schnell zu Position 2 kommen?“
Das wüsste ich auch gerne, dachte Ondragon und sagte: „Vielleicht hat er uns schon vorher beobachtet. Haben Sie uns nicht angeblich ununterbrochen überwacht? Ist Ihnen dabei nicht jemand aufgefallen?“ Fragen-Pingpong war immer noch die beste Verteidigung.
Kubicki schwieg.
Also doch alles nur Show. Vogelscheuche hatte lediglich geblufft. Keiner vom BND war ihnen rund um die Uhr auf den Fersen gewesen, folglich hatte auch keiner einen Beweis dafür, dass er etwas anderes geplant hatte. Schon auf dem Flug nach Brasilien war ihm klar geworden, dass etwas an der Sache faul sein könnte. Dass der BND seine Vereinbarung nach Erledigen des Auftrages möglicherweise nicht einhielt. So wie es jetzt anscheinend der Fall war. Aus diesem Grund hatte er sich mit Hilfe von Charlize und diesem ominösen Sem eine kleine Rückversicherung verschaffen wollen, eine kleine Geisel, die er nach dem Austausch, Akte gegen Pandora, wieder freigegeben hätte. Aber irgendjemand war ihm in die Quere gekommen und nun hatten sie den Salat.
„Uns ist niemand aufgefallen“, täuschte Kubicki indes Souveränität vor. „Mich würde im Übrigen sehr interessieren, wo sich Ihre Assistentin im Moment aufhält.“
Sie hatten Charlize also nicht einkassiert. Gut, dachte Ondragon und sah durstig auf die leere Flasche. Er bezweifelte jedoch, dass man ihm neues Wasser bringen würde. Gleichgültig zuckte er mit den Schultern. „Da Sie mir mein Handy verweigern, kann ich auch nicht herausfinden, wo sie steckt. Vermutlich hat sie gesehen, wie Sie mit mir umspringen, und hat sich deshalb aus dem Staub gemacht. Vielleicht sitzt sie auch schon im Flieger zurück nach Hause. Wer weiß.“ Er hoffte, dass Charlize in Sicherheit war. Wenn er doch bloß mit ihr telefonieren könnte. Vielleicht hatte sie etwas gesehen oder wusste sogar längst, wer der Unbekannte war. So aber tappte er vollkommen im Dunklen. Es war ein Pokerspiel mit verbunden Augen.
Kubicki sah ihn abschätzend an. „Herr Ondragon, Ihre mangelnde Mitarbeit enttäuscht mich. Gerade von Ihnen hatte ich mehr Professionalität erwartet.“ Er schüttelte den Kopf. „Außerdem ist bei dem Einsatz eine Agentin schwer verletzt worden. Tangiert Sie das gar nicht?“
Ah, jetzt versuchte er es auf die Mitleidstour und appellierte an sein Gewissen. Aber da biss er auf Granit. Dennoch war Ondragon erleichtert zu hören, dass Ritter den Angriff mit dem Auto überlebt hatte. Schließlich hatte er nichts gegen sie persönlich, nur gegen die Behörde, für die sie arbeitete.
„Wie geht es ihr?“, erkundigte er sich.
„Frau Ritter hat einen Schädelbasisbruch, mehrere Rippenfrakturen und eine Quetschung des rechten Oberschenkels. Sie liegt im künstlichen Koma auf der Intensivstation der medizinischen Hochschule von Fortaleza. Die Ärzte sagen, sie wissen noch nicht, ob sie durchkommt, geschweige denn, wann sie ansprechbar sein wird. Wir müssen abwarten.“
Ondragon nickte. Ritter konnte zu dem Vorfall also schon mal nichts erzählen. Blieb nur noch Steiner. „Könnte doch sein, dass sich die undichte Stelle auf Ihrer Seite befindet“, sagte er spitz. „Pandora ist bestimmt ein hübsches Sümmchen wert, für das man seine Loyalität leicht mal verlagert.“
„Glauben Sie, dass sich einer meiner Agenten freiwillig überfahren lässt, nur damit der Verdacht nicht auf ihn fällt?“
Ondragon zuckte erneut mit den Schultern. „Ich habe schon so einiges erlebt.“
„Auf Ritter und Steiner ist absolut Verlass!“
„Wenn dem so ist, dann denken Sie doch lieber mal angestrengt darüber nach, wer der große Unbekannte sein könnte.“ Ondragon wurde bewusst, dass er ein Problem hatte. Sie beide hatten ein Problem. Ihm wurde der Einblick in seine Akte verwehrt, und Kubicki musste vor seinem Vorgesetzten irgendwie rechtfertigen, warum Pandora in feindliche Hände geraten war. Zu dumm, dass er von Rudee noch nichts über die Akte ‚Gemini‘ gehört hatte. Wenn es dem Thai gelänge, sich in die elektronische Version des Dokumentes einzuhacken, wäre er nicht auf die Bewilligung von Kubicki angewiesen und könnte den BND zum Teufel jagen. So aber musste er mit ihnen verhandeln. Grimmig biss er sich auf die Zunge. Er verabscheute solche Situationen, in denen man ihn dazu zwang, einen Kompromiss einzugehen. Aber er musste diese Akte einfach haben. Musste sehen, was der BND über ihn und vielleicht auch über seinen Bruder wusste. Daran führte kein Weg vorbei! Ondragon lehnte sich vor. Wenigstens einen Trumpf hatte er in der Hand. Die Fotos aus dem Labor, von denen der BND nicht den blassesten Schimmer hatte. Klar, vielleicht waren sie in Besitz der Aufzeichnungen von der Kameraübertagung, die an jenem Tag womöglich nur für ihn ausgefallen war. Vielleicht hatten sie es aber auch versäumt, den ganzen Kram aufzunehmen, und jetzt ging ihnen der Arsch auf Grundeis, weil sie auf eine Nullnummer zusteuerten.
„Herr Kubicki“, hob er an, „ich gehe doch recht in der Annahme, dass Sie jetzt, da Sie die Kiste samt Inhalt verloren haben, mit leeren Händen dastehen. Ich meine, es gab mal Fotos vom Logbuch und der Medaille. Zu dumm, dass meine Assistentin sie auf Geheiß Ihrer Mitarbeiterin vom Computer des Labors gelöscht hat.“ Er sah, wie Kubickis Lippen noch schmaler wurden. Hatte er also den richtigen Nerv getroffen. Der BND hatte nichts, rein gar nichts und stand nun mächtig unter Druck. „Ihnen läuft die Zeit davon. Jede Stunde, die dieser Kerl da draußen mit der Kiste herumläuft, verschafft ihm mehr Einblick in das Geheimnis von Pandora. Vielleicht hat er es aber auch schon an jemand anderen verscherbelt, seinen Auftraggeber womöglich, während wir hier sitzen und nett plaudern. Dabei war es doch ein besonders schützenswertes Geheimnis, das Sie mit Ihrer Operation davor bewahren wollten, in falsche Hände zu geraten.“ Ondragon legte den Kopf schief und schlug einen mitfühlenden Ton an. „Nun, ich sehe, in welcher Bredouille Sie stecken. Vermutlich wird gleich Ihr Telefon klingeln und Ihr Vorgesetzter wird fragen, warum zum Teufel Sie die Kontrolle über Pandora verloren haben. Er will Ergebnisse, keine neuen Probleme! Wie alle Chefs dieser Welt – immer ungeduldig und stets den Finger am Abzug. Aber ich habe Mitleid und mache Ihnen einen Vorschlag, der Sie Ihren Job vielleicht behalten lässt.“ Er machte eine künstliche Pause und kostete Kubickis Anspannung voll aus. Dann zeigte er auf die leere Wasserflasche. „Aber vorher hätte ich gerne was zu trinken!“
Der BND-Führungsoffizier starrte ihn reglos an. Ondragon konnte seine Gedanken förmlich rattern hören. Kubicki blinzelte und ein ergebenes Lächeln erschien auf seinem hageren Gesicht. „Aber natürlich, Herr Ondragon.“ Er erhob sich und verließ das Zimmer. Vermutlich holte er nicht nur Wasser, sondern führte auch ein oder zwei Telefonate, nur zu seiner Absicherung. Es war schon jämmerlich, wenn man nicht selbst Entscheidungen treffen konnte, dachte Ondragon und war heilfroh, dass er sein eigener Chef war. Er musste an Roderick DeForce denken, seinen einstigen Boss bei DeForce Deliveries. Ihm hatte er viel zu verdanken. Rod war ein prima Vorgesetzter gewesen, knallhart, aber gerecht … und ein wohlwollender Mentor. Trotzdem wusste Ondragon es sehr zu schätzen, dass er nun niemandem mehr Rechenschaft schuldig war, anders als Kubicki, der vor seinem Chef bestimmt gerade buckeln musste. Schadenfreude kitzelte in seinem Bauch, als er sich das Gespräch bildlich vorstellte.
Die Tür ging auf, und mit einer unauffälligen Geste wischte sich Ondragon das Grinsen aus dem Gesicht. Grimmigen Blickes nahm er die von Kubicki dargebotene Wasserflasche entgegen. Sie war gekühlt und er schenkte sich ein. Geht doch, dachte er und trank zufrieden ein paar Schlucke. Dabei beobachtete er Kubicki über den Rand des Glases hinweg. Mr. Oberwichtig stand noch immer neben dem Tisch und blickte zerknirscht drein.
Betont gemächlich leerte Ondragon das Glas und stellte es auf den Tisch. „So, und nun zum Geschäft! Aber bitte setzen Sie sich doch. Ist sonst zu ungemütlich.“ Er wies auf den Stuhl und Kubicki tat tatsächlich, wie ihm geheißen. Der Anpfiff vom Chef hatte das Befehlsempfangszentrum im Gehirn des Agenten wohl nachhaltig beeinflusst.
Als Kubicki saß, schienen die Lebensgeister in seinen Vogelscheuchen-Körper zurückzukehren. Sein Blick fokussierte Ondragon, während seine Kiefermuskeln zuckten. „Falls Sie Informationen jedweder Art über Pandora besitzen, so wären wir glücklich, wenn Sie sie mit uns teilen würden. Nennen Sie Ihre Bedingungen.“
Yes!, dachte Ondragon. Es hatte funktioniert. Er lehnte sich zurück und setzte eine abgeklärte Miene auf. „Die Konditionen haben sich soeben geändert!“
„Das habe ich mir gedacht“, entgegnete Kubicki zynisch. Auch er war nicht dumm.
„Ich will Einsicht in die Akte. Aber diesmal sofort!“, forderte Ondragon. „Außerdem das doppelte Honorar, und ich will, dass Sie mir sagen, was an dieser Kiste so wichtig ist! Im Gegenzug bringe ich Ihnen Pandora zurück!“
„Und wie wollen Sie das anstellen?“
„Das ist meine Sache. Meine Methoden gehen Sie nichts an. Aber darf ich Sie daran erinnern, dass Sie mich engagiert haben, weil ich der Beste auf diesem Gebiet bin.“ Ondragon breitete beide Hände aus. „Es ist mein Job, solche Probleme zu lösen. Es ist also ein Glück für Sie, dass ich gerade verfügbar bin.“ Er grinste frech, weil er wusste, dass Kubicki das nur noch mehr auf die Palme brachte.
Der BND-Agent ließ sich jedoch nichts anmerken. Er verschränkte lediglich die Arme vor der Brust. „Das mit der Akte wird leider nicht gehen. Sie ist in der Zweigstelle in Berlin-Lichterfelde. Über alles andere können wir reden.“
„Dann lassen Sie sich die Akte über eine verschlüsselte Leitung per E-Mail schicken.“
„Sie ist nie digitalisiert worden.“
„Wollen Sie sagen, dass sie nur als Papierdokument existiert?“
Kubicki nickte.
„Dann kopieren Sie es und schicken Sie es mit dem Fax.“
Kubicki schüttelte den Kopf.
Ondragon begann innerlich zu kochen. Was sollte das Spielchen? Ja, nein, vielleicht, oder was? „Wenn Ihnen Pandora wichtig ist, dann besorgen Sie mir die Akte. Wie, ist mir egal!“
„Dazu bin ich nicht autorisiert.“
„Wollen Sie mich verarschen? Rufen Sie Ihren Chef an und lassen Sie es sich absegnen!“
Kubicki schüttelte wieder den Kopf. „Das wird leider nicht gehen.“
Ondragon starrte den BND-Offizier an. „Akte – oder ich mache nichts mehr für Sie!“, knurrte er. Langsam wusste er, warum Rudee sich nicht meldete. Wenn es die Akte nur in Papierform gab, konnte er im digitalen Archiv des BND lange danach suchen.
Kubicki setzte eine bekümmerte Miene auf. „Herr Ondragon, ich verspreche Ihnen, dass Sie Einsicht in das Dokument ‚Gemini‘ erhalten werden, wenn die Mission abgeschlossen ist und Pandora sich wieder in unseren Händen befindet.“
„Sie versprechen es mir?“, stieß Ondragon verächtlich aus. „Genauso wie Sie es mir eben noch verweigern wollten?“
Kubicki hob eine Hand. „Es tut mir leid, wenn Sie einen falschen Eindruck von mir bekommen haben. Dafür entschuldige ich mich. Und ich versichere Ihnen, dass Ihnen dieses Recht von oberster Stelle zugebilligt wurde. Aber erst, wenn Pandora wieder da ist!“
Mist, dachte Ondragon, der Typ blieb hart. Der wusste, wie man pokert. Dann würde er sich wohl mit dem Rest zufrieden geben müssen. Kurz wog er die Risiken ab. Charlize würde jetzt sagen, er sei besessen von der Akte und er solle sie einfach in den Wind schießen, bevor er sich von anderen dafür instrumentalisieren ließ, aber es ging um mehr als diese blöde Akte. Natürlich wollte er unbedingt wissen, was darin stand, aber es gab da noch dieses Rätsel um Pandora. Und das reizte ihn beinahe genauso sehr wie die Scheißakte. Es war ein Rätsel der höchsten Kategorie, ein Juwel, das man nicht alle Tage unter die Nase bekam. Es schrie geradezu danach, von ihm enthüllt zu werden. Von ihm und von keinem anderen!
„Okay“, lenkte er ein, „ich verlasse mich auf Ihr Wort und ich hoffe, dass Sie es nicht leichtfertig verschenken, denn ich kann sehr nachtragend sein.“ Er schoss einen scharfen Blick über den Tisch, um zu verdeutlichen, dass er seine Drohungen stets wahr zu machen pflegte.
Kubicki verstand diese stumme Botschaft. Einen kurzen Moment taxierten die beiden Männer einander. Zwei alte Hasen, die in derselben Branche tätig waren und wussten, wie man zwischen den Zeilen las. Dann faltete der BND-Agent die Hände auf der Tischplatte und begann zu erklären, was es mit der Operation auf sich hatte.
„Pandora ist nicht bloß ein Name, es ist ein Sinnbild für etwas, das die ganze Welt verändern kann, wenn es einmal geöffnet wird.“
„Die Büchse der Pandora.“
„Ganz recht.“ Kubicki senkte den Blick. „Diese Kiste ist deshalb so wichtig für uns, weil sie den Hinweis auf etwas enthalten könnte, das seit über sechzig Jahren als verschollen gilt und womöglich großen Einfluss auf unser aller Leben auf diesem Planeten haben könnte.“
Ondragon schwante etwas, immerhin wusste er, was sich in der Kiste befand. Ein Logbuch und die Edison-Medaille von Nikola Tesla. Er schwieg und ließ den BND-Agenten weiterreden. Kubicki holte weit aus. Er berichtete über die Junkers 390, über die vermeintliche Flucht von General Hans Kammler im Mai 1945 und die geheime Fracht des Flugzeuges. Alles Dinge, die Ondragon bereits selbst zusammengetragen oder von Truthfinder erfahren hatte, die aber auch verrieten, dass Kubicki es einigermaßen ernst meinte mit seiner Offenheit. Er erwähnte auch die beiden Theorien, über den Verbleib der Medaille und des Notizbuches von Tesla. Die mit den Nazi-Spionen und dem FBI.
„Mit der Entdeckung der Kiste dürfte nun auch bewiesen sein, dass das FBI damals an der Sache nicht beteiligt war“, sagte Kubicki nachdenklich, „das Notizbuch war längst verschwunden, als das Bureau Teslas Räumlichkeiten nach seinem Tod durchsucht hat. Vermutlich stimmt demnach die erste Theorie und die Nazis haben 1943 tatsächlich Spione zu Tesla geschickt. Ob sie ihn allerdings auch getötet haben …“, er hob die Schultern, „darüber können wir nur spekulieren. Was die Fracht der JU 390 angeht, so wissen wir aus der Datenauswertung der Bergungsaktion für die Air-France-Maschine, dass der Laderaum mit großer Wahrscheinlichkeit leer gewesen sein muss. In der Lagerhalle am Hafen liegen ausschließlich Teile der zerschellten Junkers, nicht aber deren Ladung. Natürlich könnte es sein, dass sie über die Jahre hinweg von der Strömung davongetragen und irgendwo anders auf dem Meeresboden verteilt wurde, aber wir vermuten, dass die Besatzung, um Sprit zu sparen, ihre Fracht irgendwo anders abgeladen hat, bevor sie den Atlantik überquerte. Von dem gefundenen Logbuch erhofften wir uns Aufschluss darüber, wo dies geschehen ist. Es ist unsere Aufgabe, die möglicherweise sensible Technologie zu sichern, bevor es jemand anderes tut.“
„Sensible Technologie, mit der Sie was vorhaben?“
„Es gibt viele Vermutungen darüber, um was es sich bei der Fracht gehandelt haben könnte. Die populärste ist sicherlich die des sagenumwobenen Flugobjekts namens „Die Glocke“, an dem die Nazis unter der Leitung Hans Kammlers zu Kriegsende geforscht haben sollen. Nun, das ist eine Möglichkeit, wenn auch eine unwahrscheinliche. Eine andere ist, dass es der von Tesla erfundene Todesstrahl sein soll. Diese mysteriöse, alles entscheidende Waffe, die demjenigen, der sie besitzt, Macht über alle Völker dieser Erde gäbe.“
„Aber haben wir nicht längst solche Waffen?“, fragte Ondragon. „Ist denn ein solcher Todesstrahl heute nicht vollkommen antiquiert? Ich meine, wir haben Laserstrahlen, die Atombombe und intelligente, selbststeuernde Waffensysteme, die ganze Städte pulverisieren könnten, wenn nur einer auf den Kopf drückt. Was bedeutet da solch ein Todesstrahl für uns?“
„Teslas hochenergetische Teilchenwaffe war anders als alles, was wir an Vernichtungstechnologie kennen. Der große Erfinder beschäftigte sich zeit seines Lebens mit der Erforschung von Wellen. Schallwellen, Lichtwellen, elektromagnetische Wellen, Skalarwellen oder mit der dunklen kosmischen Strahlung, wie er sie genannt hat – das sind bisher nicht nachgewiesene, unsichtbare Partikel, die unseren Raum füllen und eine ungeheure Zerstörungskraft besitzen, wenn man nur weiß, wie man sie anregen und in bestimmte Richtungen lenken kann. Tesla hat dies angeblich herausgefunden und eine alles vernichtende, perfekte Waffe entwickelt.“ Kubickis Stimme hatte einen beinahe traurigen Tonfall angenommen. „Wenn diese Waffe in falsche Hände gerät, dann gnade uns Gott.“
Na, wenn der BND da mal die richtige Hand war, dachte Ondragon. Jeder behauptete stets, dass er der Richtige und die anderen die Falschen seien. Aber im Grunde waren sie alle gleich. Sie alle trachteten nur nach dem einen Vorteil, der ihnen Macht über die gesamte Welt verlieh. Das ewige Gerangel der Nationen, und Paul Eckbert Ondragon steckte mal wieder mittendrin. Na prima! Aber er war schließlich auch nur ein Opportunist und auf seinen Vorteil bedacht. Er wollte etwas und dafür würde er beinahe alles tun, um es zu bekommen.
„Kann ich mir unter dem Todesstrahl so was wie die Laserkanonen in Star Wars vorstellen?“, fragte er und wusste, dass diese Frage einfältig klingen musste, aber er dachte nun mal gerne in bildhaften Vergleichen.
Kubicki nickte. „Ja, so ähnlich können Sie sich das vorstellen. Haben Sie schon mal was von dem Tunguska-Ereignis gehört?“
Ondragon schüttelte den Kopf.
„Nun, dabei handelt es sich um eine bis heute ungeklärte Explosion, die 1908 am Fluss Tunguska in Sibirien eine Fläche wie die des Großraumes von Los Angeles verwüstet hat. Es wurde aber nie ein Krater oder Ähnliches gefunden, nur umgeknickte Bäume und verkohlte Erde.“
„Und Sie denken jetzt, dass es Tesla war, der seinen Todesstrahl ausprobiert hat?“ Ondragon lachte amüsiert.
„Ja, in der Tat. Zumindest haben das die Leute seiner Zeit behauptet. Heute glauben einige Wissenschaftler, dass es ein Meteorit war, der in einigen Kilometern Höhe über Tunguska explodiert ist, bevor er aufschlug.“
„Aber müsste es dann nicht diverse kleine Einschlagkrater von Bruchstücken in der Nähe geben?“
„Ja, das ist richtig. Die gibt es aber nicht. Man vermutet, dass der Meteorit, besser gesagt, ein Kometenbruchstück aus Eis und Methan, noch über der Erdoberfläche explodiert und vollständig verdampft ist.“
Das klang seltsam, das musste Ondragon zugeben. Er war Skeptiker und glaubte bestimmte Dinge erst, wenn er sie sah. Den Todesstrahl hielt er deshalb eher für unwahrscheinlich, denn wenn die Nazis ihn gehabt hätten, dann hätten sie ihn auch benutzt, und wie die Welt dann ausgesehen hätte, konnte man sich leicht vorstellen. Dagegen wäre der Roman „Vaterland“ von Robert Harris eine Gutenachtgeschichte. Die Sache mit den Ufos und „Der Glocke“ war hingegen hanebüchen. Er konnte einfach nicht glauben, dass die Nazis solche Flugobjekte gebaut hatten. Die Technologie hätte doch nach dem Krieg irgendwann ans Tageslicht kommen müssen. Klar, es gab gewisse Theorien darüber, dass das US-Militär nach Kriegsende deutsche Wissenschaftler und deren geheimes Knowhow nach Amerika geholt hatte. Aber wo waren dann heute die fliegenden Untertassen, wo die sagenhaften Antriebstechnologien? Alles noch immer Geheimsache? Niemals. Auch die Amis hätten sich früher oder später damit brüsten wollen, den einzig wahren Antrieb oder die alles vernichtende Waffe entwickelt zu haben. Und die NASA würde nicht noch immer Raketen mit Millionen Tonnen von Treibstoff an Bord in den Orbit hochprügeln, wenn sie das Geheimnis der Antigravitation längst gelüftet hätten. Ondragon lehnte sich vor und sah Kubicki an.
„Und was denken Sie, war in der Junkers?“, fragte er mit gesenkter Stimme.
Der BND-Führungsoffizier nahm die Brille ab und wischte sich über die Augen. Wenn er wollte, dass Ondragon weiterhin für sie arbeitete, dann würde er jetzt mit einer plausiblen und etwas genaueren Erklärung rausrücken müssen. Das schien Kubicki zu wissen. Er setzte die Brille wieder auf und sah Ondragon so offen an, wie es für einen Nachrichtendienst-Mitarbeiter möglich war.
„1901 wollte Nikola Tesla einen ‚Apparat zum Gebrauch von Strahlungsenergie‘ beim US-Patentamt anmelden, hat es dann aber wieder zurückgezogen. Keiner weiß, warum. Angeblich sollte der Apparat jene dunklen kosmischen Strahlen aus dem sogenannten Äther auffangen. Wir glauben, dass es sich dabei um ein Gerät handelt, das Freie Energie aus der Umgebung auffängt und in elektrischen Strom umwandelt. Tesla war damals von der Existenz des Äthers fest überzeugt. Heute ist die Theorie überholt und an die Stelle des Äthers wurde das Vakuum gesetzt. Die Bezeichnung Freie Energie wird heute eher von den Parawissenschaften benutzt und gilt gemeinhin als Scharlatanerie. Die moderne Physik nennt es Nullpunktenergie, oder Overunity-Effekt. Auch hierüber herrschen kontroverse Meinungen.“
Nullpunktenergie. Das hatte Ondragon doch schon mal bei Truthfinder gehört. War das nicht sogar dessen Forschungsgebiet? Aber was war diese Nullpunktenergie nun eigentlich? Was der Äther darstellte, konnte er sich ja noch ungefähr vorstellen. Aber Freie Energie? Mann! Seine Unwissenheit auf diesem Gebiet war einfach lästig. Wie ein Tanz auf rohen Eiern.
„Und was kann dieses vermeintliche Gerät von Tesla nun?“, wollte er wissen.
„Mit einer Apparatur, die Nullpunkt- oder freie Raumenergie auffängt“, erklärte Kubicki, „wäre man in der Lage, Energie zu gewinnen, umsonst, sauber und unbegrenzt.“
„Demnach ein Perpetuum mobile?“
„Nein. Das, was wir suchen, ist kein verdammtes Perpetuum mobile. Der Apparat von Tesla – wenn er denn existiert – ist um ein Vielfaches großartiger. Denn er läuft nicht nur von alleine und ganz ohne Energiezufuhr, er produziert gleichzeitig auch noch überschüssige Energie! Wissen Sie, was das bedeutet? Wir hätten keine Energieprobleme mehr!“