••• 06 : 23 ••• CAROLIN •••

Carolin Frey war hinter die Absperrung zurückgedrängt worden, die die Feuerwehrleute errichtet hatten. Nur zu gern hätte sie die Gelegenheit für ein Exklusivinterview genutzt, doch man ließ weder sie noch Jürgen Traveen in die Nähe des Stolleneingangs. So schoss sie stattdessen ein Foto nach dem anderen, während die Rettungskräfte sich um die Verletzten kümmerten.

Nach ihrem Notruf war alles sehr schnell gegangen: Kaum zwanzig Minuten später, als eben die Strahlen der aufgehenden Sonne den Himmel färbten, waren mehrere Ambulanzen vor Ort gewesen, kurz darauf die Polizei und schließlich ein Feuerwehrteam aus der Kreisstadt mit Schutzanzügen. Schultze und Havermann samt ihren Trupps waren als Letzte eingetroffen, obwohl sie kaum zwei Kilometer entfernt gewesen waren, denn sie hatten den Weg zu Fuß zurücklegen müssen. Die Feuerwehrleute hatten am Steilhang eine halbkreisförmige Absperrung aufgebaut, während mehrere Rettungshelfer – mit Handschuhen und Atemmasken bewehrt – sich Justins und Leons angenommen hatten. Unterdessen waren Männer in Ganzkörper-Schutzanzügen in den Stollen geklettert, um nach den Vermissten zu suchen. Der ehemalige Campingplatz bot einen dramatischen Anblick, vollgestellt mit Einsatzfahrzeugen und wimmelnd von Menschen in den verschiedensten Uniformen. Carolin hatte schon oft über Verkehrsunfälle, Brände und Ähnliches berichtet. Der Anblick der ABC-Anzüge jedoch war befremdlich, beinahe surreal. Derartige Szenen kannte sie bisher nur aus dem Fernsehen.

«Himmel!» Jürgen Traveen, schwer atmend und bleich, stützte sich mit beiden Händen auf den Sperrzaun. «Das sieht ernst aus, nicht wahr?»

«Vielleicht schlimmer, als es ist», sprach Carolin ihm Mut zu. «Ich habe einmal gehört, dass bei Strahlenunfällen immer schweres Geschütz aufgefahren wird, nur zur Sicherheit. Das muss nicht bedeuten, dass erhebliche Gefahr besteht. Sehen Sie doch: Der Notarzt, der sich um den Jungen kümmert, trägt nur einen einfachen Mundschutz.»

Justin wurde soeben auf eine Trage gebettet und in einen der Rettungswagen gehievt. Auch Leon wurde zu einer Ambulanz geführt, weigerte sich jedoch lautstark, den Schauplatz zu verlassen, solange Tia nicht im Freien wäre.

Dann plötzlich wandte sich die allgemeine Aufmerksamkeit dem Stolleneingang zu, wo sich mehrere Helfer zusammengedrängt hatten und einer jungen Frau ins Freie halfen.

«Das ist Dana Novak!», erkannte Carolin. «Hoffentlich hat jemand daran gedacht, ihre Mutter zu benachrichtigen.»

«Da kommt noch jemand!» Traveen lehnte sich vor, um besser sehen zu können.

Während die Rettungshelfer sich um Dana kümmerten, wuchtete die ABC-Einheit eine Trage ins Freie. Darauf lag ein Mann, der einen schrecklichen Anblick bot, von schwarzem Schlamm bedeckt, Gesicht und Hände wie mit Spinnweben überzogen. Trotz der Entstellung erkannte Carolin Jörn Bringshaus.

«Mein Gott – was ist denn mit dem passiert?», stieß sie hervor und vergaß vor Schreck, ein Foto zu schießen.

Als Letzte kletterte Tia Traveen ans Tageslicht. Einer der Rettungshelfer führte sie auf den offenen Platz, wo sie sich unsicher umblickte, irritiert von den zahllosen Stimmen und Geräuschen. Ihre blinden Augen schossen suchend umher, während ein Mann einen Geigerzähler vor ihrem Körper auf und ab führte.

«Tia!», rief Jürgen Traveen fast gleichzeitig mit Leon. Da Letzterer näher stand, hörte sie ihn sofort, streckte beide Arme aus und wankte auf ihn zu.

Kaum zu glauben, dachte Carolin, diesmal rechtzeitig am Auslöser ihrer Kamera. Im Dunkeln eine geniale Pfadfinderin, aber hier draußen so hilflos wie jeder blinde Mensch.

Sie schoss das Foto, als Leon Tias Hand ergriff und sie an sich zog, um sie fest zu umarmen.

«Tia!», rief Jürgen Traveen erneut, und trotz seiner gebrechlichen Verfassung brachte er es fertig, über die Absperrung zu klettern. «Tieken!»

Der Spitzname ließ Tia aufhorchen, und sie löste sich von Leon. Ein Arzt versuchte sie am Ärmel zu packen, doch sie stieß ihn beiseite, begann zu laufen und bahnte sich blindlings ihren Weg durch die Menge.

«Papa?» Sie schrie fast.

Carolin, die Tia frontal auf sich zukommen sah, hob das Handy für ein Porträt. Doch sie drückte den Auslöser nicht, denn das Gesicht im Sucher war nicht das einer strahlenden Heldin nach getaner Arbeit. Mit Tia Traveen war eine seltsame Veränderung vor sich gegangen: Sie zitterte, ihr Gesicht war blass, und ihre Augen schwammen in Tränen der Erleichterung. Nun, da die stundenlange Anspannung von ihr abgefallen war, wirkte sie auf eigentümliche Weise jünger als am Vorabend: ein Kind, das Trost und Schutz suchte.

Jürgen Traveen war ihr kaum zwei Schritte weit entgegengekommen, als sie in seine Arme flog, offenbar vom Geruch geleitet. Er drückte sie an sich und strich ihr beruhigend über den Rücken.

«Ich bin da, meine verrückte Kleine», brachte er mit schwankender Stimme hervor. «Was machst du denn wieder für Sachen?»

Tia antwortete nicht, sondern schluchzte leise an seinem Hals. Einen Moment lang fragte sich Carolin, ob sie womöglich taktlos war, dann aber erinnerte sie sich an ihre Profession und drückte den Auslöser. Augenblicklich hob Tia den Kopf, wandte ihn suchend hin und her und wischte sich wie ein Kind mit dem Ärmel über die Augen.

«Frau Frey?»

«Hier!», antwortete Carolin.

Tia kam näher, wobei sie ihren Vater an der Hand mit sich zog.

«Vorsicht, hier ist …»

«… ein Zaun, ich weiß», nickte Tia, die die Absperrung bereits ertastet hatte. «Dass Sie immer noch hier sind, hätte ich nicht erwartet! Haben Sie sich die ganze Nacht um die Ohren geschlagen?»

«Ja, zusammen mit Ihrem Vater.» Carolin lächelte. «Er ist übrigens sehr nett. Wir haben uns hervorragend verstanden.»

«Frau Frey ist zu bescheiden», warf Traveen ein. «Sie war es nämlich, die herausgefunden hat, dass mit diesem Böttcher etwas nicht stimmt. Und das war auch der Grund, warum das Mädchen plötzlich in den Stollen zurückwollte – glaubte wohl, sie könnte helfen.»

«Das hat sie», bestätigte Tia ernst. «Ohne Dana hätte die Sache übel ausgehen können. Tja, Frau Frey, dann habe ich Ihnen wohl einiges zu verdanken! Ihre Warnung hat mir wahrscheinlich das Leben gerettet.»

«Vielleicht revanchieren Sie sich, indem Sie mir beizeiten ein Interview geben?», schlug Carolin vor.

«Wir werden sehen», sagte Tia düster. «Ich hoffe, wir haben noch genug Zeit dazu. Erst einmal wird man uns alle ins Krankenhaus stecken – und dann wird sich herausstellen, wie schlimm es um uns steht.»

«Sag doch nicht so was!» Traveen packte seine Tochter erneut und drückte sie an sich.

Tia erwiderte seinen Druck.

«Hoffen wir das Beste», flüsterte sie. «Für mich und für die anderen.»

Carolin verdrängte ihre Rührung, schoss ein letztes Foto und formulierte in Gedanken bereits den Zeitungsartikel. Tias Worte gehörten eindeutig an den Schluss. Dass ein weiterer Artikel von der glücklichen Genesung aller Beteiligten handeln würde, war in der Tat zu hoffen – und nicht nur um der Auflage der Zeitung willen.