••• 03 : 15 ••• LEON •••

Leon zitterte, als hätte er hohes Fieber. Es war so gut wie unmöglich, diesen Reflex zu beherrschen. Dennoch hatte er die Knie an den Körper gezogen und mit beiden Armen umschlungen, um die krampfhaften Wellen einzudämmen, die seine Muskeln durchliefen. Wie lange er mittlerweile in seinem stockdunklen Gefängnis saß, hätte er nicht zu sagen gewusst. Vielleicht eine halbe Stunde, vielleicht länger. Dass der Raum in der Tat ein Gefängnis war, hatte er durch eine rasche Erkundung festgestellt: Die steinerne Kammer war glockenförmig, nur wenige Meter breit und allseitig von geschlossenen Wänden umgeben. Den einzigen Ausgang bildete das Wasserloch, aus dem er aufgetaucht war, eine ovale Öffnung in der Mitte des Bodens.

Die Idee, wieder in den Syphon hinabzutauchen, hatte Leon schon in den ersten Minuten abgetan. Es wäre sein Tod gewesen. Normalerweise war er ein guter Schwimmer, wenngleich er es nicht mit Tia aufnehmen konnte, die schwamm und tauchte wie ein Otter. Doch in dem pechschwarzen Wasser konnte er sich nicht im mindesten orientieren und hatte keine Ahnung, in welche Richtung er sich halten sollte. Zudem war er halb erfroren und spürte deutlich, dass jeder weitere Tauchgang in kurzer Zeit mit einem Herzstillstand enden konnte. Von alldem abgesehen, schmerzte sein angeschlagenes Bein heftig, sodass er kaum auftreten konnte.

So hatte sich Leon auf dem kalten Steinboden zusammengekauert, den Kopf auf die Knie gelegt und versucht, sich Brust und Bauch notdürftig mit dem eigenen Atem zu wärmen. Der Effekt würde nicht lange vorhalten, das wusste er. Die Umgebungstemperatur mochte bei zehn bis zwölf Grad liegen, doch Leon war nackt, nass und entkräftet. Vielleicht hätte er wieder ins Wasser springen sollen, solange sein Körper ihm noch gehorchte – nun war es definitiv zu spät. Er spürte bereits, wie die Kälte seine Glieder lähmte.

Tia und die anderen … wo mochten sie sein? Es war möglich, dass sie nur durch eine Wand getrennt, vielleicht aber auch weit voneinander entfernt waren. Leon tippte auf die letztere Alternative, denn er hatte gerufen, geschrien und mit den Fäusten gegen die Wände gehämmert, solange er noch bei Kräften gewesen war. Tia hätte ihn niemals zurückgelassen, das wusste er. Wahrscheinlich versuchte sie schon die ganze Zeit über vergeblich, ihn zu finden. Das sprach dafür, dass die Entfernung groß und die Öffnung, aus der Leon aufgetaucht war, abseitig und schwer zu finden war.

Was für ein idiotischer Zufall, dachte er. Nur weil ich mir das Bein angeschlagen und für eine Sekunde das Seil losgelassen habe, bin ich jetzt hier. Was wird Tia tun, wenn sie mich nicht finden kann?

Er wusste, dass sie jede nur mögliche Anstrengung unternehmen würde, aber auch, dass ihr noch zwei weitere Schützlinge anvertraut waren. An welchem Punkt würde sie wohl aufgeben und beschließen, zumindest Justin und Dana zu retten?

Du denkst zu negativ, rief er sich zur Ordnung. Nicht aufgeben! Glaub daran, dass alles gut wird. Denk an etwas Schönes. Denk an 

Leon hatte schon oft Geschichten darüber gehört, welche Gedanken und Bilder Menschen in Lebensgefahr durch den Kopf gingen. Viele berichteten von blitzhaften Bildern, Schnappschüssen ihrer bewegendsten Erlebnisse. Leon wusste genau, welches Bild er sehen würde, wenn die Kälte den Blutfluss zum Gehirn drosselte und sein bewusstes Denken lähmte. Er würde Tia sehen – Tia an einem Spätnachmittag im September, voriges Jahr in ihrer gemeinsamen Wohnung, an ihrem siebenundzwanzigsten Geburtstag.

 

Er erinnerte sich genau. Tias Freundin Adele jobbte als Kosmetikern und hatte ihr einen Gutschein zum Geburtstag geschenkt: «1 × aussehen wie eine Diva». Die Idee bezog sich auf ihr allererstes Gespräch in einer Studentenkneipe.

«Wie schminkst du dich eigentlich, wo du doch blind bist?», hatte Adele gefragt. Tia hatte die Achseln gezuckt und geantwortet: «Überhaupt nicht.»

Das hatte Adele nicht vergessen, und so war es zu jenem Geschenk gekommen, das Tia – höflich, wie sie war – nicht zurückweisen mochte. Also hatte Adele an Tias Geburtstag mit dem Schminkkoffer vor der Tür gestanden, verheißungsvoll gelächelt und ihre Freundin geschlagene viereinhalb Stunden im Bad festgehalten. Als die beiden fertig waren, hatte Adele ihre Versuchsperson ins Wohnzimmer geführt und Leon gerufen. Die wohlmeinende Absicht hatte darin bestanden, dass Tia sich die Leistung, deren Wert sie selbst nicht begutachten konnte, von männlichen Augen bestätigen lassen sollte.

Leon hätte ihr gern den Gefallen getan, doch als Adele ihn mit der Miene eines Weihnachtsmanns ins Zimmer geführt hatte, der die Kinder zum Tannenbaum ruft, war er schlichtweg sprachlos gewesen. Er wusste, dass Tia eine attraktive Frau war – niemand wusste es besser als er, zumal sie sich nicht scheute, gelegentlich halbnackt durch die Wohnung zu laufen. Er hatte sich an das ungeschminkte Gesicht und die sportlich-schmucklose Kleidung gewöhnt, die sie bevorzugte, und der unvermeidlichen Verfremdung durch eine stundenlange Schminkorgie eher mit Skepsis entgegengesehen. In der Tat – der Anblick war ein Schock gewesen, doch in anderer Weise, als er erwartet hatte.

Adele hatte ihre Freundin in lässiger Haltung auf dem Sofa drapiert wie eine Filmschönheit aus dem vergangenen Jahrhundert, mit ausgestreckt übergeschlagenen Beinen, aufgerichtetem Oberkörper und einer lässig über die Lehne gelegten Hand. Tia trug ein schwarzes, weich fließendes Kleid, von dem er gar nicht gewusst hatte, dass sie es besaß. Wahrscheinlich hing es seit ihrer Teenagerzeit unbenutzt im Schrank. Ihr stets leicht zerzaustes, rostbraunes Haar war geglättet und in seidig glänzenden Wellen hinter das linke Ohr gestrichen. Ihre Wangen waren gepudert, die Lippen dezent bemalt und die goldbraunen Augen, deren zielloser Blick ihr stets einen Ausdruck von Nachdenklichkeit verlieh, wirkten dunkler und ausdrucksvoller denn je.

Leon hatte versucht, sich ein unverfängliches Kompliment abzuringen. Am Ende jedoch hatte er kein Wort hervorgebracht. Er hatte einfach nur dagestanden, überwältigt von dem Anblick, und immerfort dasselbe gedacht: Das ist die schönste Frau, die ich jemals gesehen habe.

Adele war bitter enttäuscht gewesen, dass der erwartete Beifallssturm ausblieb. Sie hatte irgendetwas gemurmelt wie «Männer haben einfach keinen Blick dafür», wohl in der unnötigen Absicht, ihre Freundin zu trösten. Tia freilich hatte das ganze Spiel nicht besonders ernst genommen und es später, als sie Leon wieder mit unverfremdetem Gesicht und im Jogginganzug gegenüberstand, auch nicht mehr erwähnt.

Leon jedoch hatte es nie vergessen.

Dieses Bild nehme ich eines Tages mit ins Grab, hatte er gedacht, für seine Verhältnisse ungewohnt melodramatisch. So wie den Schnee auf dem Matterhorn, den Sonnenuntergang beim Flug übers Mittelmeer oder die Überreichung meines Diploms.

Leon legte keinen Wert auf Fotos, aber wenn er ein Album besessen hätte, wäre diese Momentaufnahme darin auf einer Doppelseite erschienen, mit Goldrand und Kritzeleien umgeben, für deren schwärmerische Naivität er sich vor jedem Betrachter geschämt hätte. Titel: Tia im Abendkleid. Ein Traum.

 

Plötzlich hörte er, wie das Wasser in Bewegung geriet. Luftblasen gluckerten empor und zerplatzten an der Oberfläche.

Oh mein Gott, dachte Leon, und obwohl er alles andere als ein gläubiger Mensch war, flehte er plötzlich zu irgendeiner höheren Macht. Bitte … bitte 

Das Geräusch verebbte, zerging in der Dunkelheit. Eine Sekunde lang saß Leon stumm in der Stille, lauschte, hoffte – verzweifelte. Doch dann plötzlich spritzte das Wasser auf wie ein Geysir, und ein Körper schoss mit der Geschwindigkeit eines losgelassenen Korkens an die Oberfläche. Fingernägel schrammten hörbar über die Felsstufen am Ufer. Etwas Weiches klatschte auf den Boden, und Leon begriff, dass es nasse Haare waren.

«Hier!», versuchte er zu schreien, doch seine vor Kälte verengte Brust brachte nur ein zittriges Quieken hervor.

Aus der Dunkelheit drang ein Ruf herüber.

«Leon?»

«Ich bin hier!», wiederholte er.

«Gott sei Dank.» Tia seufzte, und endlich erkannte Leon eindeutig ihre Stimme.

In letzter Minute, dachte er, kaum fähig, das Wunder zu fassen. Oder zumindest in den letzten fünfzehn oder dreißig Minuten, die mir noch geblieben wären 

Undeutlich hörte er, wie Tia sich aufrichtete, das Wasser abschüttelte und zu ihm herübertappte. Normalerweise bemerkte er rasch, wenn sie sich näherte, denn die Wärme, die ihren Körper umgab, wirkte wie ein elektrisches Feld. Als sie jedoch seine Schulter berührte, schreckte er zusammen: Ihre Finger waren eiskalt. Spontan ergriff er ihre Hand, so fest, als wollte er sie nie wieder loslassen. Für einen Augenblick blieben sie nebeneinandersitzen, und Leon spürte ihr Haar an seinem Arm und ihren Atem auf den angewinkelten Knien.

«Bist du verletzt?», fragte sie.

«Bein verstaucht», Leon winkte ab. «Nicht der Rede wert. Ich bin nur kurz vorm Erfrieren.»

«Ich auch», keuchte Tia. «Zehnmal zehnmal durch diesen verdammten Syphon.»

Leon, der es sich kaum vorzustellen wagte, schwieg beschämt.

«Wir müssen uns aufwärmen», sagte Tia, «sonst gehen wir beide drauf.»

«Aber wie? Unsere Kleider und die Decke sind nicht hier.»

«Wir haben noch genug Kerntemperatur.» Sie wandte Leon das Gesicht zu, er spürte es am veränderten Klang ihrer Stimme. «Am besten sollten wir eine Kugel bilden, damit sie nicht entweicht. Ich weiß nur nicht, ob dein Bein das aushält. Kannst du es ausstrecken?»

Leon tat es. Er wusste nicht genau, was sie vorhatte. Der Schreck kam verspätet, als Tia sich auf seinen Schoß setzte, das Gesicht ihm zugewandt.

«Drück dich an mich, so fest es geht!», forderte sie ihn auf, während sie ihn mit Armen und Beinen gleichzeitig umschlang und begann, ihm kräftig über den Rücken zu streichen. «Abreiben – das bringt das Blut wieder in Gang! Na los!» Zögernd legte Leon die Arme um sie. Seine Finger waren nahezu gefühllos, dennoch ahnte er die Konturen, über die er strich, die Schulterblätter, den sanft geschwungenen Rücken, die Lendengrübchen zu beiden Seiten der Wirbelsäule.

Dass ich das noch erlebe, dachte er. Die Frau meiner Träume sitzt nackt auf meinem Schoß … Warum, verdammt noch mal, muss mir das ausgerechnet sechzig Meter unter Tage in einer eiskalten Höhle passieren?

Für den Augenblick war er ehrlich dankbar, dass die Kälte seinen Körper gelähmt und alles Blut aus den peripheren Zonen in den Rumpf zurückgetrieben hatte – nicht auszudenken, was sonst vielleicht geschehen wäre.

«Tut mir leid, dass ich dir so auf die Pelle rücken muss», sagte Tia nah an seinem Ohr. «Aber es ist unvermeidlich.»

«Kein Problem», gelang es Leon halbwegs überzeugend zu antworten.

Allmählich mäßigte sich die Kälte. Das Wasser auf Tias Haut trocknete. Ein schwacher Anflug ihrer gewohnten Wärme kehrte zurück und übertrug sich auf Leon. Das Muskelzittern hörte auf. Er spürte wieder etwas, zuerst an Brust und Bauch, dann in Oberarmen und Schenkeln. Zunehmend deutlich nahm er Tias Körper wahr, die Berührung ihrer Hände, das Gewicht ihres Beckens auf seinem Schoß, die kleinen, von der Kälte gehärteten Brustwarzen, die in seine Haut drückten.

«Endlich …» Tia seufzte. «Es wird besser. Bei dir auch?»

Leon nickte schwach. Dass sie ihm aus nächster Nähe ins Ohr hauchte, machte die Angelegenheit nicht leichter. Er begann, sich innerlich auf jene Körperzonen zu konzentrieren, die er im Augenblick auf gar keinen Fall wiederzubeleben wünschte.

«Puuuh …» Tia stieß den Atem aus und rückte eben rechtzeitig von ihm ab, bevor er die Kontrolle über seine Reflexe verlor. «Das ist gerade noch mal gutgegangen.»

In der Tat – gerade noch, dachte Leon. Erleichtert zog er die Knie an, während sie sich neben ihn setzte.

«Wie geht’s dir?»

«Ganz gut», antwortete er.

«Du atmest aber immer noch sehr schnell.»

«Ach, das ist schon in Ordnung», gab Leon zurück, darauf vertrauend, dass sie seinen schweren Atem der Kälte zuschrieb. «Aber ich spüre meine Hände und Füße wieder.»

«Bestens. Lass uns noch ein paar Minuten sitzen bleiben, damit wir uns erholen können. Dann aber werden wir ein letztes Mal tauchen müssen. Justin und Dana warten auf der anderen Seite.»

Leon nickte, wenig erfreut von der Aussicht. «Wie weit ist es?»

«Wenn wir schnell sind, etwa zwölf Sekunden. Das solltest du schaffen – zumindest, sobald dein Atem sich normalisiert hat.»

«Bist du sicher, dass du den Weg findest?»

«Absolut sicher! Ich verfüge nämlich über den berühmten Ariadne-Faden.» Sie ergriff seine Hand und führte sie zu ihrem linken Fuß. Erstaunt erkannte Leon, dass sie sich das Ende des Kletterseils um den Knöchel gebunden hatte. «Wir brauchen nur dem Seil zu folgen. Außerdem habe ich den Syphon mittlerweile in fast jeder Richtung erkundet und kenne seine Tücken. Am besten machst du es wie Justin und Dana, hältst dich einfach an mir fest und lässt dich ziehen.»

«Glaubst du, dass du dafür noch genügend Kraft hast?»

«Ach, Leon …» Tia schmunzelte. «Um meinen besten Freund in Sicherheit zu bringen, hätte ich alle Kraft der Welt.»