«Bereit zum Aufbruch?», fragte Tia, als sie zusammen mit Leon in die Seitenkammer zurückkehrte.
Dana, die sich unter der langsam auskühlenden Heizdecke eng an Justin geschmiegt hatte, seufzte ergeben. «Es muss wohl sein.»
«Ja», bestätigte Tia. «Weitergehen ist auf jeden Fall weniger gefährlich, als sitzenzubleiben und wieder auszukühlen.»
Dana fühlte, wie Justin stumm ihre Hand drückte, und erhob sich.
Als sie mit seiner Hilfe den Ausstieg der Kammer überwand und in die angrenzende Höhle kletterte, stellte sie zu ihrer Überraschung fest, dass die Ruhepause ihr gutgetan hatte. Die Wärme war tief durch ihre klamme Haut gedrungen, hatte ihre Muskeln entkrampft und ihren Mut gestärkt. Sie versuchte sich das Gefühl in Erinnerung zu rufen, als Tia sie in den Armen gehalten hatte. Es war seltsam gewesen, den Körper dieser fremden Frau zu spüren: Sie fühlte sich so ganz anders an als Danas Mutter, die – wie Dana selbst – weich und üppig gebaut war. Tia dagegen war schlank und kräftig, doch ihre warme Haut und ihr fester Griff hatten eigenartig beruhigend gewirkt.
Die Dunkelheit empfand Dana als nicht weniger bedrückend als zuvor, doch hatten sich die schrecklichen Vorstellungen verflüchtigt, von denen sie bislang geplagt worden war: Visionen von Händen, die aus dem Nichts nach ihr griffen, von schleimigen, vielbeinigen Monstrositäten, die in unsichtbaren Winkeln kauerten, von bösartigen, fleischfressenden Gewächsen, die sie mit ihren Tentakeln umschlangen. Selbst die Entzündung an ihrem Schienbein schien zurückgegangen zu sein und schmerzte weniger. Dana bemühte sich, nicht an die infizierte Stelle zu denken oder sich auszumalen, welchen Anblick sie im Tageslicht bieten mochte. Es war im Grunde nicht anders als mit einem schmerzenden Pickel: Man musste sich zwingen, nicht daran herumzudrücken, und sich zur Ordnung rufen, wenn die Finger sich unbewusst dorthin verirrten.
Ich werde diesen Pilz abstoßen, betete sie sich ständig vor. Es ist nur eine Infektion, genauso wie eine Grippe.
Diese Gedanken stärkten sie für die Herausforderungen, die vor ihr lagen. Die erste war der mühselige Aufstieg durch einen zerklüfteten Schacht, der aufgrund seiner Steigung kein aufrechtes Gehen erlaubte. Erneut musste sich die Gruppe auf allen Vieren vorarbeiten, diesmal unter verschärften Bedingungen, da jedes Abrutschen zu Verletzungen führen konnte. Dana biss die Zähne zusammen, mühte sich vorwärts und ignorierte das unangenehme Gefühl, die Pilzranken unter ihren Handflächen zu spüren. Glücklicherweise wurde die Steigung nach einiger Zeit flacher, und der Boden war von zahllosen Rissen und Stufen durchsetzt, sodass ihre Hände leicht Halt fanden.
«Es kann nicht mehr lange dauern!», ermutigte Tia die Gruppe, während sie vorauskroch und eine Kaskade rascher Zungenlaute in die Dunkelheit schoss. «Ich glaube, wir erreichen bald einen Raum mit ebenem Boden.»
«Kaum zu glauben», meinte Justin, «dass so eine weitläufige Höhle nie entdeckt wurde.»
«Sie würden sich wundern, Justin! Man schätzt, dass bis heute weltweit nur ein Drittel aller Höhlen bekannt ist. Ich lese ständig Berichte über zufällige Entdeckungen beim Bau von Kanalisationen oder Autobahntunneln.»
«Wie spät es wohl sein mag?», fragte Leon, der wie üblich die Nachhut bildete. «Ob draußen schon die Sonne aufgeht?»
«Nein, noch lange nicht», antwortete Tia. «Es ist mitten in der Nacht – gegen drei Uhr, schätze ich.»
Drei Uhr … die Worte echoten in Danas Kopf. Plötzlich musste sie an ihre Mutter denken, die Angstzustände bekam, wenn ihre Tochter nicht spätestens um zehn Uhr abends zu Hause war. Was sie wohl gerade tat? Ob sie vor dem Eingang des Bergwerks ausharrte, krank vor Sorge und Angst, ungeschickt getröstet von ihrem älteren Bruder? Ob sie womöglich sogar einen Nervenzusammenbruch erlitten hatte? Ausgeschlossen war das nicht – immerhin brauchte sie schon Beruhigungsmittel, um einen Zahnarztbesuch oder eine Zugfahrt zu überstehen.
«Stopp!», unterbrach Tia ihre Gedanken. «Ab hier wird es noch einmal ziemlich eng.»
«Na, das sind wir doch inzwischen gewohnt», meinte Justin stoisch.
«Dana?» Tia wandte sich zu ihr um. «Schaffen Sie das? Es sind schätzungsweise fünfzehn Meter.»
«Wird schon gehen», sagte Dana tapfer.
«Na dann los! Langsam kriechen, und immer schön den Kopf unten halten.»
Der Engpass stellte sich als gewundener Tunnel mit einem Durchmesser von weniger als einem Meter heraus. Tia schlüpfte mühelos hinein und zog sich auf den Ellbogen vorwärts. Bemüht, sich gleichermaßen furchtlos zu zeigen, kroch Dana hinterher. Es fiel ihr schwer, einen Schauder zu unterdrücken, nicht nur beim Gedanken an die unzähligen Tonnen von Felsgestein, die über der engen Röhre lasteten und sie von allen Seiten einschlossen. Viel schlimmer war die Tatsache, dass sämtliche Wände dicht vom Pilzgeflecht bedeckt waren. Einzelne Fäden spannten sich quer von einer Seite zur anderen, und man musste sie aus dem Weg wischen wie Spinnweben. Unwillkürlich dachte Dana an das Innere eines Abflussrohrs, ausgekleidet mit seifigen Belägen und verklumpten Haaren.
Schluss!, befahl sie sich selbst. Denk nicht an so etwas! Keine Metaphern, keine Vergleiche, kein Was-wäre-wenn!
In der vergangenen Stunde hatte sie eine Technik entwickelt, um aufkeimende Panik abzuwürgen, indem sie negative Suggestionen rigoros unterbrach. Der Effekt hielt nicht sehr lange vor, doch immerhin gelang es ihr, mit einem simplen «Schluss!»-Befehl das schlimmste Wuchern ihrer Gedanken zu unterbinden. Das war keine leichte Übung, denn ihre Phantasie malte die unsichtbare Umgebung stets in den schrecklichsten Farben aus – und Phantasie ließ sich nur schwer unterdrücken, zumal sie im gewöhnlichen Leben zu Danas größten Stärken zählte.
Denk nicht an Abflussrohre. Denk … an einen Tunnel, an dessen Ende Licht scheint! Nein, blöde Idee, so etwas sehen viele Leute kurz vor ihrem Tod. Denk an … das Geborenwerden! Du durchquerst einen Tunnel, und wenn du es geschafft hast, ist draußen Licht und Leben, und eine Mutter nimmt dich in den Arm und drückt dich an ihre Brust …
«Au!», entfuhr es Justin, der unmittelbar hinter ihr kroch.
«Justin?», rief Tia nach hinten. «Alles in Ordnung?»
«Schon gut! Ich bin nur mit dem Nacken über irgendeinen Vorsprung in der Decke geschrammt.»
«Es ist nicht mehr weit», versprach Tia. «Noch fünf Meter etwa.»
Als sie das Ende des Tunnels erreichten und sich wieder aufrichten konnten, war Dana einigermaßen stolz auf sich. Sie war weder stecken geblieben noch in Panik ausgebrochen, und selbst das leichte Ziehen in ihrer Schulter fühlte sich erträglich an. Unter gewöhnlichen Umständen wäre sie vor Sorge um das verletzte Gelenk panisch vor Angst gewesen und hätte sich geweigert, es zu belasten.
Erstaunt stellte sie fest, dass eine seltsame Veränderung mit ihr vor sich gegangen war. Normalerweise gehörte Dana zu den Menschen, die bei jeder Erkältung zum Arzt gingen, aus Angst, es könnte eine Lungenentzündung daraus werden. Sie hatte Angst, sich auf dem Schulklo Salmonellen zu holen, bei Glatteis vor die Tür zu gehen oder sich die Beine zu brechen, wenn sie Schuhe mit hohen Absätzen trug. Sie hatte auch Angst, wenn sie auf dem Beifahrersitz eines Autos saß und die Tachonadel über hundert kletterte. Ständig malte sie sich aus, was ihr zustoßen könnte, welche Risiken drohten und was die schlimmsten denkbaren Folgen wären. Im tiefsten Innern wusste sie, dass sie diese Eigenart ihrer Mutter verdankte, die sie von frühester Kindheit an ständig vor den Gefahren der Welt gewarnt hatte. In den vergangenen Stunden war ihr das zunehmend bewusst geworden, zumal ihr Leben inzwischen konkreteren Gefahren ausgesetzt war als den Bakterien an einer Türklinke. Dana liebte ihre Mutter darum nicht weniger: Sie war die ängstliche Mutter, die draußen auf sie wartete. Hier unten jedoch war Dana auf Tia angewiesen – auch eine Art Mutter, aber eine viel mutigere, der es gelungen war, auch in ihr Mut zu wecken.
«Abtasten!», befahl Tia. «Gesicht und Hände kontrollieren, Pilzfäden wegwischen. Justin, haben Sie sich verletzt?»
«Ich sagte doch, es ist nichts», wehrte Justin ab.
«Dana, wie geht es Ihrer Schulter?»
«Ganz gut», sagte Dana wahrheitsgemäß.
«Dann weiter!»
Sie tasteten sich einige Zeit durch eine relativ geräumige Höhle, stiegen über Felsstufen und umrundeten steinerne Höcker, die aus dem Boden aufragten. Schließlich gebot Tia Halt und ging ein paar Schritte voraus. Aus der Dunkelheit drang das leise Klicken ihrer Zungenlaute. Wasser platschte unter einer Stiefelsohle.
«Was ist los?», fragte Leon, als sie zurückkehrte.
«Wir haben ein Problem», sagte Tia ungewöhnlich ernst. «Wir sind in einer Sackgasse. Dort drüben mündet ein enger Schacht, der senkrecht nach oben führt. Die Pilzranken wachsen an den Wänden hinauf.»
«Dann führt er vielleicht an die Oberfläche!»
«Ich bin nicht sicher.» Tia schwieg einen Moment. «Jedenfalls kann ich dort keine Luftströmung feststellen. Warum der Pilz diesen Weg gewählt hat, ist mir ein Rätsel. Jedenfalls können wir unmöglich zu viert einen senkrechten Schacht ersteigen. Wir müssten mit Steigklemmen klettern – und das verlangt jahrelange Übung.»
«Ausgeschlossen», stimmte Leon zu. «Gibt es eine Alternative?»
«Möglicherweise. Direkt vor uns befindet sich ein Durchbruch zu einem benachbarten Hohlraum. Er ist viel zu eng, um durchquert zu werden, kaum dreißig Zentimeter im Durchmesser – aber ich konnte die Hand hindurchstecken und deutlich einen Luftstrom spüren. Wahrscheinlich ist das der Weg nach draußen.»
«Aber was nützt uns das, wenn wir nicht durchkönnen?», fragte Justin.
«Wir könnten hindurch. Am Fuß der Wand liegt ein kleiner See …»
«Ein Syphon?», fragte Leon.
Danas Herz sank. Sie kannte das Wort zwar nicht, doch der erschrockene Ton, in dem Leon es aussprach, ließ nichts Gutes ahnen.
«Soweit ich tasten konnte, gibt es einen größeren Durchlass unter der Wasseroberfläche», erklärte Tia. «Und das heißt …»
«Dass wir tauchen müssen?», erriet Dana entsetzt.
«Ich fürchte ja.»
«Tia, das kommt nicht in Frage!», sagte Leon entgeistert. «Das Wasser hier unten hat höchstens fünf Grad. Selbst wenn wir es auf die andere Seite schaffen, werden wir erfrieren, wenn wir in nassen Kleidern weiterlaufen. Wir haben keine Ahnung, wie weit es bis zum Ausgang ist. Binnen einer Stunde könnten wir alle tot sein!»
«Das könnten wir in jedem Fall», gab Tia zu bedenken. «Aber eine andere Möglichkeit sehe ich nicht. Ich gebe dir recht, was unsere Kleidung betrifft: Sie darf auf keinen Fall nass werden. Also bleibt uns nur, sie auszuziehen und durch die Wandöffnung auf die andere Seite zu schieben. Dafür ist der Spalt immerhin groß genug. Wir selbst müssen unter der Wand hindurchtauchen.»
Ein entsetztes Schweigen trat ein.
«Nackt?», fragte Justin ungläubig.
«Tia, das ist Wahnsinn!», rief Leon. «Wenn wir auf einer unserer üblichen Touren wären, Neoprenanzüge hätten und warme Decken auf der anderen Seite, dann könnte man es in Erwägung ziehen, aber …»
«Ich werde die Verbindung zwischen den beiden Räumen zuerst erkunden», unterbrach ihn Tia. «Allein. Ich tauche hindurch und stelle fest, wie weit der Weg ist und ob man von der anderen Seite aus überhaupt an die Wandöffnung herankommt. Dann können wir uns weiterstreiten – in Ordnung?»
Leon bezwang sich. «Na gut. Aber sei um Gottes willen vorsichtig! Wenn wir dich verlieren, sind wir alle verloren.»
Sie tasteten sich am Ufer des Gewässers bis zur Rückwand der Höhle, wo sich die kleine Öffnung zur benachbarten Kammer befand. Leon steckte probeweise die Hand hinein.
«Wahrscheinlich hast du recht», gab er zu. «Selbst ich spüre den Luftstrom.»
«Und auf der anderen Seite sind wir den Pilz endlich los», ergänzte Tia, während ein leises Scharren verriet, dass sie ihre Stiefel auszog. «Hilfst du mir mal mit dem Reißverschluss?»
Dana lauschte angespannt, während Tia sich auszog und ans Ufer trat.
«Am besten nehme ich das Kletterseil mit. Ich befestige das eine Ende an diesem Steinhöcker hier. Wenn ich es auch auf der anderen Seite irgendwo festmachen kann, können wir es unter Wasser als Führungsleine benutzen.»
Sie atmete einige Male tief ein und aus. Wasser schwappte, dann folgte ein unterdrücktes Keuchen.
«Überleg’s dir noch mal!», mahnte Leon.
Vor ihrem geistigen Auge glaubte Dana zu sehen, wie Tia, bis zu den Waden im Wasser stehend, entschlossen den Kopf schüttelte. Dann zeugte ein lautes Platschen davon, dass sie abtauchte. Das Wasser beruhigte sich. Stille trat ein, erst nach einiger Zeit vom Geräusch aufsteigender Luftblasen unterbrochen.
«Drei … vier … fünf …» Justin zählte flüsternd die Sekunden. Dana hätte ihn am liebsten gebeten, still zu sein, denn es steigerte ihre Anspannung ins Unerträgliche. Doch sie scheute sich zu sprechen und umklammerte nur mit verstärktem Druck seine Hand.
«… neun … zehn … elf …»
Wasser spritzte hörbar in einiger Entfernung auf. Alle lauschten, bis sich von der anderen Seite der Höhlenwand ein Prusten näherte.
«Ich bin durch!» Tias Stimme, gedämpft durch die schmale Öffnung, bebte vor Kälte. «Leon, gib mir deine Hand!»
Dana erriet, dass sie den Arm durch die Wandöffnung streckte, um sich zu vergewissern, dass es die richtige war.
«Alles klar», sagte Leon erleichtert. «Ich bin hier. Verdammt, du fühlst dich eiskalt an!»
«Angenehm ist es nicht», gab Tia zu. «Aber ich hatte recht: Von hier aus führt der Weg weiter nach oben, und die Luft wird wärmer. Ich werde jetzt das Seil befestigen und komme zurück.»
«Das musst du doch nicht!»
«Doch, das muss ich!», beharrte Tia. «Ich bringe jeden Einzelnen von euch persönlich hinüber.»
Es dauerte eine Weile, bis sie neben den anderen wieder auftauchte und an Land kletterte.
«Alles bestens», brachte sie mit erstaunlicher Beherrschung hervor. «Zieht euch aus! Nichts bleibt am Körper, verstanden? Kein Slip, keine Socke. Wir schieben alles durch die Wandöffnung nach drüben. Leon, fang mit meinem Gepäck und den Stiefeln an!»
Während Leon der Aufforderung nachkam, fühlte Dana, wie die verdrängte Panik wieder in ihr Herz zurückkehrte. Wenn selbst diese starke und durchtrainierte Frau derart zitterte, musste das Wasser eisig kalt sein. Dana war keine große Schwimmerin – auch tiefes Wasser gehörte zu den Dingen, vor denen sie sich fürchtete. Mit einem Freibad bei dreißig Grad Außentemperatur konnte sie sich arrangieren, auch wenn sie einen Bogen um die Sprungbretter machte. Doch es hatte sie einige Überwindung gekostet, als sie im vergangenen Sommer – trotz ausdrücklicher Warnung ihrer Mutter – mit Justin, Finn und Laura in einem abgelegenen Baggersee geschwommen war. Laura hatte ihr die Mutprobe noch zusätzlich durch Witzeleien über Autowracks auf dem Seegrund und ähnlichen Unfug erschwert. Justin dagegen war stolz auf sie gewesen, obwohl sie sich die meiste Zeit in Ufernähe aufgehalten hatte.
«Machen Sie schon, Dana!», drängte Tia.
Dana gehorchte mechanisch, zog die Schuhe aus, streifte den Overall ab und reichte Leon auch den Grubenhelm. Nun stand sie splitternackt in der Dunkelheit und atmete flach vor Anspannung.
«Passen die Helme durch die Öffnung?», vergewisserte sich Tia.
«Gerade so», bestätigte Leon. «Haben wir alles? Die Decke, das Gepäck, die Schuhe … Justin, her mit Ihrer Unterwäsche! Für Scham ist jetzt keine Zeit.»
«Vergiss deine eigenen Sachen nicht, Leon!», mahnte Tia. «Ist es in Ordnung, wenn ich dich als Letzten hole? Ich würde gerne mit Dana anfangen.»
«Geht klar.»
Dana fühlte sich am Arm gepackt. Tias Hand war eiskalt, aber ihr Griff so fest wie immer.
«Kommen Sie, Dana! Ich führe Sie. Es sind nur ein paar Schritte … Achtung, Stufe! Mit dem nächsten Schritt treten Sie ins Wasser. Vorsichtig!»
Dana presste die Zähne zusammen und unterdrückte einen Aufschrei, als kalte Nässe ihre Füße bis zu den Knöcheln umspülte. Schon in diesem Moment hatte sie das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen, und japste verzweifelt.
Oh Gott, das überlebe ich nicht, dachte sie. Ich werde bestimmt ohnmächtig, wenn ich untertauche. Mein Herz wird einfach stehen bleiben.
«Bitte … bitte … nicht», brachte sie flüsternd hervor.
«Ich streiche Ihnen ein wenig Wasser über Arme und Schultern, damit Sie sich daran gewöhnen», kündigte Tia an.
Die Drohung bewahrheitete sich: Ein eisiger Regen folgte. Diesmal schrie Dana auf, unfähig sich zu beherrschen.
«Legen Sie mir beide Arme fest um die Taille! Sie müssen nichts weiter tun, als sich ziehen zu lassen. Halten Sie die Luft an, wenn ich es Ihnen sage.»
«Ich kann nicht …» Danas Stimme war zu einem tonlosen Fiepen geworden. «Ich konnte noch nie lange die Luft anhalten … Bitte …»
Sie hatte schützend die Arme vor der Brust gekreuzt, doch Tia ergriff ihre Hände und zog sie auseinander. Dann neigte sie sich vor und legte ihr Gesicht an Danas Wange, um ihr ins Ohr zu sprechen.
«Das schaffen Sie, Dana! Glauben Sie mir. Sie haben ein junges und starkes Herz.»
«Sie haben gut reden», erwiderte Dana schlotternd. «Sie haben ja vor nichts Angst.»
«Oh doch», widersprach Tia. «Auch ich habe Angst – zum Beispiel vor großen Höhen. Ich steige ohne Zögern in die tiefste Höhle, aber auf einem Balkon im zehnten Stock wird mir schwindlig, weil unter offenem Himmel mein Orientierungssystem versagt. Ich habe auch Angst vorm Fliegen und bin jedesmal froh, wenn das Flugzeug landet und ich wieder festen Boden unter den Füßen habe. Es kommt nur darauf an, wie man mit der Angst umgeht: Man kann sich von ihr lähmen oder beflügeln lassen.»
«Wie meinen Sie das?»
Tia schmunzelte, Dana spürte die Bewegung an ihrer Wange.
«Lassen Sie es mich erklären. Ich war einmal in einem Vergnügungspark, da gab es einen Turm mit einer Gondel, in der man festgeschnallt, vierzig Meter hoch hinaufgezogen und dann fallen gelassen wurde. Ich traute mich kaum, das Ding zu betreten.»
«Und …», flüsterte Dana, «haben Sie es getan?»
Tia nickte ernst. «Es war so ziemlich das Schlimmste, was ich je erlebt habe: freier Fall, Spitzengeschwindigkeit hundert Stundenkilometer. Es war so entsetzlich, dass ich fünfmal hintereinander in dieses Ding gestiegen bin.»
Dana rang sich ein zittriges Lachen ab. «Wie – fünfmal? Obwohl es so furchtbar war?»
«Gerade deshalb», sagte Tia. «Ich wollte es besiegen. Verstehen Sie, was ich meine?»
Dana schwieg beklommen.
«Und nun legen Sie die Hände um meine Hüften und atmen Sie tief ein!»