••• 03 : 10 ••• BRINGSHAUS •••

«Jörn! Komm zurück! Sei vernünftig!»

Noch immer hörte Bringshaus die Stimme seines ehemaligen Geschäftspartners. Sie drang nur undeutlich zu ihm, fern und von Echos überlagert. Er zweifelte nicht daran, dass Böttcher ihn verfolgte, auch wenn er weit zurückgeblieben sein musste. Vor seinem geistigen Auge erschien das Bild des breitschultrigen Mannes, der durch den unterirdischen Gang stapfte, die Hacke in den Händen. Was würde er tun, wenn er ihn einholte?

«Das ist doch sinnlos, Jörn! Du wirst dir den Hals brechen!»

Bringshaus ignorierte die Rufe in seinem Rücken. Blindlings war er in die Höhle hineingerannt, über loses Geröll gestolpert, wieder auf die Beine gekommen und weitergehastet, ohne sich umzublicken. Zahllose Male war er an Gesteinszacken vorbeigeschrammt oder mit dem Kopf an die niedrige Decke gestoßen, da er sich keine Zeit nahm, seine Umgebung auszuleuchten. Dass er bis auf oberflächliche Schürfwunden unverletzt war, verdankte er in erster Linie seinem Grubenhelm. Er wagte nicht daran zu denken, was geschehen würde, wenn sich der Gang als Sackgasse erwies.

Stattdessen jedoch verbreiterte sich der Erdspalt und öffnete sich plötzlich zu einem wahren Labyrinth. Es war kein einzelner Raum, sondern eine ganze Traube von Kammern und Nischen, durchsetzt von grotesk verzweigten steinernen Säulen. Bringshaus hielt inne. Die Anlage war derart unübersichtlich, dass er das Gefühl hatte, in einem Wald zu stehen, dessen Bäume nicht senkrecht, sondern in alle möglichen Richtungen wuchsen. Selbst die Stablampe half ihm nicht weiter, denn die wandernden Schlagschatten verwirrten ihn zusätzlich. Zu allem Unglück war der Boden keineswegs eben, sondern ein chaotisches Relief aus Stufen, Spalten, Terrassen und unterschiedlich geneigten Flächen, wie ein verstreuter Haufen riesiger Bauklötze.

Mangels Alternative begann Bringshaus sich langsam voranzutasten. Mehrmals musste er Säulen ausweichen, verstreute Felsblöcke umrunden und über steinerne Stufen steigen. Wenn er die Lampe schwenkte, sah er immer das gleiche Bild: ein Wirrwarr unregelmäßiger Formen und Strukturen.

Das hat keinen Zweck, dachte er. Ich könnte die ganze Zeit im Kreis gehen und es nicht einmal merken.

Plötzlich glaubte er einen Luftzug zu spüren, der über seine Stirn strich. Erstaunt wandte er das Gesicht nach oben und entdeckte weit über sich in der Finsternis einen winzigen Lichtpunkt.

Licht? Warum war dort oben Licht?

Er tastete sich ein Stück nach links, im Sekundentakt von unten nach oben blickend, um seine Füße sicher setzen zu können, ohne die Erscheinung aus den Augen zu verlieren. Einmal wurde der Lichtfleck kurz von einem Schatten verdeckt, dann flammte er wieder auf, deutlicher als zuvor. Bringshaus richtete die Lampe zur Decke. Unmittelbar über seinem Kopf erkannte er eine trichterförmige Öffnung, die in einen schmalen, senkrecht aufwärts führenden Schacht überging. An dessen Ende glühte der geheimnisvolle Lichtpunkt.

Es ist ein Stern, dachte Bringshaus. Dieser Schacht führt an die Oberfläche, kaum zehn Meter über mir! Ich blicke direkt in den Nachthimmel.

Bringshaus trat einen weiteren Schritt vor, den Kopf in den Nacken gelegt. Er achtete nicht auf seine Füße – nur eine Sekunde lang.

Doch diese eine Sekunde genügte. Er trat ins Leere. Ein mächtiger Ruck ging durch seinen Körper, ein Gefühl wie in einem plötzlich abstürzenden Fahrstuhl. Er kam nicht dazu, mit den Armen zu rudern, das Gleichgewicht zu suchen, nach Halt zu tasten – er kam nicht einmal zum Schreien. Stattdessen spürte er, wie die Schwerkraft ihn packte und in die Tiefe riss.

Er rechnete mit schneidendem Schmerz, einem Aufschlag auf hartem Fels, der ihm sämtliche Knochen brach. Doch er fiel nur wenige Meter tief – und landete weich. Wasser spritzte auf, während sein Körper in eine zähe, schlammige Substanz einsank. Kälte Nässe durchdrang seine Kleidung, und ein fauliger, erstickender Geruch hüllte ihn ein. In einem verspäteten Reflex schrie er auf, schlug um sich und begriff kaum das Wunder, dass er unverletzt war.

Panisch tastete er nach der Stablampe, die ihm aus der Hand gefallen war, bekam sie endlich zu fassen und leuchtete um sich. Er steckte in einer Grube, die gut einen Meter breit war. Sein Körper war bis zum Bauch in Schlamm versunken, über dem eine fingerbreite Wasserschicht stand. Seine Füße schienen festen Boden zu berühren, jedenfalls sank er nicht weiter ein. Der Schlamm jedoch bestand nicht einfach aus nasser Erde: Er war durchsetzt von festen Bestandteilen, von Klumpen, Bröckchen und Fladen, deren Gestalt Bringshaus nicht auf den ersten Blick einordnen konnte. Erst nach einer Schrecksekunde begriff er, dass es sich um tote Körper von Tieren handelte. Unmittelbar vor seinem Bauch trieb eine ertrunkene Maus. Ein länglicher Gegenstand, der aus dem Schlamm ragte, entpuppte sich als der Hinterlauf eines Hasen, und eine dunkle, verknäulte Masse aus Fell mochte ein Wesen von der Größe einer Katze gewesen sein, vielleicht ein Marder. Was auf den ersten Blick wie bloßer Schlamm erschien, war in Wirklichkeit eine stinkende Brühe aus verwesendem Fleisch, die sich nach unten hin zu einer zähen Schicht verfestigt hatte, wie der Bodensatz einer Kloake.

Doch das war noch nicht alles: Ein dichtes Geflecht aus feinen, wurzelartigen Fäden durchzog die zähe Masse, schwamm auf ihrer Oberfläche und hatte sich um die verschiedenen Körper geknäult wie ein pelziger Belag. Dickere Stränge, Adern nicht unähnlich, liefen von einem Kadaver zum anderen und verzweigten sich zu netzartigen Strukturen. Einige Ranken hatten sogar die Wände des Schachts erobert und waren eine Armlänge am nackten Fels hinaufgeklettert, wo sie vielarmige Büschel bildeten wie groteske Korallen.

Bringshaus fühlte, wie ihn ein heftiger Schwindel ergriff, und einen Moment lang war er nahe daran, sich zu übergeben. Ekel und Gestank schnürten ihm die Kehle zu, während sein Herz vor Angst und Kälte flatterte. Der Gedanke an die Fäulnisgase, die er einatmete, ließ ihn würgen.

Okay … okay … ich lebe, dachte er, um Fassung ringend. Alle Knochen heil … ich muss nur hier raus, so schnell es geht.

Er steckte die Stablampe in seinen Hemdkragen, um beide Hände frei zu haben, und packte einen Vorsprung an der Wand. Mit äußerster Kraftanstrengung gelang es ihm, seine Füße aus dem zähen Morast zu lösen und die Knie anzuziehen. Sein Körper hob sich einige Zentimeter aus der widerwärtigen Brühe, während seine Armmuskeln unter der Anspannung zitterten wie Insektenflügel.

Es hatte keinen Zweck.

Verzweifelt zögerte er den Moment hinaus, in dem er loslassen musste, weil er sein eigenes Gewicht nicht mehr tragen konnte – der Gedanke, in den Schlamm zurückzusinken und aufspritzendes Wasser im Gesicht zu fühlen, erfüllte ihn mit Grauen. Als es dennoch geschah, schrie er verzweifelt auf.

Hartmut, dachte er plötzlich. Er muss irgendwo ganz in der Nähe sein – und was immer er mir antun will, nichts kann schlimmer sein, als hier unten festzustecken.

«Hartmut!», schrie er.

Das Echo seiner Stimme erfüllte die Höhle. Er wartete, bis es von den Wänden verschluckt wurde, lauschte, schrie ein zweites, ein drittes, ein viertes Mal. Doch es kam keine Antwort. Nicht einmal ein Geräusch von Schritten zeigte an, dass Böttcher den Raum überhaupt betreten hatte.

Abermals ergriff Bringshaus die Lampe, leuchtete jeden Zentimeter des Schachts aus, suchte nach einer Möglichkeit zum Klettern. Der Boden der Höhle lag kaum zwei Meter über seinem Kopf – doch es hätten ebenso gut zehn Meter sein können, denn die Wände zeigten kaum Spalten noch Höcker, die ausreichenden Halt boten.

Er versuchte es dennoch. Er krallte die Finger in jede kleine Ritze, schaffte es auch mehrmals, sich ein wenig aus dem Schlamm zu erheben, doch nie mehr als eine Handbreit. Am Ende sank er entkräftet zurück und fühlte, wie der Morast von neuem bis zu seinem Nabel emporstieg.

Ich schaffe es nicht, dachte er. Nicht ohne Hilfe. Wenn niemand kommt, werden meine Kräfte irgendwann nachlassen, meine Beine werden einknicken, und ich werde ertrinken – in einer schlammigen Kloake voller verwestem Fleisch.

Er hob das Gesicht und blickte gerade nach oben. Weit über ihm öffnete sich der trichterförmige Schacht zum Himmel. Offenbar gehörte er zum selben Grabenbruch wie die Schlammgrube, einer Verwerfung, die die Höhle von oben nach unten spaltete. Die Verbindung zur Tagwelt war wahrscheinlich nicht größer als der Eingang zu einem Kaninchenbau. So war das Schlammloch zur Todesfalle für all die Tiere geworden, die im Laufe der Zeit hier herabgestürzt und qualvoll verendet waren.

Noch immer blinkte dort oben jener einzelne Stern. Bringshaus konnte den Blick nicht von ihm abwenden. Die Oberwelt war so nah und dennoch unerreichbar – eine Welt, in der Gras und Büsche wuchsen, Kiefernnadeln im Nachtwind rauschten und frische Luft über die Berghänge strich.

Eine Zeitlang kam ihm das ferne Blinken kalt und höhnisch vor. Allmählich jedoch erschien es ihm tröstlich, wie ein Gruß aus einer anderen Welt.

Was auch immer geschieht, dachte er, ich sehe wenigstens noch einen Stern.