••• 22 : 35 ••• LEON •••

Leon hockte auf einem der Fässer am Fuß des Müllbergs und hielt sich eine Hand vor die Augen, in der Hoffnung, wenigstens einen vagen Schatten zu erahnen. Doch er sah nur vollkommene Finsternis, dunkler als die tiefste Nacht, wie die Schwärze eines sternenlosen Weltraums. Lediglich das Zifferblatt seiner Armbanduhr erzeugte einen fahlen Schimmer, der jedoch bald schwächer werden und binnen einer Stunde vermutlich ganz erlöschen würde.

Neben ihm saß Justin, der eben seinen Pullover auszog, um sich von Tia die verletzte Schulter betasten zu lassen.

«Nur eine Prellung», stellte sie fest. «Es hätte schlimmer kommen können.»

In der Tat hatten sie unglaubliches Glück gehabt. Als in der Abbaukammer die Decke eingestürzt war, hatte Leon sich bereits bis zu Justin abgeseilt, der nahe der unteren Schachtöffnung feststeckte. Dann hatte das Seil plötzlich nachgegeben, und beide waren haltlos abgerutscht. Leon war es gelungen, sich an der Schachtöffnung festzuklammern, während Justin abgestürzt war. Glücklicherweise lag der Boden nur zwei Meter tiefer, und der Junge war weich gefallen, da das seltsame Fasergeflecht den Hügel wie eine Grasmatte bedeckte. Leon hatte sich noch einige Sekunden festhalten können, dann aber waren Steinbrocken durch den Schacht herabgeregnet, hatten seinen Helm getroffen und auch ihn in die Tiefe gerissen. Dass weder er noch Justin ernste Verletzungen davongetragen hatten, verdankten sie Tia, die rechtzeitig zur Stelle gewesen war, um beide aus der Reichweite der niederprasselnden Steine zu zerren.

Noch immer hielt Leon seinen Helm in der Hand und betastete die Delle in dem nahezu unverwüstlichen Kunststoff. Nur ungern malte er sich aus, wie es ihm ergangen wäre, wenn die Steine seinen nackten Schädel getroffen hätten. Die eingebaute Lampe jedenfalls war unrettbar zerstört: Stromleitung und Akku fühlten sich intakt an, das Birnengehäuse jedoch war geborsten. Im Stillen schalt sich Leon, dass er in der Eile sein Rückengepäck nicht angelegt hatte, das eine tragbare Lampe, Batterien, Kletterhaken und eine Notfallausrüstung enthielt. Immerhin war es Tia gelungen, das Seil zu retten, das sich beim Absturz am Boden zusammengerollt hatte. Großen Nutzen würde es freilich kaum mehr haben, denn die obere Schachtöffnung war versperrt.

«Wir sind hier unten eingeschlossen, nicht wahr?», fragte Justin, der offenbar den gleichen Gedanken hatte. Er klang erstaunlich gefasst.

«Sieht so aus», bestätigte Tia.

«Verdammt, und ich habe nicht einmal mein Handy dabei. Das Display würde wenigstens ein bisschen Licht abgeben. Warum haben Sie kein Licht?»

«Weil ich keins brauche. Ich konnte ja nicht damit rechnen, dass ich noch Besuch bekomme.»

«Wie meinen Sie das: Sie brauchen kein Licht?»

«Ich bin blind.»

«Sie sind was?» Justin schwieg einen Augenblick verdutzt.

«Gewöhnen Sie sich lieber an die Dunkelheit, denn mit rascher Hilfe von außen ist nicht zu rechnen», sagte Tia. «Außerdem müssen wir uns dringend um Dana kümmern.»

Erschrocken fuhr Justin auf. «Wo ist sie?»

«Ich führe Sie hin.»

In der vollkommenen Dunkelheit dauerte es einige Zeit, bis sie sich quer durch die Höhle getastet hatten. Sie bildeten eine Kette: Justin hatte Tias Hand ergriffen, Leon die von Justin. Unter ihren Füßen gurgelten Pfützen.

«Das Wasser steigt verdammt schnell», bemerkte Leon.

«Ja, ein paar Minuten vor dem Einsturz hat sich der Zufluss verstärkt», sagte Tia. «Das macht unsere Aufgabe leider nicht einfacher.»

Mehr schien sie dazu nicht sagen zu wollen, doch Leon begriff, was sie meinte, als die drei eine Mulde an der Wand erreichten. Hier hatte das Wasser einen regelrechten See gebildet, da es sich offensichtlich um die tiefste Stelle der Höhle handelte.

«Dana?», rief Justin.

«Justin!» Danas Stimme überschlug sich vor Erregung. «Justin, ich bin hier!»

Ein lautes Platschen verriet, das Justin sich zu Boden geworfen hatte und die Arme ausstreckte, um nach ihr zu tasten.

«Vorsicht!», warnte Tia. «Sie liegt auf der Seite und ist an der Schulter eingeklemmt.»

«Was machst du hier?», wimmerte Dana.

«Ich wollte bei dir sein», gab Justin leise zurück. «Ich hab doch versprochen, dass ich in den tiefsten Abgrund springen würde, um dich zu retten … weißt du noch?»

Einen Moment lang kämpften beide mit den Tränen, während Tia enger an Leon heranrückte.

«Ich habe alles versucht», flüsterte sie ihm zu. «Es geht nicht vorwärts und nicht rückwärts … und die Zeit läuft uns davon. Sie liegt mit dem Gesicht nah am Boden.»

Leon nickte stumm. Er war in die Knie gegangen, hatte eine Hand auf den Boden gestützt und spürte das Wasser, das etwa zwei Zentimeter hoch stand und über seine Fingerknöchel quoll. Er verstand, was Tia meinte: Wenn der Wasserspiegel weiter stieg 

«Nein! Nicht ziehen!», schrie das Mädchen plötzlich.

«Justin, nicht!» Tia fuhr auf und packte den jungen Mann, der offenbar ungeschickt versucht hatte, seiner Freundin zu helfen. «Das hat keinen Zweck! Sie kugeln ihr die Schulter aus!»

«Aber es muss doch eine Möglichkeit geben, sie da herauszubekommen!» Justins Stimme schwankte vor Verzweiflung. «Und was ist das für ein Zeug an ihrem Bein … diese Fäden?»

«Das erkläre ich Ihnen später», wehrte Tia resolut ab. «Erst einmal müssen wir etwas unternehmen.»

«Dana, können Sie sich irgendwie auf der Stelle drehen?», schlug Leon vor. «Egal in welche Richtung?»

«Ich hab’s doch versucht!», weinte Dana. «Schon tausendmal. Es geht einfach nicht!»

Leon schob einen Arm in den Felsspalt. Seine Finger erreichten Danas Gesicht, spürten ihre kalte Wange, den beschleunigten Atem – und das Wasser, das an der zu Boden gedrückten Seite ihres Kopfes emporstieg und bereits einen Fingerbreit unter dem rechten Mundwinkel stand.

«Mir ist so kalt», flüsterte Dana. «So kalt …»

Leon schauderte. Offenbar war das Mädchen derart ausgekühlt, dass sie das Wasser kaum spürte – andernfalls wäre ihr vermutlich klargeworden, dass sie über kurz oder lang ertrinken würde.

«Haben Sie nicht irgendeine Idee?», wandte sich Justin flehentlich an Tia. «Etwas, was Sie noch nicht ausprobiert haben?»

Tia schwieg einige Zeit. Leon, der sie kannte, lauschte diesem Schweigen mit wachsender Besorgnis. Meistens ging solche stumme Besinnung irgendeinem aberwitzigen Entschluss voraus, und er fürchtete sich ein wenig davor. Schließlich spürte er, dass Tia sich nah zu seinem Ohr neigte.

«Hast du schon mal eine Luxation reponiert?»

Im ersten Moment verstand Leon kein Wort. Erst nachdem er in den fernsten Winkeln seines Gedächtnisses geforscht hatte, erinnerte er sich dunkel an einen Erste-Hilfe-Kurs – und begriff, warum Tia Fremdworte gebrauchte, die kein medizinischer Laie verstand.

«Das ist nicht dein Ernst!», gab er erschrocken zurück. «Du etwa?»

«Nur in der Theorie, aber wenn ich mir Mühe gebe, werde ich mich erinnern», sinnierte Tia. «Wie war das noch? Skapula-Manipulation nach Bosley und Miles …»

«Wovon reden Sie?», unterbrach Justin beklommen.

«Ich glaube, das kriege ich hin», entschied Tia. «Und eine andere Wahl haben wir nicht mehr. – Justin? Gehen Sie aus dem Weg und mischen Sie sich unter keinen Umständen ein!»

«Tia, um Gottes willen!» Leon wollte sie zurückhalten, doch Tia hatte sich bereits der Felsspalte zugewandt. Sie sprach ungewöhnlich sanft, aber eindringlich.

«Dana? Sie müssen jetzt sehr stark sein.»

Leon glaubte förmlich zu sehen, wie die Augen des Mädchens sich in stummem Entsetzen weiteten.

«Leon, du nimmst das rechte Bein, ich das linke. Auf mein Zeichen kräftig ziehen!»

«Nein!», schrie Dana, die plötzlich ihre Stimme wiederfand, in heller Panik. «Nein! Bitte!»

«Eins, zwei, drei!»

Die nächsten zehn Sekunden waren vermutlich die längsten in Danas jungem Leben – und Leon ging es kaum besser. Der Ruck, mit dem der Körper des Mädchens aus der Felsspalte glitt, schnitt ihm durch Mark und Bein, und er glaubte am eigenen Leib den sengenden Schmerz zu spüren, mit dem das eingeklemmte Schultergelenk aus seiner knöchernen Pfanne gehebelt wurde. Dana schrie gellend, und der Schrei schien nicht abbrechen zu wollen, hallte und brach sich an den Wänden der Höhle, bis ein dutzendfaches Echo sie erfüllte.

«Auf den Bauch!», zischte Tia. «Heb ihren Oberkörper an, sodass die Schulter frei hängt!»

Leon schob einen Arm unter Danas bebende Brust. Noch immer schrie sie, und er spürte die Vibration ihrer Lungen bis in seine Handflächen, wobei ihm ein Schauder den Nacken hinablief.

«Versuchen Sie sich zu entspannen, Dana!» Nun flackerte auch in Tias Stimme mühsam beherrschte Anspannung. «Nur einen Moment!»

Leon konnte nicht sehen, was sie tat, spürte jedoch, dass sie Danas rechten Arm angewinkelt hatte, während sie mit der anderen Hand die Schulter des Mädchens ergriff. Ein leises Knirschen, eine Drehung, ein Ruck – und plötzlich brachen Danas Schreie ab und gingen in ein halblautes Keuchen über.

«Gott sei Dank», raunte Tia ihrem Partner zu. «Dreh sie langsam herum, damit sie sich aufsetzen kann! Ich halte ihren Arm.»

Leon tat es, und das Mädchen sank kraftlos an seine Brust. Ihre Haut war kalt und ihre Kleidung vollkommen durchnässt, doch er spürte, dass ihre Knochen heil und alle Gelenke wieder am richtigen Platz waren.

Justin tastete sich zu ihnen und nahm Danas Kopf in beide Hände.

«Dani! Oh Gott!»

«Wie fühlen Sie sich?», fragte Tia.

«Besser», flüsterte Dana. Dann brach sie in Tränen aus.

Einen Moment lang blieben sie in der Wasserpfütze sitzen, alle vier nahe zusammengedrängt.

«Es tut mir so leid, dass ich Ihnen das antun musste», versicherte Tia sanft. «Aber ich werde es wiedergutmachen. Sie mögen chinesisches Essen, nicht wahr? Wenn wir hier raus sind, gehen wir zum besten Chinesen in der Stadt, und ich spendiere Ihnen eine Riesenportion Chop Suey mit Bambus.»

Dana brachte ein schwaches Lachen hervor, während Justin ihr die nassen Haare aus dem Gesicht strich und sie auf die Stirn küsste.

«Aber jetzt müssen wir hier weg», entschied Tia. «Da drüben gibt es eine Felsstufe. Folgt mir!»

Es dauerte einige Zeit, bis es ihnen gelang, Dana zum Aufstehen zu bewegen. Das Mädchen, das stundenlang in unnatürlich verdrehter Stellung am Boden gelegen hatte, konnte sich kaum auf den Beinen halten, und der unebene, von Faserbüscheln übersäte Boden erschwerte das Gehen. Leon und Justin nahmen Dana in die Mitte. Sie wankte und umklammerte Leons Arm so fest, dass es wehtat.

«Geht’s?», fragte er.

«Ist schon gut», brachte sie zittrig hervor. «Es ist nur diese schreckliche Dunkelheit.»

«Ich bin bei dir», beruhigte sie Justin. «Dir kann nichts passieren.»

«Halt mich ganz fest!», bat Dana leise.

Leon ahnte, wie sie sich fühlte. Die vollkommene Finsternis machte auch ihm zu schaffen, wenngleich er die Empfindung verdrängte. Normalerweise sagte man ihm einen stoischen Charakter nach – und das stimmte auch, soweit es seine Nervenstärke im Alltag betraf, etwa bei Stress auf der Arbeit, beim Zahnarzt oder im Straßenverkehr. Schwieriger war es in Situationen, in denen er völlig machtlos war: wenn irgendeine Technik versagte, der Strom ausfiel oder sein Computer abstürzte. Sich in vollkommener Dunkelheit zu bewegen gehörte ebenfalls dazu, wie er nun feststellen musste.

Während sie sich vorantasteten, rief Tia ihren Funkpartner.

«Ich bin hier», meldete sich eine tiefe Stimme. «Wie ist die Situation bei Ihnen?»

«Wir haben es endlich geschafft, Dana zu befreien. Alle sind wohlauf.»

«Wunderbar!»

«Mit wem spreche ich eigentlich?»

«Mein Name ist Böttcher. Ich bin mit Herrn Bringshaus hier, sozusagen als Freund der Familie.»

«Herr Böttcher!», rief Justin erfreut, ließ Danas Arm los und drängte sich näher zu Tia, um mitzuhören. «Ich hatte gar nicht mitbekommen, dass Sie auch da sind.»

«Ist doch selbstverständlich! Ich wollte deinen Vater in dieser schwierigen Lage nicht alleinlassen», erklärte Böttcher.

«Kann ich mit ihm sprechen?», bat Justin.

«Leider nicht. Ich musste ihn nach oben schicken, damit der Arzt sich um ihn kümmert. Er hat beim Einsturz der Decke einen Stein an den Kopf bekommen.»

«Schlimm?»

«Nein nein, es geht schon. Ihm war bloß schwindlig, deshalb hat er mir das Funkgerät überlassen. Im Moment halte ich hier allein die Stellung. Die Feuerwehr telefoniert oben mit der Rettungsleitstelle, um Räumgeräte anzufordern.»

«Ich bin nicht sicher, ob uns das helfen wird», meinte Tia skeptisch. «Der Verbindungsgang vom Hauptschacht zur Abbaukammer ist sehr eng. Einen Räumbagger oder ähnlich schweres Gerät kriegt man da nicht hindurch.»

«Vielleicht genügt ja schon ein Presslufthammer, um die großen Blöcke zu zertrümmern.»

«Das Risiko würde ich nicht eingehen! Die Erschütterungen könnten das Gewölbe komplett zum Einsturz bringen.»

Böttcher seufzte. «Da könnten Sie recht haben. Fällt Ihnen denn etwas Besseres ein?»

«Im Augenblick noch nicht», gab Tia zu. «Aber ich denke darüber nach. Das Dringlichste ist jetzt, dass wir uns um Dana kümmern. Sie ist völlig durchnässt und friert. Wir suchen uns gerade einen trockenen Platz. Bitte bleiben Sie dran!»

«Geht klar», bestätigte Böttcher.

Die kleine Gruppe erreichte eine erhöhte Fläche, die zwar aus nacktem Stein, aber trocken war. Kaum angekommen, knickte Dana ein und sank kraftlos zu Boden. Zum Glück war Justin rechtzeitig zur Stelle, um sie aufzufangen.

Leon hörte, wie Tia ihr Rückengepäck ablegte.

«Dana, Sie müssen die nassen Sachen ausziehen», ordnete sie an, «alles, was auch nur ein wenig klamm ist – selbst die Unterwäsche, falls sie etwas abgekriegt hat. Ich helfe Ihnen.»

«Das schaffe ich schon alleine», wehrte Dana zittrig ab.

«Nein, lassen Sie mich mit anfassen! Sie dürfen den verletzten Arm jetzt nicht belasten, sonst besteht die Gefahr, dass er wieder auskugelt. Ich habe einen Overall aus warmem Stoff im Gepäck, und für den Arm mache ich Ihnen eine Halteschlinge. Am besten benutzen wir den Gürtel Ihrer Jeans dafür.»

Eine Weile war nichts als Rascheln und Scharren zu hören, während Dana sich mit Tias Hilfe von ihren Kleidern befreite.

«Außerdem haben wir eine elektrische Heizdecke.» Tia zog das zusammengerollte Utensil aus ihrem Gepäck. «Einschalten sollten wir sie aber nur im äußersten Notfall. Sie läuft mit Akku, also nicht allzu lange.»

Sie wickelten Dana in die Decke, und Justin zog sie an sich, um ihren Kopf an seiner Schulter zu bergen. Leon rückte gleichfalls näher, denn inzwischen spürte auch er die Kälte, die in der feuchten Höhle herrschte. Lediglich Tia schien sich keinen Moment ausruhen zu wollen, stattdessen tastete sie ringsum die gesamte Felsterrasse mit den Händen ab.

«Scheint sicher zu sein», murmelte sie schließlich. «Hat irgendjemand Schmerzen oder Schwellungen an einer unbedeckten Hautpartie – Gesicht, Hände, Fußknöchel?»

Leon blickte verständnislos in ihre Richtung. «Wovon sprichst du?»

«Sorgfältig abtasten!», verlangte Tia.

Während Leon und Justin ihre Hände und Gesichter befühlten, ließ sie selbst sich an Danas Knöchel nieder und strich prüfend über eine bestimmte Stelle.

«Was ist los?», fragte Leon. Er war es bereits aus langer Erfahrung gewohnt, dass Tia schlechte Nachrichten für sich behielt, um andere zu schonen. «Komm schon, Tia, spuck’s aus!»

Seine Partnerin seufzte. «Also gut. Wir sind nicht allein hier unten.»

«Was?» Justin schreckte hoch. «Wie meinen Sie das?»

«Etwas hat Finn angegriffen, während er dort oben auf dem Müllberg lag», erklärte Tia, «und es hat sich auch an Danas Bein zu schaffen gemacht. Fast die ganze Höhle ist davon bedeckt. Es breitet sich mit einer Geschwindigkeit aus, die ich noch bei keinem heterotrophen Organismus gesehen habe. Offenbar greift es nur nackte Haut an. Warum ich bisher verschont worden bin, ist mir ein Rätsel. Schließlich laufe ich mit nackten Armen und Beinen herum.»

«Was ist denn das für Zeug?», fragte Justin. «Ich habe es auch gespürt, es fühlt sich an wie Moos oder so was.»

«Es ist ein Pilz.»

Für einen Augenblick schwiegen alle – selbst Leon, der Tias Vermutung bereits kannte. Zwar hatte er mit eigenen Augen den schwarzen Flaum auf Finns Gesicht gesehen, doch die Vorstellung, dass es sich dabei um einen lebenden Organismus handelte, schien ihm noch immer grotesk.

«Ein Pilz?», wiederholte Justin schließlich. «Augenblick mal! Reden wir von den lustigen kleinen Hütchen, die man in Scheiben schneidet und auf eine Pizza legt?»

«Nicht ganz», sagte Tia. «Die lustigen kleinen Hütchen, die Sie meinen, sind nur Fruchtkörper, mit denen bestimmte Pilze ihre Sporen verbreiten. Der eigentliche Pilz besteht aus einem Geflecht von Fasern, sogenannten Hyphen, mit denen er Nährstoffe aufspürt.»

«Wie Wurzeln?»

«So ähnlich – doch es sind keine Wurzeln, denn Pilze sind keine Pflanzen. Sie brauchen nicht einmal Sonnenlicht. In manchen Höhlen habe ich schon Pilze gefunden, die ganze Wände überzogen oder wie Flechten von der Decke hingen. Alles, was sie brauchen, ist Nahrung, und dabei sind sie nicht wählerisch: Ein paar Holzstücke können genügen, eingeschleppter Abfall, Kot von Fledermäusen oder Kadaver. Sie leben von allen Arten organischer Rückstände, ob pflanzlich oder tierisch. Einige können sogar Haut, Haare, Insektenpanzer und Fingernägel verdauen.»

Justin verstummte. Dafür jedoch regte sich Dana, und als sie sprach, klang ihre Stimme gepresst.

«Dieses Ding hat … mein Bein berührt», flüsterte sie.

«Machen Sie sich erst einmal keine Sorgen», sagte Tia. «Ein paar Hyphen sind in Ihre Haut eingedrungen, aber Ihr Körper wird damit fertig werden. Der beste Schutz, den wir haben, ist unser körpereigenes Immunsystem. Normalerweise wehrt es Pilze ohne größere Schwierigkeiten ab.»

«Wollen Sie sagen, dass dieses Ding versucht hat …»

Justin stockte – doch Leon erriet, was er sagen wollte.

Ja, dachte er, Tia hat vermutlich recht: Dieser Pilz hat versucht, Danas Bein anzuknabbern.

«Oh Gott», flüsterte Dana, die offenbar denselben Gedanken hatte, mit Grauen in der Stimme.

«Er tut, was Pilze eben tun», kam Tia vorsichtig auf Justins Frage zurück. «Wenn sie auf organische Substanzen treffen, überwuchern sie die Nahrungsquelle und scheiden Enzyme aus, um sie zu zersetzen.»

«Ich habe noch nie von einem Pilz gehört, der mit solcher Geschwindigkeit wächst», warf Leon ein.

«Ich auch nicht», gab Tia zu. «Schimmelpilze bringen es auf einige Zentimeter pro Tag, aber unser monströser Freund hier scheint das Gleiche in einer halben Stunde zu schaffen.»

«Glaubst du, dass Sporen in der Luft sind?», fragte Leon. Er scheute sich, seine Befürchtung deutlicher auszusprechen, war jedoch sicher, dass Tia ihn verstand. Im Gegensatz zu ihr war Leon kein Biologe, aber er wusste, dass Pilzsporen mit der Atemluft in die Lunge gelangen und gefährliche Krankheiten auslösen konnten. Wenn es so stand, war jede Sekunde, die sie ohne Atemschutz in der Höhle verbrachten, ein tödliches Risiko.

«Ich glaube nicht», sagte Tia. «Wenn Sporen in der Luft wären, müsste ich es riechen können. Ermutigend ist außerdem, dass niemand von uns hustet oder Atembeschwerden hat. Dafür aber scheint der Pilz nackte Haut anzugreifen, besonders, wenn sie aufgeschürft oder verletzt ist.»

«Moment mal!», bat Justin, der offenbar Mühe hatte, ihr zu folgen. «Sie sprechen immer nur von einem Pilz. Wollen Sie damit sagen, dass dieses ganze Zeug – auf dem Hügel dort drüben, an den Wänden und überall auf dem Boden – ein einziges Wesen ist?»

«Wahrscheinlich. Das Fasergeflecht eines Pilzes, sein Myzel, kann sehr groß werden.»

«Wie groß?»

«Im Extremfall mehrere Quadratkilometer.»

«Kilometer? Soll das ein Witz sein?»

«Keineswegs. Wenn Sie es wissen wollen: Das größte bekannte Lebewesen der Welt ist ein Pilz. Er wächst in einem amerikanischen Nationalpark und wurde nur entdeckt, weil er ein massenhaftes Baumsterben verursachte. Sein Myzel durchsetzt etwa neun Quadratkilometer Waldboden – mit anderen Worten: Dieses Biest ist ungefähr so groß wie der Stadtteil Berlin-Kreuzberg. Kein Witz. Sie können es nachlesen, wenn wir hier herauskommen.»

«Falls wir hier herauskommen», flüsterte Dana bedrückt.

«Wie lange wird es dauern, bis die Leute da oben den Schacht freigeräumt haben?»

Tia schwieg einen Moment.

«Zu lange», sagte sie schließlich. «Es könnte viele Stunden dauern, vielleicht Tage – und so viel Zeit haben wir nicht. An den Rändern dieser Felsstufe wuchern bereits einzelne Hyphen herauf. Wenn der Pilz weiter in diesem Tempo wächst …»

«Aber er weiß doch nicht, wo wir sind!», warf Justin ein. «Oder hat das Ding Augen und Ohren?»

«Das nicht. Tatsache aber ist, dass Pilze aktiv auf Nahrungsquellen zuwachsen. Wie sie das machen, kann die Wissenschaft bis heute nicht erklären. Wenn wir zu lange am selben Fleck bleiben und uns nicht bewegen, wird der Pilz uns finden.»

«Das ist doch verrückt!», ereiferte sich Justin. «Ich meine, es ist nur ein Pilz und nicht irgendein Raubtier!»

Tia holte tief Luft. «Ich sage Ihnen das nur ungern, Justin – und auch nur, damit Sie die Gefahr begreifen. Ihr Freund Finn war fast vollständig überwuchert, als ich ihn fand. Das Myzel hatte seinen Nacken, seinen Hals und sein Gesicht erfasst. Vielleicht halten Sie Pilze für drollige kleine Dinger, aber die Realität sieht anders aus. Hallimasch-Pilze befallen Bäume, töten sie ab und zehren das Holz von der Wurzel bis zur Krone auf. Ein Pilz, den man Fliegentöter nennt, setzt sich auf Insekten fest und verdaut sie bei lebendigem Leib. Einige Pilze bilden sogar Fangschlingen, mit denen sie Fadenwürmer erbeuten: Sobald der Wurm feststeckt, wird er überwuchert und zersetzt. Einen Pilz interessiert es nicht, ob seine Beute lebendig oder tot ist – wenn sie nur lange genug stillhält.»

Wieder folgte ein langes Schweigen.

«Okay», flüsterte Justin schließlich kleinlaut. «Sie sind der Boss. Wie kommt es, dass Sie so viel über Pilze wissen?»

«Ich bin Höhlenforscherin. In Höhlen sind Pilze, neben Bakterien, oft die einzigen Bewohner.»

«Dann sind Sie gar nicht von irgendeiner Rettungseinheit oder so?», fragte Dana entgeistert.

«Nein. Es ist mehr ein Zufall, dass wir überhaupt hier sind», sagte Tia. «Justins Vater hat mich und meinen Partner engagiert, um Sie hier herauszuholen. Und genau das werde ich jetzt versuchen.»

«Was hast du vor?», fragte Leon.

«Ich werde mich genauer umsehen und die Höhle nach Luftströmungen absuchen. Vielleicht finde ich irgendwo einen Ausgang.»

«Und was ist mit dem Pilz?»

«Bisher hat er mir nichts getan. Vielleicht liegt es daran, dass ich keine Hautverletzungen habe. Außerdem war ich die meiste Zeit in Bewegung und habe mich nie lange am selben Fleck aufgehalten. Berühren kann man das Myzel offenbar ohne Gefahr, man darf ihm nur keine Zeit geben, in die Haut einzuwachsen. Ich werde mich also beeilen müssen.»

«Soll ich dich begleiten?», bot Leon an.

«Nein, bleib bitte hier und kümmere dich um Justin und Dana! Unter den gegebenen Umständen bin ich alleine schneller, denn im Dunkeln sehe ich nun einmal besser als du.»

Leon seufzte resigniert. Natürlich hatte sie recht.

«Also dann …» Ein leises Scharren verriet, dass Tia von der Felsterrasse herabglitt und sich auf den Weg machte. Da der Boden voller Pfützen war, konnte Leon deutlich hören, wie ihre Schritte sich platschend entfernten.

«Was hat sie damit gemeint, dass sie im Dunkeln besser sieht?», fragte Dana.

«Ist sie tatsächlich blind?», setzte Justin nach.

Leon seufzte. «Das ist eine lange Geschichte.»