Sönke Hansen

House Of The Rising Sun

 

Vincent knickte das Gewehr auseinander und schob zwei rote Patronenhülsen in die beiden Läufe. Mit einem Grinsen klappte er die Flinte wieder zu. Er liebte diese Waffe. Der Doppellauf maß die Länge eines Unterarms, den Kolben hatte er ebenfalls abgesägt, sodass er sie wie eine überlange Pistole halten konnte. So war sie leichter zu handhaben. Und sie machte wirklich riesige Löcher.

Sicherlich, es gab handlichere Schusswaffen. Zudem war der Rückstoß brutal. Aber die psychologische Wirkung war unersetzlich bei dem Vorhaben.

Vincent wollte sie nicht einsetzen, doch wenn es sein musste, würde er nicht zögern.

Er legte sie zu den anderen Utensilien auf den Wohnzimmertisch. Während sein Blick prüfend über das Sammelsurium huschte, fischten seine Finger eine Zigarette aus der Bauchtasche seines Kapuzenpullovers. Er steckte sie an und hakte seine Liste im Geist ab:

Die Flinte - Check.

Eine Schachtel Schrotpatronen - Check.

Das Stiefelmesser - Check.

Der chromfarbene Colt Python mit kurzem Lauf - Check.

Eine Schachtel Kaliber 357. - Check.

Zigaretten, Feuerzeug - ebenso Check.

 

Vincent stand vom Sofa auf und kippte die Munition lose in die Beintaschen seiner Camouflage-Armeehose. Das Stiefelmesser landete in der Scheide im Kampfstiefel. Zigaretten samt Feuerzeug zu den anderen Glimmstängeln in die Bauchtasche, der Colt in den Schulterholster unter dem linken Arm. Dann zog er seinen langen, schwarzen Mantel über, um die Waffe zu verbergen. In der Innenseite war eine Schlaufe für die Flinte eingenäht. Er schob sie hinein, zupfte den Stoff gerade und schnappte sich die Autoschlüssel. Ein Blick auf die Uhr. Perfekt. Zeit, Peter abzuholen.

 

Weiße Flocken rieselten vom grauen Morgenhimmel herab. Vincent lupfte den Mantelkragen hoch, zog sich die Kapuze über die Glatze und stapfte durch seinen Vorgarten. Eine zentimeterdicke Schneeschicht lag über der Stadt, die Halme seines nie gemähten Rasens waren das einzig sichtbare Gestrüpp. Selbst die Äste der Bäume in den Gärten seiner Nachbarn und an der Straße bogen sich unter der Last.

Vincent liebte Schnee. Er saugte Geräusche wie ein überdimensionaler Schwamm auf, sodass die für die Jahreszeit typische Stille herrschte, gelegentlich unterbrochen von rhythmischem Schachern. Ja, die Kehrpflicht. Er hatte sich noch nie etwas daraus gemacht.

Er warf dem Bungalow, der sich wie eine Hobbithölle in den Schnee schmiegte, einen letzten Blick zu. Es war ein gutes Haus. Aber er würde es nie wieder betreten.

Er schmiss sich hinters Steuer seines schrottreifen Opels und startete den Motor. Die Rostlaube sprang ohne Zicken an. Er drehte die Lüftung voll auf, lehnte sich in das eiskalte Polster zurück und wartete, bis die Scheiben frei waren. Eine Zigarette später war es so weit.

Er manövrierte den Wagen rückwärts aus der Einfahrt auf die Straße. Der Opel rutschte über die Fahrbahn wie über Schmierseife. Die Straßen waren noch nicht geräumt, es war noch früh am Morgen. Ein Zeitpunkt, zu dem niemand mit dem rechnete, was er vorhatte.

 

Eine halbe Stunde später hielt er in einer Parkbucht, die Beifahrertür flog auf und Peter sprang herein. „Scheiße, ist das kalt“, maulte er, während er die Hände, die in schwarzen Fingerlingen steckten, aneinander schlug. „Haste ‘ne Kippe für mich?“

Vincent grinste. Peter war nicht nur sein Freund, sondern auch ein wahrer Killer. Nur fürchterlich vergesslich. Wenn es darauf ankam, funktionierte er, doch mit dem Leben war er hoffnungslos überfordert. Er hielt ihm die Schachtel entgegen. „Hier.“

Peter zog eine Fluppe heraus. „Danke.“ Er betaste die Taschen seiner Armeehose. „Fuck.“ Die Jackentaschen. „Hast Du ...“

Doch Vincent hielt ihm bereits das Feuerzeug hin. „Wiedersehen macht Freude.“

Peter steckte die Zigarette an und reichte es zurück. Vincent trat aufs Gaspedal. Zuerst drehten die Räder wirkungslos auf der Eisfläche durch, schließlich bewegte sich der Opel vorwärts. Erst langsam und schlingernd, dann immer schneller.

Im Augenwinkel musterte er seinen Freund. Etwas stimmte nicht mit ihm. Der Dreitagebart war ungewöhnlich, auch das volle schwarze Haar schimmerte fettig. Die Haut war wie immer fahl, aber merkwürdig aufgeschwommen.

„Hangover?“, tippte Vincent.

Peter schüttelte den Kopf. „Von Kamillentee? Ich hab die Scheißerei, Mann. Außerdem ist mir kotzübel.“

„Du wirst doch nicht auf einmal nervös?“

Peter warf ihm einen Blick mit hochgezogener Augenbraue zu. „Warum sollte ich jetzt damit anfangen?“

„Vielleicht weil es unser bisher größtes und vielleicht letztes Ding ist?“

„Quatsch nich‘, ich hab‘ mir einfach irgendwas eingefangen.“

Vincent grinste. „Wenn alles gut läuft, kannst du deinen kleinen Infekt morgen in der Karibik auskurieren. Mit Kamillecocktails.“

„Klingt verlockend.“ Peter rülpste, presste die Hand gegen die Lippen und kniff die Augen zusammen.

„Soll ich anhalten?“

„Geht schon.“ Er schnappte nach Luft. „Lass es uns endlich hinter uns bringen.“

 

Zehn Minuten später kamen sie am Treffpunkt an. Ralph und Kai waren schon da.

Sie waren die einzigen Menschen auf dem zugeschneiten Rastplatz. Ein paar Meter neben ihnen krochen Stoßstange an Stoßstange Fahrzeuge über die Autobahn, während das Gelände auf der gegenüberliegenden Seite in ein Tal überging, in dem eine dichte Wolke weißen Nebels waberte. Der Schnee fiel jetzt so dicht, dass er Vincent an eine Schaumparty erinnerte.

Neben Peter schlenderte er zu dem Lieferwagen hinüber. Das Fahrzeug war in einem ähnlichen Zustand wie sein Opel, der blaue Lack von Rostflecken übersät und das Blech voller Dellen. Vincent riss die Doppeltür zur Ladefläche auf und sprang hinein, Peter folgte und zog die Tür wieder zu.

Zusammen hockten sie sich hinter die vorderen Sitze auf den blanken Boden. Vincent klopfte dem Fahrer auf die breite Schulter. „Hi Ralph.“ Dann schüttelte er dem anderen die Hand. „Kai.“

Peter wiederholte die Prozedur. Dann schmiss Ralph den Wagen an, fuhr vom Rastplatz und reihte sich in den Verkehr ein.

 

Sie hielten Small Talk mit Ralph über das miese Wetter, ob es ihrem Vorhaben gelegen kam oder nicht und über die letzten Spiele der EM.

Kai schwieg. Worüber Vincent froh war. Kai war ein Kotzbrocken, dessen gelegentliche Kommentare genauso widerwärtig waren wie seine verfaulten, schwarzen Zähne und sein pockennarbiges Gesicht. Er war ein Widerling, ein zwei Meter großes Arschloch, das auf Sex mit Tieren und grenzwertig jungen Mädchen stand und das keinen Hehl um seine perversen Neigungen machte. Am liebsten würde er ihn auf der Stelle abknallen, aber Vincent brauchte ihn und seine Furcht einflößende Erscheinung so sehr wie die abgesägte Schrotflinte. Außerdem hatte er ein AK 47 Sturmgewehr und ein Gespür für Helden.

Helden waren die Pest. Bei jedem Überfall gab es mindestens einen, der meinte, er müsse als furchtloser Retter in Erscheinung treten. Das waren diese Deppen, wegen denen sie Gebrauch von ihren Schusswaffen machen mussten. Diese Pisser vermasselten ständig alles.

Kais Spürnase für die Idioten war untrüglich. Wenn er einen ausmachte, schüchterte er ihn dermaßen ein, dass sie sich einschissen. Mit Stuhl in der Hose waren diese Helden meistens angenehm still. Ralph hingegen war in Ordnung. Mehr ein Kumpel als ein „Arbeitskollege“. Sie hatten schon früher zusammen Dinger gedreht. Als er vor vielen Jahren eine Pause eingelegt hatte, weil er sich auf seine Familie konzentrieren wollte, war Vincent im Gegensatz zu manch anderen keineswegs böse darum gewesen. Im Gegenteil - es machte den vollbärtigen, übergewichtigen Sympathiebrocken in seinen Augen nur noch sympathischer. Dann war ihm das Geld ausgegangen, seine Frau mit den beiden Töchtern abgehauen. Jetzt war er wieder mit von der Partie.

Ralph drehte das Radio lauter. „Hey, hört mal!“ Er grinste jeden Einzelnen breit an. „Wenn das kein gutes Zeichen ist, was?“

House Of The Rising Sun von The Animals dröhnte aus den Lautsprechern. Ralph war begeistert. „Ist das nicht geil, Leute?“

Vincent grinste. Aber nicht wegen des Liedes, das so hieß wie das neue Einkaufszentrum, das sie überfallen wollten. Sondern aufgrund Ralphs einfach gestricktem Verstand und seinem sonnigen Gemüt. „Ein wirklich gutes Zeichen, Ralph.“

Kai lehnte sich vor und drehte die Musik leiser. „Wisst ihr Schwanzlutscher überhaupt, worum es in dem Lied geht?“

Ralph zuckte mit den Schultern. „Um ein Kaufhaus, das ausgeraubt werden will?“

Kai winkte ab. „So ‘n Quatsch. Das House Of The Rising Sun ist ein amerikanischer Puff aus dem letzten Jahrhundert oder dem davor.“

„Dann ist es ein besonders gutes Zeichen“, warf Peter ein. Er hatte wieder ein wenig Farbe gewonnen.

Ralph lachte auf. „Woher weißt du so einen Scheiß, Kai?“

Doch der Hüne lehnte sich nur wieder in den Sitz zurück und blickte hinaus in das Schneetreiben. „Ihr seid Arschlöcher.“

Das brachte ihm nur noch mehr Gelächter ein.

 

Wer auch immer das House Of The Rising Sun konzipiert hatte, eines hatte er dabei vergessen: das Altmodische. Und das nicht nur im Sortiment, der Architektur und der Zielgruppe. Die Sicherheitsvorkehrungen waren fürchterlich. Oder phänomenal - je nachdem, von welchem Standpunkt aus man es betrachtete.

Alles lief elektronisch, war mit Codes und Piepern und all dem Schnickschnack versehen. Nur roher Gewalt hatten sie nichts entgegenzusetzen.

Entweder sie wollten unbedingt ausgeraubt werden, oder sie waren schlichtweg wahnsinnig.

Die Kassen wurden nur alle fünf Stunden geleert. Es gab zwar Überwachungskameras, aber keine Alarmknöpfe für die Angestellten. Noch nicht einmal einen Sicherheitsdienst. Total verrückt.

Ralph hatte einen Monat lang in dem Laden gearbeitet, als Hausmeister. Was er über die Sicherheitsvorkehrungen in Erfahrung gebracht hatte, grenzte an Fahrlässigkeit. Vincent fand, sie wurden quasi zu dem Raub gezwungen.

Zusammen mit Peter und Kai marschierte er auf das gigantische Gebäude zu, das über eine eigene Autobahnabfahrt verfügte. Der Parkplatz maß unvorstellbare Dimensionen, doch nur die ersten Reihen waren belegt. Wenige Kunden bedeuteten weniger Beute, aber auch weniger Ärger.

Ralph saß im Lieferwagen hinter dem Steuer in der Nähe des Eingangs und wartete auf seinen Einsatz.

Die Glasfront ragte über zehn Meter in den grauen Himmel hinein. Der Schriftzug H.O.T. RISING blinkte in den Farben des Regenbogens an der Spitze nebst einer um sich selbst drehenden, grell glitzernden Kristallsonne. Sie funkelte derartig hell, dass Vincent fast glaubte, der Sommer sei zurückgekehrt.

Er zog den Mantel zurecht, der aufgrund der Flinte dazu neigte, auf die linke Seite zu rutschen. Die Glastüren glitten auseinander, ein warmer Schwall süßlichen Dufts stieß ihnen entgegen.

„Riecht wie das niedliche Mädchen, das ich letzte Woche hatte“, sagte Kai.

„Halt einfach die Fresse“, schnauzte Vincent ihn an. Kranker Wichser.

Die Türen schlossen sich hinter ihnen. In der wohligen Wärme blieben sie stehen, einzig Peter ging weiter und verschwand zwischen den Regalen, so wie es der Plan vorsah.

Kai fragte: „Wo sind die Fernseher?“

Vincent zog die Kapuze vom Kopf. „Ralph meinte, irgendwo im Erdgeschoss.“ Er ließ den Blick durch die Halle schweifen.

Hatte der Laden von außen schon riesig gewirkt - hier drin erschlug er ihn glatt mit seiner Größe, seiner Vielfalt, seiner Dekadenz in allen schrillen Farben.

Er konnte bis zum Kuppeldach hinauf sehen. Rundherum verliefen über fünf Stockwerke Galerien mit Zäunen in jeweils einer anderen Neonfarbe. Zwei gläserne Fahrstühle und mehrere Rolltreppen verbanden die Geschosse miteinander. Soweit das Auge reichte, sah er Werbung. Überall hingen Poster, Plakate, Wimpel und Flaggen. Aufsteller ragten aus den dicht aneinander gedrängten Regalen wie Riesen empor. Man konnte wirklich alles kaufen. Selbst Dinge, von denen man gar nicht wusste, dass es sie gab. Geschweige denn, dass man sie brauchte.

Vincent stellte sich vor, wie es den Kunden erging, die hier einkauften. Sie mussten von der Werbung geradezu vergewaltigt werden. Sie waren gezwungen, zu kaufen, wenn sie das Geschäft lebendig und mit heiler Seele wieder verlassen wollten.

Irgendwo plätscherte unbeschwerte Musik aus unsichtbaren Lautsprechern. Die Luft war erfüllt von den unterschiedlichsten Gerüchen: Der Duft frischer Backware vermischte sich mit Parfüm, das an eine Blumenwiese im Sommer erinnerte. Aus dem Fast-Food-Restaurant auf der zweiten Etage wallte das Odeur von frittiertem Fett herab.

Vincent lief das Wasser im Mund zusammen.

Gleich neben ihm stand ein Kaffeeautomat. Er grub sich durch die Munition in seinen Beintaschen, die dabei verdächtig klimperte. Doch das machte ihm nichts aus, denn als er ein Zweieurostück hervor zauberte, mussten die Leute glauben, er sammle dort Kleingeld.

Er zog sich einen Café Latte in einem Pappbecher.

„Was machst du da?“, grunzte Kai neben ihm.

„Wonach sieht‘s denn aus?“

„Du hast echt die Ruhe weg, was?“ Damit wandte sich der hässliche Hüne ab.

Vincent schlürfte von dem Kaffee. Heiß! Seine Lippen brannten, er beschloss, noch etwas zu warten.

Mit dem Becher in der Hand warf er einen Blick zum Kuppeldach hinauf. Das war ihm vorher gar nicht aufgefallen: Sie bestand aus buntem Glas. Ein Kreis von schätzungsweise fünf Metern Durchmesser, der aussah, als stammte er aus einer Kirche. Es zeigte das Gesicht eines Mannes, den er nicht kannte. Der Kopf prangte in der Mitte eines fünfzackigen Sterns, eines Pentagramms. Das fand Vincent merkwürdig. War das nicht das Symbol des Teufels? Was hatte das in einem Einkaufszentrum zu suchen? Zwischen den äußeren Zacken des Sterns und dem Rand des kreisförmigen Glases verlief ein Band, auf dem in großen Lettern „House Of The Rising Sun“ stand. Was auch sonst. Das ganze Bildnis wirkte völlig deplatziert, mindestens 200 Jahre zu alt für diesen modischen Schuppen.

Als Vincent den Blick davon abwandte, hatten sich seine Augen und sein Geist auf die wilde Warenflut eingestellt, wodurch es ihm möglich war, die Lage zu sondieren.

Der rechte Teil des Erdgeschosses beherbergte die Elektronikabteilung. Ganz am hinteren Ende, an der Wand, sah er riesige Fernseher hängen, die alle einen computeranimierten Zeichentrickfilm zeigten.

„Da sind die Fernseher. Komm.“ Er marschierte los, Kai folgte ihm.

 

Vincent stellte sich vor ein Plasma-Gerät von der Größe einer Tür, der auf einem schlichten Phonoschrank stand.

Er staunte. Der Preis war wirklich unschlagbar.

Vorsichtig probierte er von dem Kaffee. Genießbar. Sie taten so, als seien sie an dem Fernseher interessiert und warteten. Der Becher in seiner Hand war gerade zur Hälfte geleert, als ihn der Hauch eines süßen Parfums in der Nase kitzelte.

„Kann ich Ihnen behilflich sein?“, fragte ihn eine gut aussehende Schnalle.

Vincent konnte nicht anders: „Da bin ich mir sicher. Die Frage ist, ob Sie das auch wollen.“

Sie neigte ihr hübsches Gesicht zur Seite und warf ihm einen Blick aus ihren strahlend blauen Augen zu, den er nicht richtig deuten konnte. „Ich glaube, ich verstehe nicht.“ Sie hob ganz leicht, fast unmerklich, eine Augenbraue.

Flirtete sie mit ihm? Oder hatte sie ihn wirklich nicht verstanden? Er entschloss, es dabei zu belassen und den ursprünglichen Plan weiter zu verfolgen.

„Entschuldigen Sie. In dem letzten Geschäft wurden wir etwas unfreundlich behandelt. Wir hatten nicht den Eindruck, als wenn man uns dort hätte helfen wollen. Ich wollte Sie nicht verärgern.“

„Aber das macht doch nichts“, flötete sie. Ihr schlanker Zeigefinger mit einem makellos manikürten Nagel deutete auf das Plasma-TV. „Der soll es sein?“

„Das wissen wir noch nicht.“ Vincent warf einen Blick auf den Bildschirm. Ein kleines, japanisches Comic-Mädchen sprang über eine Blumenwiese, wobei ihr knappes Kleid auf und ab hüpfte.

Kai gaffte mit offenem Mund auf den Fernseher. Kranker Wichser.

Die Verkäuferin stellte sich neben Kai. Ihr knackiger Hintern kam in der Kaufhaus-Uniform richtig gut zur Geltung. Er erinnerte Vincent an zwei saftige Äpfel. Nicht so ihre Brüste, die das weiße Hemd wie Melonen ausbeulten.

„Gefällt Ihnen, was Sie da sehen?“, fragte sie Kai. Wieder war Vincent sich nicht sicher, wie sie es meinte.

Sein Kollege wandte den Blick nicht von dem Comic-Mädchen. „Und ob. Ein tolles Gerät.“

„Und der Fernseher erst.“

Beide brachen in Gelächter aus. Sie hoch und verhalten, er tief, dreckig, aus voller Brust.

Das ist doch krank!

Vincent tastete unter den Mantel nach der Schrotflinte. Das Gefühl holte ihn wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. War die Schlampe halt genauso bescheuert wie dieser Penner - egal!

Er drängte sich zwischen den beiden hindurch, die wie ein Ehepaar vor dem Gerät standen. „Wofür ...“ Vincent ging in die Hocke. „... ist dieser Knopf hier?“

Er knallte den Daumen auf die Erhebung, wie erwartet geriet der Fernseher ins Wanken. Er schob noch ein wenig nach, dann fiel das Gerät hinten von dem Schrank und krachte auf den Boden. Drei Risse knackten über die Oberfläche und spalteten sie in unterschiedlich große Teile. Einer davon wurde sofort schwarz, auf den beiden anderen sprang das Mädchen in der Hälfte geteilt weiter über die Wiese.

„Ups.“ Vincent richtete sich auf.

Das Grinsen auf den Gesichtern der beiden erstarb. Bei Kai, weil er die Kleine nicht mehr anstarren konnte. Die Miene der Verkäuferin war wie versteinert. Vincent fand, so sah sie noch eine Spur süßer aus.

„Das haben Sie mit Absicht gemacht.“

„Ich ... ich soll was gemacht haben?“

Sämtliche Nonchalance wich aus ihren Zügen. Ihr linkes Augenlid zuckte. „Weil ich mir mit ihrem Freund zusammen eine Kinderserie angeguckt habe, haben Sie den Fernseher runter geworfen. Dafür werden Sie aufkommen müssen.“

Vincent faltete die Hände vor dem Körper. „Einen Scheiß muss ich.“

Die Verkäuferin wandte sich zu Kai um. „Ihr Freund ist ein eifersüchtiger Kotzbrocken.“

Sie denkt, Kai und ich wären ein Paar!

Vincent musste all seine Beherrschung zusammennehmen, um nicht zu lachen. Er hustete einen Grunzer in die Hand, räusperte sich noch einmal und schlang die Finger wieder ineinander, in der Nähe der Schrotflinte.

Kai funkelte sie finster an. „Er ist nicht mein Freund, klar? Ich kenne ihn gar nicht.“

Vincent stieg mit ein. Das dauerte ihm alles zu lange. Ohne Umschweife kam er zur Sache: „Wenn Sie weiterhin behaupten wollen, ich hätte den Fernseher kaputtgemacht, dann will ich sofort mit dem Geschäftsführer sprechen. Auf der Stelle!“

Sie lächelte süffisant - das stand ihr gar nicht gut. „Aber sicher, kein Problem. Bei der Gelegenheit werde ich meine Kollegen beauftragen, die Bänder der Überwachungskamera zu sichten.“ Sie nickte knapp und zog an Vincent vorbei. Ihr Duft war betörend.

Er zwinkerte Kai zu, der sich daraufhin abwandte und im Durcheinander der Angebote verschwand.

Während er auf den Geschäftsführer wartete, nippte er weiter an dem inzwischen lauwarmen Kaffee.

 

„Wo liegt das Problem?“

Vincent drehte sich um. Das musste der Geschäftsführer sein: ein sündhaft teuer aussehender Anzug, maßgeschneidert. Die gepflegten Finger geschmückt mit Ringen, deren Steine im Scheinwerferlicht funkelten wie Diamanten.

Hinter ihm marschierte die süße Verkäuferin, immer noch dieses bissige Grinsen im Gesicht. Hinter ihr wiederum sah er zwei Muskelschränke in schwarzen Anzügen. Doch ein Sicherheitsdienst. Er machte sich eine geistige Notiz, Ralph die Leviten zu lesen.

Der Geschäftsführer kam ihm vage bekannt vor. Trotz seines Alters – er schätzte ihn auf Mitte 50 – hatte er einen leichten, federnden Gang. Aufrecht, die Schultern nach hinten gezogen, den Kopf erhoben, sodass er auf seine Untergebenen herab sah. Bei einer Körpergröße von über 1,90 kein Problem. Er war ungewöhnlich schlank, geradezu drahtig.

Aber es war die Visage, die in Vincent das Gefühl der Vertrautheit erweckte: dezenter Kinnbart, markante Züge, ausdrucksstarke Augen. Die Grübchen in den Ecken der Lippen wirkten, als würde er ständig ganz leicht lächeln. Wie ein Raubtier, das sich seiner Überlegenheit bewusst war. Und wie Vincent trug auch er eine Glatze, nur war sie im Gegensatz zu seiner eigenen spiegelblank poliert, sodass sie das Licht reflektierte wie die glitzernden Steine seiner Ringe.

Der Mann baute sich vor ihm auf. Als er sprach, blitzten ebenmäßige Zähne auf. „Nun? Ich höre.“

Vincent räusperte sich. Er brauchte mehr Zeit – mit dem Sicherheitsdienst hatte er nicht gerechnet. „Ihre Angestellte bezichtigt mich des Vandalismus. Dabei habe ich ganz genau gesehen, wie sie selbst diesen Fernseher ...“ er deutete auf das zerstörte Gerät ... „herunter geworfen hat. Es sah aus wie ein Missgeschick. Das kann mal passieren, aber ...“

Der Geschäftsführer hob eine Hand, die Fläche nach außen. Vincent wusste nicht, warum er sich davon irritieren ließ.

„Ich habe das Band der Überwachungskamera bereits gesehen. Es ist eindeutig zu erkennen, wie Sie das Gerät umstießen.“

Vincent lugte über die Schulter seines anthrazitfarbenen Anzugs hinweg. Die Verkäuferin stand etwas abseits, die beiden Gorillas flankierten den Geschäftsführer schräg von hinten. Keine Spur von Kai. Mach schon, du perverser Spinner. Zeit für deinen Auftritt.

„Aber Sie sind doch bestimmt versichert, oder nicht?“ warf er ein, um Zeit zu gewinnen.

„Nicht gegen mutwillige Zerstörung unserer Kunden.“

Da kam die Erleuchtung. Plötzlich wusste Vincent, woher er ihn kannte: Sein Gesicht schaute von dem Buntglas in der Kuppel auf ihn herab.

Nun mach schon, Kai.

Er zeigte auf das Kuppeldach, ohne den Blick von den stahlblauen Augen des Geschäftsführers abzuwenden. Er konnte keinerlei Emotionen darin erkennen. „Sie sind doch dieser Kerl da oben oder nicht?“ versuchte er, weitere Zeit zu schinden.

Der Mann lächelte. „Ich bin Vincent von Sonne, richtig. Das ist mein Geschäft.“

„Ach, das ist ja witzig, ein Namensvetter! Ich heiße nämlich auch Vincent, müssen Sie wissen.“

Keine Reaktion.

Aber jetzt ging ihm ein weiteres Licht auf: Haus der aufgehenden Sonne. Was für ein Egozentriker.

Eine Bewegung.

Ein pockennarbiges Gesicht schob sich hinter den rechten Sicherheitsmann. Es nickte Vincent zu.

 

Vincent griff unter den Mantel, packte die Flinte und zog sie in hohem Bogen heraus. Der Stoff flatterte auf, der Doppellauf zielte direkt in von Sonnes Gesicht.

Der Geschäftsführer blickte stur an der Waffe vorbei auf Vincent. Er zuckte nicht einmal mit der Wimper, seine Miene war versteinert, mit diesem wissenden Lächeln auf den Lippen.

Die Männer vom Sicherheitsdienst stürmten los. Kai hämmerte einem den Kolben des Sturmgewehrs auf den Hinterkopf, sodass er mit einem Stöhnen zusammenbrach. „Stehenbleiben!“, schrie er, woraufhin der andere herumwirbelte – und in die Mündung der AK 47 starrte. „Spiel bloß nicht den Helden, Arschloch“, schnauzte Kai ihn an. „Dann passiert dir auch nichts. Los! Auf den Boden!“

Der Muskelberg kam der Aufforderung nach und legte sich hin. „Sie auch!“, brüllte Kai die Verkäuferin an. „Und Sie!“, krakeelte er jeden an, den er ins Visier bekam.

Menschen schrien auf, Füße trampelten durch die riesige Halle.

Ein Schuss knallte.

Entsetztes Kreischen, Jammern und Flehen.

Das war Peter. Er stand am Eingang und sorgte dafür, dass niemand abhaute. Wenn die Situation es zuließ, würde er auch noch ihre Taschen leeren.

Vincent brüllte nun seinerseits los. „Auf die Knie!“

Doch Herr von Sonne rührte sich nicht. Grinste ihn nur an.

„Bist du taub? Auf die Knie hab ich gesagt!“

Vom Eingang her hörte er Peter rufen: „So, Leute, jetzt mal alle zurück. Los, macht schon. Verdammt, haut endlich ab, oder soll ich eure Gehirne über die Auslage verteilen? Verschwindet endlich!“

Herr von Sonne stand immer noch. Vincent drückte ihm den Doppellauf auf die Stirn. „Auf. Die. Knie!“

Der Geschäftsführer zog abfällig den Mundwinkel hoch. „Sie können mich ausrauben. Aber ich knie vor niemanden.“ In seiner Stimme lag eine Ruhe, die Vincent frösteln ließ.

Er wollte nicht schießen. Der Chef des Ladens war das wertvollste Leben hier drin, die perfekte Geisel. „Dann drehen Sie sich um. Wir gehen zum Eingang.“ Im Vorbeigehen sagte er zu Kai: „Schalte den anderen Muskelprotz auch aus, und dann komm nach vorne.“

Kai beugte sich über den liegenden Wachmann und donnerte ihm den Gewehrkolben auf die Stirn.

Peter hatte die entsetzte Kundschaft in einem weiten Halbkreis um die Schiebetür des Eingangs gescheucht. Er schwenkte seine Beretta hin und her und behielt sie im Auge. Kai trat zu ihm.

Vincent wollte Herrn von Sonne am Ärmel packen und mit sich ziehen, doch der schüttelte seine Hand ab. Ohne ein Wort folgte er ihm auch so.

Vincent baute sich zwischen seinen Kumpanen und den Kunden auf. Sie blickten ihn mit weit aufgerissenen Augen an, Tränen strömten über Wangen, ein paar Frauen wimmerten. Herr von Sonne stand direkt neben ihm, er schien sich nicht an dem Doppellauf an seiner Schläfe zu stören.

Vincent beobachtete das Geschehen. Keine weiteren Wachmänner. Auf den oberen Etagen ließ sich niemand blicken, sie hatten sich vermutlich von den Geländern zurückgezogen. Die Fahrstühle und Rolltreppen waren leer. Die Mitarbeiterinnen an den Kassen saßen stocksteif hinter den Warenbändern.

„Schaltet die verdammte Musik aus!“, schrie Vincent in das Gebäude hinein.

Abrupt erstarb das Gedudel im Hintergrund, das man als Kunde nach ein paar Augenblicken gar nicht mehr wahrnahm. Stille legte sich über den Raum.

Jetzt konnte er in normaler Lautstärke seine Instruktionen verteilen. „Mein Kumpel hier“, er nickte zu Peter, „wird die Kassen leer räumen. Jegliche Art von Widerstand wird mit dem Tod belohnt. Und wenn ich nur ein Blaulicht sehe oder eine Sirene höre, puste ich ihm hier“, er stieß den Doppellauf gegen von Sonnes Glatze, „den Schädel vom Hals. Verstanden?“ Er erwartete keine Antwort und warf Kai einen Blick zu. Der nickte: keine Helden anwesend. Gut, dachte Vincent. Ungewöhnlich, aber gut.

 

Peter ignorierte das Brennen in seinem Magen. Nie wieder Whisky, schwor er sich. Nur noch Cocktails. Er hätte es niemals übers Herz gebracht, Vincent von seinem gestrigen Saufgelage zu erzählen. Er, allein, eine Flasche Jim Beam. Darauf war er nicht stolz. Doch was die anderen nicht wussten: Er war immer unglaublich nervös vor ihren Auftritten. Wenn sie erst einmal mitten drin steckten, legte sich in seinem Inneren ein Schalter um. Von Softie auf Profi. Doch die Zeit unmittelbar vor einem Überfall war jedes Mal die Hölle.

Er marschierte zu der langen Reihe von Kassen. An der Ersten holte er sich eine Handvoll Einkaufstüten aus dem Regal unter dem Warenband und hielt der Kassiererin eine davon hin. „Los, das Geld da rein.“

Sie beugte sich zu ihm, wobei ihr Hemd aufklaffte und den Blick auf ihre prallen Brüste freigab. Ihr Augenaufschlag war phänomenal, keck schob sie eine blonde Strähne hinters Ohr.

Eine Augenweide, fand Peter. Ihm war bereits aufgefallen, dass sämtliche Mitarbeiterinnen des House Of The Rising Sun ungewöhnlich schön waren.

Sie lächelte ihn an. Dann sagte sie, gerade so laut, dass es niemand außer er selbst hören konnte: „Du siehst gefährlich aus. Ich stehe auf gefährliche Männer.“

„Quatsch nicht und stopf das verdammte Geld in die verdammte Tüte.“, blaffte er sie an. Doch sie schien nicht beeindruckt zu sein.

Sie nahm das Stück Plastik entgegen und klappte die Lade der Kasse hoch. „Sag bloß, du findest mich nicht sexy?“ schnurrte sie und zog einen Schmollmund.

„Du bist ein echter Hammer, Baby.“ Das stimmte. „Aber ich hab jetzt keine Zeit für so einen Scheiß. Los, das Geld! Mach schon!“

Ihr Blick haftete sich auf seinen Schritt. Eine spitze, rosa Zungenspitze zuckte aus ihrem Mund und befeuchtete ihre Lippen. Ohne hinzusehen, schaufelte sie die Scheine in die Tüte. „Das ist aber schade. Du weißt ja gar nicht, was dir entgeht, mein Süßer.“ Dann stellte sie einen ihrer Pumps auf die Kasse, das andere Bein zog sie zu sich auf den Stuhl, auf dem sie saß. Ihr Rock rutschte hoch.

Peter schluckte. Sie hatte kein Höschen an.

 

„Sie haben keine Ahnung, worauf Sie sich da einlassen“, sagte Herr von Sonne.

Vincent sah ihn an. Der Mann war ein eiskalter Brocken. Er zeigte keine Angst, keine Sorge, gar nichts. Er wirkte siegessicher. Wie ein Profi-Boxer, der gegen ein Kind antreten sollte.

„Und Sie haben scheinbar keine Ahnung, wo Sie da reingeraten sind. Falls Sie glauben, mich mit ihrem Gelaber zu verunsichern, muss ich Sie enttäuschen: Ich weiß über ihre laschen Sicherheitsvorkehrungen bestens Bescheid. Sie haben am falschen Ende gespart.“

„Habe ich das?“

„Das sehen Sie doch wohl.“

„Aber es hat gerade erst angefangen.“

Vincent blinzelte. „Was meinen Sie?“

Herr von Sonne strahlte nun übers ganze Gesicht. Das Grinsen wirkte gestohlen - es gehörte nicht in diese Visage. Es sah völlig falsch aus, passte einfach nicht dorthin. Es sah ... zum Fürchten aus. „Ihr Leiden.“

Zum ersten Mal spürte Vincent, wie er aus dem Takt kam. Schweißperlen drückten sich aus seiner Stirn, sein Herz stolperte.

Das war lächerlich!

Doch die Art, wie der Kerl das gesagt hatte, erschütterte ihn. Die zwei Worte steckten so voller Überzeugung, dass er fast selbst glaubte, dass er gleich leiden würde. Was ging hier vor?

Ein Blick zu Peter steigerte die Paranoia und die plötzliche Verwirrung ins Unermessliche. Was zur Hölle!

Die Kassiererin räkelte sich auf dem Warenband, Peter lag zwischen ihren gespreizten Beinen und rammelte sie! Ihre Bluse war aufgerissen, ihre Brüste wippten im Takt von Peters Stößen.

Eine andere Kassiererin, die er nur an dem Rock als solche identifizierte, stand mit nacktem Oberkörper hinter ihm, und streichelte seinen blanken Arsch. Ihre Titten waren unglaublich groß.

Erst jetzt fiel auf, dass sämtliche Mitarbeiterinnen richtig gut bestückt waren.

Zwei Kassen weiter fummelte eine an ihren Brüsten und ihrem Schritt herum.

„Was ...“ Vincent zuckte zu Herr von Sonne herum - und starrte in eine dämonische Fratze.

Peter konnte sein Glück kaum fassen. Es war unglaublich! Er überfiel das House Of The Rising Sun, und mitten im Geschehen spreizte diese Schönheit ihre Beine und spielte an sich herum.

Er war außerstande gewesen, nein zu sagen.

So bizarr, so völlig verrückt ihm die Situation erschien - welcher Kerl hätte da widerstehen können?

Er nahm kaum wahr, dass eine andere Mitarbeiterin seinen Hintern streichelte. Ab und zu spürte er einen leichten Klaps, der ihn nur weiter anheizte. Er wunderte sich nicht mehr. Fragen konnte er später. Er war im Land seiner Träume - jetzt wollte er genießen.

Der Schweiß rann ihm in Strömen den Rücken runter, ihm war siedend heiß. Er krallte die Hände in die Hüften der Kassiererin, schob sich auf ihr vor und zurück, vor und zurück, immer härter und schneller.

Fingernägel bohrten sich schmerzhaft in seine Arschbacken. Ist das geil!

Die Frau unter ihm wand sich vor Lust, sie stöhnte auf, biss sich in den gekrümmten Zeigefinger, als wüsste sie nicht, wohin mit ihren Gefühlen. Das Regal hinter ihr klapperte im Takt der Stöße, Zigarettenschachteln rieselten auf sie herab.

Ein heißer Schmerz fuhr in seine rechte Arschbacke. Wie ein Wespenstich, nur hundertfach stärker. Er stolperte vorwärts, stieß bis zum Anschlag in die Kassiererin hinein und krallte sich in das Regal.

Der Schmerz hatte ihn aus der Geilheit gerissen. Sofort erschlaffte sein Gemächt. Er wollte nur noch weg. Sein Hinterteil brannte wie Feuer.

Doch die Beine umklammerten ihn wie Würgeschlangen, hielten ihn an Ort und Stelle. Er warf einen Blick über die Schulter.

Rot verschmierte Lippen grinsten ihn an. Flüssigkeit tropfte von einem Kinn, etwas glitzerte zwischen Zähnen. Die Frau strich etwas über ihre Brüste, das rote Farbe darauf verteilte.

Scheiße!

Sie hatte ihm einen Brocken aus dem Arsch gebissen und rieb sich damit ein!

Von Sonnes Gesicht hatte sich in eine abscheuliche Grimasse verwandelt.

Die Augenbrauen waren zu spitzen Winkeln bis in die Mitte der Stirn hochgezogen, die weit aufgerissenen Augen auf die Größe von Billardkugeln angewachsen, die Vincent voller Wahnsinn anstarrten. Das breite Grinsen reichte von einem Ohr bis zum anderen, als wären die Wangen aufgeschlitzt. Speichel floss von den Lippen, die von einem Netz aus Rissen überzogen waren. Dahinter leuchteten spitze Zähne auf wie bei einem Raubtier.

Das abnorme Grinsen verbreitete sich noch, als diese abartige Kreatur, die dem Schlund der Hölle entstiegen sein musste, ein blubberndes Geräusch ausstieß, das entfernt an ein Lachen erinnerte. Aus der Glatze schoben sich zwei kleine Kugeln, wie Lipome, die mit einem widerlichen Knirschen immer weiter wuchsen.

Der Hauch von etwas, das so pervers stank, wie Vincent niemals geglaubt hätte, dass etwas stinken konnte, schlug ihm entgegen. Es fühlte sich an, als hätte er ein verfaultes, in Jauche getunktes Stück Leber im Mund.

Würgend stolperte er zurück, er spürte den Gestank fast körperlich wie einen Schlag mitten in die Fresse.

Dieses Monstrum, das Herr von Sonne gewesen war, wirkte auf einmal viel größer. Es überragte Vincent um mindestens zwei Köpfe.

Etwas rieselte auf den Boden. Fingernägel. Vincent sah auf.

Die Kreatur hatte die Hände nach ihm ausgestreckt, die Finger zu Klauen gekrümmt. Aus den Kuppen schoben sich spitz zulaufende Krallen, die immer länger und länger wurden.

Vincent hob die Schrotflinte und drückte beide dicht hintereinanderliegenden Abzüge durch.

Feuerzungen zuckten aus den Läufen, die Waffe bockte in seiner Hand. Das Bollern war ohrenbetäubend.

Auf die kurze Distanz stanzten die Schrotkugeln ein Loch in der Größe eines Handballs in von Sonnes Unterleib. Blut, Darmstücke und andere Gewebeklumpen sprühten auf die Fliesen und die Kunden, die hinter ihm standen. Vincent konnte ihre erschreckten Gesichter durch das Loch hindurch sehen.

Das Problem war gelöst.

„Kai! Peter! Sofort zu mir!“ brüllte er durch die aufbrandenden Schreie der Männer und Frauen, die eigentlich nur ein wenig shoppen gehen wollten an diesem Wintermorgen.

Dann sah er, dass sein vögelnder Freund in Bedrängnis geraten war. Drei nackte Kassiererinnen drückten ihn auf das Warenband nieder und schlugen ihre Fingernägel in seinen zuckenden Leib. Blut spritzte gegen das Zigarettenregal, seine Schreie erstickten in seinem Hals, weil er mit einer Plastiktüte geknebelt war.

Vincent rannte zu ihm. Er stieß die aufgebrachte Kundschaft beiseite, arbeitete sich mit den Ellenbogen vor.

Noch im Laufen klappte er die Flinte auseinander. Die qualmenden Hülsen zog er heraus und stopfte zwei neue hinein. Als er an die Kasse kam, klappte er das Gewehr wieder zu, schrie „HEY!“, und eine der nackten Frauen hob ihren Kopf. Sie kaute auf etwas herum, Blut floss über ihr Kinn auf ihre Brüste.

Vincent schlug ihr die Läufe frontal in die Fresse. Zähne spritzen auf, als der Stahl in ihrem Schlund verschwand. Sie riss die Augen auf. Vincent drückte ab.

Ihr Schädel wirkte wie ein Schalldämpfer. Er platzte an der Rückseite auf und pumpte ihr Gehirn weit in das House Of The Rising Sun hinein.

Die Mündungen lugten noch aus ihrem Hinterkopf, als eine Brünette sich daran machte, seinem Freund in die Kehle zu beißen. Vincent blieb keine Zeit.

Er wirbelte die Flinte samt dem Kopf und als regloses Anhängsel den Körper der Toten herum und hämmerte der Brünetten die zweite Ladung seitlich in die Schläfe. Ihr Schädel platzte wie eine Melone, die aus dem zehnten Stockwerk auf die Straße aufschlug.

Blieb noch eine übrig. Sie wich zurück, ihr Blick huschte abwechselnd zu beiden Seiten, als suche sie einen Ausweg.

Vincent zog die Flinte aus dem Kopf der Toten. Er knickte die Waffe auseinander und lud sie nach. Er hätte auch den Colt nehmen können, aber die machte nicht so hässliche Löcher. Und eine ordentliche Sauerei war er Peter schuldig.

Die Frau, deren blonde Strähnen rot verfärbt in ihrem Gesicht klebten, drehte sich um und rannte weg.

Vincent nahm sie zwischen Kimme und Korn und holte Luft. Beim Ausatmen riss den ersten Abzug durch.

Der Schrot klatschte in ihren nackten Rücken und zauberte ein rotes Muster in das Fleisch. Hautfetzen regneten auf die Regale neben ihr, sie stolperte und schlug der Länge nach hin.

„Peter?“ Er rüttelte an seiner Schulter. Sein Körper war übersät mit vielen, kleinen Wunden, aus denen sein Blut sprudelte. „Peter?“ Seine Augen flatterten, er stöhnte und drehte sich auf die Seite. Dabei rutschte er von dem Band herunter.

Im letzten Augenblick fing Vincent den zerschundenen Körper ab und ließ ihn vorsichtig auf den Boden gleiten.

Die Schreie der Kunden wurde immer lauter, gingen in Kreischen über. Sie hatten Todesangst, befanden sich in der wilden Raserei der Panik. Vincent blickte auf –

und verschluckte sich.

Die Menschen liefen kreuz und quer durch den Laden, überall war Blut, einfach überall! Es fächerte in riesigen Fontänen zwischen den Regalen auf, hier flog ein abgetrennter Arm, der einen roten Schweif hinter sich herzog, dort wirbelte ein halbes Gesicht durch die Luft wie ein Frisbee.

Vincents Geist war völlig überfordert.

Verfickt noch mal, was zur verdammten Scheissdreckshölle geht hier vor sich?!

 

Ralph sah von der Playstation Portable auf. Er kratzte sich am Bart. Etwas stimmte nicht.

Der erste Schuss war Peters Beretta gewesen. Wie geplant hatte er sich am Eingang positioniert, um die Kunden und Mitarbeiter an einer Flucht zu hindern. So ein Knall erstickte törichte Ideen im Keim.

Das tiefe Bollern war eindeutig Vincents Schrotflinte, der Klang war unverwechselbar. Das konnte eigentlich nur Schwierigkeiten bedeuten, die sich ihr Anführer vom Hals schaffte.

Aber dann war sie noch mal los gedonnert. Und wieder. Und jetzt mischte sich das Rattern von Kais Sturmgewehr darunter. Menschen schrien aus Leibeskräften.

Etwas war schief gelaufen. Es war Zeit für die Kavallerie.

Ralph startete den Motor des Lieferwagens, schnallte sich an und klemmte die Pumpgun griffbereit zwischen Sitz und Tür. Den Rucksack mit den Granaten stopfte er in den Fußraum auf der Beifahrerseite.

Ein mannshoher Klecks klatschte von innen gegen die Schiebetüren. Dahinter rannten schemenhafte Silhouetten hin und her. Merkwürdig, wunderte Ralph sich, wieso gehen die Türen nicht automatisch auf?

Er zuckte mit den Schultern. Darauf war er nicht angewiesen.

Er krachte den ersten Gang rein und gab Gas.

Der Motor heulte laut auf, als der Lieferwagen einen Satz nach vorne machte. Er schoss direkt durch den Schnee auf die Glastüren zu.

 

Vincent lud die Flinte nach und ballerte einer Frau den Kopf von den Schultern. Neben ihm mähte Kai mit seinem Sturmgewehr zwei auf einmal über den Haufen. Patronenhülsen flogen wie ein Hagelschauer durch die Gegend.

Sie hatten sich zwischen Regalen voller Computerspiele verbarrikadiert, ein paar Gänge von den Fernsehern entfernt. Ihren Rücken hielten drei ineinander verkeilte Aufsteller frei: Spiderman, ein Uruk-Hai und Homer Simpson in doppelter Lebensgröße, erstarrt zu einem bizarren Handgemenge.

Im Gang vor ihnen liefen panische, aus vielen Wunden blutende Menschen vorbei, verfolgt von den wahnsinnigen Mitarbeiterinnen des House Of The Rising Sun.

Es war alles so grotesk, so verrückt, so völlig abgedreht, dass Vincent immer noch nicht glaubte, was hier passierte. Sie befanden sich inmitten eines Massakers, eines Blutbades epischen Ausmaßes. Die ausschließlich weibliche Belegschaft des Ladens war komplett durchgeknallt. Die Hemden von den Körpern gerissen, suhlten sie sich im Blut ihrer Opfer. Sie zerfetzten sie bei lebendigem Leib, rissen Brocken aus ihnen heraus und stopften sie sich in den Mund, um voller Genuss auf dem rohen Menschenfleisch herumzukauen.

Vincent hatte beobachtet, wie zwischen Waschmaschinen und Wäschetrocknern drei gleichzeitig über einen Rentner herfielen. Eine schlitzte mit ihren langen Fingernägeln den faltigen Bauch auf. Dabei gackerte sie irre, während die anderen seine Gedärme mit den Zähnen herausrissen. Sie spielten mit den Innereien, warfen sich die Schlingen wie Hawaiiketten um die Hälse. Sie kicherten wie kleine Mädchen und bestrichen ihre wohlgeformten Körper mit dem Blut. Dann waren sie gierig übereinander hergefallen, hatten sich gegenseitig die Zungen in die Hälse gesteckt und sich abgeleckt. Es sah aus wie Schlammcatchen in Blut.

Bei dem Computerzubehör hatte er eine nackte Blonde davon abgehalten, einem Mann das Geschlecht abzubeißen. Zwei Frauen hielten ihn an den Armen fest, während sie seine Hosen runterzog. Sie senkte sich mit weit aufgerissenem Mund über ihn, da verpasste Vincent ihr eine Ladung Schrot in den Nacken. Die anderen beiden hatte Kai mit zwei kurzen Feuerstößen aus dem Sturmgewehr gerichtet.

Jetzt hockte der pockennarbige Perverse neben ihm und visierte den Gang an. „Na kommt schon, ihr Süßen, kommt zu Daddy.“, flüsterte er gebetsmühlenartig. Er schien sich deutlich besser auf diese verrückte Scheiße einstellen zu können, als Vincent selbst.

„HÖRT AUF!“ Eine Stimme wie ein Gewitter. Omnipräsent, dröhnend, ein Donner, der durch das House Of The Rising Sun fegte.

Abrupt endete das Schlachten.

Schreie verebbten zu Gegurgel und Blubbern. Irres Kichern verwandelte sich in atemloses Keuchen.

„KOMMT ZU MIR!“ Die Stimme vibrierte in Vincents Ohren, als tobte ein Nest Wespen in seinen Gehörgängen.

Er stieg auf Spidermans Oberkörper und lugte über das Regal.

Wie in Trance steuerten alle nackten, blutbesudelten Schönheiten auf den Eingang zu. Dort stand - von Sonne!

Einige der Frauen zogen zerfetzte Leichname hinter sich her. Nacheinander traten sie vor die mutierte Gestalt von Sonnes, stapelten die Körper vor seinen Füßen zu einem Haufen.

Während sich die vor Lust und Anstrengung keuchenden Schlachterinnen zu einem Halbkreis vor ihm versammelten, wie es die Kundschaft noch wenige Augenblicke zuvor vor Peter getan hatte, schlug er die Klauen in den Leichenberg.

Es folgte ein widerliches Knacken. Dann ein Knirschen, als brächen Äste entzwei. Mit einem Ruck riss er etwas aus den Körpern heraus. Ein behaarter Unterschenkel samt Fuß. Er biss davon ab wie von einem Maiskolben. Blut spritzte ihm wie Öl in die Fratze. Mit jedem Bissen, den er herunterschluckte, schrumpfte das Loch in seinem Bauch.

Vincent sah fassungslos zu, wie sich eine kristalline Struktur um die Wundränder legte. Von Sonne schluckte, glitzernde Steine schoben sich aus dem Bauchfleisch. Er schluckte wieder, weitere Kristalle wuchsen. So lange, bis sie sich in der Mitte miteinander verbanden und das Loch verschlossen. Schließlich floss eine Wand aus Blut über die Stelle, Hautfetzen krabbelte über die winzigen Steinchen und bedeckten sie mit einem beachtlichen Sixpack.

Das Monster warf den Knochen achtlos beiseite. Fleischfetzen flogen auf, als er durch die Luft kreiselte und zu Füßen einer der nackten Frauen landete. Sie hob ihn auf und nagte die Reste ab.

Wieder vergrub er die Pranken in den blutenden Leibern. Dieses Mal zog er den Kopf einer grauhaarigen Dame heraus. Er biss in das Gesicht hinein wie in einen saftigen Apfel.

Seine riesigen Augen huschten wachsam durch das House Of The Rising Sun.

Die winzigen Buckel auf der Stirn, die Vincent anfangs für Lipome hielt, brachen auf. Kleine, gedrehte Hörner schoben sich aus den Öffnungen. Noch während sie sich in die Höhe schraubten, sah von Sonne auf, als hätte er einen plötzlichen Einfall.

Er nahm den Kopf vom Gesicht, schluckte und sagte dann mit dieser Stimme, die wie das fauchende Feuer der Hölle klang:

„JAGT SIE!“

Vincent wusste – er und seine Kumpanen waren gemeint.

Er wollte nicht der Gejagte sein, das Opfer. Die Rolle des Jägers lag ihm besser. Er schob zwei neue Hülsen in die Doppelläufe und klappte die Flinte zu. Ein Blick zu Kai. Der nickte stumm.

Gemeinsam traten sie auf den Gang hinaus. Sie marschierten strammen Schrittes auf den Eingang zu. Die letzten Regale teilten sich, dann standen sie der Horde verrückter Weibsbilder und ihrem wahnsinnigen Sektenführer gegenüber.

„Ihr braucht nicht lange zu suchen!“, brüllte Kai ihnen entgegen.

Vincent setzte nach: „Party is over.“

Was hatten diese Bekloppten ihnen schon entgegenzusetzen? Sie waren unbewaffnet. Ein Haufen blutgetränkter, nackter Frauen und ein Freak, der völlig im Widerspruch mit der Natur stand, aber letztendlich nur ... ein Freak war.

Die aufgerissenen Augen von Sonne hefteten sich auf sie. Erst jetzt fiel Vincent auf, dass er fast drei Meter groß war. Die Hörner krönten den kahlen Schädel wie bei einem Teufel. Die Hände waren Baggerschaufeln von spitz zulaufenden Klauen. Der Anzug hing in Fetzen an dem immensen Leib herab. Er sah aus wie durchgedrehter, riesenhafter Bodybuilder, dessen Muskeln unter einem Blutfilm nervös zuckten.

Seine Pupillen brannten in einem ungesunden Gelbton, der Blick bohrte sich in Vincents Geist. In seinem Kopf summte etwas, er verspürte das Stechen von beginnendem Kopfschmerz.

Plötzlich explodierte der Geschäftsführer in einer Flammensäule. Das Feuer schoss bis über das zweite Stockwerk hinaus, wie die Zunge eines Reptils peitschte sie auf.

Vincent blinzelte. Die Flammen waren weg. Waren sie überhaupt da gewesen?

Von Sonne sah anders aus.

Völlig anders.

Mindestens fünf Meter groß. Die Haut von einem Rot, das von innen heraus zu glühen schien. Sie umfloss die immensen Muskeln wie eine magische Aura. Ledrige Dämonenflügel klappten an den Seiten auf. Sie fegten von den Galerien hängende Banner und Plakate beiseite. Das Papier ging in Flammen auf und regnete als Asche zu Boden.

Der Anzug war verschwunden. Die Kreatur war nackt. Zwischen den Beinen baumelte das größte Gemächt, das Vincent je gesehen hatte.

Das breite Grinsen – von einem Ohr bis zum anderen – schob sich noch weiter auseinander, eine Reihe spitzer Zähne blitzte auf. Der kolossale Satan riss das Maul auf. Beugte den überdimensionalen Körper vor, die Muskeln bis auf das Äußerste angespannt. Die Augen – gigantische, vor Hass glühende Rubine – visierten die beiden Männer an.

Im Rachen der Kreatur sah Vincent etwas glühen. Feuer drehte sich zu einer Kugel um sich selbst und beleuchtete die Haifischzähne und die gespaltene, viel zu lange Zunge. Der Flammenball wuchs immer weiter an.

Vincent war nicht in der Lage, sich zu rühren. Das konnte einfach nicht sein! War völlig unmöglich! Aber er spürte, dass er nicht träumte. Hier passierte etwas außerhalb seiner Vorstellungskraft. Das Summen in seinem Kopf nahm zu, schluckte alle anderen Geräusche. Er erkannte, was es war: das Schreien seines Verstandes, kurz vor dem Kollaps.

Der Feuerball im Schlund des Teufels kreiselte um sich selbst, wirkte wie ein Geschoss. Das Maul zeigte direkt auf Vincent.

 

Die Glasfront hinter der Kreatur explodierte zu einem Hagelschauer aus Splittern. Das Krachen übertönte alle anderen Geräusche. Glas regnete über von Sonnes Rücken, dann preschte der Lieferwagen in seine Beine.

Seine Füße wurden nach vorne gerissen. Der titanische Satan fuchtelte mit den Armen, die Flügel schlugen auf und ab, rissen dabei den Kaffeeautomaten aus der Verankerung und schleuderten ihn in die Elektronikabteilung.

Wie in Zeitlupe fiel er nach hinten. Die Frauen liefen kreischend weg.

Er durchstieß die Reste der gläsernen Wand, die sich bis zum dritten Stockwerk erhob. Als sein massiger Leib auf den Boden donnerte, bebte das gesamte Gebäude. Regale kippten um, verteilten die Ware über die blutigen Fliesen.

Ralph krachte mit dem Lieferwagen mitten in den Leichenhaufen. Die Hinterräder hoben ab. In dem Moment, als sie wieder aufschlugen, verschwand das Fahrzeug unter den Beinen der Kreatur.

Vincent ließ die Flinte fallen, kniete sich hin und presste die Handflächen auf die Ohren.

Der Krach war unbeschreiblich.

 

Immer noch erklang das Geräusch von herabrieselnden Splittern. Vincent sah auf. Durch die zerstörte Front fegte eine Schneewand in das House Of The Rising Sun. Dort, wo die Flocken auf den Körper von Sonnes trafen, zischten sie und verwandelten sich in Wasserdampf.

Die Frauen liefen zu ihrem Meister, versammelten sich um seinen liegenden, feuerroten Leib. Sie schienen verwirrt, rieben sich die Gesichter, krausten sich die verklebten Haare.

Der Lieferwagen war platt wie eine Packung Druckerpapier. Aus den Lagen gepressten Metalls rann Blut hervor. Ralph war definitiv hinüber.

Von Sonne richtete den Kopf auf, lehnte ihn in eine Handfläche, den Ellenbogen lässig auf den Asphalt des Parkplatzes gestützt, als läge er auf einem Sofa. Die andere Hand zeigte ins Gebäudeinnere. „SCHNAPPT SIE EUCH!“

Dann schnippte er mit den Fingern.

Die unsichtbaren Musikboxen erwachten zum Leben: Ein wild quietschendes E-Gitarrenspiel erklang. Eine disharmonische, messerscharfe Melodie. Vincent kam sie vertraut vor. Als das Schlagzeug losbretterte und die Musik sich in eine Schallmauer aus Krach verwandelte, die durch das House Of The Rising Sun brüllte, erkannte er das Lied: Raining Blood von Slayer. The Animals mit dem Titellied des Einkaufszentrums wäre ihm lieber gewesen.

Die Frauen wirbelten herum. Sie stürmten auf sie zu.

Vincent hatte noch nicht die Flinte aufgehoben, da war bereits die erste heran.

Ihr Kopf zuckte zur Seite, sie wurde herumgerissen und landete in einem Stapel DVD-Angebote. Vincent warf einen Blick in die entgegengesetzte Richtung: Peters Gesicht grinste ihn um die Ecke eines Regals an. Die Augenlider auf Halbmast, in der Hand die rauchende Beretta.

Vincent hob die Flinte auf und pumpte der nächsten Schlampe eine Ladung Schrot in den Leib. Sie zerplatzte direkt vor ihm. Kais Sturmgewehr ratterte los.

Schüsse brüllten, krachten, peitschen durch das House Of The Rising Sun. Hundertfach widerhallend und begleitet von dem Platschen in Körpern einschlagender Kugeln. Feuerzungen zuckten, Rauch stob auf. Frauen kreischten. Patronenhülsen klimperten auf die Fliesen. Über allem dröhnte wilder Trash Metal.

Sie hatten alle niedergemäht.

Sämtliche Schlampen lagen in ihrem eigenen Blut. Zwei röchelten aus zerschossenen Kehlen. Eine quiekte erstickt, während ihr Lebenssaft aus der geöffneten Brust floss.

Vincent wischte sich mit dem Unterarm einen Klumpen Gehirn von der Glatze.

Doch es war nicht vorbei. Noch lange nicht.

 

Der Satan stand breitbeinig über dem Matsch aus Leichen und dem platt gedrückten Lieferwagen. Er ragte bis zur dritten Galerie auf. Die riesenhaften Augen huschten durch das Geschäft. Flammenzungen leckten über die glühende Haut.

Vincent und Kai hatten sich hinter einen Stapel Kartons versteckt, auf dem ein Widescreen-Monitor für 299,- Euro thronte. Von Peter keine Spur.

Vincent schob die letzten beiden Patronen in das Gewehr, Kai wechselte das Magazin der AK47. Mit dem Handballen rammte er es hinein. Er spähte um die eingepackten Bildschirme herum.

Vincent tat es ihm auf der anderen Seite gleich.

Von Sonne atmete schwerfällig. Er war stinksauer. Die Pranken zu Fäusten geballt ruckte sein Kopf hin und her auf der Suche nach ihnen.

Vor den Überresten des Lieferwagens lag ein Bündel.

„Kai“, flüsterte Vincent, „du musste ihn irgendwie ablenken.“

„Kein Problem.“ Der Wichser grinste. Er schien sich zu freuen. Verrückter Idiot.

Dann sprang Kai aus der Deckung. Er lief ein paar Schritte auf den titanischen Teufel zu und rief: „Hey, Arschficker!“ Das Sturmgewehr knatterte los.

Die Kugeln rissen blutige Bahnen über den riesigen Körper. Roter Saft spritzte auf. Fleischklumpen sprühten auf die Brüstungen der Galerien und klatschen in die Regale, Sonderangebote und gegen die Kassen. Inmitten des Crescendos der Musik und dem Dröhnen des Gewehrs preschte Vincent los. Auf das Bündel zu.

Die Kugeln sausten über seinem eingezogenen Kopf hinweg, zerschnitten die Luft. Fraßen sich in von Sonne. Er zuckte unter den Einschlägen. Es sah aus, als würde er von einem Schwarm Bienen gestochen und nicht von Geschoßen durchsiebt werden.

Vincent packte sich den Rucksack.

Ein Fuß, der ihm bis zur Hüfte reichte, krachte neben ihn auf den Boden. Fliesen zerbarsten, Splitter spritzen ihm ins Gesicht. Er riss den Kopf herum, um die Augen zu schützen und sprang in einem zur Seite.

Er wirbelte herum. Die Schritte donnerten wie Hämmerschläge durch die Verkaufshalle. Aber sie entfernten sich. Die Kreatur lief auf Kai zu.

Der Idiot rührte sich nicht von der Stelle. Seelenruhig warf er das Magazin aus, rammte ein neues in das Sturmgewehr und feuerte weiter. Er grinste irre, das Mündungsfeuer zuckte wie ein Stroboskop über seine Visage. Sein ganzer Körper tanzte unter den Rückstößen der Waffe.

Blut tränkte ihn in großen Klecksen, als die Kugeln weitere Löcher in den dämonischen Leib stanzten.

Der Fuß senkte sich blitzschnell, stampfte kräftig auf. Das Rattern erstarb, Kai war weg.

Vincent lief zur rechten Ferse, legte die Doppelläufe auf die Achillessehne, die so dick wie sein Handgelenk war. Er drückte beide Abzüge durch. Eine doppelte Explosion, etwas Warmes klatschte in sein Gesicht. Er ließ die Flinte fallen und suchte das Weite.

Von Sonne brüllte. Es klang wie das ohrenbetäubende Röhren eines Büffels durch ein Megafon. Irgendwo klirrte Glas.

Der Titan wirbelte herum, fegte dabei Regale und den Monitor-Angebotsturm beiseite.

Vincent floh hinter eine Reihe Waschmaschinen. Er rutschte in einer Blutlache aus und schlidderte weiter bis zu den Wäschetrocknern. Er lugte über ein besonders teures Modell hinweg.

Der Teufel humpelte auf ihn zu. Die schweren Maschinen hüpften unter den Erschütterungen der Schritte. Sein rechter Fuß baumelte nutzlos an dem Bein herab.

Vincent griff in den Rucksack, packte eine Granate. Er zog den Ring. Schleuderte sie in hohem Bogen in die Richtung des linken Fußes.

Die Detonation schob die Wäschetrockner auf Vincent. Er wurde unter einem Berg Metallkisten begraben. Der Krach fetzte ihm durch die Gehörgänge und ließ ein monotones Fiepen zurück.

 

Er presste beide Hände auf die kalte Stahlfläche, die ihn zu erdrücken drohte. Mit einem hohlen Rumpeln kippte die Maschine zur Seite. Vincent wuchtete sich aus dem Loch, zog den Colt aus dem Schulterholster und blickte sich um.

Die Musik war aus. Mitten in der Halle schwebte von Sonne. Seine riesigen Fledermausflügel schlugen mit einem Klatschen auf und ab, hielten ihn in der Luft. Die äußeren Spitzen des Leders streiften über die Galerien.

Dort, wo seine Füße hätten sein sollen, sprudelte Blut in Sturzbächen aus Stümpfen. Sie fluteten das Erdgeschoss mit einer riesigen Pfütze, einem wahren See aus schimmerndem Rot. Es plätscherte wie ein Bach in einer Stromenge.

„Friss das, du Wichser!“

Peter! Er schlidderte um ein Regal herum, rutschte in dem Blut aus, fiel auf den Hosenboden. Es klatschte, als die rote Farbe aufspritzte. Er hielt die Beretta mit beiden Händen. Pumpte sein gesamtes Magazin in von Sonnes Hintern. Der Schlitten zuckte vor und zurück, die Pistole zappelte in wilden Blitzen auf und ab. In den diabolischen Arschbacken blühten rote Kränze auf.

Der Satan wirbelte in der Luft herum und stürzte sich auf seinen Freund.

Vincent hob den Colt an und schoss. Kugel für Kugel verschwand in der Kreatur, ohne Schaden anzurichten. Der Hahn klickte in die leere Trommel. Vincent ließ den Revolver fallen.

Jede Rettung würde zu spät kommen. Er konnte nur noch eines tun. Ein Plan nahm Gestalt an. Er schlummerte im Unterbewusstsein, ihm war gar nicht klar, wie er eigentlich aussah. Dennoch setzte er ihn in Ermangelung an Alternativen um. Ohne zu wissen, was er machen würde, zog er sein Stiefelmesser und rannte los.

Mitten im Lauf griff er in eine Auslage und packte eine Rolle Panzertape. Er riss die Verpackung entzwei und schnitt mehrere Streifen Klebeband ab. Die heftete er auf seinen Kapuzenpullover.

Er sprintete die Rolltreppe hinauf. Wickelte die Fetzen um den Rucksack.

Weiter, die nächste Treppe hinauf. Noch mehr Streifen über den Nylonstoff. Immer mehr. Die losen Ränder baumelten auf der Vorderseite des Sackes herab, flatterten im Wind seines wilden Laufs.

Die nächste Treppe. Seine Lungen brannten wie Feuer. Sein Herz donnerte wie ein Maschinengewehr.

Noch mehr Bahnen Panzertape. Bis der ganze Beutel zugeklebt war, außer auf einer Seite. Er zog den Reißverschluss ein Stück auf. Griff eine Granate.

Ein Blick nach unten.

Der Dämon riss Peters Leib in zwei Teile. Noch mehr Blut und Fleisch spritzten durch das House Of The Rising Sun.

Das Monster schlug die Flügel auf. Wuchtete sich in die Höhe. Etwas kraftlos. Aber immer noch mächtig.

Er will fliehen!

Die nächste Rolltreppe.

So einfach kommst du mir nicht davon, du Wichser!

Vincent zog den Ring aus der Granate. Warf sie in den Sack zu den anderen. Zog den Reißverschluss zu.

Der riesige Leib rauschte wie eine Atomrakete an ihm vorbei, hinauf zum Kuppeldach.

Vincent sprang über die Brüstung.

Er klatschte den Rucksack auf von Sonnes Rücken. Er hielt.

Sein Bauch kribbelte im Gefühl der Schwerelosigkeit.

Über ihm krachte der Dämon durch die Kuppel. Das Buntglas zerbarst.

Sonnen explodierten in schneller Folge. Kanonenschüsse bollerten.

Vincent schlug auf, mitten in den Leichenberg. Der Aufprall presste ihm die Luft aus den Lungen.

Knochen brachen, Körper platzten auf.

Gedärme warfen sich über ihn, warmer Matsch zog ihn in die Tiefe. Bis nur noch sein Gesicht herausragte.

Es regnete Blut, Fleisch und Feuer.

Doch dieser Regen verwandelte sich. Er glitzerte, stob auf wie tausend kleine Sternschnuppen. Das Knistern von Wunderkerzen, das Strahlen von Diamanten.

Tatsächlich: Es regnete Edelsteine. Klare, funkelnde Juwelen. Sie prasselten Vincent ins Gesicht.

Er stand auf, schob sich aus der glitschigen Masse zerfetzter menschlicher Körper.

Er streckte die Handflächen vor sich, wie ein Kind, das den ersten Schnee auffing.

Diamanten.

Unermesslicher Reichtum.