Sean Beckz

 

Der Tätowierer

 

Es war ein wunderschöner Spätsommermorgen und ich wurde durch streitende Elstern in meinem Garten geweckt. Wie immer an schönen Tagen hatte ich nackt geschlafen und das große Schlafzimmerfenster, das beinahe vom Boden bis zur Decke reichte, einen Spalt breit offen gehabt. Es war Samstag und ich hatte frei, aber war den lauten Vögeln trotzdem nicht böse. Ich hatte zwar keine Ahnung, warum diese beiden Elstern fast jedes Wochenende gerade in meinem Garten diesen Lärm machten, aber sie waren ein hervorragender Wecker. Es war 7:30 und Zeit aufzustehen, denn ich hatte noch viel vor an diesem Wochenende. Ich blieb noch ein paar Minuten mit offenen Augen liegen, streckte mich dann ganz entspannt und stand auf. Ich öffnete meine Jalousie und schaute vorsichtig aus dem Fenster. Dort waren sie. Zwei Elstern, von denen eine etwas im Schnabel hielt und die andere offenbar eifersüchtig war. Jedenfalls hüpfte sie wild hinter der anderen her und gab ihre typischen Laute von sich. Mir fiel auf, dass es im Grunde ein sehr schönes Motiv darstellte! Ob es ihr wohl gefallen würde? Ich holte schnell meine Kamera, die immer griffbereit war und fotografierte die Elstern mehrmals hintereinander.

Mein Ablauf an einem freien Morgen glich schon fast einem Ritual und gestaltete sich immer gleich. Zuerst betrat ich das gegenüberliegende Bad, besuchte die Toilette und zog mir vorübergehend bequeme Sportsachen an. Dann ging ich ins Untergeschoss, schaltete meinen Kaffeevollautomaten ein und ließ mir von dieser hervorragenden Erfindung einen exzellenten Kaffee zubereiten. Jedes Mal aufs Neue genoss ich den Geruch der frischgemahlenen Bohnen, der bei diesem Vorgang entstand und bewunderte die feine Crema auf dem fertigen Produkt. Ich liebte einen guten und heißen Kaffee am Morgen, aber zum kompletten Glück fehlte noch etwas! Ich nahm mir also meine Illy-Tasse aus der Sonderedition, ging ins Wohnzimmer und steckte meine Zigaretten ein. Vor meiner Haustür, direkt neben dem angrenzenden Maisfeld, stand eine alte Holzbank, die die Form eines Einbaums aus Ozeanien hatte, und dort erreichten zu dieser Zeit schon die ersten Sonnenstrahlen mein Grundstück. Ich öffnete also die Haustür, ging zu besagter Bank, stellte meinen Kaffee ab und setzte mich. Nun noch schnell die Zigarette angezündet und Sekunden später genoss ich den Anbruch dieses neuen, vielversprechenden Tages mit geschlossenen Augen.

Ich dachte an meine langweilige Arbeit, die mir zwar ein immenses Einkommen sicherte, aber ansonsten stinklangweilig war. Dokumente unterschreiben, Anträge bewilligen, langweilige Seminare besuchen und Paragraphen wälzen. Erfüllung sah anders aus! Hier zu sitzen, einen Kaffee, eine Zigarette und die Sonne genießen, kam Erfüllung schon näher. Jedenfalls ein kleiner Teil davon. Ich wollte nun nicht mehr an die Arbeit denken, denn es war Wochenende und ich konnte wieder meiner Passion nachgehen.

Zuvor stand allerdings noch der zweite Teil meines morgendlichen Rituals auf dem Programm und ich ging wieder hinauf ins Bad. Die sportliche Bekleidung landete im riesigen Weidenkorb, den ich nur zu diesem Zweck aus Südfrankreich mitgebrachte hatte und ich betrat meine Dusche, die zwar auf Antik getrimmt war, aber in Wahrheit nur aus den besten Sanitärarmaturen bestand. Ich stellte den Duschkopf auf tropischen Regen ein und genoss das warme Wasser, das wie ein sanfter Platzregen über mich hinweglief. Ich wusch mich gründlich mit dem Duschgel von Kenneth Cole, das in meinen Augen den typischsten Geruch von Männlichkeit hinterließ. Im Anschluss rasierte ich meine Achseln und meine Scham, wie ich es schon seit über 10 Jahren tat, als bei den meisten Männern noch ein wilder Urwald zwischen den Beinen wucherte. Als ich fertig war, trocknete ich mich mit einem großen Saunatuch ab, das ohne Weichspüler gewaschen war, um die Feuchtigkeit besser aufzunehmen und der Haut ein leichtes Peeling zu geben. Ich putzte die Zähne wie immer erst nach dem Kaffee, da sonst sein Geschmack verfälscht worden wäre und gurgelte mit Listerine Original, das ich extra aus den USA bestellte. Ich liebte den beißenden Geschmack nach purer Chemie, der es nur kurz auf den europäischen Markt geschafft hatte. Der Blick in den Spiegel verriet mir, dass alles OK war und ich verzichtete darauf, mein Gesicht blitzblank zu rasieren. Meine Hautfarbe machte einen guten Eindruck und meine grünen Augen glänzten, wie sie es nur an Tagen wie diesen taten. Ich zog mir frische Sachen an und strafte den Anzug, der über dem stummen Diener hing, mit Desinteresse. Es war Samstag und ich brauchte auf keine Konventionen achten! Ich entschied mich für eine Jeans und ein schlichtes, schwarzes T-Shirt.

Der Tag konnte beginnen und ich durfte wieder ich sein! Denn ich war ein Künstler und nun wollte ich mich wieder ganz und gar der Kunst widmen. Meiner Kunst! Ich malte keine Bilder, erschuf keine Skulpturen und schrieb auch keine Gedichte. Ich widmete mich ganz der Virtuosität des Tätowierens und betrachtete diese Mischung aus Kunst und Handwerk aus einem völlig neuen Blickwinkel. Ich besaß sämtliche Standardliteratur zu diesem Thema und dicke Bildbände zierten mein Bücherregal. Dort standen Chinese Tattoo Art, die Latino Art Collection, Haut-Geschichten, Black and Grey Tattoo 1-3, Kalinga Tattoo, Japanische Körperkunst und noch so viele mehr. Auch sämtliche Filme zu diesem Thema standen in meinem Regal, ganz zu schweigen von den TV-Dokus, die mich, um ehrlich zu sein, mehr zum Onanieren anregten, als zum Verfeinern meiner Fertigkeiten.

Technisch hatte ich mich in den letzten Wochen perfekt ausgerüstet. Ich besaß nun eine Dragonfly-Rotary-Tätowier Maschine, beinahe die gesamte Farb-Palette von Intenze, dazu einen Mini-Autoklaven zum Sterilisieren, ein Ultraschallbad zur Reinigung, die üblichen Nadeln, Farb-Becher, Handschuhe und alles, was man so benötigt. Wichtig war natürlich auch ein vernünftiger Drucker für die Schablonen und Übungshaut, die ich anfangs noch verwendete, nach mehrmaligem Probieren aber als völlig untauglich einstufte. Nichts war mit menschlicher Haut vergleichbar und nur auf ihr konnte man üben und sein Können verbessern. Da ich jedoch noch ganz am Anfang meiner Fertigkeiten stand, war es verständlicherweise nicht ganz einfach, entsprechende Modelle zu finden, besonders da ich ja keine öffentlichen Räumlichkeiten besaß. Wie erwähnt, konnte ich meiner Berufung nur am Wochenende oder im Urlaub nachgehen und zu diesem Zwecke hatte ich mir ein perfektes Studio im Keller meines Hauses eingerichtet.

Voller Vorfreude auf die nächsten intensiven Stunden in meinem privaten Tattoo-Studio, bereitete ich mir noch mein Frühstück zu. Ich briet mir 4 Scheiben hauchdünnen Bacon, zwei Spiegeleier und dazu genehmigte ich mir noch einen Pfannkuchen mit Ahornsirup. Für sie mischte ich ein frisches Müsli aus Nüssen, Haferflocken und getrockneten Früchten. Um das Ganze zu etwas besonderem zu machen, schnitt ich noch Teile einer frischer Mango und einen halben Apfel hinein. Nachdem ich mein Frühstück mit einer zweiten Tasse Kaffee und einer abschließenden weiteren Zigarette genossen hatte, schnappte ich mir die hübsche Müslischale und ging in den Keller.

 

Der Keller war angenehm temperiert und der lange Flur, der an der Treppe begann, führte schnurstracks zu meinem Studio. Den Raum hatte ich mit einer schweren Stahltür verschlossen, die ich nun öffnete, indem ich erst eine Zahlenkombination eingab und dann den Sicherheitsschlüssel einführte. Hatte man diese Hürde überwunden, ließ sich die Türe kinderleicht und ohne einen Laut von sich zu geben, öffnen. Ohne Zugangsberechtigung war es fast ein Ding der Unmöglichkeit, in das Studio zu gelangen. Ich schaltete den Lichtschalter ein und war immer wieder aufs Neue begeistert. Der Raum war perfekt eingerichtet und entsprach allen Hygienestandards, die sonst nur in der Chip- oder Pharmaindustrie angewandt wurden. Hochleistungs-Schwebstofffilter versorgten die Umgebung mit reiner Luft und sowohl die Edelstahlwände, als auch der fugenfreie Bodenbelag waren leicht zu reinigen und desinfizieren. Auch das Bett, das sich an der linken Wand des Zimmers befand, war unkompliziert zu reinigen und zu pflegen. Es bestand aus einem Edelstahlrahmen dessen Auflage mit einer robusten Kunstoffplane überzogen war, die aus dem gleichen Material wie LKW-Planen bestand. Genau dort lag sie! Nackt in ihrer ganzen Pracht. Mein Model, das ich auf einer Tattoo-Convention kennengelernt hatte und die bis vor wenigen Wochen in Sachen Körperkunst gänzlich jungfräulich war. Sie war das perfekte Tattoo-Objekt! 20 Jahre junge Haut, die einen eleganten blassen Teint besaß, schlanke Figur und straffe Brüste, deren Nippel ein wenig nach oben schauten. Dazu lange rote Haare, die fast bis zur Hüfte reichten und ein Gesicht, das der beste Maler nicht schöner hätte zeichnen können. Hohe Wangenknochen, volle Lippen, große blaue Augen und zwei symmetrische Gesichtshälften. Sie war wunderschön und durch meine Arbeit würde sie noch viel schöner werden.

Sie schien noch zu schlafen und dies zeigte mir nur, dass die Ketten, mit denen ihre Füße am Bett befestigt waren doch nicht so fest sein konnten, wie sie immer beklagte. Ihre Beine waren schon fertig gestaltet worden und das linke endlich abgeheilt. Das rechte hatte ich erst vor 4 Tagen tätowiert und die Wunden waren teilweise von einer dicken Schorfschicht überzogen. Zudem nässten manche Stellen und die untere Hälfte der Bettauflage war verschmiert mit Blut und Wundsekret. Wie gut, dass sich das Material so gut abreinigen ließ! Das Motiv des linken Beines war mir zuerst leider völlig misslungen, dies musste ich mir eingestehen. Anfangs wollte ich einige Schmetterlinge dort abbilden, die auf Blumen saßen, aber sie hatten leider keine Ähnlichkeit zur Vorlage. Ich entschloss mich daher, im Sinne der künstlerischen Freiheit, ihr ganzes Bein einfach schwarz zu tätowieren und jetzt fand ich es hübsch. Ganz zu schweigen von sehr selten! Tagelang war ich damit beschäftigt gewesen und sie wurde mehrmals ohnmächtig, aber was man begann, sollte man auch zu Ende führen! Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis das Bein verheilt war und ich besorgte Unmengen aseptischer Heilsalbe, die ich nun auf Vorrat im Kühlschrank lagerte.

Das Motiv des rechten Beins sah trotz Schorf viel besser aus als das linke. Ich hatte es hier mit Tribals versucht und mich an der natürlichen Zeichnung eines Zebras orientiert, mit dessen Resultat ich sehr zufrieden war. Es war erst mein zweites Tattoo auf menschlicher Haut und da musste man Abstriche machen. Als ich mich meinem Model – ihr Name war übrigens Rebecca – langsam näherte, wurde sie plötzlich wach und zog sich blitzschnell, wie eine ängstliche Katze, die man in die Ecke gedrängt hat, bis zur Wand zurück. Sie zog die Beine wie zum Schutze an und bedeckte ihre Brüste mit den Händen. Gleich würde das Kätzchen zu fauchen beginnen.

„Du verdammte Mistsau!”, waren ihre ersten, nicht gerade schmeichelhaften Worte, die sie mir entgegenbrüllte, „lass mich endlich frei, du Irrer!”

Ich führte meinen Zeigefinger zum Mund und lächelte: „Pssst, Becca. Ich habe dir Frühstück gebracht. Willst du nicht...?”, weiter kam ich nicht.

“Ich scheiße auf dein Frühstück! Lass mich raus hier! Lass mich einfach raus!”

 

Ich schüttelte den Kopf: “Aber, aber. Wir sind doch noch gar nicht fertig. Heute ist dein Rücken dran und ich habe schon ein wunderschönes Motiv für dich.”

Sie schrie nun so laut und hysterisch, dass es klang, als wollte ihr zuletzt herausgerufenes Wort ihr erstes noch überholen: „Ich bin fertig, Du Schwein! Fix und fertig! Schau mich doch mal an. Du hast mich völlig entstellt.” Ihre Augen wurden glasig und gleich würde sie beginnen vor Selbstmitleid zu weinen. Sie war undankbar. Ich bemühte mich so sehr um sie und sie wusste es nicht zu schätzen.

„Weißt Du eigentlich, wie viel Zeit und Mühe es mich kostet, Deinen Körper zu verschönern? Ich mache ein Kunstwerk aus Dir und Du schreist hier rum. Du bist undankbar, mein Kind. Undankbar!”

Nun lachte sie, aber es klang eher panisch als freudig: „Verschönern? Verschönern? Ich sehe aus wie ein Monster und ich wollte zu keiner Sekunde verschönert werden. Erst recht nicht von dir, du beschissener Psychopath!”

Ihre Worte trafen mich nicht, schließlich war sie gerade erst aufgewacht und alles war noch sehr frisch. Schon bald würde sie ihre Einzigartigkeit erkennen und sie mit Stolz erfüllen.

„Beruhige dich, Becca. Iss erst einmal etwas und lass uns dann fortfahren.”

Ihre Stimmlage änderte sich genauso wie ihr Gesichtsausdruck, der nun eher weinerlich aussah und mich an die alte Bettlerin erinnerte, die immer jammernd vor dem Supermarkt saß und die Hand aufhielt.

„Bitte. Bitte, hör auf damit. Schau dir meine Beine an. Reicht das denn nicht? Lass mich frei und ich werde Niemandem etwas erzählen”, sie rückte ein wenig nach vorne und breitete ihre Hände aus, so dass ich ihre wunderschönen Brüste sehen konnte. „Bitte, lass mich frei!”

Ich schüttelte erneut den Kopf. Energischer als vorhin und hielt ihr die Müslischale entgegen, die sie mir wütend aus der Hand schlug. Sie zerbrach auf dem Boden und der gesamte Inhalt versaute den klinisch-reinen Bodenbelag. Ich spürte eine gewisse Wut in mir aufkommen, die sich am Zucken meiner Augenlider bemerkbar machte. Vielleicht hätte ich diese Wut noch im Zaum halten können, aber ihre nächsten Worte waren zu viel. Selbst für einen beherrschten Zeitgenossen, wie ich einer war. Aus meinem weinerlichen Model wurde wieder die Furie.

„Weißt du, was das Schlimmste an der ganzen Situation ist? Weißt su das?”, sie erwartete vielleicht eine Antwort, aber ich stand nur stumm vor ihr, „Du bist kein Künstler, du Spinner! Und du kannst nicht tätowieren. Du bist einfach nur ein Psychopath, du verdammter Wichser!”

Das war genug! Diese Beleidigungen trafen mich ganz tief und ich empfand sie als vollkommen ungerechtfertigt. Dieses Luder! Was verstand sie schon von Kunst? Andere zahlten tausende von Euro für solche Tattoos und sie beschwerte sich noch! Ich musste sie zurechtweisen und ich griff mir die Sprühflasche Propanol, mit der ich normalerweise die Oberflächen desinfizierte. Ich schraubte den Sprühaufsatz ab und schüttete den gesamten Inhalt über die nässenden Wunden ihres rechten Beins. Sie schrie in solch einem schrillen Ton auf, dass sie ein Weinglas zum Bersten gebracht hätte und warf sich hin und her auf ihrem Bett. Die Tonfrequenz änderte sich jedoch schon bald und aus dem schrillen Schrei, wurde ein Jammern, dass wie ein verletzter junger Welpe klang. Dazu gesellten sich schnell rotzende Töne, die in der Nase ihren Ursprung fanden. Es war widerlich, aber mein kognitiver Teil des Gehirns teilte mir mit, dass ich eigentlich Mitleid haben sollte. Es fühlte sich an wie in meiner Jugend, als ich ein Meerschweinchen schor und es danach von tausenden Mücken leersaugen ließ. Auch damals wollte ich Mitleid empfinden, wie es mir mein Denken vorschlug, aber es gelang einfach nicht. Genau wie jetzt! Ich schob diese Gedanken ganz weit von mir, denn sie behagten mir ganz und gar nicht. Es war an der Zeit endlich weiterzumachen, denn das Wochenende verflog erfahrungsgemäß schneller, als man dachte.

Ich ging zum kleinen Edelstahlschrank und holte den Knebel aus der Schublade, auf den ich liebend gerne verzichtet hätte, aber er ließ sich wohl nicht vermeiden. Ich hatte diesen Mundknebel in einem Versandhaus für Sexspielzeug erstanden und er leistete bessere Dienste als das Stück Stoff, dass ich zuvor verwendet hatte. Der Knebel bestand aus zwei Lederriemen, wovon einer unter dem Kinn und der andere um den Kopf geschnallt wurden. Vorne war ein roter, flexibler Gummiball befestigt, den ich Rebecca jetzt in den Mund stopfte, nachdem ich ihren Sabber und Rotz mit einem nassen Tuch weggewischt hatte. Sie wehrte sich nicht dagegen, sondern schluchzte leise vor sich hin und ließ es geschehen. Ich machte die Ketten vom Bettgestell ab und führte mein Model zur Massageliege, auf die sie sich bäuchlings hinlegen musste. Ich griff nach ihren Händen und spürte einen Hauch von aufmüpfigem Widerstand, aber da hatte ich ihr auch schon die Handschellen unterhalb der Liege angelegt, sodass sie nicht fliehen konnte. Ihre Füße kettete ich nun an das Gestell der Liege und endlich konnte ich meine Arbeit fortsetzen. Das ein oder andere Grunzen drang noch durch den Knebel zu mir vor, aber ich konnte mich jetzt nicht darum kümmern, sondern holte mein Arbeitsmaterial.

Ich legte mir alles, das ich brauchte auf den kleinen Metalltisch neben mir und bereitete die Farben in ihren kleinen Bechern vor, die ich mit Vaseline am Tisch festklebte. Als Motiv hatte ich mir die streitenden Elstern ausgesucht und diese wollte ich in bunten und surrealistischen Farben darstellen. Ich druckte die Umrisse auf die spezielle Tattoofolie und legte diese dann auf Rebeccas Rücken, wo die Tinte des Druckers einen Abdruck erzeugte. Nun waren die Umrisse auf ihrem Rücken und ich konnte anfangen, mit schwarzer Tinte die Linien zu tätowieren. Das Resultat würde bestimmt toll aussehen und voller Tatendrang betätigte ich den Fußschalter meiner Dragonfly. Das beruhigende leise Geräusch der Maschine drang nun durch den Raum und es klang wie das Summen tausender Honigbienen. Endlich konnte es losgehen und ich befand mich wie in einem Rausch, der seine Umgebung völlig vergaß. Ich zog die ersten Linien an der Vorlage entlang und so ging es weiter. Gelegentlich zuckte Becca zusammen, aber diesen Schmerz musste sie aushalten.

 

Die Elstern nahmen irgendwann erste Gestalt an und die Außenlinien waren fast fertig, als ich eine Pause einlegte. Ich hatte die Zeit völlig vergessen und fragte Becca, ob sie etwas trinken wolle. Sie antwortete nicht und ich wiederholte die Frage etwas lauter: „Becca! Möchtest du etwas trinken?” Keine Antwort, kein Zucken, keine Bewegung. „Nun habe Dich doch nicht so. Es tut mir leid, dass ich dir das Desinfektionsmittel übers Bein geschüttet habe, aber jetzt ist wieder gut, OK?”

Sie gab immer noch keine Regung von sich und ich ging ans Kopfende der Massageliege. Ich erschrak, als ich in ihr Gesicht blickte, denn es war merkwürdig verzerrt und schließlich begriff ich, was geschehen war. Ich löste mit einem Griff den Knebel und Erbrochenes rutschte aus ihrem Mund. Verdammt, das wunderschöne Mädchen war tot und ich hatte nichts bemerkt. Sie musste erstickt sein, denn auch ihre Nase war völlig verstopft. Wie hatte das passieren können? Ich hatte wohl so in Trance tätowiert, dass ich ihre missliche Lage überhaupt nicht bemerkt hatte. Mein Model war gestorben; lag tot auf meiner Liege in meinem Keller und ich hatte das Werk noch nicht einmal beenden können. Was sollte ich jetzt tun? Konnte man auf einem Leichnam noch tätowieren? Darüber würde ich bei Google bestimmt keine Infos finden, aber allzu viel Zeit blieb mit bestimmt nicht. Ich musste noch alle Farben schattieren und dies würde dauern. Ich wurde unruhig und meine Lider fingen an zu zucken. Es nützte alles nichts! Ich musste weitermachen! Ich setzte mich wieder auf meinen Hocker, zog frische Handschuhe an und zog rote Farbe in die Nadel. Das Summen setzte wieder ein und ich setzte die Maschine an. Dieses Mal würde es ein Kunstwerk werden!