XXXIV
Über das Gelände des Pferdemarktes der Eceni
hallte jener typische Lärm, der beim Austreiben von Metall
erklingt. Und er ließ erahnen, wie spät es bereits war.
Mangels einer besseren Beschäftigung, um die
Wartezeit zu überbrücken, hämmerte Breaca in der neuen Schmiede,
welche die Bärinnenkrieger neben dem Großen Versammlungshaus
errichtet hatten, gerade den Griffzapfen einer Schwertklinge
aus.
Der Tag war frostig und schien von einer
eigenartigen Spannung erfüllt. Ein scharfer Wind blies Wolken in
der Form von Reihern über den Himmel; in den Bäumen hinter der
Schmiede keckerte eine Drossel, nicht ganz im Rhythmus mit Breacas
Hammer; und über die Lichtung kam eine Gruppe von sechs weiteren
Kriegern herauf, gekleidet in Umhänge nach der Art der Eceni,
leuchtend blau und geschmückt mit ihrem Stammesabzeichen, dem
Fuchs, der die Säume und die Ränder der Ärmel umlief.
Während die Arbeit an dem Griffzapfen ihren
Fortgang nahm, wurden die sechs Reisenden von den an diesem Tag mit
dem Empfang der Neuankömmlinge betrauten Bärinnenkriegern begrüßt.
Man half ihnen, sich in dem Großen Rundhaus einzurichten, zeigte
ihnen, was an Essen, Waffen und Rüstungen verfügbar war, und im
Gegenzug dazu präsentierten die sechs Krieger wiederum, was sie auf
ihren Lastpferden hertransportiert hatten, und das war wahrhaftig
erstaunlich; denn für ein Volk, das den Winter über stetig Hunger
litt, hatten die neu hinzugekommenen Krieger mehr mitgebracht, als
sich auch nur irgendjemand aus Breacas Gruppe hätte träumen lassen.
Im Verlauf jenes halben Monats, der seit dem Einsetzen der
Schneeschmelze verstrichen war, waren die Vorratslager mit dem
Getreide, dem getrockneten Fleisch und den Hafermehlkuchen, die für
die Reise gebacken wurden, stetig angewachsen; wohingegen die
Vorräte an Klingen und Speerspitzen in sich
zusammenschrumpften.
Sie waren noch nicht allzu viele, jene Krieger, die
auf Breacas Aufruf hin herbeigeströmt kamen, dennoch bildeten sie
bereits die Anfänge des Kriegsheeres. Allein an jenem Tage, als
Cunomar aufgebrochen war, um seine Nachricht nach Camulodunum zu
überbringen, hatten sich bereits einhundertundachtzig Krieger
versammelt. Am darauf folgenden Tag, als er noch immer nicht wieder
zurückgekehrt war, war ihre Anzahl um weitere sechzig gewachsen und
nahm im Laufe des Morgens noch fortwährend zu.
Breaca beobachtete, wie jede neue Gruppe nicht nur
mit Waffen ausgerüstet wurde und man ihnen in ersten Ansätzen
beibrachte, wie sie diese zu gebrauchen hatten, sondern wie die
Krieger darüber hinaus auch über jene Wege unterrichtet wurden, auf
denen sie sich am schnellsten und geschicktesten aus dem Großen
Versammlungshaus zurückziehen könnten. Gunovar hatte diese Aufgabe
übernommen; sie kauerte auf dem sandigen Boden, zeichnete mit der
Spitze ihres Messers Pläne auf die Erde und erläuterte die
Wegmarkierungen, welche die Bärinnenkrieger verwendeten: die
schwarz angemalten Holzstecken und die Kratzspuren wie von einer
Bärentatze, die sie in einen Baum ritzten, um den Kriegern damit
anzuzeigen, auf welchem Weg sie von der Lichtung in den Wald
gelangten sowie, unter Umständen, auch wieder zurück.
Man schickte die Krieger also nicht sogleich wieder
fort; denn eine Armee, die, noch ehe sie sich überhaupt
zusammengeschlossen hatte, gleich wieder in den Rückzug gezwungen
wurde, war eine von Anfang an nur noch bedingt funktionsfähige
Armee. Dennoch, niemand zweifelte daran, dass genau dies geschehen
würde, sollte Cunomar bei der Ausführung seines Auftrags
versagen.
Doch er würde nicht versagen. Um ihrer selbst
willen musste Breaca weiterhin an seinen Erfolg glauben, zwang sie
sich, das Vertrauen in sein Gelingen zu bewahren; und das den
ganzen Abend über; die ganze schlaflose Nacht hindurch, die auf
seinen Aufbruch gefolgt war; und selbst als bereits der neue Tag
heraufdämmerte und Cunomar noch immer nicht zurückgekehrt war,
hielt sie an ihrem Glauben fest. Und dabei hatte sie ohnehin schon
dreimal so viel Zeit einkalkuliert, wie er unter normalen Umständen
eigentlich brauchen müsste, um die Stadt zu erreichen, seine
Nachricht zu übermitteln und wieder zurückzukehren. Nach ihrer
Schätzung müsste er demnach also spätestens mit der Mittagszeit des
auf seine Abreise folgenden Tages wiederkehren. Im Geiste markierte
sie sich diesen Zeitpunkt, vergaß ihn dann allerdings wieder: Denn
wenn sie nun jeden Herzschlag einzeln zählte, verging die Zeit auch
nicht schneller.
Irgendwann, als der Vormittag bereits halb
verstrichen war und Breaca nicht wusste, welche Arbeit sie
ansonsten noch hätte verrichten sollen, begann sie schließlich, an
einer neuen Schwertklinge zu arbeiten. Und auch anderenorts waren
die Menschen beschäftigt. Graine hielt den Kopf einer
hochschwangeren Hündin in ihren Händen, die sich vor der Schmiede
in die Frühlingssonne gelegt hatte und die Wärme des Feuers genoss;
Airmid richtete eine kleine Ansprache an die etwa ein Dutzend
Träumer, die ihren jeweiligen Krieger begleiteten, so wie es in den
alten Tagen Tradition gewesen war: ein Träumer pro Krieger, damit
Letzteren in der Schlacht nicht der Mut verließ; Dubornos und
Gunovar begannen unterdessen damit, die Ankommenden im Gebrauch von
Schwert und Speer zu unterrichten; und Ardacos stand bei den
Bratgruben, kümmerte sich um die Zubereitung des noch von Cunomar
erlegten Damwilds; und Cygfa... plötzlich erschien Cygfa, die die
ganze Zeit über den in südlicher Richtung nach Camulodunum
führenden Karrenpfad überwacht hatte.
Viel zu schnell und auf einem vor lauter
Anstrengung bereits lahmenden Pferd kam sie herbeigestürmt und
sprang draußen vor der Schmiede zu Boden. »Theophilus von Athen und
Kos schickt eine Nachricht: ›Dein Sohn ist nicht tot. Sie haben ihn
nicht gefoltert. Aber der Prokurator führt ihn mit großer Eile nach
Norden, begleitet von dreihundert ehemaligen Söldnern. Ordne deine
Angelegenheiten und verstecke alles, von dem du nicht wünschst,
dass der Prokurator es im Namen des Kaisers beschlagnahmen
könnte.‹«
Breaca legte die halb fertige Klinge beiseite. »Hat
Theophilus selbst mit dir gesprochen?«
»Nein. Er schickte einen Boten, der aber gleich
wieder umgekehrt ist, denn er wollte nicht vom Prokurator gesehen
werden; er brachte das hier mit sich, als Beweis für seine
Vertrauenswürdigkeit.« Cygfa öffnete die Hand. Auf ihrer Handfläche
lag jener kleine Stab aus Apfelbaumholz, umwunden von den beiden
Schlangen des Äskulap, der das persönliche Zeichen von Theophilus
war. »Er sagt die Wahrheit«, fuhr Cygfa fort. »Ich habe eine ganze
Kavalkade von Reitern gesehen, die von Camulodunum heraufkommt. Sie
führen in ihrem Zug Wagen mit sich, was bedeutet, dass sie nicht
allzu schnell vorankommen. Dennoch werden sie bis spätestens gegen
Mittag Tagos’ Siedlung erreicht haben.«
Der Morgen schien mit einem Mal förmlich zu
verstummen. Mit übertriebener Sorgfalt legte Breaca ihren Hammer
auf den Amboss nieder, ganz so, als ob der Winkel, in dem dieser zu
liegen kam, von größter Bedeutung sei und darum unbedingt genau
getroffen werden müsste.
Dies hier hatte keinerlei Ähnlichkeit mehr mit
einer Schlacht - diese Zerstörung einer Vision. Dieses Mal brannte
kein Feuer mehr in Breacas Seele, hallte in ihren Gedanken nicht
mehr der Lärm von aufeinander treffenden Klingen wider, sah sie vor
ihrem geistigen Auge keine wirbelnden, stechenden Schwerter mehr,
die zwar sowohl Leben als auch Tod verheißen mochten, die aber doch
zumindest immer noch eine Form von Handlungsmöglichkeit geboten
hätten.
Von außen betrachtet hatte sich nichts verändert.
Noch immer wehte der Wind aus östlicher Richtung, trieb Wolken in
der Form von Reihern vor sich her, die Pfeilen gleich über den wie
von einer dünnen Schneedecke überzogenen Himmel eilten. Noch immer
keckerte dieselbe Drossel in den Dornbüschen am Rande der Lichtung.
Und noch immer lag Stone neben Breaca, konnte sie an ihrem
Schienbein den leichten Rhythmus seines Atems spüren, obgleich er
mittlerweile den Kopf gehoben hatte und sie nun etwas verwirrt
anblickte, als ob sie zuerst seinen Namen gerufen hätte, dann aber
nichts mehr hätte folgen lassen.
Breaca beugte sich hinunter, kraulte ihn hinter den
Ohren und sagte: »Und wenn sie die Siedlung leer vorfinden, setzen
sie ihre Coritani-Fährtenleser darauf an, uns zu finden. Wir haben
die hierher führenden Spuren zwar gut genug verwischt, um die
Legionen von uns fernzuhalten, nicht aber einen von uns.«
Mittlerweile hatten sich auch andere um sie
versammelt; all jene, die für Breaca von Bedeutung waren, so dass
sie in diesem Augenblick nicht allein war. Ardacos kam von den
Bratgruben herüber, Dubornos von dem Platz, auf dem die Krieger
unterrichtet wurden. Auch Gunovar war ganz in der Nähe sowie
Airmid, die nun links von Breaca stand und Graines Hand festhielt.
Unterdessen gruppierten sich die Bärinnenkrieger sowie die neu zu
ihrem Kriegsheer hinzugekommenen Krieger - jene Männer und Frauen,
die sich sogar durch schmelzenden Schnee und knietiefen Matsch
gekämpft hatten, nur um zu Breaca zu gelangen - in einem Halbkreis
in einiger Entfernung von der Schmiede. Und sie alle gaben sich
große Mühe, so zu wirken, als würden sie auf keinen Fall
lauschen.
Cygfa blickte zu ihnen hinüber und fragte: »Wie
viele haben wir?«
Breaca schüttelte den Kopf. »Nicht genug, um es mit
drei Hundertschaften von nurmehr von ihrem Opportunismus geleiteten
Veteranen aufzunehmen; ehemaligen Soldaten, die Gold und Sklaven,
die sie praktisch nur noch mitzunehmen brauchen, schon auf große
Entfernung wittern.«
Leise entgegnete Ardacos: »Von denjenigen, die neu
hinzugekommen sind, haben erst weniger als ein Dutzend einen Krieg
erlebt. Der Rest ist genauso ungeübt wie vor dem Winter auch die
Bärinnenkrieger. Sie brauchen also mindestens noch einen halben
Monat, um zu lernen, wie sie sich in einer Schlacht verteidigen.
Oder sie sterben eines vollkommen sinnlosen Todes.«
Damit sprach er lediglich laut aus, was sie alle
bereits wussten. Denn die Wahlmöglichkeiten waren klar und bereits
zur Genüge diskutiert worden; seit Mitte des Winters hatten sie von
kaum mehr etwas anderem gesprochen, so dass die nun aus dieser
misslichen Lage hinausführenden Wege bereits zu eigenen Geschichten
geworden waren, ähnlich den Heldensagen der Sänger.
Dennoch musste es noch einmal laut gesagt werden,
so dass Breaca nun verkündete: »Wir können jetzt hier auf sie
warten und kämpfen und dabei alles verlieren. Oder aber, wir paar
hier nehmen die Hälfte von Cunomars Bärinnenkriegern mit und treten
dem Prokurator dort gegenüber, wo er uns zu finden erwartet,
nämlich in Tagos’ Siedlung, und halten ihn und seine Männer
zumindest so lange auf, bis die restlichen Krieger Zeit genug
hatten, um wieder zu verschwinden. Das ist zwar nicht das, wovon
wir geträumt hatten. Und es ist auch ganz und gar nicht das, was
wir in unseren Gebeten erfleht haben, doch war dieses Risiko stets
gegenwärtig. Wir verlieren also jegliche Ehre, wenn wir nun auch
noch das Leben jener, die wir selbst zu uns gerufen haben,
leichtfertig aufs Spiel setzen. Sofern also noch die Möglichkeit
besteht, dass wir sie wieder nach Hause schicken, dorthin, wo sie
in Sicherheit sein werden, um eben ein anderes Mal zu kämpfen,
müssen wir ihnen dies ermöglichen. Dubornos, ich möchte, dass
du...«
»Nein. Das kann Lanis übernehmen. Ich werde dich
nicht verlassen.«
Breacas Gedanken waren bereits vorausgeeilt.
Bestürzt besann sie sich wieder auf die Gegenwart. Dubornos schaute
sie lächelnd an. Und in seinem Blick lag mit einem Mal eine
ehrlichere Belustigung, als Breaca in ihrem gesamten gemeinsamen
Erwachsenenleben jemals an ihm hatte entdecken können.
»Fast das Gleiche hatte auch Caradoc versucht«,
erwiderte er, »und dann gab er doch nach. Ich werde dich nicht
verlassen, und du kannst deine Zeit jetzt nicht mit dem Versuch
vergeuden, mich vielleicht doch noch vom Gegenteil zu überzeugen.
Außerdem kennt Lanis die Gegend hier viel besser als ich. Und sie
ist eine Träumerin; auf sie werden die Krieger also noch eher
hören. Sie kann die Evakuierung organisieren.«
»Das kann sie, sicherlich, aber sie hat keinen Eid
darauf geleistet, die Kinder der Bodicea zu beschützen oder bei dem
Versuch selbst ums Leben zu kommen. Willst du dieser Aufgabe etwa
nicht nachkommen, ausgerechnet jetzt, wo wir dich dringender
brauchen denn je?«
Breaca hätte ihren Worten gerne ein wenig den
Stachel genommen, doch die Zeit drängte. Etwas reserviert
entgegnete Dubornos: »Was soll ich tun? Was verlangst du von
mir?«
»Nimm Graine und...«
»Nein!« Graine riss sich aus Airmids Griff los und
stand nun allein in der Türöffnung. Wütend funkelte sie ihre Mutter
an, während sie versuchte, ihre zitternden Lippen zu einer festen
Linie zusammenzupressen. Mit der Sonne im Rücken und dem Feuer
direkt vor ihr, inmitten zweier Lichtquellen, sah sie nun noch
ätherischer aus denn je. »Ich werde nicht ohne dich fortgehen. Und
wenn du jetzt ohne mich aufbrichst, werde ich dir eben folgen, und
du wirst mich nicht davon abhalten können.«
Auch ihrem Kind konnte Breaca sein Los nicht
leichter machen, denn auch dazu war keine Zeit mehr; jeder weitere
Herzschlag, der ungenutzt verstrich, brachte sie der Katastrophe
nur noch näher.
»Vergib mir«, entgegnete Breaca, »ich liebe dich.«
Damit zog sie blitzschnell ihr Messer aus dem Gürtel und versetzte
ihrer Tochter mit dem hinteren Ende des Hefts einen Schlag gegen
den Kopf nahe der Schläfe, an einer Stelle, wo der Schaden später,
wenn Graine wieder zur Besinnung kam, noch der geringste sein
würde.
Graine stöhnte und sank bewusstlos zu Boden, wo sie
mit blauen Lippen und unter Zuckungen liegen blieb. Dubornos kniete
nieder und hob sie vorsichtig auf.
»Warte.« Breaca griff mit beiden Händen nach dem
Goldreif, den sie um ihren Hals trug. Sie hatte ihn getragen seit
dem Tag nach Tagos’ Tod, als Cygfa ihr den Torques wieder
überreicht hatte, und doch hatte sie nicht mehr als die Wärme und
das Gewicht seines Metalls gespürt. Jegliche Kraft, die dieser Reif
vielleicht einmal besessen hatte, schien verschwunden zu sein. »Den
sollte nun besser Graine haben. Du wirst ihn gut verwahren müssen,
bis sie alt genug ist...«
Breaca hielt abrupt inne, denn sie konnte auf
einmal nicht mehr sprechen. Das gesponnene Gold schien sich
plötzlich in dicke, sich umeinander schlingende Schlangen
verwandelt zu haben. Sie wanden sich unter ihren Händen, pressten
gegen ihre Halsadern, und tief in den Höhlen von Breacas
Bewusstsein öffnete sich mit einem Mal eine Schlucht, durch die
eine sanfte Bergbrise strich. Sie hätte gegen die Bilder, die der
Reif in ihr heraufbeschwor, ankämpfen können, und wahrscheinlich
hätte sie dies sogar getan, hätten nicht Airmids Finger, die sich
mit einem Mal fest um ihr, Breacas, Handgelenk schlossen, sie davon
abgehalten.
Mit sorgsam beherrschter Stimme hob die Träumerin
an: »Breaca, du bist noch immer die Erstgeborene der Eceni. Wirf
das nicht so einfach weg.«
Langsam zog Breaca ihre Hand wieder zurück, und der
Druck um ihren Hals ließ ein wenig nach. Auch die Brise, die durch
ihre Gedanken strich, legte sich wieder.
Dubornos stand noch immer da und wartete. Breaca
überlegte. Ihre Tochter sollte schließlich noch etwas anderes
haben, das sie durch ihr Leben begleiten würde, als bloß
Erinnerungen. Und an Breacas Schulter steckte ja noch immer die
Brosche in der Form des Schlangenspeers, von der die kurzen
schwarzen Wollstränge herabbaumelten, so wie sie seit jeher an
ihrer Schulter gesessen hatte - seit jenem Tag, an dem Caradoc sie
ihr als Geschenk aus Gallien gesandt hatte.
»Du bist mein erster und mein letzter Gedanke, für
alle Zeit.« So lautete die Nachricht, die er ihr damals geschickt
hatte, und leise wiederholte Breaca nun diesen Schwur, als sie den
Verschluss der Brosche öffnete und diese dann an Graines Tunika
befestigte, als ein Geschenk gleichsam von beiden Elternteilen, das
sie in ihr Erwachsenenleben hineinbegleiten würde.
Dubornos verstand die Geste und würde sie dem
Mädchen, sobald es alt genug dazu wäre, erklären können. Mit einem
Blick aus seinen dunklen Augen dankte er Breaca für die
Brosche.
Breaca beugte sich vor, küsste ihre Tochter und
dann, zu Dubornos’ großer Überraschung, auch ihn. »Beschütze fortan
du sie für mich«, sagte sie.
»Mit meinem eigenen Leben.«
Breaca hatte ihn noch nie weinen gesehen. Tränen
benetzten nun seine Wangen, als er kurz den Zurückbleibenden
zunickte, Ardacos, Airmid, Gunovar, und zum Schluss auch Cygfa,
jener Frau, der er das Licht seiner Seele geschenkt hatte, in dem
klaren Bewusstsein, dass sie seine Liebe doch nie würde erwidern
können. Dann wandte er sich ab und trug seine nur allzu leichte
Last von der Schmiede fort.
Nachdem Dubornos gegangen war, herrschte Schweigen,
ganz so, wie auch vor einer Schlacht Schweigen herrschte, wenn die
Leiche eines getöteten Kundschafters gefunden worden war und die
Stärke des Feindes erwogen wurde.
»Wir brauchen jemanden, der die Waffen versteckt«,
fuhr Breaca schließlich fort. »Ich habe doch nicht den ganzen
Winter über geschuftet, nur um sie nun wieder zu verlieren.
Gunovar, du kannst...«
»Ich kann mit dir kommen, um herauszufinden, wie
dein Sohn sich in der Gesellschaft Roms gehalten hat. Die Krieger
können derweil die bis heute hergestellten Waffen mitnehmen. Das
noch unverarbeitete Eisen wird hier bleiben müssen; wir haben keine
Zeit, um auch das noch zu vergraben. Und versuch ja nicht, mich zu
schlagen, so wie du deine Tochter geschlagen hast. Dafür bin ich
schon zu alt, und du hast auch nicht die Zeit, um die nun erst mal
darauf zu verwenden, gegen mich anzukämpfen, statt gegen
Rom.«
Nüchtern entgegnete Breaca: »Du weißt, wie wir dann
möglicherweise sterben werden?«
Gunovar spreizte flach die Hand über ihrem Gesicht.
Ihr schiefer Mund verzerrte sich noch weiter, betonte die Narben
nur noch zusätzlich. »Zweifelst du etwa daran?«
»Nein. Natürlich nicht. Tut mir Leid. Und es steht
dir natürlich frei, dein Leben den Göttern in genau der Form
darzubieten, wie du es ihnen darbieten willst.«
Nun schlossen sich auch die anderen um Breaca:
Cygfa, die bereits in Rom gelebt, dort im Schatten ihres eigenen
Kreuzes gestanden und den Horror des Erlebten fortan tief in ihrem
Inneren verschlossen hatte; Ardacos, der noch immer die Möglichkeit
besaß, einfach hinauf in den Norden zu fliehen und dort die Aufgabe
eines der Stammesältesten der Kaledonier zu übernehmen; Airmid,
Herz ihres Herzens, Seele ihrer Seele, die die Vorsitzende des
Träumerrats von Mona hätte sein können, die das Wesen des Traums
wieder in den Westen und zurück nach Hibernia hätte tragen
können.
»Mir wäre es das Liebste, wenn auch ihr anderen
einfach alle fortgehen würdet, jetzt, gemeinsam mit Dubornos, Lanis
und den Kriegern, aber ich kann euch wiederum nicht zwingen, dazu
besitze ich nicht die Macht.«
Das war ihnen allen bewusst, und sie rangen um
Worte. Am Ende war es Cygfa, die wie leichthin entgegnete: »Ich
denke doch nicht, dass der Prokurator sonderlich lange in der
Siedlung verweilen würde, wenn er nur eine einzige Frau darin
vorfände.«
Und genau deshalb führte Breaca von den Eceni
schneller, als irgendjemand von ihnen dies für möglich gehalten
hätte, die Hälfte von Cunomars Ehrengarde und, bis auf zwei, auch
sämtliche jener Männer und Frauen, die in ihren Händen die Fasern
von Breacas Herz hielten, wieder hinab in jene Siedlung, in die sie
sie zwei Jahre zuvor schon einmal gebracht hatte.
Als kurz darauf dann der Karrenpfad unter dem
Hufgetrommel sich nähernder Pferde erbebte, führte Breaca ihre
Getreuen wieder hinaus, um dem kaiserlichen Bevollmächtigten zur
Eintreibung der Steuern samt seiner dreihundert Söldnerveteranen
gegenüberzutreten.
Stone ließ sie innerhalb der Umzäunung zurück,
damit dieser nicht den Feind roch und ihn womöglich eigenmächtig
angriff; außerdem ritt Breaca ihr graues Streitross, denn es war
das gehorsamste aller ihrer Pferde; und sie hatte sich in eine neue
Tunika in Eceniblau gekleidet, geschmückt mit einer Borte in einem
gedämpften Grau, die um die Ärmelränder, den Halsausschnitt und den
Saum herum verlief, denn dieses Kleidungsstück sah ihr noch am
wenigsten nach kriegerischen Absichten aus. Ihr Haar ließ sie offen
auf die Schultern hinabhängen, ihren Schild verbarg sie und trug
von außen betrachtet auch keinerlei Messer bei sich oder etwas
anderes Spitzes oder Scharfkantiges, das in irgendeiner Weise als
Waffe hätte betrachtet werden können. Und schließlich trug sie auch
keine Armbänder, die nur unnötig ihren vermeintlichen Reichtum zur
Schau gestellt hätten, sondern lediglich den geflochtenen goldenen
Torques der Eceni, der plötzlich wie ein Henkersstrick gegen ihren
Hals zu drücken schien.
Und während sie ihre Stute vorantrieb, um die
ersten der ankommenden Reiter zu begrüßen, suchte Breaca in der
alles umfassenden Leere der Ewigkeit nach der älteren Großmutter,
der Ahnin oder Nemain. Doch alle schwiegen sie.
»Zwar gereicht es uns gewiss nicht zur Ehre, und
ich bedaure es aufrichtig, aber wir können keine dreihundert Männer
verpflegen. Der Winter hat unsere Vorratslager geleert, und die
Zeit des Tauschhandels hat noch nicht wieder begonnen.«
Das entsprach sogar der Wahrheit, zumindest
halbwegs. Denn zweifellos gab es in der Siedlung nur noch wenig
Vorräte, und die zwei Dutzend Bärinnenkrieger, die Breaca vom
Großen Versammlungshaus aus hierher gefolgt waren, hatten nur
gerade eben genügend Nahrung mitgebracht, um selbst davon leben zu
können. Und wie es einer Siedlung, die um ihren König trauerte,
angemessen war, trugen die Bärinnenkrieger keinerlei Gold, hatten
ihre Tuniken lediglich mit unbearbeiteten Rohledersträngen
gegürtet, und ihre Gürtelmesser waren so kurz, dass diese selbst
nach römischem Gesetz nicht zu beanstanden waren. Außerdem waren
sie damit beschäftigt, sich um die Pferde zu kümmern
beziehungsweise um die Felder, und keiner von ihnen hieß den
Prokurator willkommen oder bat ihn gar, in die Siedlung
einzutreten.
Dadurch bestand später, wenn sie würden kämpfen
müssen, wenigstens nicht die Gefahr, dass auch nur irgendeiner von
ihnen das Gastrecht gebrochen und damit das Missfallen des Gottes
erregt hätte.
»Danke. Aber wir führen unseren eigenen Proviant
mit uns.«
Breaca hatte sich auf Latein an den Prokurator
gewandt, der ihr wiederum in der Sprache der Eceni antwortete, und
dies über einen Jungen aus dem Volke der Trinovanter, der verlegen
eine Strähne seines Haares um den Finger zwirbelte, auf den Boden
starrte und den Blick ganz und gar nicht heben wollte.
Ohne zu warten, bis der Junge geendet hatte,
drängte der Prokurator seinen von Flöhen zerbissenen, grauen
Wallach durch die Tore. Er war ein Mann, der es eilig hatte; gierig
wanderte sein Blick über das Gold, das den Hals der Bodicea
umschloss, aber nicht etwa über die ebenmäßige Wolle ihrer Tunika
oder den vom gewissenhaften Bürsten herrührenden Glanz ihres
Haares. Seine Männer folgten ihm, so geordnet wie eine
Legion.
Cunomar und seine acht Krieger befanden sich in der
zweiten Zenturie, flankiert von den aus Camulodunum
herbeibeorderten Veteranen, Männern, an deren Gesichter Breaca sich
wohl wieder erinnerte, nicht jedoch an ihre Namen. Sie hatte mit
ihnen Tauschhandel betrieben, in der Zeit vor Eneits Tod, hatte
Gürtelschließen gegen Rohbronze eingetauscht oder einen Armreif
gegen Eisen; und zwei von ihnen waren sogar im Theater dabei
gewesen, waren Zeugen des Speerwurfwettstreits mit dem ehemaligen
Gouverneur geworden.
Einer von ihnen stieß nun seinen Nachbarn an und
sagte irgendetwas Ungehobeltes in kehligem Latein, doch Breacas
Aufmerksamkeit war bereits auf das Ende der Kolonne konzentriert,
wo ein Jugendlicher aus dem Stamme der Coritani ritt. In seinem
Haarknoten steckten die charakteristischen drei Federn des Roten
Milan, die ihn als einen Späher der Legionen auswiesen. Zudem trug
er auf seinen Armen, und dies war das noch bedeutendere Merkmal,
offen die Kriegerzeichen der Feuereidechse zur Schau.
Beides war sowohl eine Warnung als auch eine offene
Erklärung ihrer Feindschaft, und beides war gänzlich überflüssig;
sein Gesicht, im Profil betrachtet, war eine jüngere Version des
Gesichts jenes Sklavenhändlers, den Breaca und Cunomar damals im
Wald hinter dem Pferdemarkt getötet hatten. Breaca hätte die Züge
seines Vaters also ohnehin in ihm erkannt, auch ohne dass es dazu
noch der Erinnerung bedurft hätte.
Er ritt in der letzten Reihe der zweiten Zenturie
und gab sich keine Mühe, sich zu verstecken; eher im Gegenteil. Als
er vorüberritt, traf sein Blick auf den von Breaca. Er nickte ihr
zu, und in diesem Gruße lag ein kühles, ruhiges Begreifen, das noch
wesentlich bedrohlicher war als sämtliche Söldner des Prokurators
zusammengenommen. Und weil es wichtig war, ihm das Ausmaß ihres
Entsetzens auf keinen Fall zu zeigen, entbot Breaca ihm wiederum
den Gruß nach Art der Coritani-Krieger und war überrascht, als er
ihn erwiderte.
Ein Standartenträger ritt zur Spitze der
Reiterkolonne und hielt dabei hoch emporgehoben eine Fahne, auf der
in silbernem Garn gestickte Waagschalen vor einem scharlachroten
Untergrund prangten. Mit dieser Fahne gab er nun ein Signal,
woraufhin die hintere der drei Zenturien aus der Formation
ausscherte und die Siedlung umringte. Das Ganze lief absolut
reibungslos ab, war das Ergebnis häufigen Übens.
Die verbleibenden zwei Zenturien teilten sich in
Gruppen zu je acht Mann auf; eine Abteilung, um Cunomar zu
bewachen, eine weitere für seine Bärinnenkrieger und eine dritte,
um Breaca und deren Familie zu beaufsichtigen, ausgenommen Ardacos,
der ein erwachsener Mann war und zudem eindeutig ein Krieger, so
dass es gerechtfertigt erschien, zusätzliche acht Mann zu seiner
Bewachung abzustellen.
Jene, die nicht zum Wachdienst eingeteilt waren,
formierten sich in einer Reihe, die vom einen Ende der Siedlung bis
zum anderen reichte. Der Standartenträger gab abermals ein Signal,
und in vollkommenem Gleichschritt marschierten die Söldner
vorwärts. Je ein Mann in jeder Achtergruppe war mit einem Stift und
einer Schreibtafel ausgestattet.
»Die Männer werden eine erste Bestandsliste der
Siedlung aufstellen. Während sie mit der Auflistung des Inventars
beschäftigt sind, werdet ihr bei uns bleiben. Danach wird man von
euch verlangen, diese Auflistung zu bestätigen.«
Der Prokurator sprach Latein, und der Junge aus dem
Stamme der Trinovanter übersetzte dessen Worte daraufhin in
gestelztes Eceni.
Breaca nickte und antwortete an den Jungen gewandt:
»Wenn der Prokurator vielleicht im Schlafgemach des Königs warten
möchte? Zwar wurde der Raum seit dessen Tod nicht mehr benutzt,
aber ich kann ein Feuer entzünden, dann wird sich die Feuchtigkeit
dort rasch wieder verflüchtigen.«
Der Prokurator jedoch fühlte sich in der klammen
Kälte eines ungelüfteten, ungeheizten Raums nicht wohl. Er zog es
vor, nur gerade eben so lange in der Kammer des Königs zu
verweilen, wie es dauerte, um die Münztruhe umzukippen und
festzustellen, dass sie leer war.
»Du hast sein Geld versteckt. Wo?«
»Warum sollte ich verstecken, was wir an
Steuerschulden ohnehin zu begleichen haben? Hätten wir das Geld,
dann könntet Ihr es jetzt gerne an Euch nehmen.«
»Aber wie wollt ihr dann die Steuern begleichen,
wenn ihr nichts habt?«
Der Prokurator war ein Mann, für den die Nahrung
selbst im Winter nie knapp wurde, dessen Leben jedoch davon abhing,
Britannien zum Zahlen zu zwingen; das musste sie stets im
Hinterkopf behalten.
»Das Geld ist nicht vor der Mitte des Sommers
fällig«, entgegnete Breaca. »Bis dahin werden wir genügend Pferde
und Hunde eingetauscht haben, um die Steuern bezahlen zu können.
Ich habe eine Hündin, die bald werfen wird. Das wird...«
»Du willst deine Schulden gegenüber dem Kaiser mit
Hunden begleichen?«
»Wäre der Prokurator je auf die Jagd gegangen,
wüsste er den Wert der Hunde der Eceni zu schätzen.« Gegen den
Türpfosten gelehnt stand der junge Coritani-Späher mit den
Gesichtszügen eines Habichts. Von Anfang an hatte er dort als
unaufdringlicher Beobachter gestanden. »Das Volk meines Vaters«,
fuhr er fort, »würde für eine Zuchthündin der Eceni genauso viel
zahlen wie für einen für den Kampf abgerichteten Junghengst. Das
solltet Ihr in Euren Bestandsverzeichnissen berücksichtigen.«
Breaca hatte seinen Vater getötet, und er wusste
es; wie hätte er auch nicht davon erfahren sollen, hatte die
Nachricht von den neuesten Opfern der Bodicea damals doch die Runde
durch sämtliche Siedlungen aller im Osten lebenden Stämme gemacht.
Folglich gab es eigentlich keinen Grund, weshalb er ihr hätte zu
Hilfe kommen sollen. Breaca nickte ihm dankend zu, was der Coritani
höflich zur Kenntnis nahm, in ihrem Inneren jedoch schrillten
sämtliche Alarmglocken; denn ein Feind, der einem seine Hilfe
anbietet, ist doppelt gefährlich.
Doch es gab nichts, was sie nun hätte unternehmen
können, und die im Augenblick drängendere Gefahr war ohnehin der
Prokurator, der gerade zu der Wand starrte, an der einst das
Schwert des Königs geprangt hatte. An der Stelle, wo es gehangen
hatte, war das Holz um einen Hauch heller.
»Prasutagos hatte mit einer nach römischem Gesetz
unerlaubten Waffe gekämpft«, sagte er. »Wo hatte er die her?«
Er stellte lediglich Vermutungen an. Denn Tagos’
Schwert war gemeinsam mit Breacas Klinge in der Schmiede nahe dem
Großen Versammlungshaus versteckt, und nur eine Suche, bei der aber
auch wirklich alles auseinander genommen würde, vermochte die
Waffen zu Tage zu fördern; es war also äußerst unwahrscheinlich,
dass der Prokurator die genaue Länge von Tagos’ Schwert kannte.
Dennoch konnte es nicht schaden, ihm auf seine Frage eine Antwort
zu geben. Denn jeder weitere Augenblick, den Breaca den Prokurator
mit Reden hinhalten konnte, war ein Gewinn.
Breaca wartete, bis der Dolmetscher geendet hatte,
und erwiderte dann: »Ich habe keine Ahnung, wie lang seine Klinge
gewesen sein mag oder wo er sie herhatte. Er war schließlich der
König. Solcherlei Wissen pflegte er nicht mit mir zu teilen, und
nun ist er tot, kann also auch nicht mehr dazu befragt werden. Aber
wenn Ihr die Waffe in Händen haltet, dann braucht Ihr nur die darin
eingeritzten persönlichen Kürzel des Schmiedes abzulesen, um die
Quelle ausfindig zu machen.«
Der Prokurator starrte sie an. Dann schenkte er ihr
ein schmallippiges Lächeln. Seine Lippen waren von dem bläulichen
Rot, das auf ein schwaches Herz hindeutet, und seine Haut wies die
fahle gelbliche Tönung auf, die für gewöhnlich von einer
überlasteten Leber herrührt. Ohne die römischen Legionen, die ihm
seine Macht verliehen, hätte er sein Geld vermutlich als
unbedeutender kleiner Schreiber verdient, der Kleinstadthändlern
ihr Testament aufsetzte und diesen Verdienst anschließend sogleich
wieder im Bordell verprasste. »Später«, erwiderte er nun. »Wenn die
Inventur abgeschlossen ist.«
Nach dem langen Winter, in dem die Kammer des
Königs nicht benutzt worden war, war die Luft darin nun geradezu
modrig; sie hielten sich also nicht allzu lange darin auf. Draußen
hatte die Reihe von umherwandernden Söldnern derweil einmal die
Siedlung durchquert. Die Hälfte von ihnen wandte sich gerade wieder
um, marschierte durch die Tore und bahnte sich ihren Weg über die
Pferdekoppeln, vorbei an den trächtigen Stuten, dann zu den
Jungtieren und Wallachen und schließlich bis zu jenen drei
Zuchtpferden, die etwas abseits auf den Hängen des Hügels gehalten
wurden.
Dort oben stand auch der letzte Abkömmling der
grauen Stute, das Ergebnis langjähriger sorgfältiger Züchtung. Sein
Vater war bereits verstorben, war unter Braint auf Mona getötet
worden, noch ehe er wirklich erprobt werden konnte. Der Sohn, den
er hinterlassen hatte, war noch nicht für den Kampf abgerichtet
worden, hatte im Herbst aber bereits zweimal an einem Wettrennen
teilgenommen und dabei gewonnen. Und seine ersten Fohlen wiederum
würden im Frühling geboren werden, und sie würden selbst die Besten
der Besten noch übertreffen. Der Junghengst stand auf der am
höchsten gelegenen Koppel und empfing die Fremden mit einem
schrillen Wiehern. Da diese allerdings keine Reiter waren, trauten
sie sich nicht allzu nahe an das Tier heran.
Gleich nach Stone, der dicht neben ihr stand und
sich mit seiner Schulter an ihr Knie presste, empfand Breaca den
Sohn der grauen Stute als das größte Fanal, als die eindringlichste
Erinnerung daran, wie ihr Leben einst ausgesehen hatte und wie es
auch wieder werden könnte, wenn nur erst einmal die Legionen
vernichtet waren. Sie war überrascht, wie sehr der Anblick des
Zuchthengstes, trotz all des Durcheinanders, sie noch immer
aufzumuntern vermochte, und wie sehr sie der Gedanke schmerzte, ihn
zu verlieren.
Dennoch war es wichtig, die Unterhaltung nicht
abreißen zu lassen. »Nach diesem Winter, in dem es für sie nur
wenig Futter gab, sehen die Pferde natürlich erbärmlich aus«,
erklärte Breaca. »Rechtzeitig zum Herbstpferdemarkt werden sie aber
wieder in Form sein.«
Der Prokurator wandte den Blick nicht von dem
Berghang ab. »Im Herbst wird das nicht mehr länger deine Sorge
sein.« Der Dolmetscher vom Stamme der Trinovanter brachte es nicht
über sich, diese Äußerung ins Eceni zu übertragen. Und Breaca
erinnerte ihn auch nicht daran.
Was zählte, war vielmehr das Wissen, wo genau sich
die einzelnen Mitglieder ihrer Familie aufhielten, und dass Breaca
ihre Verantwortung ihnen gegenüber erfüllte, Augenblick für
Augenblick, bis die Zeit zum Handeln gekommen war.
Cunomar saß auf einem gefällten Baumstamm in der
Mitte der Siedlung, umgeben von seinen acht Wachen. Er fing den
Blick seiner Mutter auf und legte die Hand auf seinen Arm. Er trug
keine Tunika, hatte damit also auch kein Messer unter seinem Ärmel
verborgen, doch er sah, oder vermutete vielmehr, wo Breaca das ihre
versteckt hielt. Sie trug es unter ihrem Ärmel, auf der Innenseite
ihres linken Unterarms festgebunden, und dieses Messer war weitaus
länger als erlaubt. Er dagegen war unbewaffnet, andererseits war er
aber auch ein Bärinnenkrieger und konnte folglich auch ohne Waffe
töten. Schon oftmals hatte Breaca Ardacos auf diese Weise töten
sehen.
Airmid, Cygfa und Gunovar wurden etwas abseits
gehalten und unmittelbar vor Tagos’ ehemaligem Schlafgemach
gesondert bewacht. Noch vor allem anderen war es wichtig, nicht zu
weit von ihnen fortgebracht zu werden; denn Airmid trug kein Messer
bei sich und würde, sobald der Kampf begann, nicht mehr allzu lange
am Leben bleiben. In erster Linie aber war Breaca unendlich froh
darüber, dass sie Graine nicht hatte mitkommen lassen.
»Du hast noch mehr Pferde als bloß diese paar Tiere
hier.«
Ein etwas weniger verzweifelter Mann hätte diesen
Satz vielleicht zunächst als Frage formuliert. Obwohl Breaca
keinerlei Grund dafür erkennen konnte, warum der Bevollmächtigte
zur Erhebung der kaiserlichen Steuern überhaupt einen so gehetzten
Eindruck machte; außer natürlich er nahm, unbewusst, ihre wachsende
Unruhe und Gewaltbereitschaft wahr.
Sorgsam um innere Ruhe bemüht entgegnete sie also:
»Den Winter über lassen wir die Pferdeherden sich über das gesamte
Land verteilen, um die Last, die durch sie auf den Siedlungen ruht,
möglichst gering zu halten. Im Frühling, wenn die Zeit des Fohlens
vorüber ist, holen wir sie dann wieder zu uns.«
Das ergab zumindest einen gewissen Sinn. Der
Prokurator schürzte die Lippen und fragte: »Wenn das so ist, möchte
ich wissen, wie viele von den Pferden, die du bereits hier hast,
dem König gehörten?«
»Der König hatte sich überhaupt nicht für Pferde
interessiert. Keines von diesen hier gehörte ihm.«
»Wem gehören sie dann?«
»Mir.«
»Und du warst seine Ehefrau.« Ausdruckslos starrte
der Prokurator sie an. »Deshalb gehörten sie in letzter Konsequenz
eben doch ihm und jetzt dem Kaiser. Also, wie viele?«
Breaca war eine der Stammesältesten im Rat von Mona
gewesen, sie vermochte ihren Gesichtsausdruck also in jedem Fall zu
beherrschen, ganz gleich, welches Durcheinander unterdessen in
ihrem Inneren toben mochte. »Nach dem Winter, den wir gerade
hatten?«, fragte sie. »Das ist schwer zu sagen. Wenn die Stuten
überlebt haben sollten und nun trächtig sind und ihre Fohlen bis
ganz zum Schluss austragen, wenn die Fohlengeburten gut verlaufen
und die Jungtiere gedeihen, dann werden wir, die Fohlen mit
eingerechnet, bei etwas über tausend Tieren liegen. Sollten die
Geburten jedoch schlecht verlaufen und wir etliche Stuten und
Fohlen verlieren, dann sind es vielleicht nur gerade eben
siebenhundert. Aber solcherlei Dinge liegen allein in den Händen
der Götter.«
»Von heute an liegen sie in den Händen des
Kaisers«, antwortete der Prokurator, »da sind sie verlässlicher
aufgehoben als bei jedem Gott.« Damit machte er auf dem Absatz
kehrt, wobei er im Geiste noch immer Zahlen addierte. Sein Blick
fiel auf Stone, der neben Breaca lag. »Und wenn die Hunde
tatsächlich von Wert sind, sollten wir die auch mit einrechnen. Wie
viele hast du von denen?«
Breaca war zwar im Stande, ihre Gesichtszüge zu
beherrschen, ihre Gedanken vor einem Römer zu verbergen - sie
konnte aber nicht ihre Seele vor ihrem Hund verstecken. Wenn Stone
knurrte, dann war er eine nicht zu unterschätzende Bedrohung,
schwieg er jedoch, so wurde er zu einer tödlichen Gefahr. Ohne
jeden Laut erhob er sich. Breaca legte ihm die Hand in den Nacken
und spürte, wie sich sein Fell entlang des Rückgrats borstig
aufrichtete. »Ihre Hunde veräußern die Eceni nur dann, wenn es
unbedingt sein muss«, entgegnete sie, »und dann auch nur die Tiere,
die wir nicht für unsere eigene Zucht brauchen. Bis die Wurfzeit
vorüber ist, können wir also noch keinen erübrigen.«
Der Prokurator fuhr sich mit der Zunge über die
obere Zahnreihe, und an seiner Schläfe begann eine Ader zu
pulsieren. Harsch wandte er sich an den Dolmetscher: »Frag noch
einmal. Sie versteht das nicht. Wie viele Hunde befinden sich im
Haushalt des Königs? Und wie viele in den umliegenden
Ländereien?«
Irgendwann während der letzten paar Augenblicke war
klar geworden, dass Kampf und Tod nicht mehr zu vermeiden waren.
Aber wenn sie schon sterben musste, so wollte Breaca ihr Leben
wenigstens für etwas hingeben, für das es wert war zu sterben. Noch
ehe der Dolmetscher einmal Luft holen konnte, entgegnete sie auf
Latein: »Ich habe voll und ganz verstanden. Die Hunde der Eceni
stehen weder zum Verkauf, noch werden sie zur Begleichung der
Steuern herausgegeben.«
Dieses Mal antwortete der Prokurator unmittelbar an
Breaca selbst gewandt, und offensichtlich bereitete ihm dies
einiges Unbehagen: »Nein, du verstehst eben nicht. Hier geht es
nicht um die Begleichung der Steuern. Hier geht es um die
Aufstellung einer Liste des kaiserlichen Eigentums. Dein König ist
tot. Was früher dem König gehörte, gehört nun dem Kaiser: sein
Land, sein Besitz, seine Pferde, seine Hunde, seine Ehefrau und
seine Töchter. Alles, was früher Eceni-Eigentum war, ist jetzt
Eigentum Roms.« Er lächelte ein wenig verkniffen. »Und für mich ist
es von keinerlei Bedeutung, ob du nun aus freien Stücken antwortest
oder erst unter Zwang. Denn antworten wirst du. Ich frage dich
somit also noch einmal und nur dieses eine Mal noch: Wie viele
Hunde?«
Wenn sie nun ganz konzentriert an die Drossel
dachte, die sie an diesem Morgen geweckt hatte, vielleicht konnte
sie dann ja noch verhindern, dass sie völlig verrückt wurde. Breaca
entgegnete also: »Aber der König hatte doch ein Testament verfasst.
Der letzte Gouverneur hatte es bezeugt.« Aus den Augenwinkeln
jedoch sah sie bereits, wie Cunomar den Kopf schüttelte.
Auch der Prokurator sah dies und kostete seinen
Sieg nun voll aus. »So wie es üblich ist, hinterließ dein König die
Hälfte seines Landes dem Kaiser. Die andere Hälfte vermachte er
seinen Töchtern, eindeutig mit der Absicht, dass dies als ihre
Mitgift dienen solle.« Sein Blick glitt einmal zu Cygfa hinüber und
dann wieder zurück. »Man hat mir gesagt, dass eine der Töchter des
Königs noch ein Kind sein soll, ich sehe hier jedoch keinerlei
Kinder. Wo ist sie?«
Zu viele Menschen hielten in diesem Augenblick den
Atem an. Gefangen in der leeren Ödnis ihrer nur gespielten Ruhe
erklärte Breaca: »Die Tochter des Königs ist im Laufe des Winters
gestorben, an Kälte und Hunger und aus Kummer über den Tod ihres
Vaters. Wenn Ihr es zu sehen wünscht, so führe ich Euch gerne zu
ihrem Grab.«
Abermals schürzte der Prokurator die Lippen,
schaute Breaca einen Augenblick lang forschend an, konnte aber
nicht die Lücke in dem Gewebe ihrer Lüge erkennen. »Schon gut. Das
bewahrt den Sohn des Senators wenigstens vor der Verpflichtung,
sich eine Eingeborene zur Ehefrau nehmen zu müssen, obgleich man
mir gesagt hat, dass die Wilden aus dem Norden schon recht früh
geschlechtsreif werden und dass es ein... Nein!«
Nicht Cygfa war es, die in diesem Moment innerlich
zusammenbrach, und auch nicht Cunomar; weder Gunovar noch Airmid
oder gar Ardacos und die Bärinnenkrieger, sondern Breaca selbst war
es. Sie musste es ganz einfach gewesen sein, ganz gleich, wie
angestrengt sie sich auch zu beherrschen bemühte, denn Stone lebte
allein, um ihr zu Diensten zu sein, und somit war er es, der den
Prokurator als Erster angriff. Und möglicherweise hatte Cunomar
daraufhin ja versucht, den Hund zurückzuzerren. Aber die Söldner
wurden eben nicht dafür entlohnt, zu beobachten und zu berichten,
was vielleicht hätte geschehen können und was nicht, sondern
lediglich dafür, die Ordnung aufrechtzuerhalten und Gold und Güter
zusammenzutragen und, unter allen Umständen, das Leben und die
Person jenes Mannes zu beschützen, der sie bezahlte.
Erst wurde Stone niedergeschlagen, dann Cunomar,
und dann kamen mit einem Mal heulend die Bärinnenkrieger angestürmt
und waren einfach nicht mehr zu halten - und genau dies war von
Anfang an die Gefahr gewesen, sollte Cunomar bedroht werden.
Aber sie kämpften besser, als Breaca es erwartet
hatte. Sie kämpften gegen eine geradezu erdrückende Übermacht,
bewaffnet lediglich mit Messern, die kaum lang genug waren, um
damit ein Stück Käse zu durchschneiden, und zu ihrem einzigen
Schutz mit ihren wollenen Tuniken bekleidet. Dennoch stürzten sich
die Krieger mit unnachahmlichem Mut auf die Veteranen der Kolonie
von Camulodunum, jene ehemaligen Soldaten mit ihren
Legionskettenhemden, den Lederwämsern, den ovalen
Kavallerieschilden und den Kurzschwertern, die noch aus der Zeit
stammten, als sie ihren Dienst in der Armee versehen hatten, und
die nur allzu glücklich in ihren Händen sangen und rasch und
zielsicher töteten.
Acht Eceni starben in ebenso vielen Herzschlägen,
drei weitere wurden bewusstlos geschlagen, und Breaca hatte kaum
Zeit, die Spitze ihres Ellenbogens gegen die Nase des zu ihrer
Linken kämpfenden Veteranen zu rammen und das Messer mit der langen
Klinge aus seinem Versteck an ihrem Arm hervorzuziehen, hatte noch
nicht einmal begonnen, zu überlegen, ob wohl noch Zeit wäre, den
Prokurator oder irgendeinen seiner Männer zu töten, ehe sie das
Messer gegen Airmid einsetzen musste, als sie auch schon Cygfa den
Schlachtruf von Mona ausstoßen hörte. Und noch jemand schrie auf,
mit einer Stimme, die Breaca so noch nie zuvor vernommen hatte, und
dieser Jemand zerriss förmlich die Luft mit seinem
Schmerzensschrei.
Breaca tötete also den Veteranen zu ihrer Rechten,
einfach weil dieser am dichtesten bei ihr stand und der Aufschrei
ihn abgelenkt hatte, und noch in dem Augenblick, als sie ihr Messer
wieder aus seiner Kehle herauszog, erkannte sie, dass es nicht etwa
Cygfa gewesen war, die gerade gefangen genommen worden war, oder
gar Airmid, sondern vielmehr Cunomar. Er hatte ganz ohne Waffen
gekämpft und verloren. Ihr Sohn wurde von zwei Männern
festgehalten, das eine Ohr von seinem Schädel abgetrennt, und über
seine linke Gesichtshälfte strömte das Blut.
»Hört auf! Hört sofort auf. Sein Leben
gehört mir. Oder wisst ihr etwa nicht, wie lange es dauern kann,
ehe ein Mann endlich stirbt?«
Der Ruf ertönte in einwandfreiem Eceni, und er
stammte nicht etwa von einem der Söldner oder dem Dolmetscher vom
Stamme der Trinovanter, sondern von dem Kundschafter der Coritani,
über dessen Arm sich das Zeichen des Feuersalamanders schlängelte
und der gerade Cunomars abgetrenntes Ohr herumschwenkte, das er
aufgespießt auf der Spitze seines Messers trug.
»Nein, hört nicht auf!« Cunomar trat wie wild um
sich, kämpfte erbittert gegen die beiden Männer an, die ihn
festhielten, und ein halbes Dutzend Bärinnenkrieger nahm ihn auch
prompt beim Wort, doch den Großteil von ihnen hatte mittlerweile
der Kampfrausch wieder verlassen. Dann packte ein anderer der
Veteranen Airmid, drückte ihr die Spitze seines Schwertes unter das
Auge, und diese Drohung ließ alle endgültig innehalten.
Einen flüchtigen, geradezu kristallenen Augenblick
lang hätte Breaca noch vortreten und ihr Messer bis zum Heft in das
lebendige Fleisch des Herzens ihrer Träumerin rammen können.
Airmid, die selbst über das kalte Eisen der Legionärswaffe hinweg
noch immer fest und unverwandt Breacas Blick erwiderte, hätte sie
nicht daran gehindert; hätte nicht ganz in der Nähe in den
Dornbüschen wieder eine Drossel zu keckern begonnen, ganz so, wie
auch am Morgen, und hätte nicht jener Raum in Breacas Bewusstsein,
den erst der Ahnenreif zu erschließen vermocht hatte, sich erneut
geöffnet, von einer plötzlichen Gewissheit erfüllt, die Breaca
schließlich von dem Mord an ihrer Träumerin ablassen ließ.
Und dann war der Augenblick auch schon wieder
verstrichen. Der jähe Ausbruch von Kampfleidenschaft, das
Versprechen eines raschen, sauberen Todes, sie beide waren verloren
und nahmen mit sich jede noch verbliebene Hoffnung auf einen
Sieg.
Am ganzen Körper bebend stand der Prokurator vor
Breaca. Er war kein Mann, der Gefechte gewohnt war, und die Nähe
seines eigenen Todes versetzte ihn in Panik. Er rieb sich mit
beiden Händen über die Wangen, massierte sein Fleisch und fuhr sich
anschließend über die Stirn.
Sein Gesicht nahm wieder einen etwas gefassteren
Ausdruck an, und wenngleich seine Glieder noch immer schlotterten,
so schöpfte er doch schon wieder Energie und Macht aus der
Anwesenheit der ihn umringenden bewaffneten Männer und wandte sich
an Breaca.
»Du hast eben nicht verstanden. Aber nun wirst du
es wohl begreifen. Zuvor warst du nur das Eigentum des Kaisers,
jetzt aber bist du seine Gefangene, festgenommen bei dem Versuch,
Offiziere des Kaisers in der Provinz Britannien anzugreifen und zu
töten. Die Anklage lautet demnach auf Aufwiegelei und Mord, und die
dafür übliche Strafe ist der Tod. Sobald wir also die Siedlung
durchsucht und weitere Beweise zusammengetragen haben - und
zweifellos wird es Beweise geben, denn du hast Philus
getötet -, werden wir eine Verhandlung anberaumen, das Urteil
sprechen, und dann, während du stirbst, wirst du wohl endlich
einmal die Zeit finden, darüber nachzusinnen, dass ein Leben in Rom
und als Ehefrau des dritten Sohnes des Senators keiner von euch
allen allzu übel bekommen wäre.«