II

 
»Deine Schwester ist tot.«
»Ich habe keine Schwester.«
Die Luft in der Schmiede war erfüllt vom Rauch des glühenden Metalls, und laut hallten die rhythmischen Hammerschläge auf das Eisen. Die durch das Rauchabzugsloch hereinströmende Sonne warf einen kleinen See aus Licht auf den Boden, der jedoch weder das frisch geschürte Feuer noch den Amboss erreichte - und das wurde in der Schmiede auch keinesfalls bedauert. Der in Hibernia lebende Schmied mochte die rötlichen Schatten seiner Arbeitswelt und hatte keinerlei Verlangen danach, in das alles enthüllende Tageslicht zu treten, besonders nicht in Gegenwart seines derzeitigen Gastes.
Er ließ seinen Hammer auf das etwa armlange Stück Metall niedersausen, das sich schon bald zu einer Schwertklinge formen sollte, und genoss die Wellen der durch seinen Körper wogenden Erschütterungen. Er konzentrierte sich ganz auf seine Arbeit und kümmerte sich nicht um den Besucher, der auf seiner Türschwelle stand. Ganz offensichtlich wollte er ihn nicht hereinbitten.
Luain mac Calma, der ursprünglich aus Hibernia stammte und nun Mitglied des Ältestenrats und Erster Träumer von Mona war, war es nicht gewohnt, dass man ihn einfach ignorierte. Es war nur sehr selten vorgekommen, dass ihm der Eintritt in die Behausung eines anderen verwehrt worden war, und erst recht nicht dann, wenn er zuvor eine zehn Tage währende Reise unternommen hatte, um eine Nachricht von großer Tragweite zu überbringen.
Und er brauchte auch kein Licht, um den Körper und die Seele jenes Mannes zu erkennen, den er nun besuchte; ein Träumer verbringt den Großteil seines Lebens im Dämmerlicht. Dort, auf der Türschwelle, musterte Luain mac Calma das glatte blauschwarze Haar des Schmieds, das früher gemäß den Vorschriften der Legionen ganz kurz gehalten worden war, inzwischen aber bereits wieder Schulterlänge erreicht hatte. Er betrachtete die Linien des schlanken Körpers: Einst kampfgestählt und von muskulöser Geschmeidigkeit, war er durch die harte Arbeit in der Schmiede fast noch in seinem alten Trainingszustand erhalten. Und er ließ den Blick über die fein ausgebildeten Wangenknochen und die hohe Stirn jenes Mannes schweifen, den die Götter so weit fort von seinem eigentlichen Lebensweg geschleudert hatten und der noch immer nicht wieder gänzlich zu seinem alten Pfad zurückgefunden hatte. Er erkannte Zorn und einen störrischen Stolz in dem Blick des Schmieds. Aber noch stärker trat seine Angst hervor sowie sein Bestreben, diese Angst vor Luain mac Calma verborgen zu halten.
All dies verglich mac Calma im Geist mit dem Bild, das er von seiner letzten Begegnung mit diesem Mann zurückbehalten hatte, und er war keineswegs enttäuscht; drei Jahre des Friedens und der Einsamkeit hatten eine umfassendere Heilung hervorzurufen vermocht, als mac Calma jemals für möglich gehalten hätte. Seine Zweifel, und ihrer gab es trotz allem noch recht viele, richteten sich vielmehr auf die Verfassung, in der sich das Gemüt und die Seele des Schmieds befanden.
Er atmete einmal tief ein und ließ die Luft anschließend langsam wieder entweichen. Über das donnernde Lärmen des Hammers hinweg sagte er: »Du bist Bán mac Eburovic, Hasenjäger und Pferde-Träumer der Eceni, und ich werde deine Fantastereien langsam leid. Dein Diener hat mir erzählt...«
»Er ist nicht mein Diener.« Der Hammer setzte einen Schlag lang in seinem Rhythmus aus, fand ihn dann, nach einigen kleinen Zwischenschlägen, aber wieder. »Er nennt sich Bellos, nach den Bellovaci, die zur Volksgruppe der Belger gehören und die sein Stamm waren. Ich mag ihn vielleicht als Sklaven gekauft haben, aber ich habe ihm sowohl seinen Namen als auch seine Freiheit wiedergegeben. Nichtsdestotrotz hasst er mich. Er ist bloß deshalb noch hier, weil seine Angst vor den Iren noch größer ist als sein Hass auf mich. Deren Männer sind nicht gerade zimperlich im Ausdruck ihrer Zuneigung zu hübschen Jungen mit blondem Haar und Augen von der Farbe des Sommerhimmels. Hier ist er sicherer als an irgendeinem anderen Ort, und das weiß er auch, sonst wäre er nämlich schon vor langer Zeit von hier abgehauen.«
Mac Calma hob eine Augenbraue. »Er betrachtet dich aber als eine Art Vater.«
Der Schmied zuckte lediglich mit den Schultern. »Ein Mann kann seinen Vater verabscheuen und sich trotzdem noch als dessen Sohn betrachten. Man braucht sich ja bloß Caradoc anzusehen.«
»Oder dich.«
Das Hämmern hörte auf. Die Stille, die daraufhin einsetzte, schien erdrückend schwer auf den Ohren zu lasten.
Mit großer Behutsamkeit legte der Schmied seinen Hammer beiseite. Dann hob er mit einer Zange die noch immer glühende Klinge an, an der er zuvor gearbeitet hatte. In dem blutroten Licht, das von der Klinge ausstrahlte, begann er leise, aber mit großer Entschlossenheit zu sprechen - ganz wie jemand, der in der Stille eines Tempels seine Götter anruft.
»Hör mir gut zu, mac Calma. Ich werde das nur ein einziges Mal sagen. Die Frage, wer mich gezeugt hat, geht mich nichts an, und darum werde ich auch nicht zulassen, dass du die Klärung dieser Angelegenheit nun zu deiner Berufung erhebst. Eburovic von den Eceni hat mich aufgezogen und sich, solange ich noch ein Kind war, um mich gekümmert. Corvus von der Quinta Gallorum hat mich zu kämpfen und zu lieben gelehrt und schenkte mir jenen Namen, den ich seither benutze. Ich schätze und respektiere diese beiden Männer, aber das verleiht ihnen noch lange nicht irgendein Eigentumsrecht an meinem Leben oder an meiner Seele, ganz zu schweigen davon, dass sie ein solches Recht auch niemals für sich beanspruchen würden. Und ich habe die Eceni auch keineswegs willentlich verlassen, ebenso wenig, wie ich willentlich Verrat an Rom und an meinem Kaiser verübt habe. Aber beides ist nun einmal passiert, und damit sind fortan weder die Legionen noch die Stämme meine Heimat. Zum ersten Mal in meinem ganzen Leben bin ich frei. Und es ist meine feste Absicht, auch weiterhin frei zu bleiben.«
»So, bist du das?« Der Träumer nickte nachdenklich. »Und wie heißt er, der da so vollkommen frei ist?«
»Welche Bedeutung hat schon ein Name? Hier in Irland bin ich derjenige, als den ich mich selbst erschaffe. Für diejenigen, die mit Rom sympathisieren und die mich bitten, ihnen dabei behilflich zu sein, ihre Lateinkenntnisse zu verbessern, für die bin ich Valerius. Für den Rest bin ich einfach der Schmied mit den schwarzen Haaren, der auf dem Hügel lebt und der ihnen ihre Klingen schmiedet und ihre Broschen und der ihren Frauen manchmal bei der Niederkunft zur Seite steht. Und sollte dir das jetzt Sorgen bereiten, Vorsitzender des Ältestenrats von Mona, dann klag dein Leid besser einem anderen. Mich nämlich interessiert es nicht.«
Der Schmied, der in der Vergangenheit sowohl Julius Valerius, Dekurio der thrakischen Kavallerie, als auch Bán von den Eceni gewesen war, zitterte, als er geendet hatte. Selbst drei Jahre ohne Wein oder Ale hatten ihn noch nicht ganz von dem durch ihren einstigen übermäßigen Genuss herrührenden Muskelzittern befreien können. Glücklicherweise bebte das noch nicht fertig gestellte Schwert, das er in der Hand hielt, aber nicht mit ihm. Dennoch musterte Luain mac Calma ihn mit einer für den Schmied geradezu unheimlichen Intensität.
Er war bis zur Hüfte hinab nackt, und weiß leuchteten seine Kriegsnarben unter den Bächen von Schweiß hervor. Nähme ein Mann sich einmal die Zeit dazu und bedeutete ihm dies etwas, dann könnte er aus der Landkarte der vernarbten Wunden, die den Körper des Schmieds überzogen, die Geschichte der Eroberung Britanniens herauslesen. Zwei Männer hatte es bislang gegeben, denen dies in der Tat etwas bedeutet hatte, doch sie beide lebten nun jenseits der Reichweite von Herz und Verstand. Noch immer aber vermochten die Erinnerungen an diese beiden Männer den Schmied zu lähmen - wenn er es ihnen denn ausnahmsweise einmal gestattete. Er senkte die Klinge zum Abkühlen in das neben dem Amboss stehende Wasserfass hinab und ließ den aufsteigenden Dampf die Bilder seiner Vergangenheit auslöschen.
Allerdings hatte er damit nur mäßigen Erfolg. Denn er hätte die Namen der beiden Männer und den Schmerz über ihren Verlust auch ebenso gut laut aussprechen können, so auffällig hatte sich der Ausdruck auf mac Calmas Gesicht verändert. Durch den immer dichter aufsteigenden weißen Nebel erklang die Stimme des Vorsitzenden des Ältestenrats von Mona: »Es tut mir Leid. Ich hätte nicht herkommen, hätte dich hier, in deiner Zufluchtsstätte, nicht aufstören sollen. Ich dachte mir einfach nur, dass du die Neuigkeiten erfahren solltest.«
Deine Schwester ist tot. Doch er würde keine Fragen stellen. Denn selbst diese kurze Nachricht war bereits mehr, als er zu ertragen vermochte.
Langsam zog der Wasserdampf durch den Schornstein nach draußen. Als der Schmied wieder klar sehen konnte, war mac Calma bereits wieder gegangen. Nur seine Stimme schallte träge von draußen aus dem Tageslicht herein, wo er sich gerade mit Bellos, dem belgischen Jungen unterhielt, der zwar kein Sklave mehr war, aber dennoch das Pferd des Gastes hielt, ganz so, als ob dies noch immer zu seinen Pflichten gehörte.
»Die rote thessalische Stute in dem Pferch da drüben sollte eigentlich mein Gastgeschenk sein. Sie ist schon ein wenig fortgeschritten im Alter, und im Augenblick kann man sie ohnehin nicht reiten, aber früher war sie ein sehr wertvolles Tier. Sie ist trächtig von einem pannonischen Schlachtross, und wenn das Fohlen die Vorzüge sowohl seines Vaters als auch seiner Mutter geerbt hat, dann sollte es durchaus einiges wert sein. Ich habe noch ein paar Angelegenheiten mit den Träumern von Irland zu besprechen, und da käme es mir äußerst ungelegen, wenn ich sie nun wieder mit zurücknehmen müsste. Könntest du also vielleicht...?«
Luain mac Calma hatte drei Jahrzehnte lang bei den klügsten Köpfen von Mona studiert; die rhetorischen Fähigkeiten, die er dort erworben und bis zur Vollendung perfektioniert hatte, zeichneten ihn ebenso sehr aus wie die diversen anderen Gaben, die ihm bereits in die Wiege gelegt worden waren. Wenn er wollte, dann konnte er die Bewohner eines gesamten Rundhauses schon mit der ersten Strophe einer Legende jubelnd aufspringen lassen. Ebenso konnte er mit leisem Flüstern ein krankes Kind in den Schlaf hinübergeleiten, so dass es noch vor dem nächsten Morgen wieder vollkommen gesundete. Und er konnte die Seele jenes Mannes berühren, der gerade darum kämpfte, sich eine Haut der Unverwundbarkeit zuzulegen, und diesem Mann beweisen, dass er noch immer alles andere als unberührbar war.
Der Schmied trat einen Schritt von seinem Amboss zurück. »Wen hast du denn da mitgebracht? Wo hast du denn eine rote thessalische Stute aufgetrieben?« Er stand an der Tür, mitten im hellen Tageslicht, und hatte ganz vergessen, dass er doch eigentlich das Dämmerlicht der Schmiede vorzog. Das auskühlende Schwert in seiner Hand hing nutzlos herab.
Als Antwort trat der Träumer einen Schritt zur Seite, damit der Schmied sein Gastgeschenk sehen konnte. Die Stute stand in dem kleinen Pferch neben der Hütte. Sie war allerdings schon deutlich älter als bloß ein wenig fortgeschritten im Alter; genau genommen musste man sie als uralt bezeichnen, sozusagen als eine betagte Großmutter unter den Pferden. Man hatte sie schlecht behandelt, und in ihrem Rücken zeigte sich eine tiefe Senke, die darauf zurückzuführen war, dass sie zu viele Fohlen geboren hatte. Wie ein Vorgeschmack des Todes umschwebte eine Aura der Erschöpfung das Tier, einer Erschöpfung, die nicht nur von der Reise herrührte, sondern von ihrem ganzen zermarterten Leben. Ihr Fell war rotbraun, von der Farbe frisch aufgeschnittener Leber, mit weißen Narben an den Flanken. Unscharf war am Ansatz ihres Halses ein Brandzeichen zu erkennen.
Einst, vor langer Zeit, als die Stute ihr Sommerfell getragen hatte und perfekt gestriegelt worden war, hatte man das Brandzeichen klar erkennen können: Leg VIII Aug, was bedeutete, dass sie eine der Stuten der Kavallerie der Achten Legion Augusta gewesen war, und damals war sie in die Obhut eines Jungen aus dem Stamme der Eceni übergeben worden, der sie schon von einer Begegnung aus einem seiner Träume her gekannt hatte.
Das alles war schon sehr lange her. Man hätte meinen sollen, dass ein Sommer voller gemeinsamer Freuden, an dessen Ende eine Schlacht gestanden hatte, bei der Stute eine ebenso starke Erinnerung hinterlassen hätte wie bei dem Jungen, der sie damals geritten hatte, doch ihre Augen schauten hoffnungslos und begegneten dem Blick des Schmieds ohne jedes Zeichen des Wiedererkennens. Mit rauer Stimme sagte er: »Sie ist zu alt, um noch ein Fohlen zu tragen.«
»Das sehe ich allerdings anders. Es wird zwar ihr letztes Fohlen sein, doch sie wird die Geburt überleben. Aber vielleicht wäre es dir ja auch lieber, sie brächte ihr Fohlen unter der Aufsicht eines anderen Mannes zur Welt? Wenn du möchtest, kann ich sie natürlich wieder mit zurück nach Mona nehmen.«
Mac Calma kannte jeden einzelnen der Wege, der zum Herzen eines Menschen führte, und er scheute nicht davor zurück, genau diese Wege auch zu beschreiten. Der Schmied wagte nicht zu sprechen, doch er nickte, als Bellos ihn anschaute und gleich darauf davonrannte, um der Stute ein wenig Salz anzubieten, das er in seiner Hand verborgen gehalten hatte. Im Übrigen war das nicht die erste Prise Salz, die er der Stute reichte; Bellos war früher einmal ein Sklave gewesen, und er erkannte die Wunden der Sklaverei in einem anderen Wesen nur zu genau und wusste auch, wie er diese Qualen lindern konnte.
Nachdem er seine Stimme wiedergefunden hatte, erklärte der Schmied: »Man hat ihr das Herz gebrochen. Aber was noch von diesem Herzen übrig ist, das hat sie gerade dem Jungen geschenkt.«
Mac Calma hatte dem nichts entgegenzusetzen. »Ihr Fohlen aber wird sein Herz jenem schenken, der es für seinen Einsatz in der Schlacht abrichtet. Airmid meint, es wird ein Hengstfohlen, schwarz und weiß gescheckt und mit einer Blesse in Form eines Schildes und eines Speers auf der Stirn. Und ich sehe keinerlei Anlass, ihr nicht zu glauben.«
Der Schmied hielt den Blick für eine Weile starr auf den Horizont gerichtet, bevor er sich wieder zu sprechen traute: »Das war jetzt eindeutig ein Fehler, laut die Träume meiner Kindheit auszusprechen. Damals war ich eben noch jung und viel zu vertrauensvoll. Aber dieser Traum lebt schon lange nicht mehr und kann auch nicht mehr zum Leben erweckt werden. Er starb, als Amminios aus mir einen Sklaven machte und mein Schlachtross in seine Zuchtherde überführte. Und wenn selbst Breaca jetzt tot ist, kann der Traum erst recht nicht wieder auferstehen; sie war der wichtigste Bestandteil in diesem Traum.«
»Habe ich denn gesagt, dass Breaca tot wäre?«
Sie standen nur eine Schwertlänge voneinander entfernt. Valerius, einstmals Offizier der Kavallerie, hielt noch immer die erst halb fertig gestellte Klinge in der Hand und spürte die ersten verborgenen Schwingungen der mächtigen Waffe, die sie einmal sein würde. Ohne sichtbare Anstrengung hob er die Spitze des Schwertes in Höhe der Kehle des anderen Mannes. Ganz leise sprach er: »Spiel keine Spielchen mit mir, Träumer.«
Mac Calma stand seitlich zur Sonne hin gewandt. Sein Schatten - es war schier unglaublich - nahm die Form des Reihers an, der sein Traumbild war. Er schüttelte den Kopf. »Ich würde niemals mit dir spielen. Und ich hatte auch nicht beabsichtigt, irgendwelche Missverständnisse aufkommen zu lassen. Es ist Silla, die gestorben ist, deine jüngere Schwester, die Einzige aus der königlichen Linie, die noch im Land der Eceni zurückgeblieben war. Sie starb bei der Geburt des Kindes, das sie von Prasutagos erwartete, den du nur als Tagos kennst und der sich selbst zum König über das gesamte Volk der Eceni ernannt hat. Er ist einer derjenigen, die Rom unterstützen, und es gibt auch keine Möglichkeit mehr, ihn noch aufzuhalten. Wenn er nicht aus dem Weg geschafft wird, werden die Eceni - die das Volk deiner Mutter waren, auch wenn du behauptest, dass du nicht mehr zu ihnen gehörst - von Rom mit so eiserner Hand in die Sklaverei gepresst, dass wir sie niemals mehr daraus erlösen können.«
Es ist nicht Breaca, die gestorben ist...
Valerius hörte sich zwar auch noch den Rest von mac Calmas Geschichte an, doch sie interessierte ihn nicht mehr. Stattdessen war es diese eine entscheidende Tatsache, die sich in ihm festsetzte. Die Flutwelle, die nun über ihm zusammenschlug und ihn bis ins Innerste erschütterte, war keine Erleichterung und auch kein Zorn oder Kummer, sondern eine Mischung aus all diesen Emotionen, und sie hatte ein hässliches Antlitz erhalten, war beschmutzt worden durch die Art, wie man ihm diese Nachricht mitgeteilt hatte.
Erst später, nachdem der erste Ansturm der Gefühle schon fast wieder vorüber war, bemerkte der Schmied, dass Luain mac Calma noch immer neben ihm stand - und dass er noch immer einige wenige Scheinbilder in sich trug, deren Zerstörung er gerne vermeiden wollte.
Schließlich sagte er: »Du hast offenbar vergessen, wer ich war. Wenn den Eceni jetzt der Wille und die Waffen zum Kämpfen fehlen, dann, weil ich es war, der Waffen und Kampfeswillen gebrochen hat. Und trotz dieses Wissens erwartest du nun von mir, dass ich um das Schicksal eines besiegten Stammes Tränen vergießen soll?« Ganz unaufgefordert verlieh ein unbekannter Gott ihm eine Stimme, die zumindest in seinen, Valerius’, Ohren ruhig und beherrscht klang.
Mac Calmas Lächeln war schwer zu deuten. »Aber ganz und gar nicht. Es ist doch lediglich so, dass deine Mutter von der königlichen Linie abstammte, und du trägst nun einmal ihr Blut in dir, egal, wie zuwider dir das auch sein mag. Ich hatte also gehofft, dass du dich bereit erklären würdest, mitzukommen in Richtung Osten, um im Namen deiner Mutter die Eceni zum Kampf gegen Rom aufzurufen. Damit Breaca im Westen bleiben kann, wo sie gebraucht wird, und ihre Krieger gegen eine gespaltene römische Armee führen könnte. Aber ich verstehe jetzt natürlich, dass du das wohl nicht tun wirst. Dafür, dass ich deinen Frieden hier aufgestört habe, habe ich mich ja bereits entschuldigt. Und es soll auch kein zweites Mal vorkommen. Ich wünsche dir also viel Glück mit der Stute und bei der Geburt des Fohlens.«
 
Luain mac Calma mochte zwar ein Träumer sein, doch er ritt mit der Geschicklichkeit eines Kriegers. Sein Pferd, das im gestreckten Galopp dahinflog, hinterließ halbmondförmige Abdrücke in dem durchweichten irischen Moorboden, die noch lange, nachdem das Grau von Luains Mantel bereits mit dem Nebel und dem Himmel verschmolzen war, als deutliche Spuren erkennbar blieben.
Valerius blickte ihm nach, bis ein Schwarm Möwen über dem Küstengebirge aufstieg und für einen Moment den Horizont verdunkelte. Er wandte sich um und stellte fest, dass Bellos ihn mit der gleichen Mischung aus Furcht und Besorgtheit betrachtete, die der Junge schon seit ihrer Ankunft in Irland gezeigt hatte.
Plötzlich, und das war ein völlig neues Gefühl, wünschte Valerius sich, dass der Junge sich bei ihm geborgen fühlen sollte. »Magst du die Stute? Früher einmal, als ich ungefähr in deinem Alter war, gehörte sie mir. Ich bin mit ihr in die Schlacht geritten, und sie hat damals für mich mein erstes Opfer getötet. Danach, nachdem Amminios sie sich angeeignet hatte, gebar sie ein schwarz und weiß geflecktes Hengstfohlen, das Krähenpferd; von dem hast du ja schon gehört.«
Sie hatten sich zuvor schon das eine oder andere Mal über ihrer beider Vergangenheit unterhalten; Bellos kannte einige Bruchstücke von Valerius’ eigener Zeit in der Sklaverei, er wusste von Corvus, der Valerius befreit hatte, und er kannte sogar einen Großteil der Legenden um den Hengst namens Krähe, der diese Flucht überhaupt erst ermöglicht hatte. Dieses Pferd war zwischen ihnen mittlerweile schon zu einer geradezu mystischen Größe aufgestiegen. Oftmals - fast immer sogar - fiel es ihnen leichter, sich über Tiere zu unterhalten als über Menschen.
Die Augen des Jungen wurden vor Überraschung ganz groß. »Diese Stute hier ist die Mutter des Krähenpferdes?«
»Ja. Sie war ganz genauso wie er, nur dass sie nicht seinen Hass in ihrem Herzen trug. Wenn ich dich darum bitten würde, würdest du dann für sie sorgen?«
Das war ein Geschenk, und Valerius gab sich große Mühe, den Schmerz, der in dieser Gabe lag, zu verbergen. Zwar kannte Bellos ihn bereits besser, als mac Calma ihn kannte, doch Bellos war sanfter. Falls er Valerius also die Qual, die dieser in seinem Inneren empfand, ansah, so ließ Bellos sich zumindest nichts davon anmerken. Stattdessen grinste er breit, und mit einem Mal verlor sein Blick den Ausdruck der Unsicherheit und der Vorsicht. Er langte in sein Gürtelsäckchen, um noch etwas mehr Salz hervorzuholen, und hielt es hoch, damit die Stute es ihm von der Hand lecken konnte.
Ein kurzer Gedanke ließ ihn die Stirn runzeln, dann jedoch lächelte er sofort wieder. »Ich werde sie annehmen«, erklärte er, »und ich werde sie so gut behandeln, wie sie es verdient hat, aber das Fohlen ist der Bruder des Krähenpferdes und muss darum dir gehören. Versprichst du mir, dass du es annehmen wirst und dass du es dann auch behältst?«
Valerius hatte nicht gewusst, dass der Junge ihnen zugehört hatte, oder dass er bereits so viel Irisch verstand, dass er mac Calmas blumiger Art zu sprechen hatte folgen können. Im Grunde wollte Valerius das Fohlen gar nicht, aber er wünschte sich, dass der Junge sich bei ihm noch etwas geborgener fühlte. Er entgegnete also: »Natürlich werde ich es behalten. Die Iren sind gute Menschen, aber sie wüssten mit Sicherheit nicht, wie man ein Schlachtross heranzieht. Noch nicht einmal dann, wenn es aus dem Himmel direkt auf ihre Koppeln fallen würde.«
Er strich mit der Hand über den Rücken der Stute und spürte das Zucken ihrer Haut unter seiner Berührung. Er dachte laut nach und erklärte Bellos: »Sie ist zu mager, um die Geburt vernünftig durchstehen zu können, und sie ist schlecht behandelt worden. Wir brauchen Heu und Getreide, um sie damit zu füttern, und tagsüber musst du viel Zeit mit ihr verbringen, damit sie lernt, dir zu vertrauen. So wird sie uns dann behilflich sein, wenn das Fohlen kommt.«
 
Den Vormittag verbrachten sie mit ihren Planungen, und am Nachmittag holten sie mit einem Karren Futter aus dem Dorf an der Küste heran. An diesem einen Tag verlor Bellos einen großen Teil jener Schüchternheit, die er über die ganzen drei Jahre ihres Zusammenlebens hinweg aufrechterhalten hatte. Valerius beobachtete die Verwandlung und verfluchte sich selbst dafür, dass es erst mac Calmas falscher Besorgnis bedurft hatte, um ihm vor Augen zu führen, was er zu tun hatte.
Als sie sich schließlich zur Nachtruhe zurückzogen, bemühte Valerius sich nach Kräften, nicht einzuschlafen, und dennoch wurde er bald von einem schwarzen Nichts umfangen, und die Träume in dieser Dunkelheit waren die alten Träume von Verlust und Zerstörung, und in ihnen erklang die ewige Litanei jener, die er getötet hatte.
Er wachte früh auf und stellte fest, dass Bellos noch eher aufgewacht war und an seinem, Valerius’, Bett als eine Art Guten-Morgen-Gruß ein kleines Tablett abgestellt hatte, auf dem sich etwas Käse, ein noch von der letzten Ernte aufgehobener Apfel und ein Becher mit klarem Brunnenwasser befanden. Er war den unbekannten Göttern, die sich zudem kaum noch für ihn zu interessieren schienen, zutiefst dankbar, dass der Junge jetzt nicht hier in der Hütte war und sah, wie er weinte.
Die Seherin der Kelten
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