IX

 
»Bellos? Bellos, wach auf.«
Regungslos lag der Junge da, das bleiche Gesicht in den schwarzen Torf gedrückt, beide Arme weit von sich gestreckt, als wolle er die Erde umarmen. Valerius kniete neben ihm nieder und versuchte angestrengt, die Erinnerung an seinen nächtlichen Traum abzuschütteln und wieder einen klaren Kopf zu bekommen.
Und das dauerte lange, zu lange. Fest schien sich der Traum an ihn zu klammern, so dass der größere Teil von Valerius im Geiste noch immer auf dem Fohlen der roten thessalischen Stute mitten über ein Schlachtfeld ritt, während er in Wirklichkeit doch Bellos’ rasenden Puls fühlte und die schlaffen Augenlider des Jungen anhob. Genauso wie Airmid vorhergesagt hatte, war das Hengstfohlen aus dem Traum schwarz, und auf seiner Stirn prangten ein weißer Schild und ein schräg nach oben ragender Speer. Und nachdem es erst einmal zu einem ausgewachsenen Hengst herangereift wäre, trüge es seinen Reiter mit der gleichen Leidenschaft wie das Krähenpferd, das einst den Legionen anheim gefallen war.
Für einen Mann, der sein Leben dem Krieg gewidmet hatte, war das natürlich ein Traum, in dem er geradezu schwelgen konnte, ein Traum, bittersüß von der Sehnsucht nach dem Kampf und der Messerspitze voll Hoffnung - und diesem Gedanken an die Hoffnung hing Valerius noch lange nach seinem Erwachen nach. Airmid war schon immer die Gewissenhafteste von allen Träumern gewesen; wenn sich also auch nur die Hälfte ihrer Prophezeiungen bewahrheiten sollte und das Fohlen auch nur zu einem vagen Schatten des Krähenpferdes heranwuchs, dann, so glaubte Valerius, würde allein dies sein Leben bereits deutlich bereichern.
Im Augenblick jedoch schien die Erfüllung dieser Hoffnung nicht mehr allzu gewiss. Denn nachdem Valerius, der sich nur widerwillig aus dem Gebrüll und dem Lärm seiner Traumschlachten hatte herausreißen lassen, hinaus in die milde Nacht gewankt war und über die Fohlenkoppel hinter der Schmiede tappte, fand er dort eine andere Art von Schlachtfeld vor, das sich leider nicht so einfach wieder würde ordnen lassen.
Dort, unter einer Eiche und in einem großen Bett aus zertrampeltem, aufgewühltem Gras, lag auf der Seite ausgestreckt und zitternd die rote Stute, die mac Calmas Geschenk an Valerius gewesen war. Aber an ihrer Seite lag kein Fohlen, und es gab auch keinerlei Anzeichen dafür, dass sie bereits eines zur Welt gebracht hätte, und doch schwebte über allem der salzige, leicht nach Honig duftende Geruch des Fruchtwassers. Die Stute gab das tief aus dem Bauch aufsteigende Stöhnen eines Muttertieres von sich, das alles gegeben hatte, um sein ungeborenes Junges aus dem Leib zu pressen, und es doch nicht geschafft hatte.
All dies begriff Valerius bereits, noch während er über die Koppel eilte. Als er näher trat, erblickte er Bellos, der neben den Hinterhufen der Stute lag, und der schwarze Torffleck auf seinem weißblonden Haar verriet, wo einer der Hufe ihn geradewegs und mit großer Kraft hinter der linken Schläfe getroffen hatte.
Es war noch dunkel, und Valerius hatte keine Kerze mitgebracht. Er hatte den Kopf des Jungen bereits angehoben, hatte ihn in die Wange gekniffen, hatte zweimal seinen Namen gerufen, ehe er das Blut bemerkte, das aus Bellos’ Nase floss, und den noch feineren Blutfaden, der von seinem Ohr hinabrann.
Valerius erstarrte und mit ihm sein Vermögen, noch klar denken zu können.
»Bellos?«
Valerius schob dem Jungen das Haar aus dem leblosen Gesicht und strich es ihm so behutsam hinter die Ohren, wie er es, wäre Bellos wach gewesen, niemals gewagt hätte. Selbst die vollen sechs Jahre, die sie nun schon gemeinsam verbracht hatten, hatten nicht jene Schranke der Förmlichkeit zu durchbrechen vermocht, die sie bereits in den allerersten Tagen ihres Kennenlernens zwischen sich errichtet hatten; damals, als Valerius noch allein für die Legionen gelebt hatte und Bellos der sich prostituierende Junge gewesen war. Der Junge, den Valerius weder aus Mitleid noch aus Liebe, geschweige denn, um ihn zu benutzen, gekauft hatte, sondern lediglich aus der Hoffnung heraus, dass er ihm vielleicht einen der ihn am hartnäckigsten verfolgenden Geister vom Leibe halten könnte.
Die Erkenntnis aber, dass er seine Freiheit nur auf Grund der Tatsache gewonnen hatte, dass er für Valerius eben überhaupt keine Bedeutung hatte, hatte dem Selbstvertrauen des Jungen einen schweren Schaden zugefügt. Das hatte sich bereits in ihren ersten gemeinsamen Tagen in Gallien gezeigt, als er sich im Angesicht der Legionen und der unheilvollen Mächte des Ozeans noch Schutz suchend an Valerius geklammert hatte. Doch mit seinem Erwachsenwerden, und dies war besonders seit dem letzten Winter offensichtlich, war der Schmerz in Bellos nur noch größer geworden, nicht etwa geringer.
Valerius für seinen Teil war sich jedoch nie sicher gewesen, was er sagen sollte, und hatte folglich gar nichts gesagt. In einem halben Jahrzehnt hatten sie also nicht ein einziges Mal von Liebe gesprochen oder vielmehr von ihrem Fehlen. Erst die rote Kavalleriestute, die dem Jungen so offen ihre Zuneigung zeigte, gegenüber Valerius dagegen überhaupt keine Empfindungen erkennen ließ, hatte es schließlich geschafft, der Mauer zwischen den beiden eine körperliche Gestalt zu verleihen und die Wunden erneut aufzureißen.
Jene rote Kavalleriestute, die nun im Sterben lag.
Sie stank nach Angst und Niederlage und nach dem nach Eisen und Blut riechenden Tod auf einem Schlachtfeld. Sie atmete mit tiefen, keuchenden Zügen, die die Erde um sie herum erbeben ließen und vielleicht sogar das ganze Land, von der einen Meeresküste bis zur anderen. Auf dass alle in Irland und auf Mona wissen sollten, dass sich im Bauch jenes Pferdes, für das das Mitglied des Ältestenrats, Luain mac Calma, einem Gefreiten von der batavischen Kavallerie einen gesamten Jahreslohn in Gold gezahlt hatte, zu Beginn der Wehen die Gebärmutter verdreht hatte; dass die Stute bis zum Morgengrauen verstorben sein würde und ihr noch ungeborenes Fohlen mit sich in den Tod nähme.
Es war zwanzig Jahre her, dass Valerius das letzte Mal die Symptome einer verdrehten Gebärmutter gesehen hatte. Damals war sein Leben noch einfacher gewesen, so dass der erschütterndste Augenblick in jenen jungen Jahren der Moment gewesen war, als seine Mutter, Macha, ihren keilförmigen Hammer an den Kopf einer fohlenden Stute angelegt, ihr einen gezielten Schlag genau zwischen die Augen versetzt und sie somit vom Schmerz und vom Leben gleichermaßen befreit hatte. Noch während die Stute in den Tod hinüberglitt, hatte Macha den aufgeblähten Unterleib aufgeschnitten und das Fohlen herausgeholt, es ans Tageslicht gezerrt. Das Kleine war noch sehr schwach gewesen, aber es lebte, und es wurde von einer anderen Stute gesäugt und gedieh prächtig. Das Stutenfohlen, das an jenem Tag geboren worden war, wurde schließlich die Mutter des grauen Schlachtrosses der Bodicea, und der Junge, der heranwuchs, um eines Tages zu Valerius zu werden, lernte zu akzeptieren, dass seine Mutter in dem Augenblick genau richtig gehandelt hatte.
Der erwachsene Valerius hatte bereits seinen eigenen Hammer benutzen müssen, um sowohl Männer als auch Pferde aus einem Leben zu entlassen, das unerträglich geworden war. Es würde ihn also keine allzu große Überwindung kosten, nun erneut seinen Hammer einzusetzen und die Stute von ihren Qualen zu erlösen. Außerdem kannte er die Stute und glaubte darum auch nicht, dass ihre Seele im Land der Toten auf ihn warten würde, so wie es die anderen taten, denen er ohne Grund das Leben genommen hatte und die deshalb auf Rache sannen.
Bellos dagegen würde sicherlich auf Valerius warten. Seine Liebe zu der Stute war in den dunklen Monaten des Winters immer stärker gewachsen, und es hatte sich eine stille Verbundenheit zwischen den beiden Fremden entwickelt, die es ohne ihre Einwilligung in ein fremdes Land verschlagen hatte. Bellos besaß eine heilerische Begabung; und mit der Zeit und mit einer entsprechenden Ausbildung könnte er diese sicherlich sogar zu seinem Beruf ausweiten. Höchstwahrscheinlich hatte er also gedacht, seine Kameradin würde ihn erkennen, und dass er ihr ihren schmerzhaften Kampf erleichtern könnte, wenn er sich hinter sie auf den Boden legte und versuchte, ihr Fohlen herauszuzerren. Als ein Junge, der in einem Bordell aufgewachsen war, hatte er noch eine Menge über die Natur des Schmerzes und über die Natur der Liebe zu lernen und wie Ersteres die Liebe unter Umständen außer Kraft setzen kann.
Valerius ließ seine Hand etwas tiefer gleiten und fühlte, wie das Leben nurmehr in unregelmäßigem Takt durch Bellos Kehle pulsierte. In dem chaotischen Durcheinander seiner sich überschlagenden Gedanken wurde ihm plötzlich etwas klar.
»Wenn ich nun die Stute töte, Kind, wofür willst du dann noch leben? Würdest du bloß für mich wieder ins Leben zurückkehren? Ich glaube nicht.«
Diese Erkenntnis schmerzte Valerius stärker, als er es für möglich gehalten hätte. Noch einmal strich er die gleiche, widerspenstige Strähne von Bellos’ Haar zurück und sprach: »Bellos, wenn du mich hören kannst, dann verspreche ich dir, dass ich alles in meiner Macht Stehende tun werde, um die Stute am Leben zu erhalten. Falls sie aber trotzdem stirbt, liegt das nicht daran, dass ich es nicht mit aller Kraft versucht hätte.«
 
Nachdem er diese Entscheidung einmal getroffen hatte, arbeitete Valerius rasch und methodisch. Wenn er also tatsächlich das Unmögliche wagen wollte, musste er zunächst einmal Bellos versorgen. Der Junge wog mehr, als man auf Grund seiner schmalen Statur hätte vermuten mögen, aber es fiel Valerius dennoch nicht allzu schwer, ihn in den einzelnen Raum zu tragen, aus dem die Schmiedehütte bestand. Dort legte er ihn in das Bett und schichtete angewärmte, in wollene Tücher eingewickelte Steine um ihn herum auf. Bellos schaffte es nicht, alleine zu trinken, aber Valerius konnte ihn dazu bringen, etwas breiigen Aufguss aus Schwarzwurz und Pisang zu schlucken, die Valerius zunächst gekocht und dann wieder abgekühlt hatte und in einer kleinen irdenen Kanne aufbewahrte, die eigentlich für jene Frauen gedacht war, die nach der Geburt zu erschöpft waren, um etwas zu sich zu nehmen.
Als Valerius zurückkehrte, hatte die Stute sich noch nicht bewegt; zitternd lag sie in genau derselben Haltung da, in der er sie das erste Mal hatte daliegen sehen. Bellos konnte ihn nicht bewusst hören, doch es mochte sicherlich nicht schaden, wenn Valerius dennoch mit ihm sprach, ganz so, als ob der Junge ihn von einem anderen Ort aus wahrnehmen könnte. Valerius spürte eine Gegenwart, die ihm über die Schulter blickte, und sagte: »Beobachte und lerne. Vielleicht ist es ja noch möglich, sie beide zu retten.«
Doch das war keine leichte Aufgabe. Er hätte dringend zwei Leute gebrauchen können, die ihm halfen, um die Stute auf die Seite zu drehen, während Valerius deren Gebärmutter in die andere Richtung drehte. Er überlegte, ob er zu der kleinen Gruppe von Häusern hinunterlaufen sollte, um dort eine der ruhigen, nur schwer zu erschütternden Frauen zu wecken, die sich mit der Geburt mindestens genauso gut auskannten wie er. Und für Bellos hätte er seinen Stolz auch tatsächlich geopfert. Aber den ganzen weiten Weg hinunterzulaufen, eine der Frauen aus dem Schlaf zu rütteln und wieder hier heraufzuwandern würde bis zum Morgen dauern, und Valerius glaubte nicht, dass die Stute den Sonnenaufgang noch erleben würde. Er kämpfte nun also ganz auf sich allein gestellt, schwitzte und fluchte. Das alles unterschied sich kein bisschen von dem Kampf in einer Schlacht, außer dass die Stute nicht versuchte, ihn zu töten, sondern sich nur stöhnend hin und her wand und sich unter Qualen bemühte, ein Fohlen zu gebären, dem der Weg in die Freiheit noch nicht offen stand.
»Bitte... dreh dich jetzt gemeinsam mit mir herum... jetzt... drehen!«
Die Stute keuchte und schnaufte und trat um sich, keilte mit beiden Hinterhufen aus und rammte dabei mit ihren Hinterbacken Valerius’ Kopf und Schulter, so dass sein Gesicht auf höchst unsanfte Weise in den nassen Torfboden gedrückt wurde. Durch seinen Arm schoss ein Brennen und ein eisiges Schaudern und dann wieder ein Brennen, und eine alte Wunde an seiner Schulter schien in neu erwachtem Schmerz geradezu aufzuschreien. Er stemmte die Ellenbogen in die Erde und drückte mit ausgestreckten Fingern, und endlich, auf geradezu wundersame Weise, schien das Fohlen unmittelbar davor, sich zu drehen, glitt schließlich träge in die andere Richtung und öffnete den Gebärmutterhals.
»Danke... danke. Warte, es ist noch nicht vorbei. Lass mich kurz nachdenken. Gib mir einen Augenblick Zeit zum Nachdenken.«
Er lag flach auf dem Moorboden, sog die Luft mit den gleichen, keuchenden Zügen ein wie zuvor die Stute. Er weinte vor Erschöpfung, vor lauter Erleichterung, dass die Strapazen endlich ein Ende hatten. Valerius wünschte sich, dass Bellos sehen könnte, was er gerade vollbracht hatte und was noch vor ihm lag, doch er wusste nicht, wie er ihm dies mitteilen sollte. Der Junge war zwar zwischenzeitlich noch nicht wieder auf wundersame Weise ins Leben zurückgekehrt - andererseits, wie Valerius feststellte, als er zwischendurch rasch zu der Schmiedehütte rannte, um nach Bellos zu sehen, war der Junge aber auch noch nicht von ihm gegangen.
Als Valerius zurückkehrte, legte er sich erneut neben die Stute auf den Boden. Er tätschelte ihr sanft den Rumpf und sprach mit ihr genauso, wie er auch mit einer in den Wehen liegenden Frau gesprochen hätte. »Das Schlimmste hast du jetzt hinter dir. Lass mich mal tasten, wie das Fohlen jetzt liegt. Dann holen wir es heraus, und du kannst dich endlich ausruhen.«
Das Fohlen: jenes schwarz-weiße Phantom, das eines Tages im Herbst in Valerius’ Träume gestürmt war und das sie seitdem so vollkommen ausfüllte, dass es alles andere verdrängte. Luain mac Calma, der älteste Träumer von Mona, hatte die Saat mit solch beiläufiger Leichtigkeit ausgestreut, dass es schwer war, das Ganze nicht für einen sehr bewussten Akt zu halten. Airmid meint, es wird ein Hengstfohlen, schwarz und weiß gescheckt und mit einer Blesse in der Form eines Schildes und eines Speers auf der Stirn.
Valerius hatte ihm damals widersprochen und erwidert: »Dieser Traum lebt schon lange nicht mehr.« Zu jenem Zeitpunkt hatte er das auch in der Tat geglaubt. Erst später in der Nacht war die Wahrheit hervorgetreten, und dann noch einmal in den darauf folgenden Nächten, und schließlich erschien sie ihm jede Nacht, bis er sie auch am Tage erkannte, und er musste sich sehr anstrengen, einen klaren Kopf zu behalten, um weiterhin seine Aufgaben als Schmied erfüllen zu können oder seine Verpflichtungen als Heiler, oder um die Lederarbeiten zu erledigen, oder um einfach nur das Essen zu kochen für sich und den belgischen Jungen, der einst ein Sklave gewesen war. Jener Junge, der sich in eine betagte Kavalleriestute verliebt hatte und der höchstens einmal einen flüchtigen Gedanken an das Fohlen verschwendete, das sie in sich trug.
Doch Bellos’ Träume waren nicht Valerius’ Träume, und der Mann hatte dem Jungen nie das Wesen der ersten echten Vision seiner Kindheit erklärt, jener Vision, in der Valerius ein schwarzes Pferd mit einem weißen Schild und einem weißen Speer auf der Stirn in eine Schlacht geritten hatte, die schließlich das Schicksal seiner Schwester bestimmen sollte. Somit hatten sie sich auch nicht über die Wiederkehr dieses Traumes in Form der Stute unterhalten, die Luain mac Calma Valerius zum Geschenk machte, und auch nicht über die Hoffnungen, die gemeinsam mit dieser Stute wieder aufstiegen und die Valerius bereits zu tief in seinem Inneren vergraben hatte, als dass er sie noch beim Namen hätte nennen können.
Bis jetzt, als das Fohlen, das so lange zusammengedrückt in der Gebärmutter gelegen hatte, durch den Geburtskanal hindurch einen Huf in Valerius’ suchende Hand streckte und dann, als ob es beweisen wollte, dass es am Leben sei, die Nase nach vorne reckte und an seinem Finger saugte.
Es war schon so lange her, dass er das letzte Mal mit einer fohlenden Stute allein gewesen war, dass er schon völlig vergessen hatte, wie es war, neues Leben an seinen Fingerspitzen zu spüren, neues Leben, das darum kämpfte, in die Welt entlassen zu werden. Wieder stupste das Fohlen ihn an, schmiegte die Nase in seine Hand, und dieses Versprechen, in dem ein ganzes Leben lag, diese Bitte, zart wie ein leises Gebet, war es schließlich, die Valerius, der sich für immun gegen die Liebe gehalten hatte, sie erneut spüren ließ, mit all der überwältigenden und zugleich vernichtenden Macht der Vergangenheit.
Wie zu der Zeit, als Valerius noch jung gewesen war, sprangen die Pforten zu seinem Herzen wieder weit auf. Die kalte Nacht wurde plötzlich noch schneidender und die Farben der Dunkelheit verschwommen. Weinend streckte er die Hand aus und langte abermals nach vorn. Er war plötzlich nicht mehr erschöpft, und Bellos war nurmehr ein kleiner Grund, weshalb er das Fohlen sicher und unversehrt ins Leben holen wollte.
 
Es hatte von vornherein keine Hoffnung auf eine leichte Geburt bestanden, doch Valerius hatte ein Gelingen dennoch nicht gänzlich ausgeschlossen.
Die ganze Nacht hindurch und bis in den Morgen hinein hatte er gekämpft, wie er nur selten zuvor gekämpft hatte, und diesmal hatte er für das Leben gefochten und nicht um den Tod. Er hätte den Augenblick nicht benennen können, in dem ein Zurück nicht mehr zu umgehen war, und auch nicht den erst weit später eintretenden Moment, als er sich in die Situation fügte und aufhörte, noch weiter zu versuchen, das Fohlen herauszuziehen. Die Stute war restlos erschöpft und lag da wie tot, allein das Heben und Senken ihres Brustkorbes verriet, dass sie noch am Leben war. Das Fohlen hatte schon vor langer Zeit aufgehört, an seinem Finger zu saugen. Einmal hatte Valerius sein Herz fühlen können, als er versucht hatte, eines seiner Beine hervorzuziehen, doch selbst das Pochen des kleinen Herzens schien verstummt zu sein.
Valerius ließ sich auf die Fersen zurücksinken und versuchte, nachzudenken. Die eine Körperhälfte der Stute war schwarz vor Torf, und fast regungslos lag sie da; selbst zu einem Schaudern fehlte ihr mittlerweile die Kraft. Das Fohlen, wenn es nicht schon tot war, stand kurz davor zu sterben. In den verborgensten Winkeln seines Bewusstseins hörte Valerius wieder, wie seine Mutter jene Anrufung an Briga sprach, die stets einem nahenden Tod vorausging, und er sah im Geiste, wie seine Mutter sich auf die Seite legte, in der Hand ein Messer, so scharf, dass sie damit sogar durch Rohleder schneiden konnte, und damit einem toten Fohlen das Bein vom Körper trennte und dann auch noch den Kopf und anschließend vielleicht noch ein weiteres Bein, um das tote Tier schließlich in kleinen Stücken aus dem Geburtskanal herauszuziehen und dem Muttertier damit das Leben zu retten.
Seit nunmehr zwanzig Jahren hatte Valerius Stuten dabei geholfen, ihre Fohlen zur Welt zu bringen, und noch nie hatte er ein Fohlen zerschneiden müssen, um es herauszuholen. Er verschloss sein Herz, verdrängte jeden Gedanken und jede Empfindung aus seinem Bewusstsein und ging die kurze Strecke bis zur Schmiede und wieder zurück. Das Messer, das er auf dem Rückweg in seiner Hand hielt, war mindestens genauso scharf wie das seiner Mutter.
Später, nachdem das tote Fohlen in kleinen Stücken an die Krähen verfüttert worden war, kehrte Valerius mit etwas angewärmtem Wasser und einigen Kräutern zurück und machte sich daran, die rote Stute wieder zurück ins Leben zu holen. Das lag nicht ganz außerhalb seiner Macht, und selbst die rachsüchtigen Götter, die einem Menschen einen Grund zu lieben geben konnten, nur um ihm diesen einen Grund dann sogleich wieder zu entreißen, schienen nicht die Stärke zu besitzen, in ihre Vergeltung auch noch das Muttertier mit einzuschließen.
Gegen Mittag, als die Stute abgetrocknet worden war und auf ihren Läufen kniete, umgeben von Haferstroh, das Valerius um sie herumgestopft hatte, um sie in ihrer aufrechten Haltung zu stützen, kehrte er in die Schmiedehütte zurück und schürte das Feuer, bis der Raum wieder so warm war wie immer. Anschließend begann er, eine Fleischbrühe zu kochen, die auch ein bewusstloser Junge schlucken konnte.
Nicht ein einziges Mal erlaubte er sich, seine Gedanken zu dem an die Krähen verfütterten Kadaver zurückschweifen zu lassen, der einst ein Hengstfohlen gewesen war. Und auch an die Prophezeiung wollte er nicht denken, die, wenn man es genau nahm, lediglich vorhergesagt hatte, dass es ein schwarz-weißes Fohlen würde mit einem Schild und einem Speer auf der Stirn.
Airmid war schon immer die Gewissenhafteste unter allen Träumern gewesen. Und Tatsache war, dass sie mit keinem Wort versprochen hatte, dass das Fohlen, das sie so präzise beschrieben hatte, lebend zur Welt kommen würde.
 
Die Stute erholte sich allmählich wieder dank des warmen Futterbreis und der sorgsamen Pflege, die Valerius ihr Tag und Nacht zukommen ließ. Schließlich erkannte sie ihn sogar und hieß seine Fürsorge willkommen. Am zweiten Tag nach ihrer Fehlgeburt erhob sie sich und schritt, befreit von der Last des Fohlens, über die Koppel und durch das offene Gatter hindurch bis zum Eingang der Schmiede, in der Bellos lag und noch immer nicht das Bewusstsein zurückerlangt hatte. Nach dem Besuch der Stute veränderte sich seine Gesichtsfarbe jedoch ein wenig.
Im Anschluss an seinen Ausflug fraß das Tier das gute Heu, das Valerius ihm gekauft hatte, und soff von dem warmen Wasser mit der Fingerspitze voll Honig und den Aufgüssen aus Klette und Baldrian. Da sie sich auf Valerius’ Grundstück frei bewegen durfte, verbrachte die Stute ihre Zeit damit, an der Tür zur Schmiede zu stehen. Damit sperrte sie allerdings auch das Sonnenlicht aus und verschreckte die Hühner, die auf der Türschwelle scharrend ihre Sandbäder nehmen wollten.
Bellos’ Zustand blieb unverändert. Als der Junge drei Tage nach der Fohlengeburt dem Erwachen noch immer kein Stück näher gekommen war als in der ersten Nacht, gestand Valerius sich ein, dass er wohl an seine Grenzen gestoßen war, und machte sich auf den Weg hinunter zu der kleinen Siedlung an der Küste, die er ganz bewusst nicht zu seinem neuen Zuhause auserkoren hatte. Nichtsdestotrotz war der fremde dunkle Schmied, der mit seinem fremden blonden Jungen oben auf dem Hügel lebte, in diesem Ort bereits zu einem geschätzten Bestandteil im Gefüge des Lebens geworden.
Valerius hatte einst einmal gesagt, alle Iren wären groß und hätten ein ungehobeltes Benehmen, und dass Bellos in ihrer Gesellschaft nicht sicher sei; doch wie bei allen Unwahrheiten, so steckte auch in dieser zumindest ein Körnchen Wahrheit. Allerdings waren es nicht die Männer und Frauen der Siedlung, die dem Jungen Böses wollten, sondern die Gefahr ging, sofern sie denn überhaupt existierte, von den Seefahrern aus, die die geschützte Bucht und die klaren Quellen gerne dazu benutzten, um ihre Frischwasservorräte aufzufüllen und um Fleisch und Ale zu kaufen. Und diese Männer waren zuweilen eben weder nüchtern noch sonderlich vertrauenswürdig.
Jene, mit denen Valerius Handel betrieb, waren weder allesamt groß und rothaarig, noch trat auch nur einer von ihnen ungehobelt auf. Keiner von ihnen hatte sich der Schmiede genähert oder ihm unaufgefordert seine Hilfe angeboten, und dennoch hatte sich unter den Menschen bereits die Nachricht von der Fehlgeburt der Stute und dem Tritt gegen Bellos’ Kopf verbreitet. Die einzige Frage, die sie sich also gestellt hatten, war, ob der Schmied wohl das Geschick besaß, den Jungen selbst zu heilen, und falls nicht, wie lange es dann wohl dauern würde, bis er Hilfe holen müsste, und wen er dann aufsuchen würde.
Darüber war man geteilter Meinung gewesen, aber die Mehrzahl der Wettenden sagte, dass er eher nach Mona reisen würde, zu dem mageren Träumer, der auch die Stute gebracht hatte, statt dass er die einheimischen Ältesten fragte, die sich zu diesem Zeitpunkt zu einer Ratsversammlung am Hügel Tara versammelt hatten. Folglich herrschte einige Befriedigung unter den Würdenträgern, als sich herausstellte, dass doch die ursprüngliche Einschätzung die richtige war.
Sie waren keine Menschen, die ihr Anliegen geradeheraus zur Sprache brachten. Folglich schweifte Valerius’ Konversation, wie es die Höflichkeit gebot, zunächst zu dem Wohlergehen jener, denen er in der Vergangenheit bereits geholfen hatte, die er geheilt oder bewaffnet und eingekleidet hatte. Während dieser Unterhaltung stellte sich allerdings heraus, dass es da einen gewissen Karren gab, den er gerne benutzen könne und der gerade frisch mit Fellen ausgelegt worden wäre, um den Jungen trocken zu halten, und dass da auch noch ein erst kürzlich kastriertes Zugpferd sei, das kräftig und gut für die Reise geeignet war. Zudem gab es da einige Hartrindenziegenkäse, die bereits in dem Haferstroh lägen, das sowohl den Jungen wärmen als auch das Pferd ernähren sollte. An anderer Stelle auf dem Karren waren sogar noch wahre Mengen an getrocknetem Fisch und Hammelfleisch und frischen Eiern sowie Krüge mit Wasser verstaut worden, denn schon früh hatte man herausgefunden, dass der Schmied ganz im Gegensatz zu seinem Erscheinungsbild weder den Wein der Römer trank noch das wesentlich gesündere Ale der Stämme.
Schließlich, denn sie schätzten Valerius wirklich sehr und wollten ihn gerne wieder bei sich sehen, überreichte ihm ein drahtiges, dunkelhaariges Mädchen einen kleinen, mit Wachs versiegelten Topf, in dessen ebene Deckelschicht eine Biene eingeritzt worden war. Honig war an der wilden Küste Irlands nicht allzu verbreitet, und das wenige, was man an Honig fand, bewahrte man für heilerische Zwecke, denn er war wertvoller als sein Gegengewicht in Gold.
Valerius rührte dies alles mehr, als er hätte in Worte fassen können. Und er überließ dem dunkelhaarigen, drahtigen Mädchen die Verantwortung für seine Schmiede, denn es hatte in der Vergangenheit bereits einiges Geschick bewiesen sowohl im heilerischen Bereich als auch in der Metallarbeit. Ihrem Vater, der seinen Karren erst kürzlich mit drei Kuhfellen neu bezogen hatte, gab er sein gutes Reitpferd. Seine Vorräte an getrockneten Blättern, Baumrinden und Wurzeln überreichte Valerius der Hebamme, und wer auch immer unter ihnen meinte, dass er gut einmal Valerius’ Schmiedehütte gebrauchen könne, hatte hiermit die Erlaubnis, sie ganz nach Belieben zu benutzen.
Bellos war genauso fest in das Stroh gepackt worden wie die hinter ihm verstauten Eier und Krüge. Hoch oben auf dem Bock des bereits anfahrenden Karrens thronend, versprach Valerius jenen Menschen, die nun zu den seinen geworden waren, dass er so schnell wie möglich wieder zurückkehren würde. Und als er dies sagte, glaubte er es sogar noch selbst.
 
Bellos schlief weiterhin. Und während der vier Tage dauernden Reise im Zockeltempo lernte Valerius die Grenzen des liebenswerten braunen Pferdes kennen, das seinen Wagen zog. Die rote Stute, die er ursprünglich hinten an den Karren angebunden hatte, gehorchte Valerius aufs Wort und bewies damit nach einer Weile, dass er sie nicht mehr anzubinden brauchte. Zweimal ging sie sogar voraus, als der Wallach vor der starken Strömung der durch die Frühlingsniederschläge hoch angestiegenen Flüsse scheute. Der Karren erwies sich derweil als stabiler, als es zunächst den Anschein gehabt hatte, und auch die Räder saßen fester in ihren Naben als erwartet.
Valerius reiste in nördlicher Richtung durch die Berge, bis er an einen Wegbegrenzungsstein gelangte, an den er sich noch von früheren Reisen her erinnerte. Von da an orientierte er sich nach Osten und auf das Meer zu. Der Weg hier besaß zwar nicht die unnachgiebige, leicht gewölbte Oberfläche einer römischen Straße, doch er war fest und breit genug für zwei Wagen. Weiße Steine markierten die Wegränder, so dass Valerius sogar noch, nachdem die Abenddämmerung sich über das Land legte und das Licht schwächer wurde, hätte weiterfahren können, durch die Nacht hindurch und auf den Hafen zu.
Genau das hatte Valerius auch vorgehabt, doch dann vermischte die salzige Seeluft sich mit dem durchdringenderen, leicht säuerlichen Geruch des Torfmoors, und plötzlich erinnerte Valerius sich mit geradezu Übelkeit erregender Genauigkeit wieder daran, wie sehr er die Reisen über den Ozean doch hasste. Er hing diesem Gedanken jedoch nicht sonderlich lange nach, sondern lenkte stattdessen den kleinen braunen Wallach zur Seite hin auf einen kleinen Rastplatz zu, wo der Erdboden flach und festgetreten war. Die verglühten Kohlen, die dort von den Feuern seiner Vorgänger zurückgeblieben waren, und ein kleiner Haufen sauber gespaltenes Feuerholz verrieten, dass das Land und seine Bewohner sehr gastfreundlich waren.
Die Felle, die den Karren bedeckten, konnten bei Bedarf über das Wagenrückteil hinausgezogen werden. Gestützt von erst kürzlich angefertigten Stangen boten sie somit eine Art Unterschlupf vor dem nur selten einmal aussetzenden irischen Regen. Valerius legte den Pferden Fußfesseln an und tränkte sie. Dann entzündete er dicht bei dem provisorischen Fellzelt ein Feuer.
Bellos vom Wagen zu heben war mittlerweile wesentlich leichter geworden; keine Fleischbrühe, egal, wie nahrhaft sie auch sein mochte, konnte einen im Wachstum befindlichen Jugendlichen so weit bei Kräften halten, dass er nicht an Gewicht verlor. Der Länge nach auf einigen wollenen Umhängen ausgestreckt und mit ein paar Polstern aus Stroh unter sich, hätte Bellos auch ein nach langer, zehrender Krankheit frisch Verstorbener sein können, so bleich und abgemagert, wie er war.
Sein Haar war nicht mehr länger von dem hellen Blond der Belger, sondern matt und dunkel, und es hing ihm wie nasses Stroh um das Gesicht. Seine Glieder waren nur noch dünne Stöcke, um die sich in Falten die Haut schmiegte, und an den Ellenbogen, Hüften und Schultern wies er entzündete Quetschungen auf, wo sein eigenes Körpergewicht auf das stetig weniger werdende Fleisch gedrückt hatte, bis es blutete. In den vergangenen zwei Tagen war die Fleischbrühe nurmehr als eine dünne, ranzige Schlacke aus seinem Darm gesickert, die so flüssig war wie Urin und selbst das letzte bisschen gesunde Haut noch wund machte.
Valerius hatte sich nie sonderlich viel aus irgendeinem Kind gemacht; und der bereits verstorbene Sklavenjunge, Iccius, war im gleichen Alter gewesen wie er, Valerius, als er die Verletzungen des Jungen versorgt hatte, die dieser durch die Schläge, die Kastration und den Missbrauch durch die Männer hatte ertragen müssen. Bellos war also älter, als Iccius damals gewesen war, aber sein Zustand war wesentlich ernster, als es bei Iccius jemals der Fall gewesen war - außer das eine Mal, als er einen schweren Unfall erlitten hatte -, und er dauerte erheblich länger an.
Valerius, der nie den Wunsch verspürt hatte, einmal Vater zu werden, war nun also in die Rolle eines Krankenpflegers geraten. Ehe er selbst etwas aß oder sich sein Lager für die Nacht richtete, entkleidete er den Jungen stückweise und wusch ihn mit sauberem Wasser, das er zuvor auf dem Feuer erwärmt hatte; anschließend zog er ihn wieder an, legte Polster um die wunden Stellen und strich auf beide Oberschenkel eine Salbe aus Gänsefett und Mehlbeeren sowie einem Quäntchen Honig, damit der Durchfall dem Jungen nicht die Haut zerfraß.
Die ganze Zeit über sprach Valerius mit Bellos, als ob dieser ihn tatsächlich hören könnte, und ließ seine Stimme laut in die Nacht schallen.
»Ich nehme Gänsefett, weil das leichter ist als Schweinefett, sich aber trotzdem gut in die Haut einreiben lässt. Die Mehlbeeren sind für die Geschmeidigkeit und um die Läuse fern zu halten. Der Honig beschleunigt die Heilung, aber das weißt du ja schon. Ich habe gesehen, wie du ihn dem Mutterschaf von Finbar gegeben hast, als das eine schwere Niederkunft hinter sich hatte. Und der kleine Braune ist heute auch ganz gut gelaufen. Ich vermute, sie haben ihn in der Nacht kastriert, als du den Tritt abbekommen hattest, und haben dann gleich am nächsten Tag versucht, ihn ans Geschirr zu gewöhnen. Als Reitpferd würde er sich besser eignen. Und wenn deine Stute bereits wieder so viel Kraft hätte, um den Karren zu ziehen, dann würde ich den Braunen ausspannen und stattdessen ihr das Geschirr umlegen. Aber sei froh, dass sie noch nicht wieder so weit ist. Denn die Schande, einen solch schäbigen Karren ziehen zu müssen, würde sie wohl keinem von uns jemals verzeihen. Genauso wie du, wenn du wieder gesund bist und erfährst, in welchem Zustand ich dich gesehen habe.«
Schließlich, als der braune Wallach und die Stute sich beide ein Stückchen entfernt hatten, legte Valerius das Gänsefett beiseite und nahm sein Schwert auf. Es war weder das römische Kavallerieschwert, mit dem er fast fünfzehn Jahre lang gekämpft hatte, noch das Langschwert seiner Ahnen, sondern eine Art Mittelding, geschaffen, um genau in Valerius’ Hand zu passen. Täglich übte er damit, für sich allein und wie ein Mann, der einen Schwur einzuhalten gedachte, nur um dieses Schwures willen und ohne dass es damit noch eine weitere Bewandtnis auf sich hätte. Noch immer sprach er laut in der Sprache des belgischen Jungen, schliff hier und da die Aussprache ein wenig, bis es schließlich mehr dem Gallischen ähnelte als dem Germanischen. Seine Stimme hallte von den feuchten, schwingenden Häuten seines Unterschlupfes wider, so dass es schließlich unmöglich war zu sagen, von wo genau sie erklang.
»Aber selbst wenn wir dich endlich nach Mona geschafft haben, könnte es natürlich noch passieren, dass den Heilern dort auch nichts Besseres einfällt als Gänsefett und Honig und dass du dich nicht besser erholst und ich den Großteil des Monats dann mit sinnlosem Umherreisen verschwendet habe. Aber zweifellos wird Luain mac Calma erst einmal so tun, als ob er sich bis zu deiner Seele vorträumen und dich anschließend vollkommen gesund wieder zurückholen könnte. Das heißt, wenn er überhaupt noch lebt, was nicht unbedingt der Fall sein muss, wenn er dauernd sagt: Was hast du denn hier verloren? Und lauf jetzt nicht gleich wieder weg; sonst hack ich dir die Nase ab, und das dürfte deine Erklärungsversuche ein wenig erschweren.«
Den letzten Teil hatte Valerius auf Irisch gesprochen, leise drohend und wesentlich weniger emotional, als er zuvor noch über die Träumer gespottet hatte.
Luain mac Calma, gekleidet in schlichte Wolle und ohne irgendein Abzeichen seines Ranges oder seines Traumsymbols, tat genau, wie ihm geheißen. Ohne sich zu regen, entgegnete er gelassen: »Ich bin gekommen, um dich zu warnen, dass im Hafen römische Händler sind und dass du denen besser nicht begegnen solltest. Ein oder zwei von ihnen kommen gerade aus Gallien, wo sie in den Hilfstruppen gedient hatten und wo du unter deinen früheren Waffenkameraden ja einen gewissen Bekanntheitsgrad genießt.«
»Und natürlich hältst du dich nur ganz zufällig genau zu der Zeit im Hafen auf, in der ich dort womöglich an Bord eines Schiffes gehen möchte?«
Valerius’ Klinge schob sich noch ein kleines Stückchen weiter vor, bis an mac Calmas Hals heran, so dass sie seine Haut ritzte und ein dünner Faden Blut in die Wolle von mac Calmas Tunika sickerte.
»Ich bin ein Träumer. Genau genommen bin ich sogar der älteste Träumer von Mona. Erwartest du also ernsthaft von mir, dass ich lügen soll und dir erzähle, ich wäre nur zufällig hier vorbeigekommen?«
»Niemals würde ich von einem Mann erwarten, dass er für mich lügt.« Dennoch zog Valerius sein Schwert nicht zurück. »Andererseits ziehe ich für meinen Teil es aber auch vor, eine Frage nicht mehr als einmal stellen zu müssen. Doch vielleicht habe ich mich auch einfach bloß nicht klar genug ausgedrückt. Also, warum interessierst du dich für mein Wohlergehen und das des Jungen?«
»Bellos stirbt. Und was mich betrifft, so hattest du Recht mit deiner Einschätzung. Denn ich glaube in der Tat, dass ich ihn wieder heilen kann, aber ich werde mich dabei nicht lediglich auf die Verwendung von Gänsefett und Honigwasser beschränken.«
»Warum sorgst du dich überhaupt um den Jungen?«
»Weil du dich um ihn sorgst.«
Die Klinge schob sich noch weiter vor. Der dünne Faden von Blut wurde breiter. »Noch einmal, Träumer«, entgegnete Valerius. »Das Ende deines Lebens ist nur noch ein klitzekleines Stückchen entfernt. Warum bist du hier? Welchen Teil meiner Seele möchtest du dir schnappen? Und wenn du mir jetzt wieder mit meinen Eltern kommst, dann stirbst du wirklich. Ich habe schon wesentlich mehr Männer getötet als du, und in wesentlich gefährlicheren Situationen als dieser hier.«
»Ich weiß. Durch das Feuer habe ich dir dabei zugesehen.« Mit einer langsamen, genau bemessenen Bewegung drehte Luain mac Calma sich nach links, so dass die Schwertspitze in einem Kreis um seinen Hals schnitt. Als sie an seiner Kehle den Rand der Hauptschlagader berührte, so dass bei jeder weiteren Drehung die Klinge in die Ader eingedrungen wäre, blieb Luain stehen. Die Stunden auf dem Meer und unter der gleißenden Sonne hatten die Haut seines Gesichts geradezu gegerbt, und wie die Augen einer Wildkatze nahmen nun auch die seinen den gelblichen Glanz des Feuers an.
Ohne den geringsten Anflug von Ironie oder Angst fuhr er fort: »Du bist Machas Sohn. Meines Wissens nach hast du zumindest diese Seite deiner Abstammung nie in Frage gestellt, und das solltest du auch nicht - denn die bloße Überlegung würde das Andenken deiner Mutter bereits entehren. Zumal noch eine ganze Menge jener Männer und Frauen, die bei deiner Geburt dabei waren, am Leben sind, und sie alle können deine Abstammung bezeugen. Bis zu dem Zeitpunkt, als Airmid ihre volle Kraft erlangte, war Macha die mächtigste Träumerin, die Mona - beziehungsweise ganz Irland - je gesehen hat. Hätte Macha also beschlossen, auf Mona oder in Irland zu bleiben, wäre sie dort bereits innerhalb von fünf Jahren in den Rang der Ältesten aufgestiegen. Stattdessen entschied sie sich, im Land der Eceni, die ihr Volk waren, ihren Sohn und ihre Tochter zu gebären. Ihre Tochter ist bereits tot - im Übrigen erbte Silla keine der Fähigkeiten ihrer Mutter. Ihr Sohn aber lebt noch. Sein Volk und das ihre brauchen ihn jetzt.«
»Nein.«
»Nein?« Mac Calma wagte es, die Augen aufzureißen, zornig oder vielleicht auch voller Verachtung. »Du leugnest ihre Hilfsbedürftigkeit also? Oder schlägst du ihnen ihre Bitte bereits ab, noch ehe du überhaupt die Bedingungen gehört hast?«
»Ich brauche die Bedingungen nicht zu hören; du hast mich schon einmal gefragt. Ich werde nicht in den Osten mitkommen, um dort im Namen meiner Mutter die Speerkämpfer der Eceni anzuführen.«
»Darum bitte ich dich ja auch gar nicht.«
»Worum bittest du dann?«
»Darum, dass ich im Gegenzug für Bellos’ Heilung - und die muss, wenn sie überhaupt gelingen soll, auf Mona stattfinden - deine Dienste genießen darf, die Dienste eines Sohnes für seinen Vater, so lange, wie Bellos braucht, um sich wieder zu erholen.«
Das war nun schon das zweite Mal, dass Luain mac Calma das Thema der Elternschaft erwähnte, und obgleich er für einen langen und sehr zerbrechlichen Augenblick in der Gefahr schwebte, durch Valerius’ Schwert umzukommen, so starb er letztendlich doch nicht.
Schließlich zog das Schwert in Valerius’ Hand sich ein klein wenig von mac Calmas Hals zurück, so dass die Spitze kein Blut mehr hervortreten ließ. Nachdenklich, misstrauisch und mit einer Unmenge an unausgesprochenen Dingen in seinem Hinterkopf erwiderte Valerius: »Wer bestimmt darüber, wann die Heilung abgeschlossen ist?«
Luain mac Calma lächelte zwar nicht, aber dafür war die Anstrengung, die es ihn kostete, dieses Lächeln zurückzuhalten, nicht zu übersehen. »Ich bestimme das. Aber ich werde nicht zu viel verlangen. An dem Tag, an dem Bellos stehen, sein eigenes Schwert heben und damit zwei deiner Schläge parieren kann, ohne die Waffe fallen zu lassen, an dem Tag will ich zustimmen, dass er geheilt ist und dass du nicht länger an mich gebunden bist.«
»Und wenn er stirbt, bevor es dazu kommt?«
»Wenn er stirbt, dann bist du natürlich ebenfalls frei.«
Die Seherin der Kelten
cover.xhtml
scot_9783641010928_oeb_cover_r1.html
scot_9783641010928_oeb_toc_r1.html
scot_9783641010928_oeb_fm1_r1.html
scot_9783641010928_oeb_ata_r1.html
scot_9783641010928_oeb_fm2_r1.html
scot_9783641010928_oeb_ded_r1.html
scot_9783641010928_oeb_fm3_r1.html
scot_9783641010928_oeb_fm4_r1.html
scot_9783641010928_oeb_p01_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c01_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c02_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c03_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c04_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c05_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c06_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c07_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c08_r1.html
scot_9783641010928_oeb_p02_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c09_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c10_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c11_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c12_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c13_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c14_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c15_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c16_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c17_r1.html
scot_9783641010928_oeb_p03_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c18_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c19_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c20_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c21_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c22_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c23_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c24_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c25_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c26_r1.html
scot_9783641010928_oeb_p04_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c27_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c28_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c29_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c30_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c31_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c32_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c33_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c34_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c35_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c36_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c37_r1.html
scot_9783641010928_oeb_bm1_r1.html
scot_9783641010928_oeb_ack_r1.html
scot_9783641010928_oeb_bm2_r1.html
scot_9783641010928_oeb_bm3_r1.html
scot_9783641010928_oeb_cop_r1.html