XV

 
»Die wurden nicht für uns errichtet.«
Graine sprach mit der Überzeugung und Selbstsicherheit einer bereits vereidigten Träumerin, doch niemand hörte sie. Breaca hatte zwar bemerkt, dass ihre Tochter etwas sagte, doch die Worte verschmolzen mit den bedeutungsloseren Geräuschen des Morgens: dem allmählich wieder ruhiger gehenden Atem von Breacas Stute und dem Knirschen von Ledergeschirr, als Breaca oben auf der Hügelkuppe anhielt und zu plötzlicher Reglosigkeit erstarrte; dem Klirren der Kettenpanzer der noch immer den Abhang hinter ihnen heraufreitenden Eskorte der Hilfstruppe; dem etwas weiter entfernten, ganz ähnlichen Klirren, das von der Zenturie von Legionären ausging, welche gerade in exakter Formation unter dem Triumphbogen von Camulodunum hindurchschritt und auf das unter Breaca liegende offene Feld marschierte; und dem aus weiter Ferne ertönenden heiseren Ruf einer einzelnen Krähe, von einem Ort, wo eigentlich Wald hätte sein sollen und wo doch nur noch kahle Erde war.
All dies nahm Breaca sehr wohl wahr, aber nichts davon ergab für sie mehr einen Sinn. Von dem Augenblick an, in dem sie den höchsten Punkt des Hügels erreicht hatten, als Cunomar seine erste erschrockene Verwünschung ausstieß, als Cygfas Kriegsschwur ertönte, von dem Augenblick an hatte Breaca sich mit jeder einzelnen Faser ihres Wesens nurmehr auf die beiden frisch errichteten, eichenen Kreuze konzentriert, welche einsam am nordöstlichen Rand der Stadt standen. Sie waren doppelt so groß wie ein erwachsener Mann und so breit, wie ein Mann lang war, und boten mehr als genug Platz, um daran die Bodicea mit all ihren Kindern aufzuhängen.
Bleich ragten sie in der Morgensonne auf und warfen winkelförmige Schatten auf den grasbewachsenen Boden, und ihre Aussage war noch eindrucksvoller, noch niederschmetternder als die bereits recht gewandt formulierte Einladung des Gouverneurs. Wir haben euch, ihr gehört uns. Euer Tod, ebenso wie der Zeitpunkt und die Art und Weise eures Sterbens, liegt allein in unseren Händen. Und erwartet vom Kaiser oder von denen, die ihm dienen, besser keine Milde.
Einen Augenblick lang war es unmöglich, den Blick von den Kreuzen loszureißen und irgendwo anders hinzulenken, unmöglich, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. Fast das Gleiche hatte in einem seltenen Moment der Ehrlichkeit auch Cunomar ausgedrückt, damals, als er gerade aus Rom zurückgekehrt war: Ganz gleich, wie sehr man sich bemühte, das Grauen ein wenig erträglicher zu gestalten, indem man sich auch das Schlimmstmögliche bereits im Geiste ausmalte, sich die Albträume in realer Gestalt vorzustellen versuchte und ihnen selbst den letzten Schleier der Illusion noch abriss - beim Anblick eines massiven Kreuzes brach für einen die Welt zusammen.
Breaca hatte noch nie im Schatten ihrer eigenen Hinrichtung gestanden - so wie die beiden älteren ihrer Kinder. Nun, in jenem langen, schweigenden Atemzug, den sie auf der Kuppe des Hügels von Camulodunum tat, lernte sie das Wesen und das ganze Ausmaß der Angst kennen, die Cygfa und Cunomar damals empfunden haben mussten, und Breacas Achtung vor beiden erreichte neue Höhen.
Eine kleine Hand schloss sich um ihr Handgelenk. Nachdrücklich sagte Graine erneut: »Starr sie nicht so an. Sie haben noch kein Blut geschmeckt, und sie sind auch nicht für uns errichtet worden. Es wird ein Krieger der Stämme sterben und ein Bürger Roms, und beide halten sie bereits gefangen. Noch hat man uns nicht verraten.«
Sie war ein Kind. Den ganzen Weg den Abhang hinauf, den sie auf ihrem neuen Pferd geritten war, hatte sie sich mit beiden Händen an den vorderen Rand des Sattels geklammert, so wie es Kinder eben taten - doch ihre Stimme klang ebenso erwachsen und war von einer ebensolchen Gewissheit erfüllt wie an jenem noch nicht allzu lange zurückliegenden Nachmittag in der Schmiede, als Graine für die ältere Großmutter gesprochen hatte.
Breaca nickte, doch ihr fehlten die Worte. Neben ihr begann auch Cunomar, sich langsam wieder zu regen. »Demnach sollten wir dann wohl auch davon ausgehen, dass die Legionen, die da gerade losmarschieren, uns lediglich ihre Hochachtung erweisen möchten und uns nicht etwa festnehmen wollen?«
Er gab sich große Mühe, völlig ungerührt zu wirken. Seine Stimme klang desinteressiert, seine Worte schienen lediglich wie die beiläufige Bemerkung von jemandem, der beobachtete, wie in weiter Entfernung ein Vogel in sein Nest zurückkehrte oder wie mitten in der Wurfzeit ein Lamm geboren wurde. In Cunomars Gesichtszügen zeichnete sich keinerlei Regung ab; eine dünne Schale des Stolzes hielt sie ruhig - Stolz und die hartnäckige Weigerung, im Angesicht des Feindes auch nur einen Anflug von Angst zu zeigen.
Allein seine Augen verrieten ihn. Von den starren Schatten über dem Hinrichtungsplatz schweifte Cunomars Blick zum westlichen Stadttor hinüber, wo ein riesiger, zweifach geschwungener Triumphbogen die Hauptstraße nach Camulodunum hinein überspannte. Angeführt von einem Offizier auf einem grauen Pferd marschierten unter diesem Bogen gerade achtzig Männer hindurch und formierten sich anschließend zu drei exakt ausgerichteten Reihen. Die Soldaten führten ein wahres Spektakel auf und waren sich dessen auch bewusst; in dem gleißenden Sonnenlicht schimmerten die Kettenglieder ihrer Rüstungen wie ein Netz aus Silber, und die Spitzen ihrer Lanzen erinnerten an Reiher, die auf ein paar unaufmerksame Fische warteten. Auf ihren Schilden prangten aufgemalte Blitze - ihre Konturen im Winter frisch nachgezogen -, und ihre bronzenen Helme glänzten von zahllosen Abenden des Polierens.
Hinter ihnen erstreckte sich über eine weite Ebene, die einst Cunobelins ertragreichstes Ackerland gewesen war, die Hauptstadt der römischen Provinz Britannien - genauer gesagt, die einzige Stadt in dieser Provinz - und dehnte sich bis in jene Gebiete hinein aus, wo früher einmal dichte Wälder gewesen waren. Weder Mauern noch Wachtürme umgaben die Stadt, und allein dieser Umstand schrie die Arroganz Roms förmlich hinaus. Wozu brauchten sie in einem Land, das sie sich unterworfen hatten, denn noch Festungsmauern und Schutzwälle - jene Festungsmauern und Schutzwälle, auf die der Sonnenhund einst angewiesen gewesen war?
»Eines Tages werdet ihr das Fehlen der Mauern noch bereuen«, sagte Breaca, allerdings nicht allzu laut. Aber selbst wenn sie gebrüllt hätte, hätten die Männer, die auf der Straße tief unter ihr exerzierten, sie wohl kaum gehört. Einer allerdings hob schließlich doch den Blick zu Breaca empor, und leise schwebte mit der Brise auch sein Fluch zu ihr herüber. Achtzig Gesichter schimmerten blässlich im Sonnenschein. Und zu weit entfernt, als dass man ihn hätte verstehen können, gab der Offizier mit der roten Feder am Helm einen Befehl. Sichtbar rückten daraufhin die Reihen zusammen.
Breaca grinste. »Graine, mein Herzblatt, bevor wir aufbrachen, sagte Airmid, die beste Methode, um sich zu verstecken, bestände darin, deutlich gesehen zu werden. Wenn ich deine Zügel halte, meinst du, dann könntest du es schaffen, gemeinsam mit uns in einer Parade hinunterzureiten? Die Legionssoldaten haben uns bereits entdeckt; sich zu verstecken würde also keinen Sinn mehr machen. Aber als Besiegte möchte ich wiederum auch nicht in ihre Stadt einreiten.«
Breaca beobachtete, wie die Augen ihrer Tochter plötzlich sehr groß wurden. Grünlich grau und wunderschön schimmerten sie im Licht der Sonne. Graine hatte den Sagen der Sänger stets aufmerksam gelauscht. Noch vor ihrem Bruder begriff sie also, was Breaca vorhatte, aber sie war noch keine sonderlich geübte Reiterin, und auf dem neuen Pferd schon gar nicht.
Sie schluckte ihre Angst hinunter und übergab ihrer Mutter die Zügel. »Du und Vater, ihr seid früher schon einmal hier gewesen«, sagte sie. »Noch ehe auch nur einer von uns geboren war. Damals seid ihr auch nicht unterwürfig in den Ort hineingeritten.«
Das waren sie in der Tat nicht. Damals, in jenen lange zurückliegenden Tagen, als sowohl Breacas Volk als auch das von Cunobelin noch frei gewesen war, hatte sie mit lediglich vierzig ihrer eigenen Krieger die zu Reihen formierten Hundertschaften von Cunobelins Speerkämpfern angegriffen.
»Wir sind Eceni«, sagte Breaca. »Wir reiten nirgendwo in unterwürfiger Haltung ein.«
Sie hob die Hand zum Signal, und Cygfa und Cunomar, die die speziell für den Kampf entwickelte Zeichensprache von Mona beherrschten, ritten je rechts und links an Breacas Seite. Zum ersten Mal, seit sie die Siedlung verlassen hatten, lächelte Cunomar. Er betrauerte noch immer den Verlust von Eneits Gesellschaft. Dennoch brannte er darauf, nun, da sich ihm die Chance bot, wie ein Krieger an der Seite seiner Mutter loszustürmen. Cygfa stimmte das Kampflied der Ordovizer an, und sofort berührte sie alle sein Klang. Breaca vermisste ihr Schwert mehr denn jemals zuvor, seit sie es in dem Grabhügel der Ahnen zurückgelassen hatte.
Was sie nun vorhatte, war der reine Wahnsinn, doch sie hatte den ganzen Winter über allein nach den Regeln des Verstandes gehandelt, und die Legionssoldaten, die vor den Toren der Stadt warteten, hatten offenbar bereits ihre Befehle erhalten - welcher Art diese auch immer sein mochten. Sollte nun also der Moment ihres Todes gekommen sein, wollte Breaca ihm wenigstens nicht in geduckter Haltung entgegenreiten, und auch ihre Kinder wollte sie dem Feind nicht ihres Stolzes beraubt ausliefern. Cunomar und Cygfa empfanden das Gleiche; allein der veränderte Ausdruck in ihren Augen war bereits ein Geschenk.
Noch viel mehr wert war allerdings, dass Graine zwar Angst verspürte, sich aber dennoch tapfer bemühte, diese nicht zu zeigen. Breaca beugte sich zu ihr hinüber, küsste sie und strich ihr eine Strähne ihres offenen Haares hinter das kleine Ohr. »Kind meines Herzens, halte dich vorn am Sattel fest und vertrau deinem Pferd. Es ist das beste Tier, das ich je gezüchtet habe. Es weiß, wie es auf dich Acht zu geben hat.«
Anschließend sagte Breaca etwas zu ihrer eigenen Stute, die daraufhin ganz ruhig wurde und auf etwas zu warten schien. An ihre beiden anderen Kinder gewandt erklärte sie: »Breitet die Arme aus, damit sie sehen, dass wir unbewaffnet kommen.«
Sie taten, wie ihnen geheißen, und warteten ebenfalls. Hinter ihnen erkannte und begriff nun endlich auch Tagos, was gerade geschah, konnte jedoch nicht mehr einschreiten.
Wie sie es schon so oft bei den Kämpfen im Westen getan hatte, hob Breaca auch hier ihren Arm empor und senkte ihn dann mit einer schnellen, ruckartigen Bewegung.
»Los!«
Der Lärm von Camulodunum wurde leiser und verstummte schließlich ganz. Der Morgen war nun nur noch von einem einzigen Geräusch erfüllt: Drei Eceni-Krieger und ein Eceni-Mädchen trieben ihre Pferde in halsbrecherischem Galopp auf jene Triumphbögen zu, welche den vollkommenen Sieg Roms über ihr Volk symbolisierten. Der Wind hob ihre Umhänge an und ließ den ihnen noch von der Reise anhaftenden Staub davonwirbeln. Tagos und die Kavallerieeskorte, die von diesem Manöver vollkommen überrumpelt wurden, gerieten hoffnungslos ins Hintertreffen. Sie verlangsamten daraufhin ihr Tempo und blieben schließlich ganz stehen, abgeschreckt von dem starken Gefälle des Hügels.
Die Eceni dagegen waren für einen Ritt wie diesen geradezu geboren; gegen Ende bereitete er selbst Graine Vergnügen. Erst im allerletzten Moment - als die Legionssoldaten, die mit dem Westen noch nicht in Berührung gekommen waren und auch schon seit geraumer Zeit nicht mehr im Krieg gedient hatten, erschrocken darum kämpften, in exakt ausgerichteten Reihen stehen zu bleiben -, erst in diesem letzten Augenblick zogen die drei Krieger und das Kind die Zügel an, um auf ihren schwitzenden, keuchenden Pferden vor dem Juniortribun der Zwanzigsten Legion und dessen mit weit aufgerissenen Augen zuschauenden Männern zum Stehen zu kommen. Und erst mit dem letzten Schritt der Tiere - als der Offizier sah, dass die Reiter tatsächlich anhielten - schob er sein Schwert wieder in die Scheide zurück.
Lächelnd blickte Breaca ihn an. Beinahe zwanzig Jahre lang waren die besten Köpfe Monas ihre Lehrer gewesen. In fehlerlosem Latein sagte sie: »Breaca von den Eceni überbringt dem Gouverneur ihren Gruß und bittet darum, dass er ihr die Ehre erweisen möge, ihre Geschenke anzunehmen.«
 
»Seid willkommen, Breaca von den Eceni, Gemahlin von Prasutagos, dem König Eures Stammes.«
Die beste Methode, um sich zu verstecken, ist, deutlich gesehen zu werden. In diesem Glauben hatte Breaca ihre Familie im gestreckten Galopp in die Todesfalle namens Camulodunum geführt, und man hatte sie in der Tat noch nicht festgenommen. Sollte Graine sich irren und wären sie bereits dazu verurteilt, am Kreuz zu sterben, so wusste zumindest dieser Juniortribun, der abkommandiert worden war, um sie zu empfangen, noch nichts davon. Während er eisern an seiner Würde festhielt, befahl er seinen Männern, sich in Reihen um Breaca, deren Kinder und den etwas verspätet eingetroffenen Tagos zu schließen. Unter Aufbietung all seiner Respektbezeugung führte der Offizier sie nun durch die mit schmierigem Schlamm überzogenen, lärmenden Straßen von Camulodunum bis zum Forum hinauf, wo sie in Reihen darauf warten mussten, angekündigt zu werden.
»Seid willkommen, Cygfa und Graine, nach dem Recht der Eceni die Erbinnen von Prasutagos, und Cunomar, sein Sohn.«
Neben einem Podium stand ein teiggesichtiger Sekretär und las von einem vorgefertigten Schriftstück ab. Dann sah er auf und wagte es, Cygfas Blick erhaschen zu wollen, woraufhin diese ihm ein Lächeln schenkte, so strahlend vor lauter gut verborgenem Hass, dass nur ein Träumer ihn sehen könnte. Der Sekretär geriet völlig aus dem Häuschen, wusste nicht mehr, bei welcher Textstelle er gerade gewesen war. Schließlich fand er sie doch wieder und haspelte seine Ansprache eilig und unter Missachtung der angemessenen Betonung zu Ende.
»Quintus Veranius, durch die Gnade Seiner Exzellenz des Kaisers Nero Gouverneur von Britannien, vormals Konsul von Rom, vormals römischer Priester, vormals erster Gouverneur von Lykien und Pamphylien, heißt Euch willkommen und dankt Euch für Eure außergewöhnlichen Geschenke.«
Unter Verbeugungen wich der Sekretär zurück in die Reihe der römischen Offiziere und hohen Beamten, die sich vor der aus schwarzem Marmor gearbeiteten Rückwand des Forums versammelt hatten. Sie alle musterten aufmerksam die Eintretenden, doch keiner von ihnen bewies so schlechte Manieren, dass er sie offen angestarrt hätte, obgleich der neue Armreif des Königs aus miteinander verflochtenen Goldfäden und den mit Schmelzglas überzogenen Kupferemblemen an den Endstücken unwillkürlich ihre Blicke und Aufmerksamkeit auf sich zog - ganz so, wie es beabsichtigt gewesen war.
Der Gouverneur von Britannien, Stellvertreter des Kaisers in der Provinz und ausgestattet mit der Macht über Leben und Tod eines jeden Bewohners dieses Reiches, trat vor und auf das Podium hinauf, und für einen Moment zog er alle Blicke auf sich. Quintus Veranius’ Paradeuniform, wenngleich von schlichter Farbe, war mit Leichtigkeit das teuerste Kleidungsstück, das jemals in der Provinz von Britannien gesehen worden war, und stand dem mit Goldfäden durchwobenen Krönungsgewand von Kaiser Claudius in nichts nach.
Der aus ziseliertem Gold gefertigte Kürass des Gouverneurs zeigte die kompliziert verschlungene Darstellung einer fischschwänzigen Ziege mit einigen Eichenblättern und einer emporrankenden Weinrebe. Sein Schulterumhang war von einem so tiefen Braun, dass es fast schwarz erschien, seine darunter getragene, in schlichter Machart gewebte Tunika wirkte dagegen beinahe reinweiß und wurde geschmückt lediglich von je einem um den Saum verlaufenden blauen und blutroten Streifen.
Niemandem war es erlaubt, jemals zu vergessen, dass dieser grauhaarige Mann mittleren Alters, der derzeit im Namen des kindlichen Kaisers von Rom über Britannien regierte, einst persönlich seine Truppen in die Bergprovinzen von Asien geführt und dort einen Stamm nach dem anderen auf deren eigenem Grund und Boden besiegt hatte. Sein Blick hatte jedes einzelne Mitglied der Stammesdelegationen gemustert, während diese das Forum betreten hatten. Und ein jeder von ihnen hatte dies als eine unangenehme Art des Taxierens empfunden, nicht unähnlich der forschenden Musterung durch einen Träumer.
Allein bei den Kindern war der Blick des Gouverneurs ein wenig weicher geworden, und das im Grunde auch nur bei Graine. Es hieß, er selbst habe keine eigenen Kinder; das war das Einzige, woran es ihm mangelte. Nun lächelte er das kleine Mädchen sogar an - und anschließend Tagos, welcher vorgab, sie gezeugt zu haben -, ehe er den Blick wieder auf die hölzernen Schachteln und Kisten senkte, die vor ihm auf dem Tisch angeordnet worden waren.
Breacas Geschenk lag geöffnet vor der Versammlung: ein langes Behältnis aus poliertem Eibenholz, ausgelegt mit eceniblau gefärbter Wolle, in dem drei komplette Speere lagen, ein jeder mit der einzelnen Reiherfeder versehen, die vom Hals des Speers herabbaumelte. Die Hefte waren aus dem gleichen rötlich grauen Holz gefertigt wie die Kiste, und an ihrem Ende trugen sie zur Austarierung des Gewichts Kugeln aus Erdeiche, jede von ihnen in einer leicht von den anderen abweichenden Färbung. Die Speerspitzen waren aus Silber, besaßen eine fein geschwungene Blattform, und in ihre sich verjüngenden Hälse waren spiralförmige Kupferintarsien eingelassen. Auf beiden Längsseiten der Klingen war das Symbol des rennenden Hasen eingeritzt. Die Kanten der Speerklingen zeugten von der Präzision echter Schleifkunst, und scharf glitzerten ihre Spitzen. Jede der Spitzen war genau doppelt so lang wie die jener Speere, die einem Jäger der Stämme gerade noch gestattet waren.
Der Gouverneur ließ seinen Daumen einmal über die gesamte Länge der Kiste gleiten und prüfte die Beschaffenheit des Eibenholzes. Man behauptete von ihm, sein Geschick in der Kriegsführung würde nur noch von der gewinnenden Art übertroffen, welche er in der Ratsversammlung an den Tag zu legen pflegte. In seinem Lächeln lag eine entspannte Wärme, und die feinen, sich um seine Augen kräuselnden Fältchen kündeten von Humor. Beides hätte in den Ratskammern Roms leicht als wahre Aufrichtigkeit durchgehen können.
»Man sagte mir, Ihr wärt Schmiedemeisterin.« Der Gouverneur sprach auf Lateinisch und langsam und legte anschließend eine Pause ein. Wie eine Glocke, in einem warmen, bronzenen Ton, klang seine Stimme, und sie wirkte keineswegs bedrohlicher als seine schriftliche Einladung. Falls er jetzt also bloß eine Rolle spielte, falls er die Identität jener Frau, zu der er gerade sprach, bereits kannte und dieses Wissen lediglich verbarg, so war er wahrlich außergewöhnlich talentiert.
Noch ehe der Dolmetscher die entstandene Pause füllen konnte, erwiderte Breaca gleichfalls auf Latein: »Ja, Euer Ehren. Mein Vater war Schmied. Und ehe er starb, lehrte er mich sein Handwerk. Es war mir eine große Freude, für jene, die es zu schätzen wissen, sein Werk noch einmal neu erschaffen zu dürfen.«
»Tatsächlich?« Veranius zog eine Braue hoch. Er nahm den vordersten der Speere auf und ließ seine Hand darüber gleiten, bis er den Mittelpunkt der Waffe gefunden hatte. Das Speerheft wippte leicht in seinem Griff, und die silberne Spitze erbebte in dem von Staub durchwirbelten Licht, so dass für diejenigen, die in unmittelbarer Nähe des Gouverneurs standen, der in die Klinge eingeritzte Hase plötzlich tatsächlich darauf entlangzuflitzen schien. Ein Seufzer stieg aus den hinter Quintus Veranius versammelten Reihen der Stammesvertreter auf. Jene, die bereits einmal an einer Speerprüfung teilgenommen hatten, wussten, was sie da gerade sahen. Der Rest verstand bloß, dass sie gerade eine Schönheit zu Gesicht bekamen, die sogar die Welt des Forums noch übertraf.
Nun lächelte der Gouverneur nicht mehr. Wenn Rom selbst auch keine Speerprüfungen kannte, so besaßen jene, die für Rom kämpften, doch ihre eigenen Prüfungen, die sie im Angesicht ihrer Götter abzulegen pflegten. Langsam und mit noch größerer Vorsicht als zuvor ließ er das Speerheft auf seinen flach ausgestreckten Handflächen ruhen und widmete sich einen Augenblick lang ganz der Begutachtung der Klinge, sorgsam darauf bedacht, den Glanz ihrer Oberfläche nicht mit seinen Fingern zu beschmutzen.
Nach einer Weile hob er den Kopf und blickte Breaca direkt in die Augen. Nicht mehr länger in der formellen Sprache des Hofes fragte er: »Ich wusste nicht, dass die Eceni mit Klingen aus Silber jagen?«
Seine Frage war ehrlich, und in ihr schwang noch mehr mit, als die Worte allein auszudrücken vermochten.
Breaca erwiderte seinen Blick. »Das tun wir auch nicht. Die Ahnen aber, so sagt man, wären mit diesen Klingen auf die Bärenjagd gegangen - wenn die Götter sie dazu aufriefen. Silber ist feiner als Eisen und bleibt weniger lange scharf. Und gemäß unserem ältesten Sagengut muss die Speerklinge innerhalb eines Monats sowohl geschmiedet als auch das erste Mal benutzt werden, sonst verliert sie ihre Kraft, und man muss sie wieder einschmelzen. Ein solcher Speer würde traditionell nach den Anweisungen eines Träumers gefertigt und käme entweder innerhalb des ersten Monats zum Einsatz oder überhaupt nicht mehr.«
Breaca erwähnte nicht, dass diese Tradition schon wesentlich älter war als das Volk der Eceni, und dass jene, die auf diese Weise auf die Jagd gingen, die direkten Vorfahren von Ardacos’ Bärinnenkriegern gewesen waren. Auch sagte sie nicht, dass der besagte Monat bereits in fünf Tagen verstrichen sein würde.
Doch der Gouverneur war kein einfältiger Mann und hatte sich im Verlauf seiner Karriere die Zeit genommen, die Ahnengeschichte diverser Kulturen zu studieren. Mit einem nachdenklichen Nicken erwiderte er: »Silber ist in der Tat wesentlich weicher als Eisen. Verbiegt es sich also nicht, wenn es sein Ziel trifft?«
»Das kann passieren. Ein Speer wie dieser hier muss mit absoluter Präzision geworfen werden. Sobald er auf Knochen prallt, verbiegt sich die Klinge und tötet nicht, sondern bringt den Krieger vielmehr in Lebensgefahr. Wenn der Speer andererseits aber glatt zwischen den Rippen hindurchdringt und das Herz trifft oder sich durch den Hals bohrt und dort auf eines der großen Blutgefäße stößt, dann ist der Jagderfolg ein vollkommener und der Jäger bleibt am Leben. In früheren Zeiten war dies eine Mutprobe. Selbst einen solchen Speer nur zu besitzen, war bereits ein Zeichen der Ehre. Dies ist das erste Mal in der Geschichte unseres Stammes, dass ein solcher Speer einem Mann als Geschenk überreicht wird, der kein Krieger der Stämme ist.«
»Danke. Ich fühle mich sehr geehrt. Ich bin stets aufs Neue erstaunt über die Schönheit der Metallarbeiten der Eceni und das handwerkliche Können, welches darin zum Ausdruck kommt.«
Der Gouverneur legte den Speer zurück in dessen blauwollenes Bett. Mit den Fingern strich er noch einmal über die makellose Politur des Speerhefts und sagte: »Für jemanden, der das Geschick besitzt, sie zu werfen, wären diese Speere natürlich auch die idealen Waffen, um sie in einer Schlacht einzusetzen. Wenn man sie auf den Feind schleudert, würden die Klingen jener, die nicht in die weichen Körperpartien eines Mannes eindringen, doch immerhin verbiegen und könnten nicht mehr herausgezogen werden. Das gleiche Prinzip verwenden wir übrigens bei unseren Wurfspießen.«
Der Gouverneur war ein Mann von der gewinnenden Art eines Diplomaten und ausgestattet mit dem Intellekt, um es selbst im Rom unter Kaiser Claudius zu Wohlstand und Ansehen zu bringen. Ganz beiläufig warf er also seinen Stein in den Fluss ihrer Unterhaltung und wartete darauf, dass Breaca an diesem Hindernis auf Grund laufen würde. Und lag in seinen Augen einmal nicht jener Ausdruck gelassenen Humors, so war sein Blick eine offene Herausforderung. Zwanzig Jahre der Schulung auf Mona bewahrten Breaca jedoch davor, diese in gleicher Weise zu erwidern.
Ohne jegliche Verbitterung erwiderte sie: »Das haben auch wir schon gehört. Diese Speere jedoch sind allein für ein heiliges Ritual geschaffen und nicht für den Kampf. Ich würde also davon abraten, dass der Gouverneur die Speere, wenn er das nächste Mal in den Krieg zieht, gegen die Silurer verwendet, aber vielleicht möchte er sie ja einmal gegen einen Bären in unseren nördlich gelegenen Wäldern erproben. Falls nicht, würde ich mich geehrt fühlen, wenn er sie für würdig erachtete, sie auf seiner Reise zurück nach Rom mitzunehmen, als Zeugnis seiner Amtszeit, wenn diese einmal endet.«
Breacas Steine waren kleiner, doch nicht weniger offensichtlich. Sie spürte, wie Tagos an ihrer Seite zusammenzuckte, sich gleich darauf aber wieder zur Ruhe ermahnte. Quintus Veranius, Gouverneur von Britannien von Neros Gnaden, starrte Breaca für einen Augenblick in unverhohlener Verwunderung an, dann warf er den Kopf in den Nacken und lachte. Nach einer Weile stimmten diverse Mitglieder seiner Gefolgschaft in sein Lachen mit ein, wenngleich etwas verunsichert.
Das Lächeln, mit dem der Gouverneur Prasutagos anschaute, war ein ehrliches Lächeln, und an diesem Tag womöglich sogar das erste dieser Art. Er langte über den Tisch und klopfte dem König auf die Schulter.
»Mein Freund, Eure verstorbene Ehefrau war uns allen eine Freude, und es tut mir Leid, dass sie nun nicht mehr unter uns ist. Diese hier aber ist ein Juwel von unschätzbarem Wert, und Ihr solltet sie in Ehren halten. Eine Frau, die einen scharfen Verstand besitzt und sich nicht scheut, diesen auch einzusetzen, ist ein seltenes Geschenk. Meine Verehrteste« - er verbeugte sich tief vor Breaca -, »ich werde morgen im Laufe des Tages eine Ratsversammlung einberufen, an der mehrere Offiziere, die erst kürzlich im Westen...«
Er fuhr zu sprechen fort, seine Lippen bewegten sich, und zweifellos lag in seinen Worten auch ein gewisser Sinn, doch Breaca nahm nichts von alledem mehr wahr. Die Welt bebte und zerfiel in Stücke angesichts jenes dunkelhaarigen Mannes, der hinter Quintus Veranius stand, und der erst durch die kurze Verbeugung des Gouverneurs sichtbar geworden und dann sogleich wieder verdeckt worden war. Es war der Mann mit dem Kopfverband, der erst kürzlich im Westen gedient hatte; jener Mann, der einst an der Küste des Eceni-Territoriums Schiffbruch erlitten und einen ganzen Winter lang in einem ihrer Rundhäuser gelebt hatte - als persönlicher Gast von Macha, der Ersten der königlichen Linie dieses Stammes.
Graine schob ihre Hand in die ihrer Mutter. Fest packten ihre kleinen, kühlen Finger zu, so dass der Druck Breaca schließlich wieder zur Besinnung brachte und in die Lage versetzte, den Sinn der belustigt wirkenden, doch wohlüberlegten Erwiderung des Gouverneurs zu verstehen.
»... und was Eure zweite Anmerkung angeht, so weiß lediglich Seine Gnaden der Kaiser, wann ich von meinem hiesigen Posten wieder abgezogen werden soll. Durch den zum Gott erhobenen Claudius erfuhr ich die Ehre, meine erste Amtszeit hier die vollen fünf Jahre über ausüben zu dürfen, und ich habe eine Schwäche für Euer Land entwickelt, so dass ich tief betrübt wäre, Britannien vorzeitig verlassen zu müssen. Ich werde also mein Bestes geben, um abermals so lange bleiben zu dürfen, wie das Gesetz es erlaubt.«
Er lächelte Breaca an und enthüllte dabei weiße, kräftige Zähne mit einer kleinen Lücke in der Mitte. »Wären damit Eure beiden Fragen abschließend beantwortet?«
»Das wären sie, und ich danke Euch.«
Sie war also immerhin wieder im Stande, zu sprechen, was gut war. Der Gouverneur trat daraufhin an ihre linke Seite, was ganz und gar nicht gut war, aber unvermeidlich, und mutig versuchte sie auch diese Situation zu bewältigen. Während sie genauso still und reglos dastand, wie Cunomar etwas früher am gleichen Tag auf dem Hügel über der Stadt gestanden hatte, hob Breaca von den Eceni den Kopf und schaute jenem Mann, den sie als Valerius Corvus gekannt hatte, als Offizier der Legionen und Freund ihres Bruders, direkt in die Augen.
In der fremden Welt des Forums mit den spiralig gemusterten Marmorfußböden und den weißen, verputzten Säulen, in der alles ganz langsam abzulaufen schien, war Breaca plötzlich wieder ein junges Mädchen - sie stand draußen vor der Schmiede ihres Vaters, mitten im weichen Sonnenlicht des Spätfrühlings und polierte ihre neue, noch geradezu nackte Schlangenspeerklinge. Die Luft war warm und erfüllt von Verheißungen, weitaus mehr Verheißungen, als in der Luft von Camulodunum lagen. Der Strang von Lammwolle in ihrer Hand war ganz schmierig vor lauter Wollfett und ließ die Klinge, die noch kein einziges Mal getötet hatte, bläulich schimmern.
Mit der Naivität eines Menschen, der meint, die Welt würde sich nie verändern, hatte Breaca damals ihre Klinge flach auf den Handflächen balanciert und sie dem dunkelhaarigen Römer angeboten, den die Götter aus dem Meer auszuspucken und ihr geradewegs vor die Füße zu schleudern geruht hatten. Und er brauchte in der Tat eine Klinge, denn der Ältestenrat hatte sich zusammengefunden, um über den Römer zu Gericht zu sitzen, und ihn schließlich dazu verurteilt, den langsamen, qualvollen Tod des Verräters zu sterben - sofern er nicht einen Krieger fand, dem er im Kampf Mann gegen Mann gegenübertreten durfte. Caradoc achtete den Römer und hatte ihm angeboten, gegen ihn anzutreten. Voller Mut und stillem Stolz war der Römer also an Breaca herangetreten, um sie um ihr Schwert zu bitten, damit er nicht unbewaffnet würde sterben müssen. Und weil Breaca nicht wollte, dass letztlich Airmid gezwungen sein würde, ihn zu töten, hatte sie ihm ihr Schwert gegeben.
Jener Tag war ein träger Tag gewesen und friedlich, und die Welt hatte sich noch nicht im Kriegszustand befunden. Er hatte braune Augen gehabt, genauso wie Bán, und er war von einer geradezu schmerzhaften Ehrlichkeit gewesen. Später, nachdem der Ältestenrat ihn freigesprochen hatte und er doch nicht hatte kämpfen müssen, war er Báns Freund geworden.
Und nun, da sie seinen geradezu brennenden Blick auf ihrem Gesicht spürte, erinnerte Breaca sich an eine Tatsache wieder besonders deutlich: Valerius Corvus war ein Mensch von unverbrüchlicher Integrität und ein geschätzter Freund ihres Bruders. Dennoch, sollte irgendein Mann der Legionen die wahre Identität von Breaca, Ehefrau des Prasutagos, kennen, so war Corvus dieser Mann.
Aber ganz gleich, wie groß seine Integrität und seine Freundschaft zu ihrem Bruder auch sein mochten, so würde sein Pflichtgefühl es ihm doch nicht erlauben, dieses Wissen vor seinem Gouverneur geheim zu halten, und das Resultat davon konnte nur eines sein. Graine mochte ja durchaus Recht damit gehabt haben, dass die Kreuze vor dem Theatergebäude nicht für sie errichtet worden waren, aber die Männer Roms waren schon immer sehr einfallsreich gewesen; sie konnten also leicht noch mehr errichten.
Die beste Methode, um sich zu verstecken, besteht darin, deutlich gesehen zu werden.
Allerdings galt das nur, wenn diejenigen, die nach einem suchten, nicht wussten, nach wem genau sie Ausschau halten sollten. Breaca hätte nicht gedacht, dass die Götter ein solches Spiel mit ihr treiben würden.
 
Die Welt wurde kleiner, und die Zeit verstrich plötzlich langsamer. Noch immer lag Graines Hand in der ihrer Mutter und wärmte sie ein wenig. Unerträglich weich schien sich die Haut des zarten Kindes an Breacas alte Schwielen zu schmiegen, die vom Umgang mit dem Schwert herrührten und sich durch die Schmiedearbeit im Frühling erneut verhornt hatten. Graines Haar war von einem tiefen Ochsenblutrot; es war gekämmt worden, um ihm den Glanz eines sorgsam gestriegelten Pferdefells zu verleihen, war dann, durch den Ritt den Hügel hinunter, aber wieder arg zerzaust worden, so dass es nun in glänzenden Strähnen auf Graines Schultern lag. Ihr Scheitel reichte kaum höher als Breacas Taille. Ihr Hals war schlank, gerade und unsagbar lang, die Haut von einem durchscheinenden Milchweiß und über den Adern ein wenig bläulich, wie Feuerstein, der gerade erst aus einem Fluss gefischt worden war. Ihr gesamter Körper wog nur wenig mehr als ein drei Monate altes Fohlen. Sich diesen zarten kleinen Kinderkörper auch nur leicht verletzt vorzustellen, war schon schmerzlich; ihn jedoch leibhaftig, gekrümmt und gebrochen von einem Henkersstrick herabbaumeln zu sehen, hätte ganz und gar unmöglich sein sollen und war es doch keineswegs. Mit den ersten Geschichten von den Erhängungen in den östlichen Siedlungen war auch die unausweichliche Erkenntnis gekommen, dass ein am Galgen hängendes kleines Kind, das erst wenig Gewicht besaß, keineswegs rasch starb, sondern mit Leichtigkeit seine Eltern überleben konnte, um erst lange, nachdem der Rest seiner Familie bereits zu den Göttern gegangen war, endlich auch selbst zu sterben. Am Kreuz könnte Graine sogar einen ganzen Tag und eine ganze Nacht lang überleben, ehe die Götter ihr die Ruhe des Todes bescheren würden.
Aber nicht, solange ich noch lebe, um dies zu verhindern. Diese Erkenntnis drängte sich plötzlich zwischen die anderen Gedanken in Breacas Kopf. In den frühen Tagen der Säuberungsaktionen der Römer hatten Mütter ihre eigenen Kinder in den Flüssen ertränkt, um sie so vor den Legionären zu bewahren. Zwar hatte die Bodicea keinen Fluss in der Nähe, doch sie war eine Kriegerin; und sie hatte schon oft genug getötet, um die vielen verschiedenen Arten zu kennen, wie man ein Leben beenden konnte. Umwoben von einer kalten, unnatürlichen Klarheit begann Breaca bereits zu planen, wie sie ihre Tochter so schnell und schmerzlos wie möglich töten könnte.
An Breacas rechter Seite stand Cunomar. Er spürte die Veränderung, die in seiner Mutter vorging, doch er war zu alt, um sich noch an ihre Hand zu klammern. Er lehnte sich leicht gegen sie, und seine Schulter streifte die ihre. Valerius Corvus, jener Mann von größter Integrität, der ihrer aller Leben in der Hand hatte, beobachtete all dies mit einem Lächeln. Auch Cunomar sollte sterben, ehe die Römer ihn ergreifen konnten, so entschied Breaca; er hatte schon einmal unter seinem eigenen Kreuz gestanden und sollte dies nicht noch einmal ertragen müssen. Ihn zu töten würde sich zwar schwieriger gestalten, war aber dennoch nicht unmöglich.
Im Geiste begann Breaca bereits das Sterbelied von Mona anzustimmen, mit dem sie sowohl Briga das Geschenk eines Menschenlebens übergab, das aber zugleich auch als Bitte um einen raschen und leichten Tod zu verstehen war. Anstelle ihres eigenen Namens sprach sie die ihrer drei Kinder.
Tagos trat vor, um am Tisch des Gouverneurs seine Verfügung zu unterzeichnen. Von den acht anwesenden Königen war er der letzte, dessen Unterschrift hiermit beglaubigt wurde. Das Ende der ermüdenden, mechanisch auswendig gelernten Reden und des gestelzten Lateins schien nahe, und sämtliche Männer und Frauen, die gesamte Reihe hindurch, begannen leise mit den Füßen zu scharren. Ähnlich wie in manchen Augenblicken vor einer Schlacht, hatte Breaca auch in diesem Moment das Gefühl, als ob ihre Haut mit einem Mal feiner würde, bis die Luft, die sie umgab, nurmehr als ein Strom flüssiger, lebendiger Geräusche erschien, die langsam in ihr Blut sickerten. Das von Staubwirbeln durchzogene Licht im Forum verwandelte sich zu einem Muster aus menschlichem Atem und schimmernden Waffen.
Breaca aber trug keine Waffen bei sich. Und dieser Umstand lastete schwerer auf ihr als in den ganzen sechs Monaten zuvor, seit sie ihre Klinge in der Obhut der Toten zurückgelassen hatte. An ihrer Seite, dort, wo ihr Schwert hätte hängen sollen, drang die Kälte in sie ein wie in ein Haus, in dem ein Kind im Winter die Tür hat offen stehen lassen. Die Erinnerung an den Grabhügel der Ahnen ließ das bereits nur noch schwache Licht im Forum noch schwächer werden, bis allein von den Reiherspeeren mit den silbernen Spitzen, die Breacas Geschenk an den Gouverneur gewesen waren, noch ein Lichtschimmer auszugehen schien. Die Speere verzehrten sich nach Blut, und es könnte ebenso gut das in einem Akt der Gnade vergossene Blut eines Kindes sein wie auch das eines Feindes, der im Kampf getötet wurde. Obgleich beides nicht jener Verwendungszweck wäre, für den die Silberspeere ursprünglich angefertigt worden waren. Breaca schätzte die Entfernung von ihrem Platz bis zu der auf dem Tisch liegenden Eibenholzkiste, und sie wusste, dass Corvus sie unterdessen genau beobachtete.
Ihr Blick begegnete dem seinen: In einer Schlacht wusste sie stets, welcher der gefährlichste der Feinde war. Er lächelte leicht, neigte den Kopf und hob in einer Geste, die sowohl seine Ehrbezeugung gegenüber einem Krieger ausdrückte als auch eine Entschuldigung andeutete, kurz die eine Schulter. Breaca erwiderte sein Nicken, und gleich einem Blutsband schien die Luft zwischen ihnen sie miteinander zu verbinden. Er war ein Mann von hoher Integrität. Breaca glaubte nicht, dass er es für notwendig halten würde, Kinder zu kreuzigen oder gar eine Kriegerin von Cygfas Schönheit.
Am Tisch erteilte der Sekretär unterdessen eine Anweisung. Der Menge wurde die Unterschrift des Gouverneurs gezeigt. Tagos’ Testament, das bereits auf zwei Schriftrollen übertragen worden war, wurde nicht laut verlesen. Der Inhalt einer königlichen Verfügung wurde von Rechts wegen als private Angelegenheit betrachtet, die nicht dafür bestimmt war, von den anderen Königen diskutiert zu werden, die doch allesamt lediglich Konkurrenten in dem ständigen Wettstreit um das Wohlwollen des Gouverneurs waren.
Den gesamten Saal durchlief ein zitternder Seufzer, das Aufatmen einer weit über die Grenzen ihrer Geduld hinaus strapazierten Diplomatie. Von außen betrachtet war alles ganz und gar vollkommen. Keines der Kinder hatte sich ungebührlich benommen. Und von all den Anwesenden hatte lediglich die junge und hochschwangere Ehefrau von Cogidubnos, dem König der an der fernen Südküste lebenden Belger, darum gebeten, sich vorzeitig entfernen zu dürfen. Alle anderen hatten bis zum Schluss ausgehalten und nahmen sich nun einen Augenblick Zeit, um sich die Beine zu vertreten.
Durch einen Strom sich träge fortbewegender Körper wurden die Bodicea und Corvus voneinander getrennt, und ein Sklave drängte Breaca, einen Kelch mit Wein anzunehmen.
Lächelnd schüttelte sie den Kopf und deutete auf Graine. »Meine Tochter muss sich erleichtern. Wenn du mich bitte entschuldigen würdest?«
Graine blickte auf. Ihre Augen waren wie die Augen der älteren Großmutter in den Tagen, ehe die alte Frau erblindet war. Doch vor den Fremden wollte sie nicht widersprechen. Sie lächelte also lediglich und schürzte leicht die Lippen.
Breaca drängte weiter in Richtung Tür, gefolgt von Cygfa. Denn diese hatte schon zu viele Schlachten an der Seite der Bodicea durchfochten, als dass sie nun nicht spürte, wie gerade eine neue Auseinandersetzung heraufzog; in ihren Augen lagen Fragen, die Breaca ihr im gegenwärtigen Moment jedoch nicht beantworten konnte, so dass Cygfa einfach an Breacas linke Seite glitt und zu einer Art menschlichem Schutzschild wurde. Um ihrer beider willen betete Breaca, wie sie noch niemals zuvor gebetet hatte, dass sie zumindest eine scharfkantige Waffe finden möge, ehe Corvus sie und die Kinder entdeckte.
Endlich erreichten, sie die Tür. Bewaffnet mit einer triftigen Entschuldigung, lächelte Breaca den Wachen zu. Als sie draußen die Stufen erreichten, schaute Breaca zurück und sah einen dunkelhaarigen Mann, der, an seinem Verband gut zu erkennen, auf den obersten Treppenabsatz hinaustrat und sich umblickte. Hastig suchte sie nach einer Fluchtmöglichkeit und nahm gleich den ersten Ausweg, der sich ihr bot: Sie wich seitwärts in eine Sackgasse aus, die zwischen dem Haus des Gouverneurs und dessen Nachbarn verlief und die bereits nach dem Urin zahlreicher Männer stank.
Graine spielte, sobald ihre Mutter sie losließ, die von ihr geforderte Rolle, hob ihre Tunika und hockte sich in den Schmutz, und es schien, als ob Breaca den Wachen gegenüber tatsächlich nicht gelogen hätte; ihre Tochter musste wirklich einmal austreten. Unaufgefordert postierten sich die beiden Krieger, die Graines Bruder und ihre Schwester waren, am Eingang der Sackgasse. Cunomar zierte eine nicht weit von Graine entfernte Steinmauer, Cygfa lehnte sich müßig in die entgegengesetzte Ecke.
So etwas wie Privatsphäre war hier undenkbar: Aus dem gleichen Bedürfnis heraus wie Graine gesellten sich auch andere zu ihnen; die Sackgasse war der erste erkennbare Schlupfwinkel nach den Treppen. Ein älterer, weißhaariger Krieger vom Stamme der Atrebater verschob sein Geschäft gerade so lange, um Breaca zuvor noch einmal durchdringend anzuschauen und dabei die Stirn zu runzeln. »Ich habe schon einige Geschichten über die Reiherspeere der Kaledonier gehört«, sagte er, »aber ich habe noch nie einen gesehen. Ist es wahr, dass sie verflucht sein sollen?«
Breaca schüttelte den Kopf. Der Winter in Prasutagos’ Gesellschaft hatte sie in der Gabe der Doppelzüngigkeit unterrichtet, wie Mona es in all den Jahren nicht vermocht hatte. »Nur, wenn du ein Bär bist und die Träumer für die Winterzeremonien deinen Pelz und deine Zähne wollen.«
»Ich verstehe.« Nachdenklich blickte der Atrebater sie an. »Vielleicht verwendet der Gouverneur sie dann ja tatsächlich einmal zur Bärenjagd. Die sollen im Westen ja noch aktiv sein, soweit ich verstanden habe. Da ist der Gouverneur sicherlich dankbar für jede Hilfe, die er bekommen kann. Ich muss unbedingt daran denken, ihm dazu zu gratulieren, falls die Gelegenheit sich ergeben sollte. Deine Tochter möchte dich sprechen.«
Graine hatte ihren Auftrag beendet, war wieder aufgestanden und ließ erneut ihre Hand in die ihrer Mutter gleiten. Immer wieder drückte sie Breacas Finger in einem Zeichen, das Airmid vielleicht verstanden hätte, Breaca jedoch nicht. Das ochsenblutrote Haar des Mädchens hatte den Staub der Sackgasse in sich aufgenommen. Ihre Mutter strich ihr einmal über das Haar, so dass ihre Hand wie selbstverständlich im Nacken ihrer Tochter zu liegen kam, und führte Graine wieder auf den Vorplatz hinaus und fort von dem neugierigen Blick jenes Mannes, der früher einmal Breacas Feind gewesen war. Berikos von den Atrebatern, der einst ganz Britannien an Rom verraten hatte, blieb hinter ihnen zurück, um dem schmutzigen Schlamm auch noch sein eigenes Maß an Urin hinzuzufügen.
Cygfa wartete am Eingang der Sackgasse, Cunomar unmittelbar hinter ihr. Corvus war nirgendwo zu entdecken. Der Platz vor der Villa des Gouverneurs war überfüllt von den aneinander vorbeidrängenden Abgesandten der Stämme und ihren römischen Gastgebern, und es war unmöglich, in diesem Gewühl jenen einen gewissen bandagierten Schopf auszumachen. Breaca marschierte aufs Geratewohl los und führte ihre Tochter zur linken Seite hinüber.
Doch die Menge bremste ihr Tempo. Graine drehte den Kopf unter der in ihrem Nacken ruhenden Hand ihrer Mutter hin und her, bis sie ungehindert aufblicken konnte, und sagte: »Berikos glaubt zwar, dich zuvor schon einmal gesehen zu haben. Sicher ist er sich aber nicht.«
Eine Träumerin von solcher Macht sollte nicht so jung sterben müssen. Breaca schloss für einen Moment die Augen und fragte: »Weiß er noch, wo er meint, mich gesehen zu haben?«
»Nein. Er ist alt und verwirrt, und seine Aufmerksamkeit richtet sich zumeist ganz auf den Gouverneur und die Handelsrechte, die er sich von ihm erhofft. Aber der Römer mit dem Verband um den Kopf weiß es.«
»In der Tat. Vor langer Zeit einmal war er der Freund deines Onkels Bán, ehe dieser verschleppt wurde. Damals kannte er uns alle, sogar deinen Vater. Und er hatte sich bereit erklärt, für Bán anlässlich seiner drei langen Nächte in der Einsamkeit zu sprechen, aber...«
»Sieh doch, jetzt kommt er.«
Breaca schaute direkt zu den Stufen hinüber, die zu der Villa emporführten, doch zu spät. Corvus war nur noch einen Steinwurf von ihnen entfernt und schritt geradewegs auf sie zu, während er sich bemühte, so zu wirken, als ob er in Wahrheit gar kein Ziel habe. Es gab keinen Ort, wohin sie hätten flüchten können, keine Möglichkeit mehr, einfach davonzurennen, ohne dass dabei ein siebenjähriges Mädchen zurückgeblieben und der Gnade der Legionäre überlassen worden wäre.
Breaca bückte sich und machte sich demonstrativ daran, erst die Brosche vom Umhang ihrer Tochter zu lösen und dann deren Tunika neu zu ordnen. Die Brosche, die den Umhang zusammenhielt, war noch neu und in traditioneller Form aus Bronze gefertigt, so dass sie aus der einen Richtung betrachtet eine Speerspitze sein könnte, während sie aus der anderen eher wie eine jagende Eule erschien. Die eiserne Nadel war halb so lang wie Breacas Hand; nicht lang genug, um damit das Herz eines Erwachsenen zu durchstechen, doch sie würde ausreichen, um damit ein Kind zu töten, sofern man sie rasch und geschickt anzuwenden verstand. Das Gewicht des Metalls schmiegte sich in Breacas Hand, und die Nadel bog sich nach vorn.
»Graine, du musst wissen, dass ich...«
»Ich weiß. Und ich liebe dich. Aber noch hat man uns nicht verraten.« Ganz still stand Breacas Tochter da. Ihre großen Augen waren von der Farbe der Wolken nach einem Regenschauer, ganz so, wie auch Caradocs Augen ausgesehen hatten, nur dass sie am inneren Rand, dort, wo das Grau auf die schwarze Pupille traf, noch den für Graine so typischen meergrünen Schleier besaßen. Es war unmöglich, in diese Augen zu blicken und sich zugleich dazu durchzuringen, ihrem Leben ein Ende zu machen.
Über die Schatten von Breaca und Graine legte sich ein anderer. Noch immer verloren in der Gewissheit, die aus den Augen ihrer Tochter erstrahlte, fragte Breaca sehr langsam auf Eceni: »Wird der Römer mit dem verbundenen Kopf uns verraten, was meinst du?«
Leise erwiderte Corvus von links hinter ihr und in derselben Sprache: »Nicht, wenn er nicht dazu gezwungen wird.«
Die grüngrauen Augen entließen die Bodicea aus ihrem Blick. Graine atmete zitternd einmal tief ein, und Breaca wagte es, den Blick von der Nadel in ihrer Hand zu lösen. Cunomar lümmelte noch immer am Eingang der Gasse und hielt Wache, beobachtete sowohl das Geschehen zur Linken als auch zur Rechten. Cygfa stand ganz in der Nähe, verborgen in der Menge, und achtete darauf, dass Breacas linke Seite stets geschützt war. Gefangen in dem zermalmenden Strudel ihrer eigenen Gedanken, erwiderte Breaca: »Was könnte ihn denn dazu zwingen?«
»Eine als Angriff auf Rom deutbare Handlung jener Frau, die früher einmal Kriegerin war.«
Berikos marschierte an ihnen vorbei und starrte sie neugierig an. Auf Lateinisch sagte Corvus: »Der Gouverneur ist Euch für das Geschenk der Speere wirklich dankbar. Ihr macht Eurem Vater und seinem Handwerk wahrlich alle Ehre.«
»Danke.« Breaca antwortete gleichermaßen auf Latein, wechselte dann aber wieder zu Eceni über. »Ich werde zwar nie sein, was mein Vater war, aber vielleicht kann ich die Techniken und Fertigkeiten, die ich von ihm gelernt habe, ja an meine Kinder weitervermitteln. Hast du noch die Klinge, die er damals für dich geschmiedet hatte?«
»Ja, ich habe sie noch immer. Ich bewahre sie sorgsam auf, als Erinnerung an bessere Zeiten.« Corvus sah müde aus. Das Alter hatte seine Gesichtshaut dünner werden lassen und weitere Narben hinzugefügt, doch der Kern seines Wesens war noch der, der er immer gewesen war. Er senkte den Blick und legte die Hand auf Graines Schopf. »Ist das deine Tochter?«
»Ja.«
»Sie ist außergewöhnlich. Du und ihr Vater, ihr müsst sehr stolz sein.«
Das waren genau die Worte, die auch der Gouverneur verwendet hatte, mehr oder weniger zumindest, gesprochen allerdings mit einem Wissen und einer Erfahrung, die Quintus Veranius nicht zu Eigen gewesen waren: Corvus wusste, wer Graines Vater war, wohingegen der Gouverneur darüber keinerlei Anhaltspunkte besaß.
Der römische Offizier ging in die Hocke, nahm die Brosche in Form einer Speerspitze aus Breacas Hand und steckte damit den Umhang ihrer Tochter zusammen. Zufrieden, dass die Nadel wieder fest an ihrem Platz saß, lächelte er, wie wohl jeder Erwachsene ein Kind anlächelt.
Doch Graine war nicht irgendein Kind; er hatte sie die ganze Zeremonie über beobachtet und hätte es folglich besser wissen sollen. Ehe Corvus wieder wegschauen konnte, hatte sich der kühle, meergraue Blick aus Träumeraugen bereits in den seinen gesenkt. Graine runzelte leicht die Stirn und ähnelte damit plötzlich auf geradezu schmerzlich anzuschauende Weise Airmid.
Als ihre Brauen sich wieder entspannten, verkündete sie mit Nachdruck: »Valerius Corvus, du warst ein guter Freund des Bruders meiner Mutter, jenem Verräter, den sie einst liebte. Und darum möchte ich dir gern meine Stute zum Geschenk machen. Sie ist die schnellste, die wir je gezüchtet haben. Ihr werdet gut miteinander auskommen.« Graine sprach in der formellen Sprache des Ältestenrats von Mona, die sie von klein auf von Airmid gelernt hatte. Die Worte, die sie gebrauchte, waren die Worte, mit denen ein Krieger seinem Kampfgefährten ein Geschenk überreichte, oder eine Schwester ihrem Bruder.
Corvus blieb ganz still stehen. An seinem einen Auge begann ein kleiner Muskel zu zucken. Nach einer Weile hob er den Blick zu Breaca hinauf: »Ist das wahr?«
»Das solltest du besser wissen als ich. Solange du bei uns lebtest, warst du ein Freund von Bán; ich gehe davon aus, dass du das auch später noch warst, als er für Rom kämpfte. Und was das Pferd betrifft«, Breaca zuckte mit den Schultern, »sie ist in der Tat die beste Stute, die ich bis jetzt gezüchtet habe. Ich hatte sie Graine zur Jahreswende geschenkt, damit sie damit ihre eigene Zucht würde beginnen können. Wenn sie nun aber beschließt, sie dir zu übergeben, so ist das ihr gutes Recht. Hast du denn schon ein gutes Schlachtross?«
Corvus verzog das Gesicht zu einer Grimasse. »Nicht mehr. Ich hatte einmal einen hervorragenden schwarzen Junghengst - den Sohn eines Hengstes namens Krähe und einer Stute aus der Zucht der Trinovanter. Auf ihm ritt man wie auf einem schwarzen Blitz, doch er wurde - direkt unter mir - von einer Frau vom Stamm der Silurer getötet, die mir daraufhin auch noch den Schädel brach. Als Ersatz für ihn habe ich nun ein junges Militärpferd; einen gutmütigen Wallach, doch ihm fehlt einfach das Feuer des schwarzen Junghengsts. In einer Schlacht, aus der ich lebend wieder herauskommen möchte, würde ich ihn bestimmt nicht reiten.«
Eine Hand voll seiner Gefolgsoffiziere schlenderte vorbei. Corvus’ Knie knackten, als er sich wieder erhob. Seine Miene drückte freundliches Interesse an dem Kind der Frau eines der Vasallenkönige aus. Auf Lateinisch sagte er: »Der Gouverneur wünscht, dass wir uns im neuen Theater einfinden. Habt Ihr es schon gesehen?«
Sie würden also nicht sterben. Corvus, ein Mann von höchster Integrität, war nicht der Ansicht, dass sein Pflichtgefühl dies von ihm verlangte.
Nur ganz langsam dämmerte Breaca diese Erkenntnis. Die Erleichterung, die sie daraufhin durchströmte, hinterließ in ihr geradezu eine Leere. Sie atmete die Kälte, den Gestank und den Lärm ein, die alle zusammen Camulodunum ausmachten. Beruhigend drängte Graine mit der Schulter gegen Breacas Oberschenkel, ganz so, wie ein Hund es vielleicht getan hätte. Corvus, Präfekt der Legionen, der einst Báns Freund gewesen war, richtete den Blick entspannt ein Stückchen von ihnen fort, dorthin, wo eine Sau gerade in ihrem Pferch wühlte. Er wartete, bis Breaca die zerbrochenen Teile ihrer selbst wieder zusammengefügt hatte.
Aus der neuen Stille in ihrem Kopf heraus fand Breaca schließlich die passenden Worte, um ihm angemessen zu antworten. Ebenso förmlich, wie auch er gesprochen hatte, erwiderte sie: »Vielleicht könntet Ihr uns eine erste Führung durch das Theater geben? Wir hatten noch nicht das Vergnügen.«
Die Seherin der Kelten
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