XXV
Der Sklavenhändler, der die Brosche in der Form
des springenden Lachses trug, hatte noch niemals zuvor eine
Kriegerin der Eceni in ihrer Kampftracht gesehen: mit ihrem Haar
seitlich zu einem Zopf geflochten und einen Schild von armlangem
Durchmesser über den Rücken geschlungen, einen Speer in der Hand
und auf einem Pferd, das ganz dunkel war vor lauter Schweiß.
Doch er gab sein Bestes; lächelte ein wenig
verkniffen und war bemüht, seine linke Hand zu verbergen, die das
Zeichen zur Abwehr alles Bösen machte, während er mit der Rechten
doch bereits hinuntergriff, um vorsichtshalber aus seinem Gürtel
das nach Art der Legionen gefertigte Kurzschwert zu ziehen. Die
ehemaligen Legionäre, die seine Leibwache bildeten, sahen
unterdessen keine Veranlassung, sich noch in dem höflichen Gebaren
eines Gastes zu üben; sie zogen ihre Schwerter ganz offen. Und
einer von denen, die etwas weiter hinten standen und auf die Wagen
aufpassten, beugte sich sogar vor, um rasch die Zügel der Zugpferde
zu packen.
Breaca trat auf die Gruppe zu, versuchte
unterdessen, wieder zu Atem zu kommen. Es war kurz vor Einbruch der
Nacht, und man konnte in dem dämmrigen Licht nicht mehr allzu viel
erkennen, dennoch wusste sie, wie sie aussah, und dass sie nicht
dem entsprach, was ein Sklavenhändler im Allgemeinen schätzte.
Angeführt von Dubornos hatte sie gegen Ende des Ritts einen
kürzeren, allerdings auch stärker überwucherten Pfad genommen;
Dornen hatten an ihr gerissen, hatten ihr die Arme zerkratzt,
woraufhin sich das Blut wiederum mit der weißen Kalkfarbe
vermischte, so dass ihre Haut nun mit einem marmorierten Muster in
den Farben der Götter überzogen war. Über der Stirn ragte ihr Haar
in steifen, weißen Stacheln auf - sie hatte es sich während des
Ritts wiederholt aus den Augen gestrichen -, und sie stank nach
Bärenfett, Schweiß und frischem Blut. Die Pferde der Sklavenhändler
hatten offensichtlich Angst vor ihr.
In der römischen Tradition erwartete man von der
Gemahlin eines Königs wahrlich etwas anderes. Erfüllt von der
Befürchtung, durch Breacas Auftreten in Kürze auch sämtliche
anderen Ehren zu verlieren, löste sich Tagos von den Toren der
Siedlung, trat eilig vor, packte Breaca beim Arm und zog sie an
seine Seite.
»Philus von Rom, erlaubt mir, Euch meine Ehefrau
vorzustellen, Breaca, Mutter von Graine, welche eines Tages die
Eceni anführen wird.«
Tagos hatte mehr von einem Diplomaten an sich, als
Breaca erwartet hätte. Er sprach voller Selbstvertrauen in einer
Situation, in der eigentlich nur noch Panik oder Lächerlichkeit
ihren Platz gefunden hätten, so dass Philus letztlich nicht anders
konnte, als der Vorgabe, die Tagos ihm hiermit gegeben hatte, zu
folgen.
Der Sklavenhändler ließ sein Schwert zurück in
dessen Scheide gleiten und neigte den Kopf. »Meine Verehrteste,
Ihr... ich... das heißt, Ihr...«
Breaca trat noch etwas näher auf ihn zu, und
plötzlich gingen ihm die Worte aus, verloren sich in einer Wolke
aus Schweiß und den stinkenden Überresten des Bärenfetts.
Unter deutlich sichtbaren Mühen riss er sich
zusammen und zwang sich zu einem höflichen Benehmen. »Meine
Verehrteste, Ihr seht mich jetzt ganz in Verlegenheit. Ich hatte
bereits von Eurem außergewöhnlichen Geschick als Schmiedin
erfahren, und ich habe die außergewöhnliche Schönheit Eurer Tochter
erblickt, die mir bereits von unserem früheren Gouverneur
beschrieben worden war, mögen die Götter seiner Seele Frieden
schenken, aber ich hatte nicht erwartet, dass ihre Mutter so...
dass sie so... auf jeden Fall habe ich keinerlei Geschenke mehr
übrig, die Euch noch gerecht würden. Ich habe sie bereits alle dem
König übergeben, Eurem Gemahl.« Er ließ den Blick zunächst nach
rechts und dann nach links schweifen, sah sich Hilfe suchend nach
seinen engsten Vertrauten um, die wiederum starr geradeaus schauten
und noch immer nicht ihre Waffen gegen Breaca erhoben hatten.
Breaca schenkte ihm ein scheinbar ganz und gar
argloses Grinsen. »Eure Brosche ist wunderschön«, erwiderte sie.
»Als ich sie zuerst sah, dachte ich, sie stamme von den Belgern,
aber nun, da ich sie aus der Nähe sehe, erkenne ich, dass sie
eindeutig nicht von ihnen gefertigt sein kann. Es sind doch
vielmehr die Kaledonier, die den springenden Lachs so darstellen,
mit den kleinen Gagatsteinen und den makellos aneinander gefügten
silbernen Schuppen. Habe ich also Recht? Ist das eine von
ihnen?«
Nun stand sie in Reichweite des Pferdes des
Sklavenhändlers. Das Tier kämpfte darum, vor Breaca
zurückzuweichen, so dass Philus es kaum mehr mit nur einer Hand
bändigen konnte. Schwitzend verzog er das Gesicht zu einer Grimasse
und sah sich durch sein Bestreben nach Diplomatie gefangen zwischen
zwei sehr widersprüchlichen Impulsen - schließlich war die Brosche
doch sein ganz persönliches Symbol; er wollte sie also unbedingt
behalten.
Breaca machte noch einen letzten Schritt, stand nun
unmittelbar neben dem Tier und hätte nach dem Sattelknauf gelangt,
wäre in diesem Moment nicht Graine von den Toren herbeigestürmt und
hätte ihre Hand ergriffen. Mit acht Jahren war Breacas Tochter
nicht mehr bloß ein Kind, aber auch noch nicht zur Frau
herangereift. Sie war ein wunderschönes kleines Mädchen gewesen und
würde eine ebenfalls wunderschöne Frau werden. Vor allem jetzt
aber, da sie sich in jener undefinierbaren Zwischenphase befand,
zog sie die Aufmerksamkeit der Söldner auf eine Art auf sich, wie
es ihrer Mutter mit ihrem Auftreten jedenfalls nicht gelungen war.
In dramatischer Geste zog Graine die Nase kraus.
»Du stinkst nach Bär«, sagte sie. »Ardacos hatte
versprochen, dass du nicht wieder so stinken würdest.« Und dann,
mit der großäugigen Unschuld eines Kindes, fügte sie hinzu: »Philus
sagt, dass ich das Stadtgespräch von ganz Rom sein werde, dass der
Kaiser mich gerne in seinem Schlafgemach sehen würde.«
Graine war in der Kunst des Träumens von keiner
Geringeren als Airmid unterrichtet worden; ganz unabhängig vom
eigentlichen Sinn ihrer Worte konnte sie damit also ausdrücken, was
sie nur wollte. Mit ihrer Stimme vermittelte sie, dass man ihr
gerade das größte Kompliment gemacht habe, das man einem Kind in
diesem Kaiserreich nur machen könne; während sich sämtliche
anwesenden Erwachsenen im Geiste doch bereits ein Bild von Kaiser
Neros Schlafgemach schufen und davon, wie ein Kind dort wohl
behandelt würde. Kalt und drückend schien sich die Luft um sie zu
schließen.
»Hat er das? Dann scheint es ja ganz so, als plane
unser Gast bereits für die Zukunft.« Breaca war keine Träumerin,
doch auch sie verstand es, den Tod darum zu bitten, in ihrem
Schatten zu wandeln. Und jenes Versprechen des Todes über ihre
eigene Stimme auszusenden.
Das Gesicht des Sklavenhändlers nahm eine tiefrote
Farbe an, die dann jedoch wieder verblasste und sich in ein
hässliches, an eine kranke Leber erinnerndes Gelb verwandelte. Er
nestelte an dem Verschluss seiner Brosche herum.
»Meine Verehrteste, das habe ich doch nur gesagt,
um Eurer Tochter meine Ehrerbietung zu bezeigen. Ich entschuldige
mich für jegliches Missverständnis. Vielleicht würdet Ihr mir die
Gunst erweisen, dieses Geschenk anzunehmen, als Zeichen meiner
guten Absichten sowohl gegenüber Euch als auch gegenüber Eurer
Familie?«
Er war kein Mann, der es gewohnt war, um etwas
bitten zu müssen, das verriet seine raue, gepresst klingende
Stimme, und unterstrich damit nur noch den offensichtlichen
Schmerz, den ihm der Verlust seiner Brosche bereitete, als Breaca
die Hand ausstreckte und den Lachs entgegennahm.
»Danke.« Es war tatsächlich eine kaledonische
Brosche, sorgfältig gearbeitet und mit einer ihr ganz eigenen
Kraft. Breaca warf sie hoch in die Luft - silbern schien der Fisch
in die wassergleiche Luft zu springen - und fing sie dann mit einer
Hand wieder auf. Das Glitzern und Blitzen und Breacas hastige
Bewegung, als sie nach der Brosche langte, machte schließlich auch
die übrigen, bis jetzt noch nicht verunsicherten Pferde nervös.
Voller Ironie und ganz nach römischer Tradition entbot Breaca dem
Sklavenhändler ihren Gruß. »Ich bin überwältigt. Ein Stück, das
eine solche Wertschätzung genießt, sagt auch viel über seinen
Eigentümer aus. Die Götter werden dieses Geschenk im Mittwinter mit
Wohlgefallen entgegennehmen.«
Der Sklavenhändler kannte die Bräuche der Eceni gut
genug, um zu begreifen, worauf sie hinauswollte; in Gedanken sah er
sie seinen mit Edelsteinen besetzten Fisch bereits in die Wasser
des Teiches der Götter werfen, wo kein Lebender ihn jemals
wiederfinden würde. Von allen Möglichkeiten hatte er ausgerechnet
diese noch überhaupt nicht in Betracht gezogen. Breaca beobachtete,
wie er die Augen erst weit aufriss und sie dann wieder zu schmalen
Schlitzen verengte. Hätten sie sich in einer Schlacht befunden,
hätte er in genau diesem Augenblick mit seinem Schwert nach ihr
ausgeholt, hätte versucht, sie zu töten.
Doch sie befanden sich nicht in einer Schlacht, und
Philus, der ehemalige Träger der Fischbrosche, behielt den Blick
auf das Endziel gerichtet. Er zwang sich zu einem Lächeln und legte
eine zur Faust geschlossene Hand über sein Herz, dorthin, wo einst
die Brosche gesessen hatte. »Ich fühle mich geehrt, wie auch jene,
die den Fisch angefertigt haben, sich geehrt fühlen werden, sobald
ich ihnen davon berichte, dass ich sie Euch geschenkt habe.«
Dann endlich ließ er seinem Pferd die Zügel, und
sofort wirbelte es auf der Hinterhand herum und stürmte davon, fort
von Breaca. Über die Schulter hinweg rief Philus ihr noch seine
Abschiedsworte zu, die jedoch gedämpft wurden von dem donnernden
Hufgetrappel der Tiere seines Gefolges: »Verehrteste, ich warte
bereits auf den Tag, da wir uns wiedersehen. Möge er bald
kommen.«
Breaca lachte matt - vor Erleichterung, dem
plötzlichen Nachlassen ihrer panischen Angst und über den Ausdruck
auf Philus’ Gesicht, als sie die Fischbrosche entgegengenommen
hatte. Die Welt schien mit einem Mal heller, als sie es noch vor
kurzem gewesen war; an den Rändern von Breacas Blickfeld zeigten
sich kleine, strahlend weiße Blitze, in der Mitte aber tat sich ein
von tiefer Nacht umschlossener Tunnel auf, und sein Zentrum glühte
in einem immer tieferen Rot. Breaca spürte eine kleine, kalte Hand,
die sich in die ihre drängte, und wie ein kleiner Daumen über ihre
Fingerknöchel rieb. In der Stimme der Älteren Großmutter zischte
Graine ihr zu: »Sie beobachten dich. Bleib wach! Du darfst jetzt
nicht zusammenbrechen!«
»Ich wäre auch nicht zusammengebrochen.«
»Ich dagegen hatte aber durchaus diesen Eindruck.
Deine Tochter ist klüger, als du weißt.« Tagos erschien auf ihrer
anderen Seite, stellte sich neben sie und vollendete damit das Bild
der Familie. Er und Graine lehnten sich scheinbar Halt suchend an
Breaca, während sie sie tatsächlich jedoch mit vereinten Kräften
stützten.
So standen sie, zusammengeschweißt in ihrer
gegenseitigen Abhängigkeit, bis auch das letzte Pferd der
Sklavenhändler ein zu winziger Punkt in der Ferne war, als dass man
es noch hätte erkennen können. Graine löste sich als Erste wieder
aus der Gruppe. »Die Ältere Großmutter wünscht dir viel Erfolg«,
sagte sie.
Breaca presste die Handballen auf die Augen. Die
feinen Steinchen der Kalkfarbe gruben sich in ihre Haut und halfen
doch nicht, die Müdigkeit zu vertreiben. Vor lauter Schlafmangel
lallte sie geradezu: »Bedanke dich bei ihr in meinem Namen. Später
werde ich das auch selbst noch tun. Jetzt muss ich mich aber erst
einmal waschen und dann schlafen.«
Tagos packte sie am Arm. Auf merkwürdig harsche,
förmliche Art sagte er: »Mein Bett ist bereit. Ich würde mich
geehrt fühlen, wenn du darin schlafen möchtest.«
Breaca glaubte, sie schliefe schon, ganz zweifellos
musste es so sein, denn sie sank bereits in völlig zusammenhanglose
Träume hinab. Seit dem Ende ihres ersten Winters in Tagos’ Siedlung
hatte dieser nicht mehr das Bett mit ihr geteilt. Denn Breaca
schlief stets in ihrem eigenen Bett in Airmids Hütte am westlichen
Ende des Geländes. Allein die Aussicht, sich in dieses Bett fallen
zu lassen, in jenem Raum und in genau der Gesellschaft, hatte sie
durch den letzten halben Tag der langsamen und bedächtigen
Entscheidungsfindung des Rats der Stammesältesten getragen.
Breaca starrte Tagos an. Er schien vollkommen
ernst, was sie überraschte. Seine Augen schauten offen und dunkel,
und er erwiderte ihren Blick, ohne auch nur zu blinzeln.
Schließlich begriff sie, dass sie womöglich doch noch nicht schlief
und dass die Welt offenbar nicht mehr so war, wie sie sie
zurückgelassen hatte. »Ich glaube, ich habe dich nicht ganz richtig
verstanden«, erwiderte sie.
»Ich denke, du hast mich durchaus verstanden. Ich
lade dich ein, in meinem Gemach zu schlafen, welches früher auch
einmal das deine war. Nur, um zu schlafen. Bitte. Heute ist das von
Bedeutung.«
»Airmid ist bei einer Frau der Trinovanter, die vor
drei Tagen ein Kind geboren hat und jetzt im Milchfieber liegt«,
erklärte Graine. »Vor heute Abend wird sie nicht zurückkehren. Ihr
Feuer ist fast ganz heruntergebrannt, und in ihrer Hütte ist es
kalt.«
»Wirklich?« Die Morgendämmerung war heraufgezogen,
doch die aufgehende Sonne hatte die Wolken noch nicht durchdrungen.
Und falls dies überhaupt möglich war, so schien der Morgen noch
kälter zu sein als die Nacht. Breaca zitterte vor Kälte, ohne dass
ihr dies zuvor aufgefallen wäre. Der Frost biss geradezu in ihre
Füße. Und die Luft roch nach Schnee und nach Stürmen.
Tagos wartete. Auch er musste sich dringend wieder
bewegen. Vor lauter Kälte und Verzweiflung verfärbten sich die
oberen Ränder seiner Ohren bereits bläulich. Und dies, wenn auch
kein anderes Argument, führte Breaca schließlich zu ihrer
Entscheidung. »Brennt in deinem Schlafgemach bereits das Feuer?«,
fragte sie.
»Natürlich. Es lodert hoch und heiß.«
»Dann nehme ich dein Angebot an. Danke.«
Tagos’ Schlafgemach hatte sich verändert, seit sie
es das letzte Mal betreten hatte. Die Münztruhen waren, bis auf
eine, alle verschwunden, ebenso die Ziergegenstände, die auf ihnen
gelegen hatten. Über dem Bett hing ein Schwert; keines, das von ihr
geschmiedet worden wäre, aber dennoch eine gute Arbeit. Hell hob
sich das Eisen von der verrußten Holzwand ab, und den Knauf der
Waffe schmückte ein aus Bronze gefertigter Maskaron, der den Kopf
einer Füchsin darstellte. Breaca hatte nicht gewusst, dass Tagos
noch irgendeine Waffe besaß, geschweige denn, dass er es wagen
würde, diese offen zur Schau zu stellen. Das römische Waffenverbot
kannte keine Ausnahmen, und die Strafe wäre für einen König die
gleiche, wie sie es für Eneit gewesen war, einen dreizehnjährigen
Jungen, den man bei einem Grabhügel mit einem Schwert gefasst
hatte, von dem er doch noch nicht einmal gewusst hatte, wie er es
handhaben sollte.
Sie ließ einen Finger über die Klinge gleiten, um
ihren Schliff zu prüfen, und stellte fest, dass die Schneide
Kampfschärfe besaß. »Hat der Gouverneur dir eine
Ausnahmebewilligung gegeben, dass du so etwas besitzen
darfst?«
»Nein. Der Gouverneur hat sich im Westen
verschanzt, wo er seinen für den Frühling angesetzten Angriff auf
Mona plant. Aus diesem Grund werden auch drei zusätzliche, vom
Rhein stammende Legionskohorten in Camulodunum überwintern. Sobald
sie sich in Marsch setzen, um zu dem Gouverneur zu stoßen, beginnt
auch der Angriff. Ich denke nicht, dass derjenige, den er als
seinen Stellvertreter zurückgelassen hat - wer auch immer das sein
mag -, das Wagnis auf sich nehmen wird, nach Norden zu reisen, nur
um uns zu sehen. Und wenn doch jemand kommen sollte, werden wir
davon erfahren, und ich werde das Schwert wieder herunternehmen, so
wie ich es auch getan habe, als Philus hier war.«
»Und gleich danach hast du es wieder aufgehängt.
Ich verstehe.«
Erschöpft sank Breaca auf das Bett nieder. Sie
brauchte dringend Schlaf, musste allerdings auch einige Dinge noch
einmal klaren Verstandes überdenken; und beides zugleich konnte sie
nicht. Sie saß gegenüber einem nur unzureichend verhüllten Fenster.
Durch den Vorhang aus allmählich dünn werdendem Rehleder leckte
bereits das Tageslicht und ergoss sich über die an die Wand
geschobene Holztruhe. Breaca trat gegen die Truhe, einfach nur,
weil sie dort stand. Ein hohles Geräusch der Leere hallte durch den
Raum. Tagos zuckte unwillkürlich zusammen. Trotz des Feuers war
sein Gesicht verkniffen und weiß.
»Und damit wären wir auch bereits beim ersten
Grund, weshalb ich dich gern hier haben wollte«, erklärte er. »Ich
bin kein reicher Mann mehr. Wir müssen uns dringend miteinander
unterhalten.«
Abermals war der Schlaf nicht mehr so wichtig, wie
er ihr kurz zuvor noch erschienen war. Breaca stand auf und lehnte
sich unterhalb des Schwertes an die Wand. »Erzähl.«
Tagos hatte wohl bereits seine Gedanken geordnet,
nicht aber seine Worte. Seine Zunge schien verknotet und seine
Kehle wie zugeschnürt. »Philus nimmt seine Befehle von Decianus
Catus entgegen«, begann er schließlich, »dem Prokurator und
Steuereintreiber, der im Frühjahr das Denkmal für den früheren
Gouverneur enthüllt hat. Catus steht in dem Ruf, härter und
brutaler zu sein als sämtliche seiner Vorgänger. Außerdem hat er
eine zusätzliche Mission: Neben seiner Aufgabe, die Steuern
einzutreiben, hat dieser Prokurator auch noch den Befehl erhalten,
die Kredite zurückzufordern, die die östlichen Stämme von Claudius
und Seneca zur Zeit der Invasion erhalten hatten.«
»Was, etwa die kompletten Kredite? Die gesamte
Summe? Ich dachte, die sollte erst im Laufe von Jahrzehnten
zurückgezahlt werden?«
»Das dachte ich auch. Und so, glaube ich, hatte
auch Claudius es beabsichtigt, als er die Kredite vergeben hatte,
aber Nero ist da anders. Sein genauer Befehl gegenüber dem
Prokurator lautet: ›Lass Britannien ausbluten.‹ Sie werden sich
also unser Gold nehmen, unser Getreide, unser Vieh, unsere Pferde,
unsere Hunde. Und wenn wir irgendwann absolut gar nichts mehr
haben, was wir ihnen noch geben könnten, dann nehmen sie uns: die
Eceni, die Trinovanter, die Coritani, die Catuvellauner - und dann
werden jeder Mann, jede Frau und auch jedes Kind, solange sie noch
laufen können und essen und man sie noch in die Sklaverei pressen
kann, mit möglichst hohem Gewinn auf den Märkten von Rom verkauft.
Und die Übrigen werden sie einfach töten.« Nun kamen ihm die Worte
schon flüssiger über die Lippen, wurden hinausgetrieben von ihrer
eigenen Kraft. Und für den Fall, dass noch irgendein Zweifel
bestehen sollte, hob Tagos den Deckel seiner letzten, noch übrig
gebliebenen Truhe an und stieß sie um, so dass sie auf der Seite zu
liegen kam. Die Truhe war vollkommen leer.
... lass Britannien ausbluten... Breaca
starrte in die Flammen. Aus den Tiefen des Feuers entbot ein toter
Standartenträger ihr seinen Gruß. Die Träumerin der Ahnen sagte
nichts und nickte nur.
»Wie konnte es denn bloß so weit kommen?«, fragte
Breaca tonlos.
»Philus hat keine Ahnung. Aber es interessiert ihn
auch nicht. Sein Geschäft ist es doch bloß, Gewinn zu machen, und
wir sind nun einmal zu einer der Quellen dieses Gewinns geworden.
Übrigens hat Airmid sich mit dem Arzt aus Athen getroffen. Den
wiederum interessiert das alles nämlich sehr.«
»Theophilus? Was hat er gesagt?«
»Dass Nero des Abenteuers namens Britannien langsam
müde würde. Dass die Kosten den Gewinn überstiegen. Dass vier von
Roms elf Legionen hier schlichtweg im Sumpf versinken würden und
dass es nicht einen Mann unter ihnen gäbe, der nicht lieber ganz
woanders wäre. Sie sterben zu tausenden in den Kriegen im Westen,
opfern ihr Leben, ohne dass es der Sache dienen würde. Die Ratgeber
des Kaisers meinten nun, sie sollten besser wieder nach Rom
zurückkehren. Und der Gouverneur wäre mit dem Befehl ausgesandt
worden, sich entweder den Westen zu unterwerfen oder aber bei dem
Versuch umzukommen. Viele glauben, dass er wohl eher sterben wird.
Und die, die es nach der Invasion in der Erwartung von Zinsen und
Gewinn ja ach so eilig gehabt hatten, Kredite zu vergeben, bereuen
ihre Hast schon wieder.«
Das Feuer brannte zu heiß, und es war zu stickig im
Raum. Halt suchend - für mehr als bloß ihren Körper - presste
Breaca die Schulterblätter gegen die Wand. Und aus dem noch
verhältnismäßig beherrscht vorgebrachten Durcheinander von Tagos’
Worten trat plötzlich ein ganz bestimmter Satz hervor.
... und die Ratgeber des Kaisers meinten nun,
sie sollten besser wieder nach Rom zurückkehren.
»Nero denkt darüber nach, die Legionen
wieder aus Britannien abzuziehen? Ist das dein Ernst?«
»Das sagt zumindest Philus, und er hat keinen Grund
zu lügen. Wenn der Gouverneur bei dem Versuch, sich den Westen zu
unterwerfen, versagt, werden bis zum nächsten Winter sämtliche
Legionäre und sämtliche Hilfskavalleristen wieder zurückbeordert
worden sein. Aber bis dahin sind wir womöglich alle schon tot.
›Tote zahlen keine Steuern‹, so sagt man bei ihnen - denn das ist
doch der einzige Grund, weshalb wir überhaupt so lange überlebt
haben. Aber wenn es keine Steuern mehr einzutreiben gibt, dann gibt
es für sie auch keinen Grund mehr, uns noch länger am Leben zu
lassen.«
»Hat das auch Philus gesagt?«
»Nein. Das stammt von Theophilus. Er ist einer, der
wohl auch gerne wieder aufbrechen möchte; aber aus persönlichen
Gründen und nicht, weil er uns fürchtet.«
»Wahrscheinlich wäre Theophilus sogar schon längst
nicht mehr hier, könnte er nur unter halbwegs ehrbaren Umständen
wieder abreisen.« Breaca fuhr sich mit der Hand durch das Haar.
Kleine Flocken von weißer Kalkfarbe blieben zwischen ihren Fingern
hängen. »Du sagtest, das wäre der erste Grund, weshalb du mich gern
hier haben wolltest. Was gibt es sonst noch zu besprechen?«
Tagos trat ein wenig näher an das Feuer heran.
Rotes Licht ergoss sich über seine Haut und sein Haar
gleichermaßen. Kraftloser, als Breaca ihn jemals zuvor erlebt
hatte, starrte er in die Flammen. Dann, ohne sich wieder zu ihr
umzudrehen, begann er: »Philus hat um meine Erlaubnis gebeten, auf
dem Territorium der Eceni Handel treiben zu dürfen. Doch die Frage
war rein rhetorisch; er hat die Erlaubnis - hat den Befehl -
bereits vom Kaiser höchstpersönlich erhalten und soll jetzt noch so
viel Profit herausschlagen, wie er nur kann. Er braucht meine
Einwilligung also gar nicht. Aber als kleinen Test hat er mir ein
Angebot gemacht. Wenn ich ihm Graine und Cygfa verkaufen würde,
dann würde er alle unsere Schulden abschreiben - die gesamten
Steuern des Volkes der Eceni zuzüglich der Kredite von Claudius.
Zwei Kinder, eines davon sogar bereits eine Kriegerin, für mehr
Gold, als auch nur irgendjemand von uns jemals zu Gesicht bekommen
hat.«
In diesem Augenblick hätte Breaca ihn mit
Leichtigkeit töten können. Und der Schwur, den sie den
Stammesältesten im Großen Versammlungshaus so unbedacht gegeben
hatte, schien sie nun zu verhöhnen. Sein Tod wird niemals mein
Werk sein. Leider hatte sie nicht daran gedacht, hinzuzufügen:
»Außer, wenn er meine Töchter in die Sklaverei verkauft. Denn dann
wird sein Tod so lange dauern, wie auch ihr restliches Leben
dauert, und jeden einzelnen dieser Tage wird er bereuen.«
Eisern klammerte sie sich an ihren Zorn und
erwiderte: »Hast du ihm auch gesagt, dass du durch die Waffen
deines eigenen Volkes sterben würdest, solltest du auch nur mit dem
Gedanken spielen, ein solches Angebot anzunehmen?«
»Nein.« Nun wandte Tagos sich zu ihr um. Sein
Lächeln wirkte etwas schief, fiel bereits wieder in sich zusammen.
»Ich habe ihm gesagt, dass ich eher von eigener Hand sterben würde,
als auch nur mit dem Gedanken zu spielen, ein solches Angebot
anzunehmen. Glaubst du denn wirklich, dass ich sie verkauft hätte?
Sie mögen zwar nicht von meinem Blute sein, aber ich empfinde für
sie, als ob sie mein eigen Fleisch und Blut wären. Und selbst wenn
ich ihren Anblick hasste, so habe ich mich Rom nicht so vollkommen
verschrieben, dass ich plötzlich der Ansicht wäre, dass man einen
Menschen, ganz gleich, ob Kind oder Erwachsener, für Gold kaufen
könnte. Ich träume zwar nicht, so wie Airmid es vermag, wie selbst
du es vermagst, aber auch zu mir sprechen die Götter, nur eben auf
ihre Art, und hätte ich so etwas zugelassen, würden sie niemals
wieder zu mir sprechen.«
»Aber abgesehen davon weiß Philus ja auch, dass du
ihn ohnehin nicht aufhalten könntest.«
»Ganz genau. Er wird sich Cygfa und Graine noch
nicht gleich nehmen, aber im Frühling. Und selbst jetzt beschließt
er vielleicht bereits, auf seiner Rückreise nach Camulodunum
zumindest schon mal aus einigen der kleineren Siedlungen die eine
oder andere ›Ware abzuholen‹; in dem Wissen, dass wir ihn nicht
daran hindern können.«
Tagos’ Haut hatte die Farbe von Eisen angenommen,
war grau und schien vom Schweiß geradezu poliert. Er verzehrte sich
förmlich nach Wein. Breaca beobachtete, wie er seinem Verlangen
begegnete, sich die Befriedigung dieses Verlangens schließlich aber
doch versagte. Er zog einen trockenen Holzblock von dem Stapel
neben der Feuerstelle und setzte sich darauf. An die Wand
gerichtet, wo über Breacas Kopf sein Schwert hing, fuhr Tagos fort:
»Es tut mir Leid. Wir hätten schon gleich damals, als du hier
ankamst, eine Armee aufstellen sollen. Zwar wären wir dann
umgekommen, aber dann hätten wir wenigstens nicht dabei zusehen
müssen, wie sie uns ausbluten.«
Tagos ist gegen uns. Das hatte sie zu den
Stammesältesten gesagt und es auch selbst geglaubt.
Mittlerweile nicht mehr ganz so überzeugt,
erwiderte Breaca: »Cunomar und Ardacos führen heute Nacht
neunundvierzig Krieger in den Bärentanz ein. Bis Mitternacht haben
wir damit neunundvierzig neue Bärinnenkrieger, die Ersten im Stamme
der Eceni, das heißt, die Ersten nach Cunomar. Mit ihnen könnten
wir uns Philus bereits jetzt vornehmen und ihn töten. Würdest du
das unterstützen?«
Tagos starrte auf seine eine Hand hinab, die quer
über seiner Brust lag und den Stumpf seines anderen Armes umfangen
hielt. »Du vergisst, dass Philus unter dem Schutz des Prokurators
steht. Rom weiß, dass er sich hier aufhält. Wenn er nicht
zurückkehrt, werden die Legionen genauso über uns herfallen, wie
sie es zu Scapulas Zeiten getan haben.« Er hob den Kopf. Angst
zeichnete sich auf seinem Gesicht ab sowie die Erinnerungen, die
mit dieser Angst erneut einhergingen. »Du hast damals ja noch nicht
hier gelebt. Du hast das Gemetzel der römischen
Vergeltungsmaßnahmen nicht gesehen, wie sie uns abgeschlachtet
haben; die Männer und Frauen, die in Kreisen rund um ihre
Siedlungen herum erhängt worden waren, ihre Kinder tot zu ihren
Füßen liegend, und all das wegen des Verlusts eines einzigen
Legionärs, wegen eines Steines, den man nach einem Soldaten der
Hilfstruppen geworfen hatte. Es besteht kein Zweifel: Cygfa und
Graine werden versklavt werden. Philus weiß, dass wir an ihnen
hängen; und selbst wenn wir sterben, wird er dafür sorgen, dass wir
auf jeden Fall noch von ihrer Versklavung erfahren. Denn wenn wir
kämpfen, werden wir zwangsläufig verlieren. Verlangst du also
ernsthaft von mir, dass ich das unterstütze?«
»Wenn sie so oder so kommen, ja, dann erwarte ich
das von dir«, antwortete Breaca. »Besser, wir kämpfen, als wenn wir
uns im Hintergrund halten und tatenlos dabei zuschauen, wie sie uns
ausbluten. Und es besteht ja auch immer noch die Möglichkeit, dass
wir siegen. Es schneit bereits; jetzt verlassen die Legionen ihre
Festungen nicht mehr. Die Götter schenken uns einen ganzen Winter,
damit wir uns vorbereiten können, und wir werden diesen Winter
nutzen. Die Stammesältesten sind wieder nach Hause zurückgekehrt,
um noch weitere Krieger ausfindig zu machen, die noch genügend Mut
besitzen, um sich uns anzuschließen. Und selbst wenn jeder von
ihnen bloß zehn findet, haben wir damit doch bereits eintausend.
Und wenn jeder von diesen eintausend wiederum den Mut von Cunomars
neuen Bärinnenkriegern besitzt, werden wir den Legionen damit
wenigstens einen gehörigen Denkzettel verpassen können.«
»Dann kann Cunomar wohl bald das Erbe seines Vaters
antreten?«
»So scheint es. Zumindest besitzt er... das Zeug zu
einem guten Anführer.« Sie wollte gerade sagen, dass Cunomar die,
die ihm folgten, nicht nur genauso in seinen Bann zu schlagen
verstand, wie Caradoc dies einst vermocht hatte, sondern dass in
ihm darüber hinaus auch noch ein ganz eigenes Feuer brannte, doch
das Mitgefühl mit Tagos ließ sie innehalten.
Tagos lächelte schwach. Er sah genauso müde aus,
wie sie sich fühlte. »Du musst wohl sehr stolz sein auf deinen
Sohn. Er erweist seinen Eltern Ehre.«
Der Schmerz, der in seiner Stimme lag, schnitt
durch das Durcheinander seiner einstigen, halbherzigen Hoffnungen.
Breaca fuhr sich mit der Hand über die Augen und sah ihn dann, zum
ersten Mal in ihrem Leben, wirklich aufmerksam an. Und zum ersten
Mal in ihrer beider Leben erwiderte Tagos ihren Blick ganz offen;
als ein Mann, der sich an den Rand seiner Existenz gedrängt
sah.
Und genau dieser Rand war jene Zone, in der sie
lebte und in die er doch nie hatte vordringen können. Quer durch
den Raum blickten sie einander an; die Kriegerin und der, der nie
ein Krieger gewesen war; die Mutter und der, der nie ein Vater
gewesen war; Geliebte und Liebender, aber niemals einer, dessen
Liebe erwidert wurde.
Tagos zupfte am Saum seines Ärmels. »Ich hasse
Caradoc nicht«, fuhr er schließlich fort. »Und ich habe ihn auch
nie gehasst. Ich wollte einfach nur so sein wie er.
Beziehungsweise, ich wollte er sein. Wenn die Träumer einen Weg
wüssten, wie man einen Mann in den Körper eines anderen versetzte,
dann hätte ich mit Caradoc die Plätze getauscht; jeden einzelnen
Tag meines Lebens hätte ich nur allzu gerne mit ihm getauscht.
Selbst jetzt, da er ein Krüppel ist und in Gallien im Exil lebt,
würde ich noch mit ihm tauschen wollen, einfach um der Vater jener
Kinder sein zu dürfen, die er gezeugt hat. Seine Töchter leuchten
wie die Sonne und der Mond, als eine Kriegerin und eine Träumerin,
die die Sänger noch über Generationen hinweg erfreuen werden. Und
es scheint, dass auch sein Sohn alles das in sich vereint, wonach
ein Mann nur streben kann.«
Sie standen nicht weit voneinander entfernt. Breaca
streckte die Hand aus und drückte kurz seinen einen Arm. »Cunomar
wird auch dir Ehre bereiten. Wenn er in den Kämpfen gegen Rom die
Krieger anführt, dann wird er in ihren Augen dein Sohn sein.«
Sie sprachen mit einer Ehrlichkeit zueinander, zu
der sie noch niemals zuvor gefunden hatten. Tagos rieb sich mit der
Hand über die Augen. Sie waren gerötet, und das rührte nicht nur
vom Rauch her und der fast schlaflos verbrachten Nacht.
»Aber du brauchst nicht so zu leben, als ob nur ein
Kind deinem Leben ein Denkmal setzen könnte«, erwiderte sie. »Du
bist noch jung; und der Verlust eines Arms ist nicht der größte
aller möglichen Verluste. Es gibt noch immer vieles, das du
aufbauen könntest, und wir könnten den Winter über bereits mit der
Planung beginnen. Noch steht es schließlich nicht fest, ob wir im
Frühling sterben. Wenn der Gouverneur all seine Truppen aus
Camulodunum abzieht, können die Veteranen allein die Stadt nicht
mehr halten, und wenn wir erst die Stadt eingenommen haben, werden
sich unserer Rebellion auch die Trinovanter anschließen. In der
Zerstörung Monas könnte unser Vorteil liegen.« Sie versuchte zu
lächeln, vermochte ihren Mund aber nicht mehr richtig zu
beherrschen. Dicht neben ihr schwebten die Träumerin der Ahnen und
der Geist eines niedergemetzelten Standartenträgers. Breaca kämpfte
darum, den Blick an ihnen vorbeizulenken, und fuhr fort: »Und
selbst wenn wir gleich in der ersten Schlacht sterben sollten, so
ist der Tod doch noch nicht das Ende. Frag die Ältere
Großmutter.«
»Wenn ich nur wüsste, wie, dann würde ich es
wahrscheinlich wirklich noch einmal versuchen, aber - Breaca!« Er
hatte sie abrupt bei der Schulter gepackt, was erstaunlich war
angesichts der Tatsache, dass sie doch immerhin etliche Schritte
voneinander entfernt gestanden hatten. »Fall nicht ins Feuer!« Sein
Gesicht war dicht neben dem ihren; er blickte sehr besorgt. »Wie
lang ist es her, seit du zuletzt geschlafen hast?«
»Drei Tage? Vier, glaube ich. Vor den
Kriegerprüfungen fanden Rituale statt, die mit der ihnen
gebührenden Ehre vollzogen werden wollten.«
»Und etwas zu essen gab es für die Prüflinge
wahrscheinlich auch nicht. Doch auch du musst dich durch die
Prüfungen deiner Kinder nicht noch einmal selbst beweisen.«
Tagos klang belustigt und besorgt zugleich. Breaca
versuchte, sich darüber klar zu werden, ob sie wohl gerade
bevormundet wurde, vermochte jedoch keine Entscheidung mehr darüber
zu fällen. Sie spürte, wie er sie behutsam auf das Bett
niederlegte, sie entkleidete und unter die Schlaffelle schob, und
sie zuckte auch nicht zurück, als er sie anschließend, sittsam, auf
die Wange küsste.
Einst hatte auch Tagos das Zeug zu einem Helden
besessen. Wäre Caradoc nicht zu ihnen gestoßen, wäre Tagos es
gewesen, der sich strahlend über die Krieger der Eceni erhoben
hätte. Ein goldener Schimmer überzog ihn, als der Schein des Feuers
auf das Tageslicht traf, das durch das nur halb verhangene Fenster
hereinströmte.
Er verbeugte sich vor Breaca, zog sich dann jedoch
zurück und begann mit leiser Stimme zu sprechen. »Wenn ich nur
wüsste, wie ich mit den Toten reden könnte, dann würde ich die
Ahnen zweifellos so einiges über die Länder jenseits des Lebens
fragen. Aber ich kann es nicht, und doch bin ich dankbar, dass du
es kannst und dass du das, was du siehst, mit zu mir zurückbringst.
Schlaf gut. Es werden Schlachten geschlagen werden müssen, die nach
dir als ihrer Anführerin verlangen werden. Du hast einen ganzen
Winter über Zeit, um dein Kriegsheer aufzustellen. Und im Frühling
kannst du dann in die Schlacht ziehen.«
»Wenn Philus bis dahin noch nicht unsere Kinder in
die Sklaverei verbannt und uns im Schlaf erschlagen hat.«
»Das wird er schon nicht. Darauf gebe ich dir mein
Wort.«