XXIX

 
In den Bergen des Westens, in unmittelbarer Nähe der Träumerinsel Mona, begannen die Kämpfe bereits vor dem Ende des Winters.
Der Schnee lag noch immer kniehoch; in den Tälern war die Schneedecke dichter, auf den Rücken der Berge, wo der Wind sie verwehte, entsprechend dünner. Die Gipfel trugen dicke Eiskappen und waren somit unerreichbar für Mensch und Tier. Nichts von alledem jedoch hielt die Kavallerie der römischen Hilfstruppen davon ab, immer breiter angelegte Überfälle auf die Bergregionen westlich ihrer Festungsbasis zu unternehmen; auch hinderte es die Krieger von Mona nicht daran, die römischen Soldaten anzugreifen, wann immer und wo immer dies möglich war.
Eingehüllt in einen dicken, zum besseren Schutz vor der Kälte mit Schafsfett imprägnierten Umhang lag Valerius bäuchlings auf festem Eis unter dem fiktiven Schutz eines kahlen, vom Wind gebeutelten Weißdornbusches und spähte in das vor ihm liegende Tal, wo am Abend zuvor ein gallischer Kavallerieflügel sein Feldlager aufgeschlagen hatte. Kalt und wolkenlos dämmerte der Morgen herauf, so dass das Licht zunächst silbrig wirkte, dann aber einen Stich ins Blaue und Goldene bekam, als die Sonne den Horizont versengte. Nebel stieg aus dem Tal empor und lichtete sich, und ganz allmählich entpuppte sich das, was zuvor ein wogendes Meer von Grau gewesen war, als in perfekter Ordnung ausgerichtete Reihen von Zelten, mit jeweils zwei größeren Zelten für die Offiziere an ihrem einen Ende.
Auf der gegenüberliegenden Seite dieser Zeltreihe, an einer Stelle, die näher am Engpass des Tales lag, liefen fünfzig reiterlose Pferde unruhig in einem behelfsmäßigen Pferch umher. Auf beiden Seiten der Einfriedung sorgten plötzliche Übergriffe kurzzeitig für Bewegung in den trägen Nebelschwaden, und als Valerius daraufhin etwas genauer hinschaute, lagen zwei Wachen der gallischen Kavallerie ausgestreckt im Schnee, und aus ihren Kehlen und Leisten strömte leuchtend rot das Blut.
In der Nähe der Zelte, hinter der Einfriedung, wurde einmal kurz ein weißes Tuch geschwenkt. Daraufhin tauchte linker Hand von Valerius eine Gestalt aus dem Windschatten eines Felsbrockens auf und hob eine Messerklinge hoch. Es war kaum hell genug, um irgendetwas sehen zu können; das polierte Eisen blitzte matt im trüben Licht des Morgens, doch es reichte aus, um Sicherheit zu signalisieren und die Erlaubnis, weiterzumachen.
Auf das verabredete Zeichen hin stürmten zwei Gestalten aus dem wüsten Haufen von Felsblöcken auf der anderen Seite des Tales hervor. Die Seile, die als Umzäunung des provisorischen Pferchs dienten, hingen durch und rissen auseinander an jener Stelle, wo sie mit einem raschen Messerhieb durchgetrennt worden waren. Als ein Bündel aus vermoderndem Wolfsfell und Fett mitten in den Pferch hineingeschleudert wurde, bot sich für die jäh in Panik versetzte Herde somit ein deutlich erkennbarer Fluchtweg. Die Tiere flohen in wildem Galopp, und ihr Hufgetrampel erfüllte das Tal in seiner ganzen Länge wie Donner und hallte von den jenseits aufragenden Bergen wider.
Kein Mann konnte bei diesem Geräusch noch schlafen, und wenn die Gallier klug waren, hatten sie ohnehin nur leicht gedöst und waren nicht betrunken. Tatsächlich begannen sich die Zelte auch innerhalb weniger Augenblicke zu leeren. Am gegenüberliegenden Hang rannten drei Krieger leichtfüßig von dem Pferch sowie den zu beiden Seiten liegenden Leichen fort und den Hügel hinauf. Schon lange bevor die ersten Wurfspieße nach ihnen geschleudert wurden, waren sie außer Reichweite.
Aber für Heimlichkeit bestand nun ohnehin keine Notwendigkeit mehr. Die Gestalt zu Valerius’ Linker war Braint vom Stamme der Briganter, die in Abwesenheit der Bodicea die ranghöchste Kriegerin von Mona war und die Anführerin dieses Überfalls sowie des halben Dutzends anderer, die zuvor bereits stattgefunden hatten.
Zum Dank an die Götter spuckte sie einmal auf den Boden, dann schlängelte sie sich rückwärts durch die Felsbrocken und über die Kuppe des Hügels bis hin zu der Stelle, wo die drei anderen Krieger an einem kleinen schwelenden Feuer auf sie warteten. Auf Braints Zeichen hin sprangen sie auf und schlitterten leichtfüßig den mit Geröll bedeckten Abhang hinunter, beladen mit Seilen aus geflochtenem Rohleder und kleinen Säcken mit Wintergetreide und Salzbrocken, mit denen die in Panik geratenen Kavalleriepferde angelockt und eingefangen werden sollten, sobald diese ermüdeten und jenseits der Talmündung zur Ruhe kamen.
Keiner von ihnen, weder Braint noch all jene, die ihr folgten, nahm von Valerius’ Anwesenheit Notiz, doch er erwartete auch nichts anderes. Er stand auf, schüttelte den Schnee von seinem Umhang und streckte sich versuchsweise, um seine von der Kälte steif gewordenen Gelenke zu lockern.
Seine Schultern schmerzten jedenfalls nicht mehr, was ihn noch immer in Erstaunen versetzte. Von jenem Moment gegen Ende des Herbstes an, als Longinus ihn, gebrochen und besiegt, wieder nach Mona zurückgeschickt hatte, hatte jeder Teil von ihm vor Schmerzen geradezu geschrien. Bellos hatte es sich zur Aufgabe gemacht, ihn wieder gesund zu pflegen, unter Anleitung von Luain mac Calma. Die ganzen quälend langsam verstreichenden Monate hindurch, während denen Valerius mit widerlich schmeckenden Aufgüssen, Breiumschlägen und Verbänden behandelt worden war und die Demütigungen der Krankenpflege hatte über sich ergehen lassen müssen, hatte er doch eine eigenartige Befriedigung dabei empfunden, nun quasi aus erster Hand zu erfahren, dass er Recht gehabt hatte und dass der Junge vom Stamme der Belger trotz seiner Blindheit ein außergewöhnlich guter Heiler war.
Bis zur Mitte des Winters waren Valerius’ Knochen derart lädiert und seine Muskeln so übel verletzt gewesen, dass es für ihn bereits eine große Errungenschaft gewesen war, wenigstens den ersten Teil der Nacht durchzuschlafen, ohne gleich wieder vor Schmerzen weinend aufzuwachen. Nach der Wintersonnenwende, als die Tage allmählich wieder heller und länger wurden, hatten die diversen Knochenbrüche und Bänderrisse endlich zu heilen begonnen, so dass zumindest nicht mehr unerträgliche Schmerzen die Ursache dafür gewesen waren, wenn er einmal nicht hatte schlafen können.
Und dennoch, während Valerius nun hier auf dem Berghang stand, erinnerte er sich nur allzu rasch wieder an die Folterkammer der Inquisitoren. Es fiel ihm schwer, auf das Chaos unter den Kavalleristen unten im Tal hinunterzublicken, dann die auf Lateinisch gebrüllten Befehle zu hören und zu beobachten, wie die Männer sich zu einer Reihe formierten und losmarschierten. Am liebsten hätte er sich zu einer Kugel zusammengerollt und nur noch versteckt.
Er zwang sich jedoch, aufrecht stehen zu bleiben und die Szene zu beobachten und auch nicht zusammenzuzucken, als die gallischen Kavalleristen, ihrer Pferde beraubt, in Richtung der im Hinterhalt lauernden Krieger marschierten, jedoch nicht bis in die Falle hinein, die sich am engen Hals des Tales befand, dort, wo sich die weite Ebene zu einer schmalen Schlucht mit tief eingeschnittenem Wasserlauf verjüngte. Statt schnurstracks in den Hinterhalt hineinzulaufen, blieben die Gallier also stehen, zu einem wirren Haufen zusammengedrängt, und warteten erst einmal ab. Sie waren schließlich nicht dumm; die Frage, die sich ihnen stellte, lautete nicht, ob sie mit einem Überfall aus dem Hinterhalt rechnen mussten, sondern nur, inwieweit sie dem Feind zahlenmäßig unterlegen waren und ob die Krieger der Eingeborenen sich auf Speere und Felsbrocken beschränkt hatten oder ob auch Katapultschützen unter ihnen waren, gegen die es keine wirkliche Verteidigung gab, außer indem man in entsprechender Entfernung blieb.
Und es waren Katapultschützen da; Valerius hatte gesehen, wie sie Mona verließen, und er hatte auch eine ziemlich genaue Vorstellung davon, an welchen Stellen in dem verschneiten Buschwerk an den Wänden der Schlucht sie postiert waren. Noch während die Offiziere sich miteinander beratschlagten, kam auch schon der erste Stein von der Anhöhe heruntergesaust, und einer der Soldaten brach tödlich getroffen zusammen.
Valerius wandte sich abrupt ab. Es widerstrebte ihm zutiefst, noch einen weiteren Geist verloren durch das Heidekraut wandeln zu sehen; die Welt war doch bereits übervölkert von hilflos umherirrenden Seelen, und die Götter in seinem Inneren hatten ihm noch nicht gezeigt, wie man sie alle zur ewigen Ruhe betten konnte. Nach einem letzten Blick in das Tal fing Valerius seine Stute ein und trieb sie vorsichtig den Berg hinunter in Richtung der Fähre. Auf dem mit Geröll übersäten Abhang hinter ihm schlug klappernd ein Stein auf, der aber vielleicht nur durch Zufall heruntergekollert war und kein Geschoss aus einer Steinschleuder war, dazu gedacht, ihn aus dem Sattel zu werfen.
 
»Efnís, es wird nicht funktionieren! Es ist nicht etwa so, als wollte ich Braints Mut anzweifeln oder die Bereitschaft von Monas Kriegern, in den Kampf zu ziehen, sondern ich addiere schlicht und einfach Zahlen. Suetonius Paulinus wurde einzig deshalb zum Gouverneur gemacht, weil er sich mit der speziellen Art der Kriegsführung in Gebirgsregionen auskennt. Er ist mit dem Auftrag ausgesandt worden, den Westen sicher zu machen oder bei dem Versuch zu sterben, und er hat nicht die Absicht zu sterben. Er hat zwei Legionen zur Verfügung plus die gesamte dazugehörige Kavallerie: Das sind rund dreizehntausend Mann, von denen jeder Einzelne bereit sein wird, sein Leben zu geben, wenn er damit die Haut des Gouverneurs retten kann. Du dagegen hast nicht ganz viertausend Krieger - sechstausend, wenn jeder Träumer und jedes Kind über fünf Jahre eine Waffe ergreift. Braint hat bei ihren Überfällen in den vergangenen Monaten dreiundfünfzig Soldaten der Hilfstruppen getötet und dabei sechs ihrer eigenen Krieger eingebüßt. Das ist gut. Das ist äußerst lobenswert. Es macht deiner ranghöchsten Kriegerin und jenen, die ihr folgen, wirklich alle Ehre und sagt eine ganze Menge über ihren Mut aus. Es genügt bloß leider nicht.«
»Habe ich dich etwa um deine Meinung gebeten?«
Efnís war ganz allein in Monas Versammlungshaus, was äußerst ungewöhnlich war, und stand halb nackt in der hüfthohen Rinne einer Feuergrube, damit beschäftigt, die Asche herauszuholen, die sich im Laufe eines ganzen langen Winters darin angesammelt hatte. Luain mac Calma hatte sich wieder einmal nach Irland eingeschifft oder möglicherweise auch nach Gallien, das wusste niemand so genau. In seiner Abwesenheit jedenfalls war Efnís der Vorsitzende des Ältestenrats. Sein Wort war Gesetz, und zwar nicht nur auf Mona, sondern überall in jenen Ländern, wo noch die Träumer herrschten. Dass er die mühevolle Aufgabe auf sich nahm, die Abfälle des Winters zu beseitigen und die Feuergruben zu reinigen, sagte mehr über ihn aus, als er zu glauben bereit war.
Ohne darum gebeten worden zu sein, entledigte auch Valerius sich seiner Tunika und sprang ebenfalls in die tiefe Rinne hinunter. Er hob ein verkohltes Scheit aus Weißdornholz aus der Asche und legte es beiseite.
Nachdem er nicht ausdrücklich zum Gehen aufgefordert wurde, fuhr er fort: »Du hast mich nie um meine Meinung gebeten. Aber Luain mac Calma möchte, dass ich auf Mona bin, also bin ich auf Mona. Und wenn ich hier auch weiterhin bleiben soll, möchte ich lieber nicht in einem sinnlosen Kampf gegen die Männer sterben, die ich früher einmal selbst angeführt habe.«
»Weil du noch immer etwas für sie übrig hast?« Efnís spuckte nicht aus, hätte es aber eigentlich auch ebenso gut tun können.
Valerius hielt für einen Moment in seiner Arbeit inne, seine Hände voller Asche. Selbst in dem trüben Licht war zu erkennen, dass seine Miene ungewöhnlich ausdruckslos war. Er sagte: »Ich habe sie tatsächlich noch immer gern, ja; es waren gute Männer. Aber das ist nicht der Grund, weshalb ich nicht gezwungen sein möchte, gegen sie kämpfen zu müssen. Sondern vielmehr deshalb, weil ich weiß, welche Ausbildung sie durchgemacht haben und was sie alles können. Und weil ich vor allem eines weiß: Ganz gleich, wie groß der Mut von Braints Kriegern auch sein mag, ganz gleich, wie stark die Vision, auf die du baust - du kannst diese voll ausgebildeten und kampferprobten Infanteriesoldaten nicht daran hindern, über ganz Mona hinwegzumarschieren und jedes Lebewesen, auf das sie treffen, zu töten. Wenn du das versuchst, bloß um mir zu beweisen, dass ich im Irrtum bin, wirst du den Tod deiner Leute auf dem Gewissen haben. Und wenn die Inquisitoren dich dann endlich sterben lassen, werden ihre Geister bereits auf dich warten.«
Es war das allererste Mal, dass Valerius so klar und unverblümt gesprochen hatte. Efnís fuhr herum und starrte ihn wortlos an. Sein Blick wanderte über die Narben auf dem Körper des anderen, die neuen und die alten, als ob diese eine tiefere Wahrheit sprächen, die in seinen Worten noch nicht zum Ausdruck gekommen war. »Was sollen wir denn tun? Was würdest du uns raten?«
In dem von den Göttern bewohnten Raum in Valerius’ Herz war noch immer das Bild, das dort geruht hatte, seit Longinus seinen Verrat begangen hatte: die Vision von Träumern und Kindern auf Schiffen auf einem spiegelglatten Meer. Er hatte mac Calma von seinem Traum erzählt, hatte ihm eindringlich nahe gelegt, aktiv zu werden, etwas zu unternehmen, doch stattdessen hatte der Vorsitzende des Ältestenrats ausgerechnet mitten im Winter, wenn kein vernünftiger Mensch mehr eine Seereise unternahm, ein Schiff bestiegen und war bisher jedenfalls noch nicht wieder nach Hause zurückgekehrt. Auch hatte er offenbar nicht daran gedacht, Efnís über die Vision zu informieren, bevor er abgereist war.
Valerius sagte: »Ich würde jedes Boot erbetteln, ausleihen oder stehlen, das mehr als fünf Leute aufnehmen kann, und dann augenblicklich damit anfangen, die gesamte Bevölkerung Monas nach Hibernia zu evakuieren.«
»Was?« Efnís’ ungläubiges Lachen verlor sich in der riesigen Leere des Versammlungshauses. »Nun mach dich nicht lächerlich. Wo in Irland könnte man denn wohl sechstausend Menschen unterbringen? Wie sollten wir die denn alle ernähren? Wo würden sie schlafen?«
Nur ein Berg weißer Asche trennte sie, wie sie sich nun so am Ende der Feuergrube gegenüberstanden. Valerius lehnte sich zurück und wischte sich die Ascheflocken von den Händen. »Wie werdet ihr sie ernähren und wo werden sie schlafen, wenn die Legionen Mona dem Erdboden gleichgemacht haben? Fang an, Handelsschiffe aus Hibernia hereinzurufen; sie haben euch schließlich ihre Existenz zu verdanken, sie werden also mit Sicherheit kommen, wenn du darum bittest. Du wirst den kompletten Ältestenrat von Mona mitnehmen, mit zweitausend Träumern, Heilern und Sängern und so vielen ausgebildeten Kriegern, wie übrig geblieben sind. Dafür werden die Hibernier euch als Brüder und Schwestern willkommen heißen.«
»Und was ist mit dem Versammlungshaus? Das steht hier doch schon seit undenklichen Zeiten, schon seit vor der Zeit der Ahnen. Wenn wir die Insel verlassen, wird es unweigerlich zerstört werden.«
»Dann kann es ja wieder aufgebaut werden, nachdem die Römer abgezogen sind.«
Valerius äußerte gerade das größte Sakrileg, und dies an einem Ort von größter Heiligkeit, doch die Götter schlugen ihn nicht mit Stummheit. Efnís starrte ihn schockiert an, öffnete den Mund und klappte ihn dann wortlos wieder zu.
Sanft fügte Valerius hinzu: »Efnís, überleg doch mal. Luain mac Calma ist nicht hier, und du hast ein Volk zu schützen. Paulinus lässt derzeit auf dem Festland eine Armee aufmarschieren, die beinahe genauso groß ist wie diejenige, die vor fast zwanzig Jahren in Britannien einfiel. Und sobald sie die Berge im Westen erobert haben, werden sie jedes auch nur annähernd taugliche Wasserfahrzeug beschlagnahmen, um die Meerenge zu überwinden. Du kannst dir keine Zeit mehr lassen.«
Valerius stemmte sich aus der Feuergrube heraus und trat um den Graben herum auf Efnís’ Seite. Die Wand hinter ihm war geradezu übersät mit Schnitzereien aus anderen Zeitaltern. Das neueste dort eingeritzte Zeichen war das seine: die Konturzeichnung eines Hundes, wobei das Holz in den ausgesparten Linien noch weiß war. Hier auf Mona zeigte sich sein Hund nur selten in seiner ganzen Gestalt; die Schnitzerei enthielt somit auch nur den Kern seines Wesens, so dass sich Valerius’ Hände gleich lebendiger anfühlten, wenn er sie berührte. Sein Traumzeichen hier zurücklassen zu müssen, fühlen zu müssen, wie der geschnitzte Hund verbrannte, wenn die Legionen das Versammlungshaus in Schutt und Asche legten, würde ihn mehr schmerzen, als er sich vorzustellen wagte.
Efnís stand noch immer unten in der Rinne. Valerius ging in die Hocke, so dass ihrer beider Augen auf einer Höhe waren und Seele mit Seele zusammentreffen konnte, und sagte ruhig: »Es sind die Ältesten, die das Haus zu etwas Großem machen, nicht das Holz oder das Reetdach und auch nicht die Schnitzereien entlang der Dachbalken. Ich kann doch wieder einen neuen Hund schnitzen. Aber ich kann keine neue Generation von Träumern in den Lehren Monas unterweisen, weil ich sie nicht kenne. Ob die Götter dir wohl danken werden, wenn zwar das Große Versammlungshaus noch immer steht, du dafür aber tot bist?«
Sie waren einmal Freunde gewesen, damals, vor langer Zeit, als die Eceni noch ein schlagkräftiges Volk gewesen waren und Rom bloß ein Name, um Kinder zu erschrecken. Unter all den Schandflecken des Verrats und den Schatten der rachsüchtigen Toten war noch ein letzter Verbindungsstrang vorhanden, eine Brücke, die Valerius noch immer in die Lage versetzte, in Efnís’ Augen zu lesen und jenen Augenblick zu erkennen, in dem das Unmögliche nicht nur möglich wurde, sondern sogar unvermeidlich.
Efnís brauchte etwas länger, um dies zuzugeben, und noch länger, bis er bereit war, es auch laut auszusprechen. Als er es dann tat, geschah dies mit der Verzweiflung eines Menschen, der sich zwar in die Enge getrieben fühlt, aber noch immer die Macht besitzt zu verletzen.
»Braint wird niemals dazu bereit sein, ihre Krieger zurückzuziehen«, sagte er schließlich. »Sie wird ihr Leben dafür geben, um Mona zu verteidigen, und jene, die ihr folgen, werden neben ihrem Leichnam wachen, bis auch der Allerletzte von ihnen niedergestreckt worden ist. Für deine Schwester hätten sie genau das Gleiche getan. Und sie werden es noch immer tun, wenn die Bodicea denn jemals zurückkehrt, um wieder ihren Platz unter ihnen einzunehmen.«
Die Seherin der Kelten
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