I

 
Das Wasser war kalt, und der Torf und der erst kürzlich gefallene Regen hatten es braun gefärbt.
Breaca von Mona, die allen, ausgenommen ihre Familie und ihre engsten Freunde, nur als die Bodicea bekannt war, als die Siegbringende und Anführerin von Armeen, kniete allein am Ufer eines Gebirgsbachs. Sie wusch sich das Gesicht, die Hände und die blutende Wunde an ihrem Oberarm. Dort, wo sie mit den Händen in das Wasser eintauchte, nahm der Bach für einen flüchtigen Moment eine leichte Rosatönung an. Als sie fertig mit Waschen war, schöpfte sie mit der hohlen Hand etwas sauberes Wasser, spülte damit ihren Mund und spuckte anschließend den Geschmack nach Eisen aus, den das Blut hinterlassen hatte.
In den Schatten eines in der Nähe gelegenen Birkendickichts döste eine Rotschimmelstute. Sie war das Ergebnis langjähriger und sorgfältiger Züchtung und besser als alles, was Rom hätte aufbieten können. Sie trug Zaumzeug, aber keine Fußfesseln, und erschien auf Breacas Rufen hin. Die Hufe der Stute waren mit weichem Leder umwickelt, um den Hall ihrer Schritte zu dämpfen. Nachdem Breaca sich auf den Rücken des Tiers geschwungen hatte, ritt sie nach Norden und in leicht östlicher Richtung die Berge hinauf. Die Bodicea hielt sich dabei stets an die steinigen Pfade, dort, wo die Wahrscheinlichkeit am geringsten sein würde, dass die im Dienste Roms stehenden Fährtenleser der Coritani ihre Spuren entdeckten.
Wenn sie bereits die Bergkuppen erklommen hätte, hätte sie den Blick nach Westen schweifen lassen können, vorbei an einer Kette von weiteren Bergen, und hätte dann über die Meerenge hinweg bis nach Mona gesehen. Doch sie schlug einen anderen Weg ein. Mit jedem der gedämpften Schritte ihrer Stute hallte in ihrem Kopf auf äußerst beunruhigende Weise die Warnung des Standartenträgers wider und ließ sich auch nicht zum Schweigen bringen. So wirst du nie siegen, wenn du als Einzelne gegen eine Überzahl kämpfst. Vindex war nicht der Erste, der sie vor den Gefahren und der Sinnlosigkeit eines Kampfes im Alleingang gewarnt hatte - es hatte ihrer bereits viele gegeben. Doch auf der anderen Seite war er auch der Feind, folglich musste sie sich seiner Meinung nicht zwangsläufig gleich anschließen.
Die Warnungen jener, die sich um sie sorgten, waren da schon deutlich schwerer zu ignorieren. Die Warnungen der Mitglieder des Ältestenrats und der Träumer von Mona, die im Winter, während Breacas langen Phasen der Abwesenheit, über ihre Kinder wachten - und die ihnen noch nicht einmal sagen konnten, wo ihre Mutter sich eigentlich gerade aufhielt. Oder ob ein Standartenträger, der ganz und gar nicht so betrunken gewesen war, wie es vielleicht ausgesehen haben mochte, Breaca nicht bereits getötet hatte.
Luain mac Calma, das ranghöchste Mitglied des Ältestenrats auf Mona, war der Erste gewesen, der ruhig seine Ansicht verkündet hatte, dass das Leben der Bodicea mehr wert war als die Genugtuung, Rache genommen zu haben für den Tod eines geliebten Mannes. Und es hatten sich Luain noch eine ganze Reihe anderer angeschlossen, die ebenfalls behaupteten, sie zu lieben und nur ihr Bestes zu wollen. Lediglich Airmid, die Träumerin und Seelenverwandte der Bodicea, hatte von Anfang an verstanden, warum Breaca allein auf die Jagd gehen musste. Und nur sie hatte sich niemals, weder öffentlich noch unter vier Augen, gegen die schwarze Feder ausgesprochen, die die Bodicea sich ins Haar flocht, und gegen die winterliche Serie von Tötungen, die sie vorausahnen ließ.
Airmid lebte auf Mona, und Mona war eine andere Welt. Deshalb entschied Breaca, ihren Blick jetzt nicht zu der Insel hinüberschweifen zu lassen und auch nicht an Mona zu denken oder an die Menschen, die dort lebten.
Sie ritt weiter bergaufwärts, und der Pfad wurde zunehmend felsiger. Zu beiden Seiten säumte graues Gestein, überzogen von Flechten, die Wegesränder. Nach einer Weile saß Breaca ab und löste die Lederlappen von den Hufen der Stute, damit diese auf den nassen Steinen einen besseren Halt fanden. Der Regen ließ ein wenig nach; er gehörte zur Nacht, nicht aber zum Tage. Am östlichen Horizont begann die dicke Wolkendecke aufzureißen, und die ersten dünnen Strahlen des Sonnenlichts schimmerten hindurch. Mangels eines Verbandes hörte die Wunde an Breacas Arm nur allmählich zu bluten auf, und sie schmerzte auch kaum. Der Offizier, dessen Speer sie getroffen hatte, hatte penibel auf die Sauberkeit seiner Waffen geachtet, wofür Breaca ihm sehr dankbar war.
Einen halben Tagesritt weiter in Richtung Süden, in jenem Nachtlager, in dem ein Standartenträger, ein Waffenmeister und zwei Unteroffiziere der Zwanzigsten Legion gestorben waren, stieg in einem leicht schiefen Winkel eine dünne Säule schmierigen Rauchs in den Himmel hinauf. Aaskrähen schwangen sich laut krächzend in die Lüfte und begannen, auf den Geruch von brennendem Menschenfleisch zuzuschweben.
 
Der stämmige, grauhaarige Mann, der tief über den Hals seines Pferdes gebeugt saß und den Eindruck machte, als sei seine ganze Aufmerksamkeit auf den Pfad konzentriert, schien keinen der beiden Wurfsteine bemerkt zu haben, die dicht an seinem Kopf vorbeigesaust und gegen die Felsen geprallt waren. Sein Pferd dagegen, das die beiden Kiesel durchaus wahrgenommen hatte, scheute kurz und brachte seinen Reiter damit aus dem Gleichgewicht. Vergeblich versuchte er, sich noch am Sattel festzuklammern. Allein die Fürsorge seiner Götter bewahrte ihn davor, beim Hinunterfallen mit dem Kopf auf die auf dem Weg liegenden Steine zu schlagen. Ein Polster aus Heidekraut bescherte ihm eine weiche Landung. Dennoch erhob er sich nach dem Sturz nicht, noch nicht einmal, als Breaca herbeigeeilt kam und sich neben ihn kniete.
»Wo bist du verletzt?«
Seine trockenen, aufgesprungenen Lippen zuckten. »Ich habe die rote Ruhr. Du solltest mich nicht berühren, sonst steckst du dich an.«
»Mag sein, aber wenn, dann ist dies jetzt ohnehin schon geschehen.« Breaca schob ihren unverletzten Arm unter seinen Achseln hindurch und zog den Fremden auf die Beine. Sie hätte ihm auch gern etwas Wasser gegeben, doch sie hatte nichts bei sich. Stattdessen drängte sie den kranken Mann mit der Schulter gegen den Sattel seines Pferdes. Er schwankte leicht, schaffte es jedoch, sich an das Tier anzulehnen und Halt zu finden.
Sein Akzent, sein Pferd und selbst das Webmuster seiner Tunika wiesen ihn allesamt als nördlichen Eceni aus. Eine Tätowierung in blauer Tinte etwas unterhalb seines Schlüsselbeins zeigte das Bild eines Falken, von dem eine Verbindungslinie zu einem galoppierenden Pferd verlief. Breaca ließ ihre Fingerspitze an der Linie entlang von dem Pferd zu dem Falken hinübergleiten und spürte das feine Bernsteinkörnchen, das etwas unterhalb der Flügelspitze des Falken in der Haut vergraben lag und die Echtheit der Tätowierung verriet.
»Kommst du von Efnís?«, fragte sie. Als er nickte, fuhr sie fort: »Warum hast du mich verfolgt?«
»Ich habe dich nicht verfolgt. Aber wenn mich die Ruhr nicht vorher töten sollte, so möchte ich meine Nachricht schon gerne von einem lebendigen Mund in ein lebendiges Ohr übermitteln, und in den Bergen wimmelt es nun einmal vor lauter Römern. Ich hatte versucht, die Wälder nahe der Küste zu erreichen, um dort Schutz zu finden, ehe ich nach Mona weiterreise.«
Breaca schüttelte den Kopf. »Die wirst du aber nicht mehr rechtzeitig erreichen. In der Nähe der Küste sind die Soldaten der fünften Kohorte stationiert. Und die dritte Kohorte hat letzte Nacht vier Männer verloren: Seit der Morgendämmerung brennen also bereits die Signalfeuer und alarmieren sämtliche anderen Legionäre. Sie werden die Wälder längst umstellt haben. Aber ich kenne noch einen anderen Ort, an dem wir möglicherweise in Sicherheit wären, falls man uns erlaubt, einzutreten. Schaffst du es, noch ungefähr zwei Dutzend Speerwürfe weit zu reiten?«
»Wenn am Ende ein sicherer Unterschlupf wartet, dann ja.«
 
Der Höhleneingang war ein vertikaler Spalt in der Felswand und von den Göttern so eingefügt, dass er unsichtbar war, ausgenommen, man näherte sich ihm exakt aus südöstlicher Richtung. Der hundsgroße Felsbrocken, den die Ahnen dort hingerollt hatten, um den Eingang zu bewachen, war von feuchtem Moos überwuchert und wurde verborgen von den hohen Gräsern, die überall um ihn herum gewachsen waren. Wären die Zeiten noch die alten, so hätte man ihn zu jedem Vollmond, wenn die Ahnen geehrt wurden, sauber geschrubbt, und die spiralförmigen Muster und Zeichen, die auf seine Oberfläche eingemeißelt worden waren, wären kräftig mit Asche, rotem Ocker und weißem Kalk, vermischt mit Lehmerde, nachgezeichnet worden. In der düsteren neuen Welt der römischen Besatzung jedoch waren jene, die diese Arbeiten hätten verrichten sollen, entweder tot, oder sie hatten auf Mona Zuflucht genommen. Solcherart vernachlässigt waren der Wächterstein und der dahinter liegende Höhleneingang mit ihrer Umgebung verwachsen.
Breaca war erst einmal an dieser Höhle vorbeigekommen, und das war im vergangenen Winter gewesen. Dennoch hatte sie damals gesehen, was anderen vielleicht nicht aufgefallen wäre, und hatte sich die genaue Lage der Höhle eingeprägt, wenn auch ohne die ernsthafte Absicht, sie jemals zu betreten. Und womöglich hätte sie es auch jetzt nicht versucht, hätte ihre verzweifelte Lage sie nicht dazu gezwungen; die Gefahren, die darin lauerten, einen solchen Ort ohne einen Träumer zu betreten, waren wesentlich größer als das Risiko, von den Römern gefangen genommen oder getötet zu werden.
Während sie allein neben dem Hundsstein stand, sprach Breaca mit klopfendem Herzen: »Ich grüße die älteste und größte aller Träumerinnen der Ahnen. Ich schwöre, dass ich deinen Ruheort, wenn ich ihn verlasse, wieder reinigen werde. Im Augenblick sind nur die Gräser mein Schutz, so wie sie auch dich beschützt haben. Wirst du mir erlauben, einzutreten und noch jemanden mitzubringen?«
Eine Stimme jenseits menschlicher Hörweite fragte: Wer bittet darum?
»Ich bitte darum, Breaca nic Graine mac Eburovic, einst eine Eceni, einst eine Kriegerin von Mona, die nun unter der schwarzen Feder der Stammeslosen jagt. Mein Zeichen ist der Schlangenspeer, jenes Zeichen, das vor meiner Zeit das deine gewesen war und das abermals das deine sein wird, wenn ich wieder gegangen bin.«
Die Träumerin der Ahnen erwiderte: So. Ich bleibe also bestehen, während du wieder gehen musst. Es ist gut, dass du dich daran erinnerst. Bist du gekommen, um meine Unterstützung bei deinem Rachefeldzug zu erbitten, so wie du es schon einmal getan hast?
»Nein.«
Sie war die Bodicea, die tausende von Kriegern in die Schlacht führte, und dennoch waren ihre Handflächen schweißnass. Sie wischte sie an ihrer Tunika ab. Es war wesentlich leichter, in Regen und Dunkelheit und mit nichts als einem Messer und einem Säckchen voller Flusskiesel bewaffnet den Legionen gegenüberzutreten, als bei hellem Tageslicht mit dem gähnenden Eingang einer Höhle zu sprechen. Sie erinnerte sich noch gut an Airmid und an die Angst in ihrer Stimme, als diese das letzte Mal der Träumerin der Ahnen gegenübergetreten war: ausgerechnet Airmid, die doch für gewöhnlich nichts und niemanden fürchtete.
Breaca schaute zurück, den Pfad hinunter, wo außer Hörweite der sterbende Kurier wartete. Als sie abgesessen hatte, war er ihrem Beispiel gefolgt und hatte sich dann kraftlos gegen sein Pferd gelehnt. Während sie ihn nun beobachtete, sank er langsam auf die Knie und kippte dann seitlich zu Boden, um dort zusammengerollt wie ein Kind liegen zu bleiben und nur noch mit kurzen, stoßweisen Zügen zu atmen.
Wenn sie allein gewesen wäre, hätte sie einfach auf ihr Glück vertraut, den Legionen ausweichen zu können, und wäre draußen im Freien geblieben. Wenn sie noch eine Weile wartete, dann würde sie zweifellos schon bald wieder allein sein, doch der Sterbende war ein Eceni. Er kam von Efnís und hatte sein Leben dafür gegeben, um eine Nachricht nach Mona zu überbringen. Und wenn sie auch nur ein Fünkchen Ehre im Leibe hatte, konnte sie ihn jetzt nicht einfach hier auf einem Bergpfad zurücklassen, in Reichweite der Legionen, wenn doch unmittelbar vor ihnen ein Unterschlupf lag.
Breaca berührte kurz den Hundsfelsen, und zwar sowohl, um Mut zu fassen, als auch, damit er ihr Glück brächte, und sagte: »Wir sind zu zweit, eine Verwundete und ein von der roten Ruhr Befallener. Wir bitten lediglich darum, in deinen Schutz eintreten zu dürfen, und bringen dabei unsere Pferde mit, sonst nichts. Die Römer, die uns nach dem Leben trachten, sind dicht hinter uns; ich habe gesehen, wie sie in das Tal einritten, als wir die Berge erkletterten. Ich bin der Überzeugung, dass ihre Fährtenleser nicht an deinen Ruheort geführt werden und dass die Legionssoldaten, selbst wenn sie hierher gelangen sollten, es nicht wagen würden, die Grenze zu überschreiten. Selbst sie erkennen einen heiligen Ort, wenn sie ihn sehen.«
Und wenn sie schon keinen heiligen Ort erkennen, dann aber zumindest einen, der schlichtweg gefährlich ist. Das Lachen der Ahnin klang wie das Gleiten einer Schlange über Blätter im Winter, ein Geräusch, das alle Ruhe und selbst die letzte Hoffnung auf Frieden auslöschte. Sie wissen, dass ich in ihre Träume eindringen werde, im Wachen wie im Schlafen, und sie werden sterben wie ihr Gouverneur, langsam und dem Wahnsinn anheim gefallen. Ihre Furcht vor dir wird womöglich nicht ausreichen, damit sie das Land verlassen, Breaca einst von den Eceni, aber mich fürchten sie genügend, um mir geheime Opfer darzubringen, die meinen Zorn besänftigen sollen.
Breaca hatte die Getreidebündel und die zerbrochenen Weinflaschen durchaus wahrgenommen und einmal, als sie die Pferde den Pfad hinaufgeführt hatte, sogar den verwesenden Kopf einer Damhirschkuh. Sie hatte jedoch nicht gewusst, dass es sich dabei um Opfergaben für die Träumerin des Schlangenspeers gehandelt hatte, und mochte dem auch jetzt noch nicht so ganz Glauben schenken. Sie sagte jedoch nichts, sondern wartete nur schweigend. Und in dieser Wartezeit schien ein ganzes Leben zu verstreichen. Doch dann, endlich: Ja, ihr dürft eintreten. Ich, die euch ebenso hätte töten können, gewähre euch Eintritt.
 
In der Höhle war es keineswegs so stockfinster, wie Breaca eigentlich erwartet hatte, und bereitwillig trotteten die Pferde durch den Eingang. Sie wurden in einer Kammer untergebracht, die etwa drei Speerlängen durchmaß und in deren Decke sich eine Öffnung befand, durch die man den Himmel sehen konnte. Viele Schichten von Vogelleim überzogen die Wände mit weißen Streifen und klebten am Boden fest. Sie dämpften den Hall der Pferdehufe. Im Felsgestein befanden sich einige kleine, natürliche Vertiefungen. Der erst kürzlich gefallene Regen hatte sie sauber ausgewaschen, und nun waren sie randvoll gefüllt mit frischem Wasser.
Weiter drinnen in der Höhle sickerte durch die Ritzen in der sich turmhoch wölbenden Decke noch immer das graue Tageslicht herein, der Himmel aber war hier nicht mehr so ohne weiteres zu erspähen. Kleine Tierskelette lagen auf dem Boden und zersplitterten unter den Schritten der neu Eintretenden, waren zu unfreiwilligen Opfern an die Ahnen und die Götter geworden. An dieser Stelle neigten sich die Felswände nach innen und rückten eng zusammen, so dass der Durchgang zu einem Tunnel wurde und Breacas Tunika an beiden Schultern an dem rauen Felsgestein hängen blieb.
»Besser, wir bleiben hier stehen.« Der Kurier der Eceni konnte sich kaum noch auf den Beinen halten. Ängstlich zupfte er Breaca am Ärmel.
»Noch nicht. Da vorne macht der Gang eine Biegung und führt in eine Kammer hinab, durch die ein Bach läuft. Dort können wir Rast machen, und du kannst von dem Wasser trinken. Du brauchst es.«
Der Eceni jedoch hielt sie weiterhin am Ärmel fest, starrte voller Furcht den Tunnel entlang. Trotz des schwächer werdenden Lichts sah Breaca, wie er die Augen aufriss und das Weiß seiner Augäpfel leuchtete. »Bist du schon einmal hier gewesen?«, fragte er.
»Nein, aber ich habe von dem Ort gehört.« Sie verriet ihm weder, dass die schlangengleiche Stimme der Ahnen-Träumerin sie mit ihrem Flüsterton Schritt für Schritt tiefer in die Höhle hineinzog, noch dass diese Stimme ihr bereits den Zeitpunkt und die Art und Weise seines Todes vorhergesagt hatte.
Die Kammer, die sie kurze Zeit später betraten, war zu weitläufig, als dass Breaca sogleich ihren Schnitt hätte ausmachen können, und ohnehin herrschte in der Höhle vollkommene Dunkelheit. Die Bodicea arbeitete sich durch bloßes Tasten voran, kauerte sich schließlich auf den Boden und entzündete ein Feuer. Rotgelbe Schatten lockten Monster aus der Dunkelheit hervor und warfen geisterhafte Flammen über den schmalen Fluss, der durch die nördliche Ecke der Höhle floss. Das Echo des Wasserrauschens ließ die Stille nur noch greifbarer erscheinen. Doch selbst dieses Geräusch war noch wesentlich angenehmer als das zischende Flüstern der Ahnin.
Am Ufer des Baches kümmerte Breaca sich um den sterbenden Kurier. Auf einem flachen Stein faltete sie ihren Umhang und den seinen zusammen und legte den Eceni darauf wie auf einem Bett nieder. Er hatte seinen eigenen Wasserschlauch dabei, der jedoch schon lange leer war, und Breaca füllte den Schlauch und ließ den Sterbenden trinken. Anschließend wusch sie ihm mit dem, was er übrig gelassen hatte, Gesicht, Hals und Hände.
»Das solltest du besser nicht tun«, sagte er, aber nicht mehr so eindringlich wie zuvor. »Wir waren zu dritt; zwei Brüder und eine Schwester, und wir alle trugen dieselbe Nachricht mit uns. Wir waren erst zwei Nächte lang geritten, als die rote Ruhr uns erwischte. Schneller, als ein Husten sich im Winter in einem Rundhaus ausbreitet, springt die Ruhr vom einen auf den anderen über.«
»Wenn ich tatsächlich sterben sollte, dann ist dieser Ort dafür genauso geeignet wie jeder andere auch«, widersprach Breaca. »Außerdem können uns hier wenigstens nicht die Inquisitoren der Legionen aufspüren und uns zu Tode quälen, um uns damit unser Wissen zu entlocken. Und wenn ich überleben sollte, dann kannst du immerhin in dem Gefühl der sicheren Umsorgtheit ruhen. Aber was ist mit deinem Bruder und deiner Schwester passiert?«
»Ich weiß es nicht. Als wir auf die Legionen trafen, haben wir uns getrennt und verschiedene Wege eingeschlagen. Wir alle hatten den Auftrag erhalten, nach Mona zu reiten. Bei drei Kurieren bestand die Hoffnung, dass wenigstens einer von uns überleben würde, um die Fähre zu erreichen und unsere Nachricht zu überbringen.«
Frag ihn nach seiner Nachricht. Die Stimme der Ahnin hallte von den Wänden wider. Hier, an dem ihr gewidmeten Ruheort, klang ihre Stimme plötzlich deutlich lauter als die des Sterbenden. »Wenn er seinen Frieden gefunden hat.« Breaca sprach ihre Antwort laut aus, doch der Kurier war dem Tode schon viel zu nahe, als dass er Breacas Worte noch wahrgenommen hätte.
Auf dem Schlachtfeld hatte sie sich schon unzählige Male um die Verwundeten und Sterbenden gekümmert, doch dabei waren nur selten noch andere Krankheiten hinzugekommen, so dass es jetzt einige Zeit dauerte, um alles zu tun, was erforderlich war. Sie beugte sich über ihn und versuchte, den Rest von Leben und den Geist unter der talgig grauen Haut zu erkennen. Sein Gesicht war bis auf die Knochen seines Schädels eingefallen. Seine Augen waren tief eingesunken, und sein Haar war strähnig vom Schweiß und von dem Wasser, mit dem sie ihn gerade gewaschen hatte.
Frag ihn!
Breaca legte ihm ihre Hand auf die Stirn und sagte behutsam: »Das hier ist nun der Ort, an dem du ruhen wirst. Briga wird dich abholen, und die Ahnin wird dich sicher in die Länder jenseits des Lebens geleiten. Ich dagegen werde nach Mona zurückkehren, sobald ich wieder ohne Gefahr reisen kann. Ist es also dein Wunsch, dass ich deine Nachricht mit mir führe?«
»Das wäre mein Wunsch, aber ich darf die Botschaft nicht verraten, solange ich noch nicht auf Mona eingetroffen bin.« Der Mann verzog das Gesicht zu einer Grimasse, versuchte, sich zu erheben, und schaffte es doch nicht. »Es tut mir Leid. Aber wenn ich versuchen würde, dich einzuweihen, würden wir beide daran sterben. Efnís hat uns drei Kuriere alle mit einem Schutzfluch belegt. Wenn ich jetzt zu sprechen versuchte, würde meine Zunge in meinem Mund anschwellen und meinen Atem ersticken, noch ehe ich die Worte aussprechen könnte. Vor allem aber würde auch derjenige, mit dem ich spräche, sterben, und wenn auch vielleicht nicht genauso plötzlich, dann aber doch mit ebenso großer Sicherheit. Für den Fall, dass wir gefangen genommen werden sollten, hatten wir die Erlaubnis, demjenigen, der uns zum Sprechen zu bringen versuchen würde, zumindest so viel zu verraten.«
Breaca strich ihm das Haar aus dem Gesicht und ließ ein wenig Wasser über seine Stirn laufen, um sie zu kühlen. »Efnís ist weise. Wärt ihr also gefangen genommen worden, wäre es in jedem Fall gut gewesen, rasch zu sterben und vor allem in dem Wissen, dass eure Botschaft trotzdem in Sicherheit wäre und dass Roms Vernehmungsführer zu einem langsamen Ende verdammt wären.«
Der Kurier jedoch schien dem nicht so ganz zustimmen zu können und runzelte die Stirn. »Jetzt aber ist das keine so gute Lösung mehr, nun, da ich in der Gesellschaft einer Kriegerin und Freundin sterbe. Zumindest aber wird meine Botschaft in Sicherheit sein, ich werde sie mit mir in den Tod nehmen. Und Efnís wird niemals von meinem Versagen erfahren.«
»Doch, das wird er. Niemand geht in die andere Welt hinüber, ohne dass die Träumer es erfahren. Aber vielleicht bekomme ich ja trotzdem noch meine Antwort. Hätte ich Recht, wenn ich davon ausginge, dass deine Nachricht dazu bestimmt war, dem Vorsitzenden des Ältestenrats von Mona, Luain mac Calma, überbracht zu werden? Beziehungsweise, für den Fall, dass du ihn nicht angetroffen hättest, an Airmid von Nemain, und dass es in dieser Nachricht um die Bodicea geht?«
Es war ein gewisses Risiko. Keiner von ihnen kannte die Grenzen oder den exakten Wirkungsbereich des Fluches. Der Bote lächelte schwach und überprüfte seine Antwort erst zweimal im Stillen, ehe er schließlich nickte und erwiderte: »Du hättest Recht.«
Sie warteten beide. Doch in den Augenblicken, die nun folgten, stockte ihm weder der Atem, noch schwoll seine Zunge stärker an, als die rote Ruhr sie ohnehin bereits hatte anschwellen lassen.
Breaca atmete erleichtert aus. »Also gut. Und wenn ich dir nun sagte, dass meine Tochter, das zweite Kind meines Herzens, meines Leibes und meiner Seele, Graine genannt wird, nach meiner Mutter, und dass mein Vater Eburovic war, ein Schmied und Krieger der Eceni, würde dein Mund dann weiterhin unverschlossen bleiben und deine Zunge glatt, während du mir deine Nachricht ausrichten würdest?«
Der Mann hatte die Augen geschlossen, und sie blieben geschlossen, auch als Breaca geendet hatte. Sie wartete, wusste nicht, ob er eingeschlafen war oder ob der Schock darüber, wer sie wirklich war - obgleich sie ihm das ja wirklich sehr behutsam beigebracht hatte -, ihm gänzlich die Sprache verschlagen hatte.
Die Erleichterung, die sie durchflutete, als er endlich den Arm hob und ihre Hand ergriff, war unbeschreiblich. Er öffnete die Augen, und über die Lider quollen Tränen, getaucht in das kupferfarbene Licht des Feuers. Seine Stimme war nur noch ein schwacher Hauch, zusammengepresst durch Anstrengung und Schmerz. »Du bist die Bodicea? Die ranghöchste Kriegerin von Mona?«
Sie nickte und lächelte. »Ja.«
Mühsam atmend richtete er sich auf und stützte sich auf einen Ellenbogen. »Warum bist du dann hier, mit der schwarzen Feder der Stammeslosen im Haar, und jagst allein in den von Rom besetzten Gebieten?«
Mit diesem Zornesausbruch von ihm hatte sie nicht gerechnet, und auch nicht mit der plötzlichen Kraft, die ihm der Zorn verlieh; er hatte doch keine Ahnung von den seelenentblößenden Zusammentreffen zwischen der Bodicea und jenen Träumern, denen sie diente, von den erbitterten Kämpfen, die sie mit ihren Freunden austrug und bei denen Worte die einzigen Waffen waren. Er versuchte gar nicht erst, den Vorwurf, der in seiner Stimme mitschwang, oder den Schmerz in seinen Augen zu verbergen. Nach einem Moment ließ er sich wieder zurücksinken. Der Blick jedoch, mit dem er sie ansah - durchbohrend und vorwurfsvoll -, hätte auch der von mac Calma oder von Dubornos oder Ardacos oder von einem ihrer Kinder sein können.
Breaca stand auf und legte eine Hand voll Heidekrautwurzeln in das Feuer. Grün und bläulich violett züngelten neue Flammen empor, dort, wo die Erde noch vor dem Holz verbrannte. Sie hielt den Blick starr auf die leuchtenden Farben gerichtet und nicht auf den Kurier, während sie erwiderte: »Ich habe Römer getötet, wie du ja bereits gesehen hast. Die vier Toten aus der dritten Kohorte waren meine Opfer, und in der vorletzten Nacht noch einmal zwei.«
Der Kurier war ein intelligenter Mann. Er musterte Breaca einen Moment lang und sagte dann: »Du gehst also allein auf die Jagd, weil das Risiko zu groß ist, um auch andere dieser Gefahr auszusetzen. Und wenn Briga irgendwann zu der Ansicht gelangen sollte, dass es des Mordens nun genug ist, wird sie dich töten. Halten die alten Träumer von Mona das etwa für ein geringes Risiko?«
»Ganz und gar nicht.« Breaca lächelte und überraschte sie damit beide. »Aber es liegt nicht in ihrer Macht, es mir zu verbieten. Mein Leben gehört nur mir allein, und ich denke, es ist das Risiko wert. Es ist schon fast Winter; die Zeit des Kämpfens ist vorüber, doch die Legionen müssen sich noch immer weit über die Grenzen ihrer Festungsanlagen hinauswagen, um auf Raubzüge für Verpflegung und Feuerholz zu gehen. Mit vier Männern, die in der Nacht zu Tode kommen, fügt man ihren Gemütern größeren Schaden zu, als wenn vierzig von ihnen in offenen Kriegshandlungen auf dem Schlachtfeld sterben. Jeder einzelne Todesfall bringt sie der Fahnenflucht ein Stückchen näher, und diejenigen, die dennoch hier bleiben, träumen von der Zeit, wenn sie endlich wieder abziehen dürfen und nach Hause nach Rom segeln. Eine Armee, die auf ein Schlachtfeld marschiert, ohne mit dem Herzen dabei zu sein, kämpft sich doch bloß der Niederlage entgegen, und das weißt auch du.«
»Das weiß ich, in der Tat. Und ein Volk ohne die Führung der Götter kämpft überhaupt nicht.« Der schon bekannte Zorn und eine Angst, die noch aus vergangenen Zeiten stammte, flackerten auf. Doch sie beide verblassten rasch wieder und ließen nichts als die tödliche Erschöpfung zurück, die den Kurier schon umschlungen hatte, als er das erste Mal von seinem Pferd gefallen war.
Vorsichtig entgegnete Breaca: »Aber die Eceni sind doch gar nicht führerlos.«
»Jetzt schon.«
Seine Lebenskräfte verließen ihn immer schneller; sie beide konnten es fühlen. Unausgesprochene Worte lasteten auf ihnen, sogen den Sauerstoff aus der Luft. Breaca wählte den Weg, der den geringsten Schaden anrichten würde, und fragte: »Kannst du mir sagen, inwiefern dein Volk und das meine führerlos sein sollen?«
»Ich weiß es nicht. Denn wenn ich dir das verrate, könnte es uns beide töten.«
Er sammelte sich, und dann, trotz Breacas Protest, stemmte er sich in eine sitzende Position hoch. Sein Blick schien ihr Gesicht tief in sich aufnehmen zu wollen, wanderte anschließend abwärts zu der sich langsam rötenden Wunde an ihrem Arm. Mittlerweile zeigte sich, dass die Speerspitze eben doch nicht ganz so sauber gewesen war. Das Fleisch, das die klaffende Wunde umgab, aus der noch immer Blut sickerte, hatte sich entzündet, war gerötet und begann, einen fauligen Geruch auszuströmen. Er streckte die Hand aus, um ihren Arm zu berühren, und sie beide spürten, wie ihr Fleisch unter seinen Fingern zusammenzuckte.
»Vielleicht war Efnís ja klüger, als wir beide ahnen konnten, und du stirbst so oder so«, sagte er.
Breaca schöpfte etwas Wasser über die Wunde. »Vielleicht. Ich habe mich dem Tode zwar schon erheblich näher gefühlt als jetzt im Augenblick, aber man sagt ja auch, dass Briga gerade dann kommt, wenn man es am wenigsten erwartet.«
»Für mich jedenfalls gilt das nicht mehr.« Er lächelte, und noch lange, nachdem seine Gedanken schon längst wieder weitergeschweift waren, blieb dieses Lächeln auf seinen Lippen haften. Nach einer Weile fuhr er fort: »Efnís hatte seine Worte für Airmid bestimmt, die Träumerin von Nemain, aber in den Geschichten hat es doch schon immer geheißen, dass Airmid die eine Hälfte deiner Seele besitze und Caradoc die andere. Also, wenn das stimmt, dürfte es aus der Sichtweise der Götter doch im Grunde das Gleiche sein, als ob ich jetzt zu Airmid spräche. Demnach müsste ich gefahrlos mit dir reden können. Ich bin bereit, es zu versuchen, aber mein Tod steht ja ohnehin kurz bevor. Ich habe nichts mehr zu verlieren. Dir aber könnten noch viele weitere Winter beschieden sein, in denen du allein auf die Jagd nach den Römern gehst. Willst du das Risiko eingehen, all das zu verlieren, um meine Botschaft zu hören?«
Breaca ballte ihre linke Hand zur Faust, spürte in ihrer Handfläche einen vagen Schmerz, der sie an die einstige Schwertverletzung an dieser Stelle erinnerte. Doch die Narbe schmerzte nicht wirklich, sprach diesmal keinerlei Warnung an sie. Dafür pochte die Speerwunde an ihrem Oberarm Besorgnis erregend. Doch sie hatte auch schon andere Wunden gehabt, die so tief gewesen waren und so stark entzündet wie diese, und trotzdem war sie nicht an ihnen gestorben.
Sie ließ den Blick über das Feuer hinweg schweifen und in die Dunkelheit der Höhle hinein, aber auch dort fand sie keinerlei Orientierungshilfe; die Träumerin der Ahnen war ungewöhnlich schweigsam. Wie bei allen wirklich wichtigen Entscheidungen in ihrem Leben war Breaca ganz auf sich gestellt. Doch darin lag auch eine gewisse Freiheit.
Und sie sagte: »So viel Spaß macht es mir nun auch wieder nicht, Römer zu töten, dass ich mir dafür eine Nachricht von Efnís entgehen lassen würde, die zudem bereits drei Krieger das Leben gekostet hat. Ja, ich bin bereit, dieses Risiko einzugehen.«
Die Seherin der Kelten
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