XVI

 
Vom Hügel neben Camulodunum aus betrachtet erschien die Stadt wie ein Pilz aus Backstein und Tünche, der sich unkontrolliert über einst grüne Landstriche ausdehnte. Nur mehr die Triumphbögen im Westen und das Theater im Osten hoben sich noch ab von dem Durcheinander aus gepflasterten Straßen und verschlammten Seitenpfaden, bunt angemalten Händlerbuden und einfachen Hütten, Schweinekoben, Holzställen und den in geradezu schreienden Farben gestrichenen Villen.
Nachhaltiger denn jemals zuvor schienen der Lärm und der Gestank auf Breaca einzuströmen, während sie Corvus durch den Morast folgte. Die Stadt war alles andere als ein ruhiger Ort. Selbst kurz vor Mittag wurden die noch immer laut krähenden Hähne kaum übertönt von dem Gekreisch der Kinder und dem Brüllen der Männer; der Männer in Rüstungen und der Männer in Ketten, der Männer, die andere Männer befehligten, der Männer, die Frauen Befehle erteilten, und der Männer, die die Maulesel kommandierten und die Packpferde und die Ochsen. Plötzlich ertönte der Schrei eines Mädchens, aber nur ein einziges Mal und nicht für lange; Camulodunum war eine Stadt, die allein unter der Herrschaft der Männer stand.
Der Gestank trieb einem die Tränen in die Augen: jener reife Geruch nach Fäulnis, der ausströmte, wenn sich zu viele Menschen auf zu engem Raum drängten, gemeinsam mit den verdorbenen Essensresten und den noch frischen Speisen, den Ziegen, Schweinen und dem Hornvieh, dem Kot, dem Urin und dem Tod. In all den Geschichten, die man Breaca bereits über Roms neueste Stadt erzählt hatte, war doch nie die Rede davon gewesen, dass Camulodunum unter dem misstönenden Lärm des Lebens der Gestank des Todes anhaftete.
Der Wind drehte sich, und mit einem Mal wurde Breaca die ohnehin bereits überreife Mischung der vielen verschiedenen Gerüche auch noch geradewegs ins Gesicht geschleudert. Sie atmete ein, bereute es aber sogleich, und spie aus.
Cunomar, der neben ihr herging, schenkte ihr ein verbittertes Grinsen. »In Rom stinkt es noch schlimmer«, sagte er. »Und die Stadt ist noch größer.« Dennoch fühlte er sich offenbar gerade recht wohl in seiner Haut und zeigte dies auch nach außen. Der um ein Haar entstandene Konflikt mit Corvus, der Umstand, dass seine Mutter ihn brauchte, sowie ihr Vertrauen in ihn hatten in Cunomar ein verstärktes Gefühl der Wachsamkeit und des Verantwortungsbewusstseins erzeugt. Ähnlich wie nach einer Speerprüfung zeigten sich in dem Jungen nun die ersten Züge des Mannes, und dies ließ ihn bereits jetzt mit etwas höher erhobenem Haupt marschieren. Zweimal holte Corvus Luft, um mit ihm eine Unterhaltung zu beginnen, und zweimal erblickte er daraufhin den Hass in Cunomars Augen und hielt abrupt wieder inne. Stattdessen ließ er sich an Breacas Seite zurückfallen, die ihn im Gegensatz zu ihrem Sohn nicht hasste.
»Noch ein Stückchen geradeaus, und dann liegt links auch schon das Theater. Der Weg dorthin ist ein wenig ungepflegt. Ich fürchte, durch den Bau des Claudius geweihten Tempels ist dieser Teil der Stadt ein wenig in Mitleidenschaft gezogen worden.«
»Das sehe ich.«
Breaca hob ihre Tochter hoch und setzte sie auf ihre Hüfte, damit der Saum von Graines Tunika sauber blieb. Der Weg, auf den Corvus gedeutet hatte, war ein einfacher Fußpfad aus bereits von zahllosen Passanten platt getrampeltem Stroh, das man über eine große Schlammlache gebreitet hatte, die nahtlos in die Baustelle zu ihrer Rechten überging. Mitten auf dem Baugelände erhob sich in einsamer Herrlichkeit der halb fertige Tempel zu Ehren Claudius’, ragte aus dem Schlamm und dem Unrat empor wie ein schon vor langer Zeit verstorbenes Tier, das nun von den Göttern erneut ans Tageslicht gezerrt wurde und bloß noch aus Knochen und Zähnen bestand und keinerlei Fleisch mehr besaß. Schutzlos lagen seine von innen mit Marmor ausgekleideten Rippen unter freiem Himmel. Rund um den Tempel herum türmten sich noch andere Stapel von weißen Marmorfliesen und vierkantigen Dachbalken, sowie einige Haufen von frisch gebrochenem, noch nicht ausgewaschenem Feuerstein und nummerierte Stapel vergoldeter Dachziegel. Letztere standen unter ständiger Bewachung.
Die Wachleute aber waren damit auch schon das einzige Anzeichen von Leben im näheren Umkreis des Tempels, es waren keine Ingenieure zu sehen, keine Architekten und auch keine Sklaven, die unter der Peitsche ihre Arbeit verrichteten. Verlassen für den Rest dieses Tages hockte das Tier inmitten der Knochen seiner Baugerüste, und ebenso leicht, wie man sich im Geiste bereits ausmalen konnte, dass dieses Gebilde wieder zusammenbräche und das Land unter ihm erneut ergrünen würde, konnte man sich auch vorstellen, zu welchen Höhen es sich noch aufschwingen würde, konnte man beinahe schon das Feuer sehen, das nach der Fertigstellung von seinem mit Goldziegeln gedeckten Dach erstrahlen würde.
Langsam führte Corvus sie daran vorbei; man eilte nicht einfach so an diesem immerhin einem Gott geweihten Tempel vorüber, selbst wenn dieser Gott vor nicht allzu langer Zeit noch ein sabbernder, in sich selbst vernarrter Idiot gewesen war, dessen eigene Frau schließlich seine Ermordung befohlen hatte.
Breaca hielt Graine dicht an sich gedrückt und spürte an der Schulter das rhythmische Pochen des kleinen Kinderherzens. Und dann fühlte sie die Veränderung, die im Wesen ihrer Tochter vor sich ging, als diese plötzlich begann, mit den Augen des Traumes zu sehen - sie strich ihrer Tochter eine Strähne ihres dichten roten Haares aus dem Gesicht.
»Was siehst du?«, fragte sie.
Die grünen Augen blickten beinahe ins Leere. »Zu viele Tote«, antwortete Graine. »Die Römer wissen nicht, wie sie die Seelen ihrer Toten nach Hause geleiten sollen.«
»Die Römer?«
»Ja. Und die Trinovanter. Die Römer machen die Trinovanter zu ihren Sklaven, sie brechen sie, und dann sterben sie. Ihren Angehörigen aber fehlt der Traum, fehlt das Wissen, welche Lieder sie singen müssen, um die Seelen der Verstorbenen wieder nach Hause zu geleiten.« Sie sprach diese Worte ganz ohne Leidenschaft. Wo andere Rom verflucht hätten - oder womöglich auch sich selbst, dafür, dass sie dies alles geschehen ließen -, schüttelte Graine bloß missbilligend und in leiser Trauer den Kopf. »Aber da sind auch noch andere Tote, sie brennen. Das ist kein guter Tod.«
Breaca drückte ihrer Tochter einen Kuss auf die Stirn. »Nein. Feuer ist nie ein guter Tod.«
Das Grauen dieses Gedankens streifte sie beide und strich mit eisigen Fingern über ihre mit einem Mal scheinbar hauchdünne Haut. Sie schmiegten sich dicht aneinander, versunken im Augenblick, und waren somit die Letzten ihrer kleinen Gruppe, welche die nordwestliche Ecke des Tempels umrundeten und sahen, was ihnen dort zur Warnung errichtet worden war.
»Halt.«
Corvus war es, der dies sagte, ein Mann, der es gewohnt war, Befehle zu erteilen, die auch befolgt wurden. Doch Breaca war bereits stehen geblieben, weil Cygfa, die vor ihr ging, abrupt angehalten hatte und hektisch die Zeichen zur Abwehr alles Bösen in die Luft malte. Neben ihr zitterte Cunomar, wie Breaca ihn noch niemals hatte zittern gesehen, und stieß in einem einzigen ununterbrochenen Wortschwall sämtliche Flüche der Bärinnenkrieger aus und verdammte damit sowohl Corvus als auch den Gouverneur und überhaupt ganz Rom zu einem endlosen Sterben unter jenen Messern, die zwar verletzten, aber nicht töteten.
Kalkweiß und stocksteif stand neben Cygfa und Cunomar der römische Offizier namens Corvus. Seine auf Latein gesprochenen Worte des Bedauerns vermischten sich mit den leisen, zischenden Flüchen ihrer beiden älteren Kinder.
»Breaca...« Er legte ihr begütigend eine Hand auf den Arm. »Du musst mir glauben. Ich wusste nicht, dass die hier stehen.«
Sie glaubte ihm, wenn auch nur deshalb, weil er wahrlich so aussah, als wäre ihm übel. Und diese Übelkeit wurde sowohl von dem Geruch als auch von dem sich ihnen darbietenden Anblick hervorgerufen. Breaca atmete nur noch durch zusammengebissene Zähne und blickte an Corvus vorbei zu den beiden Kreuzen hinüber, die sie bereits von der Hügelkuppe aus entdeckt hatte. Mit einem seltsam hohlen Schmerz im Unterbauch erkannte sie, dass Graine sich geirrt hatte, oder zumindest zum Teil, als sie nämlich behauptet hatte, die Kreuze hätten noch kein Blut geschmeckt.
Doch es war zumindest kein menschliches Blut, und das Schaf, das vom rechten Arm des rechten Kreuzes herabbaumelte, war auch nicht am Kreuz gestorben. Man hatte ihm erst die Kehle durchgeschnitten und dann die Haut abgerissen, so dass sein rosafarbenes Fleisch auf den ersten Blick tatsächlich wirkte, als wäre es menschliches Fleisch. Außerdem hatte man es ausgenommen, damit die Verwesungsgase es nicht zum Platzen brächten, doch war dies nicht sonderlich sorgfältig ausgeführt worden, denn aus dem auf seinem Bauch klaffenden Spalt hingen faulige Streifen von grünlich verfärbten Eingeweiden heraus.
Langsam baumelte das Schaf im Wind, drehte sich an dem Strick hin und her, und Breaca erkannte erst sehr spät, was Cygfa und Cunomar bereits erblickt hatten: Auf beiden Seiten seines Brustkorbes war mit einem glühenden Eisen das Zeichen des Schlangenspeers der Bodicea eingebrannt worden, der sich über den Adler Roms erhob.
Graine musste sich übergeben.
Als das jüngste von den drei Kindern der Bodicea war sie bislang noch am weitesten verschont geblieben von der rohen Brutalität des Krieges. Und als die Wirklichkeit nun stärker als jemals zuvor auf sie eindrang, versuchte sie zunächst einen verzweifelten Augenblick lang noch zu verstehen, erbrach sich aber gleich darauf heftig in den Schlamm zu Corvus’ Füßen.
»Es tut mir Leid.«
Corvus sagte es noch einmal, sowohl auf Eceni als auch auf Latein. »Ich weiß nicht, wer das getan hat oder warum, aber wenn ich es herausfinde, wird derjenige dafür büßen müssen. Und ich schwöre, wenn ich das gewusst hätte, hätte ich euch auf keinen Fall diesen Weg entlanggeführt. Oder ich hätte eine Möglichkeit gefunden, euch vorher wenigstens zu warnen. Es tut mir wirklich aufrichtig Leid.«
Er kniete nieder und bot Breacas jüngster Tochter etwas Wasser aus seiner Gürtelflasche an. Graine schluchzte leise und zog damit die Aufmerksamkeit aller vor und hinter ihr Stehenden allein auf sich. Ihr Entsetzen war echt, doch zugleich auch ein wenig übertrieben - denn Graine wollte von Cunomar und Cygfa ablenken, die zutiefst erschüttert dastanden und sich in einer Welt zurechtzufinden versuchten, die plötzlich aus den Fugen geraten war.
Breaca wollte zu ihnen gehen, hätte damit aber nur noch mehr Aufmerksamkeit auf sie gezogen. Also ließ sie Corvus sich um Graine kümmern, nahm seine Worte des Bedauerns entgegen und schaffte es überdies sogar noch, dem Sekretär des Gouverneurs ein Lächeln zu schenken, der die unterwürfigsten Entschuldigungen seines Herrn überbrachte sowie dessen Wunsch, dass Breacas Familie möglichst bald im Theater Platz nehmen möge, wo sie vor solcherlei Hässlichkeiten, die mit ihr ja auch gewiss gar nichts zu tun hätten, geschützt wäre.
 
Drei komplette Legionen hatten sich um den Stufenbogen des Theaters herum aufgereiht und bildeten Gassen, welche auf die zahlreichen Eingänge und Treppenaufgänge zuführten. Breaca und ihre Familie kamen erst spät, schienen die Letzten einiger Bummelanten zu sein, die den Weg vom Forum bis hierher gegangen waren. Vor ihr demonstrierten derweil in einem wahren Meer von schwatzenden Menschen die acht Delegationen der Stämme mitsamt deren Familien, Freunden und Gefolgsleuten, wie außerordentlich wohl sie sich doch in der Gesellschaft der Römer fühlten.
Sie konnten das erhängte Schaf, das Symbol der Feigheit und des Mangels an Kampfesmut, unmöglich übersehen haben, beschlossen aber offenbar, nicht darüber zu sprechen; stattdessen drehten sich die lauten Unterhaltungen ganz pragmatisch allein um kommerzielle Angelegenheiten. Nach der geradezu erdrückenden Würde und Förmlichkeit der Zeremonien des Vormittags besaß die Versammlung im Theater nun etwas von der Zwanglosigkeit eines Viehmarkts. Die Verträge, die hier geschlossen und wieder gebrochen wurden, waren jedoch nicht weniger verbindlich als jene, die gemäß römischem Gesetz und unter Anwesenheit der Zeugen während der morgendlichen Sitzung besiegelt worden waren.
Tagos war bereits da; dies hier war eine Welt, in der er förmlich aufblühte. Selbst das Fehlen seines einen Armes war kein Hindernis und wurde nur allzu leicht wieder ausgeglichen von seinem scharfen Verstand und seinem Geschick, stets einen guten Handel abzuschließen. Wie beabsichtigt hatte die Kunstfertigkeit, die sich in seinem Königsarmreif zeigte, bereits einiges an Aufmerksamkeit auf sich gezogen und ihn von den anderen Vasallenkönigen abgehoben, so dass sein Alleinverkaufsrecht der römischen Weine und griechischen Oliven ungebrochen blieb.
Breaca und die mittlerweile in Schweigen verfallene Graine wurden an seine Seite geführt, und nachdem auch Cunomar und Cygfa sich zu ihnen gesellt hatten, gab Tagos sich hocherfreut, seine Familie endlich einigen Männern vorstellen zu dürfen: dem iberischen Steinmetzmeister, der Claudius’ Tempel sowohl entworfen hatte als auch dessen Errichtung beaufsichtigte; dem bereits kahl werdenden gallischen Weinhändler, der unter den ranghöchsten Beamten der Stadt schon an dritter Stelle kam und der bis zum heutigen Tage bereits ein Hundertstel der gesamten Herstellungskosten des Tempels gespendet hatte; sowie ganz zuletzt, aber dafür am überschwänglichsten dem hoch gewachsenen, weißhaarigen griechischen Arzt, den Tagos entdeckte, als dieser neben den Stufen stand, die zu der mittleren Sitzreihe hinaufführten.
Der Arzt war einer der wenigen Männer, die von Rom und den Stämmen gleichermaßen geschätzt wurden. Tagos war geradezu stürmisch in seiner Begrüßung. »Theophilus, was für eine Freude! Ich hätte nicht gedacht, dass Ihr uns bei einer so inoffiziellen Zusammenkunft mit Eurer Anwesenheit beehren würdet.«
»Ach, nein? Aber wie könnte ich denn fernbleiben und nicht dabei zusehen, wenn einer meiner früheren Patienten sterben muss?« Theophilus erwiderte Tagos’ Lächeln nicht. Sein klarer Blick wie von einem Falken richtete sich allein auf Breaca. »Das muss Eure neue Ehefrau sein. Ich fühle mich sehr geehrt, sie kennen zu lernen. Dürfte ich?«
Damit verneigte Theophilus sich, wartete die Vollendung der offiziellen Vorstellungsriten jedoch nicht mehr ab, sondern legte, indem er Breacas Hand ergriff, sogleich die Finger um deren Handgelenk. Sie spürte ein forschendes Tasten über die Oberfläche ihrer Gedanken gleiten, nicht unähnlich dem von Airmid oder, in jüngerer Zeit, dem von Graine, sowie eine Art Ziehen an ihrem Zwerchfell, das sich genauso anfühlte wie die erste, federleichte Berührung der Geburtsschmerzen. Doch dann war der trockene Griff um ihre Hand auch schon wieder verschwunden, und der Arzt verbeugte sich abermals.
»Meine Verehrteste, ich hatte vorgehabt, Euch meine Dienste anzutragen, sollte für Euch jemals wieder die Zeit der Niederkunft kommen, aber wie ich sehe, wird das nicht nötig sein. Meine besten Wünsche für Euch und Eure drei wundervollen Kinder. Sie gereichen sowohl Euch als auch ihrem Vater zur Ehre.« Der Reihe nach nickte er erst Graine zu, dann Cunomar und schließlich Cygfa, und ohne den Austausch von Worten nahmen alle drei plötzlich wieder eine etwas gesündere Gesichtsfarbe an.
Falls er vorgehabt haben sollte, den König der Eceni niederzuschmettern, so war Theophilus dies wahrlich gelungen. Mit einigen wenigen kurzen Worten waren Tagos’ unberechtigte Hoffnungen auf ein Herrschergeschlecht nicht nur offen gelegt, sondern sogleich der ganzen Welt auch als vollkommen haltlos bewiesen worden. Wie ein Fisch öffnete er den Mund und ließ ihn gleich darauf wieder zuklappen. Er suchte mit dem Blick die Menge ab, versuchte, herauszubekommen, welcher seiner Widersacher womöglich dicht genug in seiner Nähe gestanden hatte, um all dies mit anzuhören. Er konnte jedoch niemanden ausmachen und rief Cunomar und Cygfa zu, dass sie ihm folgen sollten.
Als Breaca mit Theophilus wieder allein war, ließ sie Graine langsam auf den Boden hinab, bis diese auf ihren eigenen Beinen zu stehen kam, und fragte, einer plötzlichen Eingebung folgend: »Ich habe heute Morgen einen alten Freund wieder getroffen. Er trug einen frischen Kopfverband. Habt Ihr ihm den angelegt?«
Theophilus’ träges Lächeln schien aus der Leere seines Blicks zu erwachsen. »Das habe ich. Ist er Euch ein wahrer Freund, so dürft Ihr Euch glücklich schätzen.«
»So scheint es zumindest. Ist er auch ein Freund Eures Patienten, jenes Mannes, der heute sterben soll?« Am Rande von Breacas Bewusstsein tauchten erneut die Kreuze auf. Kein Mann, ganz gleich, ob Römer oder Angehöriger irgendeiner anderen Nation, verdiente einen solchen Tod.
»Ein Freund des ehemaligen Zenturio Marcellus? Nicht doch. Denn das ist ein Mann, der nur wenige Freunde besitzt, aber dafür umso mehr Feinde hat.«
»Reicht es also aus, dass er keine Freunde hat, damit man ihn gleich zum Tode verurteilt?«
»Es scheint, als habe er den Fehler gemacht, einen unschuldigen Mann vor Zeugen hinzurichten. Sein Tod soll als Beispiel dafür dienen, dass auch Römer nicht über dem Gesetz stehen. Man wird von Euch erwarten, dass Ihr das lobend zur Kenntnis nehmt.«
Dann hatte Graine also zumindest bezüglich des ersten Teils ihrer Voraussage doch Recht. Sie wurden nicht für uns errichtet. Es wird ein Krieger der Stämme sterben und ein Bürger Roms, und beide halten sie bereits gefangen. Breaca begriff und ließ diese Erkenntnis sich auch auf ihrem Gesicht widerspiegeln.
»In dem Falle bin ich mir sicher, dass man uns unsere lobende Zustimmung ansehen wird, obwohl es mir lieber wäre, wenn die Kinder all das nicht miterleben müssten. Von Euch dagegen, davon gehe ich aus, wird man erwarten, dass Ihr alledem wohl keinen Beifall spenden könnt. Folglich wird man Euch womöglich auffordern, das Theater noch vor uns wieder zu verlassen. Vielleicht könnten wir uns treffen, falls danach noch Zeit dafür sein sollte? Oder Ihr könntet uns einmal in unserem eigenen Land besuchen kommen? Ich habe eine Freundin, die sich sehr freuen würde, Euch kennen zu lernen. Sie besitzt eine gewisse Gabe, was die Geburtsbegleitung betrifft, aber es gibt ja jederzeit noch etwas Neues zu lernen.«
»Das gibt es in der Tat.« Theophilus’ Augen leuchteten förmlich auf, ebenso wie Airmids erstrahlt wären, hätte man ihr ein solches Angebot unterbreitet. Er berührte mit einem Finger den Äskulapstab, der an einer Kordel von seinem Hals herabhing. »Ich würde mich sehr geehrt fühlen. Das Krankenhaus liegt im Südwesten der Stadt, zwei Blocks von der Villa des Gouverneurs entfernt. Ihr könnt fragen, wen Ihr wollt, sie alle werden Euch den richtigen Weg weisen können, und wenn Ihr dort angekommen seid, macht Ihr Euch auf die Suche nach Nerus und sagt ihm, dass Ihr auf ausdrückliche Einladung von Theophilus von Athen und Kos kommt. Merkt Euch das gut, Athen und Kos. Wenn Ihr diese beiden Namen nennt, wird er Euch einlassen.«
 
Gekleidet in ihre Togen, ihre verbrämten Tuniken oder die Umhänge ihrer Stämme - alles deutlich erkennbare Erklärungen der Zugehörigkeit ihres Trägers zu Rom, oder auch dessen mangelnder Zugehörigkeit zu Rom -, füllten dreitausend schwatzende und herausgeputzte Bürger von Camulodunum die in Stufen übereinander angeordneten Sitzreihen des Theaters, während der Gouverneur seine Offiziere zu den für sie reservierten Plätzen auf der untersten der Bänke führte. Breaca und ihre Töchter saßen links vom Gouverneur, Tagos zu seiner Rechten.
Die Luft in dem Theater schien vollkommen still zu stehen, war heiß und übel riechend. Die Frühlingssonne reckte sich über den oberen Rand der mit Marmor verkleideten Wände und ergoss ihr Licht direkt auf den mit Sand bedeckten Halbkreis, der die Sitze von der ihnen gegenüberliegenden hölzernen Bühne trennte.
Links der Bühne lagen auf einigen aneinander gereihten Tischen die Geschenke der Stammesdelegierten für den Gouverneur. Die Sonne schenkte ihnen allen ihren Segen und polierte das schon viel zu lange polierte Metall scheinbar noch einmal nach, bis es in geradezu blendendem Glanz erstrahlte. Eine große, goldene Schale trug Berikos’ Zeichen: das Symbol des Stammes der Atrebater, die Eiche, verschlungen mit dem Adler der Legionen. Daneben wirkten Breacas in der Kiste eingebettete Speere recht klein und unauffällig. Ein Stückchen weiter stellten eine rote und eine gelbe Emaillebrosche sowie ein um einen Hohlkern gearbeiteter Halsreif die stark romanisierte künstlerische Handschrift der belgischen Goldschmiede unter der Herrschaft von Cogidubnos zur Schau. Ein Messer in einer Scheide aus gefärbtem Leder, ein Gürtel, ein komplettes Pferdegeschirr und ein erst kürzlich gewebter Umhang in Moosgrün vervollständigten die Geschenke der Belger. Am Ende jenes Tisches, der dem Publikum am nächsten stand, lagen auf einem karierten Brett aus zweierlei poliertem Holz je ein Satz blaue und gelbe Spielmarken, die sich entlang der beiden Seiten des Spielbretts aufreihten. Als die Geschenke das erste Mal präsentiert worden waren, im Forum, hatte dieses Spiel noch nicht auf dem Tisch gelegen.
Unmittelbar hinter Breaca ertönte nachdenklich Corvus’ Stimme: »Irgendjemand hat dem Gouverneur ein Exemplar des Kriegertanzes geschenkt. Was meint Ihr, ob er wohl weiß, wie man dieses Spiel spielt?«
Ohne sich umzuwenden und als ob sie zu Graine spräche, erwiderte Breaca: »Ich denke, einer seiner Offiziere könnte ihm das sicherlich beibringen. Die Beherrschung dieses Spiels wäre überdies sogar eine sehr nützliche Eigenschaft für einen Mann, der die Stämme befehligen möchte. Könnte er nur lernen, mit der List eines Cunobelin zu denken, dann gehörte der Krieg längst der Vergangenheit an.«
»Ich werde sehen, was sich machen lässt.« Corvus grinste; sie konnte es an seiner Stimme hören. Dann, allerdings nicht mehr in dem belustigten Tonfall, fuhr er fort: »Es wird jetzt zu einigen unschönen Szenen kommen. Ihr tätet gut daran, dennoch vollkommen gelassen zu erscheinen.«
Dieselbe Warnung und mit dem gleichen Unterton hatte auch der Arzt ihr bereits zukommen lassen. Breaca beugte sich hinab, um Graines Umhang neu zu richten, und sagte dabei leise: »Ein Mann wird gekreuzigt werden. Ein Römer. Einer von denen, die bereits im Gefängnis festgehalten werden. Wir werden alles in unserer Macht Stehende tun, um seine Seele sicher nach Hause zu geleiten, aber wir werden die Anrufungen nicht laut aussprechen, und wir werden uns auch nicht beim Gouverneur beschweren.«
Graine nickte. Bereits von dem Augenblick an, da sich alle auf ihren Plätzen niedergelassen hatten, starrte sie zu der vor ihr liegenden eichenen Tribüne hinüber. Nun fragte sie: »Wo sind eigentlich die Türen, durch die sie die Gefangenen reinbringen wollen?«
»Ich weiß es nicht. Ich bin mir nicht sicher, ob da überhaupt Türen sind.« Breaca schaute in die gleiche Richtung, in die auch ihre Tochter blickte. Mit seinen sorgfältig geglätteten Eichenbohlen verlieh der Boden der Bühne einen guten Resonanzkörper. Vorhänge in dem Gelb der Trinovanter schmückten ihre Seiten und verbargen die Nebenplattformen. Ein auf die Rückwand aufgetragenes vielfarbiges Wandgemälde zeigte Darstellungen von Faunen, die Flöte spielten und gemeinsam mit etwas androgynen Nymphen um einen Wasserfall herumtollten, während sie von einem Gott in der Gestalt eines grasenden Stieres beobachtet wurden. Falls sich dort also die Türen befinden sollten, so verbargen die schwungvolle Darstellung und die schreienden Farben des Gemäldes deren Umrisse. »Bist du dir sicher, dass da Türen sind?«
Graine runzelte die Stirn. »Ich glaube schon. Ich habe so etwas in der Art bereits geträumt, aber es muss nicht unbedingt hier gewesen sein.«
Beunruhigt fragte Breaca: »Was passierte in deinem Traum?«
»Jemand starb. Wir wollten das zwar verhindern, konnten es aber nicht. Cunomar war unglücklich.«
Allerdings hatte Cunomar bereits den gesamten Winter in »unglücklicher« Stimmung verbracht, was zudem keinen guten Einfluss auf die anderen gehabt hatte. Im Augenblick saß er zur Rechten des Gouverneurs neben Tagos. Breaca schaute zu ihm hinüber. Um Cunomars willen wünschte sie, Eneit wäre hier. Sicherlich hätte der die Verbitterung ihres Sohnes darüber, dass er neben Tagos sitzen musste, ein wenig zerstreuen können. Sie schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln und sah, wie er dies höflich und bereitwillig zur Kenntnis nahm.
An Graine gewandt sagte Breaca: »Cunomar hasst jegliche Ungerechtigkeit; das ist seine große Stärke. Warum gehst du nicht einfach zu ihm und erzählst ihm, was du geträumt hast - und erinnerst ihn daran, dass wir hier lediglich Gäste sind und uns nicht in die Rechtsprechung des Gouverneurs einmischen dürfen? Würdest du das tun?«
Graine runzelte die Stirn. »Spricht der Gouverneur Eceni?«
»Ich glaube nicht, aber geh besser mal davon aus, dass er es doch kann. Sag also nichts Unhöfliches. Wir sind seine Gäste
Für ein so ernsthaftes und aufmerksames Kind, wie Graine es war, konnte sie doch sehr schelmisch und verspielt wirken, sofern dies ihren eigenen Interessen oder denen der Götter zuträglich war. Fröhlich trollte sie sich davon und kletterte auf die Knie ihres Bruders, zog ihn am Ohr und flüsterte laut auf Latein, dass sie ein Geheimnis habe, das sie nur ihm erzählen wolle. Überrascht legte er die Arme um sie und neigte seinen Kopf hinab, so dass sie, mit etwas leiserer Stimme, direkt in sein Ohr flüstern konnte. Jene, die ihrem Flüstern lauschten, hätten von der nachfolgenden Geschichte genug verstanden, um zu erfahren, dass Graine ihre kastanienbraune Stute, die ein Geschenk ihrer Mutter an sie gewesen war, einem netten Mann übergeben hätte, der früher einmal ihren Onkel gekannt hatte. Danach aber verlor sich jeglicher Zusammenhang in einem Durcheinander von aufgeregtem, unverständlichem Kindergeplapper, das nur noch jemand, der auf Mona aufgewachsen war, hätte verstehen können, und selbst das nur dann, wenn er sich unschicklich dicht an die beiden herangedrängt hätte.
Nach dem Ende ihrer Unterredung wich Graine ein kleines Stück zurück, grinste und küsste ihren Bruder auf die Nase. Cunomar errötete und versuchte, sich unter dem Kuss hinwegzuducken, ließ sich dann aber erweichen und erwiderte den Kuss seiner kleinen Schwester. Zwei Dutzend Erwachsene, fast alle von ihnen Eltern, sahen ihnen dabei zu, erinnerten sich an ihre eigene Kindheit und deren unbeschwerte Freiheit und wünschten sich und ihren Nachkommen die gleiche Ungezwungenheit.
Graine rutschte von den Knien ihres Bruders wieder hinunter. Auf dem Weg zurück zu ihrer Mutter klopfte sie im Vorbeigehen leicht auf das Bein ihres Stiefvaters und schenkte dem fremden, grauhaarigen Römer, der ihr Land regierte, ein strahlendes Lächeln.
Der Gouverneur wandte sich zu seiner Linken. »Ein ganz außergewöhnliches Kind. Wahrlich, Ihr seid gesegnet, meine Teuerste.«
»Danke«, erwiderte Breaca. »So lange die Kinder noch lachen können, haben unsere Götter uns noch nicht verlassen.«
In der Nähe ertönte ein Horn. Trommeln antworteten ihm. Und eine plötzliche Veränderung auf der Bühne bestätigte Graine zumindest bezüglich des ersten Teils ihres Traums. Eine Tür wurde geöffnet und zerschnitt den größten der tanzenden Faune auf dem Bühnenwandgemälde in zwei Hälften.
Eine speziell zu diesem Zweck aufgestellte Truppe von ehemaligen, mittlerweile pensionierten Veteranen - strahlend anzusehen in ihren alten Paradeuniformen - trat auf die Tribüne und wandte sich dem Publikum zu. Genau gleichzeitig zogen die Männer ihre Waffen, rissen sie empor, streckten sie nach vorn und bildeten damit eine Allee aus erhobenen Kurzschwertern. Als die Schwertspitzen aneinander schlugen, ertönte ein Klang wie von Beckentellern; ein heller Gegensatz zu dem dumpfen Widerhall des Bühnenbodens. Durch diese in grausamer Schönheit erstrahlende Allee schritten langsam, wie zu einer Beerdigung, zwei Soldaten der Leibwache des Gouverneurs und eskortierten einen Gefangenen, den allein die Ketten an seinen Handgelenken von den anderen abhoben. In einem Akt kalkulierten Hohns oder als Zeichen seiner Zugehörigkeit, war er in genau die gleiche Paradeuniform gekleidet wie die Veteranen.
Die Wirkung war dramatisch. Jeder weitere Schritt, den der Gefangene machte, wies ihn als einen Mann aus, der Mut besaß, der im Dienst für seinen Gott und seinen Kaiser außergewöhnliche Tapferkeit bewiesen hatte und der nun bereit war, sich im Interesse seines Gouverneurs auch noch selbst zu opfern. Der ehemalige Zenturio Marcellus mochte zwar nicht sonderlich viele Freunde haben, doch es gab eine Vielzahl von Männern, an deren Seite er bereits gekämpft hatte und die es verabscheuten, dass er nun als politisches Instrument missbraucht werden sollte.
Die Trinovanter unter den Zuschauern plagten dagegen weniger Bedenken. Egal, wie es mit ihrer Zuneigung zu Rom und seinen Institutionen auch bestellt sein mochte, so war Marcellus doch ein Mann, der von allen gleichermaßen gehasst wurde. Ein träges Murmeln ging durch das Halbrund des Theaters, Ausdruck des Beifalls, dass dieser Mann nun ein Gefangener war, und zugleich Ausdruck der Missbilligung angesichts der Haltung der Veteranen. Jemand stampfte mit dem Fuß auf, und langsam entwickelte sich das Trommeln seiner Füße zu dem Rhythmus des Sterbeliedes der Trinovanter, einem komplizierten Muster aus langen und kurzen Takten, das man entweder von der Wiege auf lernte oder gar nicht. Andere stimmten mit ein, und das Stampfen verlief durch den gesamten Bogen, ähnlich einem dumpfen Donnergrollen, so dass es von Trommlern am Fluss hätte herüberschallen können.
Das Stampfen erreichte seinen Höhepunkt und brach dann abrupt ab; niemand hätte sagen können, wer den Befehl dazu gegeben hatte. All das war keine offene Handlung der Feindseligkeit; man hätte sogar argumentieren können, dass sie dem Mann damit eine große Ehre erwiesen, und doch hatte es einen anderen Anschein gehabt. Ein wenig verzögert machte sich in kleinen, wellenartigen Schüben die Angst im Theater breit. Plötzlich begriffen diejenigen, die unter einem möglichen Sturm der Vergeltungsmaßnahmen am meisten zu verlieren hätten, was sie da gerade getan hatten. Sie begannen, sich miteinander zu unterhalten, doch zu laut und zu spät, um das Geschehene noch zu verbergen. Schließlich verstummten auch sie.
Alles wartete. Hätten auf den hohen Mauern des Theaters Vögel gesessen, hätten in diesem Augenblick sicherlich selbst sie den Atem angehalten, hätten aufgehört, mit den Flügeln zu schlagen, und nur noch gewartet.
Ein auf Lateinisch gesprochener Befehl wurde erteilt. Die beiden Unteroffiziere der Leibwache führten den Gefangenen bis an den Rand der Tribüne. Alle drei Männer salutierten.
Der Gouverneur erhob sich, um ihren Gruß zu erwidern. In seinem Verhalten war keine erkennbare Veränderung eingetreten, und dennoch, in der Stille, die nun seine Ansprache erwartete, wurden dreitausend Stammesangehörige, Männer und Frauen, die wartenden Veteranen sowie ein Dutzend ebenfalls anwesender Offiziere noch einmal daran erinnert, dass dieser Gouverneur einst der Anführer zweier kompletter Legionen in einem Feldzug gewesen war, der einen ganzen Sommer andauerte, dass er folglich genau wusste, was es bedeutete, als Soldat auf dem Schlachtfeld zu stehen.
Seine Stimme hatte schon Armeen mitten im Chaos des Krieges befehligt, doch die Akustik des Theaters war das Beste, was die Ingenieure seines Kaiserreichs zu vollbringen vermochten - kein Schlachtfeld konnte damit mithalten. Als er zu sprechen begann, schien es sowohl jenen in den hintersten Sitzreihen als auch denen auf den vordersten Bänken, als ob der Gouverneur kaum die Stimme erhöbe und doch jeden Einzelnen von ihnen direkt anspräche.
»Marcellus, Veteran der Legionen, ehemaliger Zenturio der Zweiten Kohorte der Neunten Legion, Empfänger von drei Kronen für Tapferkeit im Kampf, Ihr werdet des Mordes an Rithicos beschuldigt, Geschirrmacher und Gutspächter auf Euren Ländereien. Drei Zeugen haben dies bestätigt, zwei von ihnen Bürger dieser Stadt, einer von ihnen ein Stammesangehöriger, der unser Vertrauen genießt. Eure Schuld steht außer Frage. Das Urteil wurde bereits gefällt. Ihr werdet heute sterben, im Angesicht jener, denen Ihr Unrecht angetan habt. Es ist Euer Recht, noch einmal das Wort zu ergreifen, ehe das Urteil vollstreckt wird. Ist das Euer Wunsch?«
»Nein. Aber ich möchte Euch vor Augen führen, wer es ist, über den Ihr dieses Urteil verhängt habt.«
Die Bühne gehörte nun ganz allein Marcellus. Seine ehemaligen Waffenbrüder gewährten ihm für diesen letzten Auftritt allen Platz, den er nur brauchen könnte, um sein persönliches Drama aufzuführen. Die Reihen, welche zuvor noch die Allee für seinen Einmarsch gebildet hatten, legten ihre nackten Klingen in übereinander gekreuzten Paaren auf der Bühne ab. Von Breacas Platz aus, tief unten auf der ersten Bank, erschienen sie wie ein See aus in Sonnenlicht gebadetem Eisen, und es war schwer, jenseits des hellen Strahlens noch etwas zu erkennen. Von den höher gelegenen Sitzreihen aus betrachtet, würde ihre Symbolik sicherlich nachhaltiger zum Ausdruck kommen; eine Anordnung von Kriegswaffen, dargeboten in einem Zeichen des Friedens.
Marcellus wartete nicht erst, bis sich wieder Stille über das Theater herabsenkte, sondern beugte sich ohne jede Dramatik vornüber, legte die Handflächen auf den Boden und ruckte ein wenig mit den Schultern, so dass sein Kettenhemd sich auf links drehte und über seinen Kopf glitt; eine Panzerhaut, gefertigt aus schimmernden Gliedern.
Das Klirren von Eisen, welches auf Eisen schlug, schallte über den Bühnenboden, während der ehemalige Zenturio sich niederkniete und das Hemd zusammenlegte, ganz so, wie er es auch am Ende eines Tages nach einem Feldzug getan haben mochte. Unter dem Hemd trug er eine einfache, wollene Tunika, die in der Taille mit einem Gürtel zusammengefasst war. Auch diese zog er aus, faltete sie zusammen und legte sie auf das Kettenhemd. Keiner schritt ein, keiner versuchte, ihn an seinem Tun zu hindern.
Der Gefangene erhob sich wieder, und es schien, als ob er einen Großteil seines Lebens damit zugebracht hätte, ohne seine Tunika unter der Sonne zu marschieren. Er befand sich nicht mehr in Kampfverfassung; sein Bauch hing über seinen Gürtel hinab, halb so dick wie der Bauch einer Schwangeren, und doch hatte er nicht immer so ausgesehen. Die Narben auf seiner Brust waren zahlreich und von unterschiedlicher Struktur; während seiner Dienstjahre war er auf Schwerter, Speere und Pfeilspitzen gestoßen, und nicht allen hatte er ausweichen können. Das Zeichen des Stiers in der Mitte seines Brustkorbs war alt und das Brandmal mit der Zeit verblasst. Doch vielleicht erklärte ja gerade sein Vorhandensein, warum dem ehemaligen Zenturio bisher überhaupt ein solch großer Spielraum bei seinem Auftritt eingeräumt worden war.
Marcellus hob die Arme und begann, sich langsam im Kreise zu drehen, so dass jene, die Erfahrung im Kampf gesammelt hatten - der Gouverneur, seine Offiziere, die Krieger unter den Stammesangehörigen -, erkennen konnten, dass er keinerlei Narben auf dem Rücken trug. Er hatte also nie den Rückzug angetreten oder war während seines Rückzugs zumindest nie verfolgt worden. Am liebsten wäre ihm zweifellos gewesen, sein Publikum ginge von Ersterem aus.
Der Gefangene hatte sich beinahe einmal um die eigene Achse gedreht. Die Männer, welche gemeinsam mit ihm auf der Bühne standen, erblickten die lange Linie unterhalb seiner linken Achselhöhle und wurden damit erneut an den Tag erinnert, als diese Wunde noch frisch gewesen war, sahen im Geiste wieder jene Schlachten vor sich, die sie mit Marcellus an ihrer Spitze durchfochten hatten. Doch nur einer der beiden Offiziere der Leibwache erkannte auch die Gefahr und auch erst zu spät, um noch reagieren zu können. Sein Schrei diente lediglich dazu, den Höhepunkt des Dramas des Gefangenen zu markieren.
Mit dem letzten Schritt seiner Umdrehung warf Marcellus sich blitzschnell auf den Boden, rollte sich zur Seite und streckte sich flach aus, um die Reihe der miteinander gekreuzten Schwerter zu erreichen, die vergessen auf der Bühne lagen. Seine Hand stieß auf den Griff der am dichtesten bei ihm liegenden Waffe, und in einer geübten Bewegung, mit der er zugleich wieder aufsprang, riss er sie an sich, ein klein wenig außer Atem, aber bewaffnet in der Gegenwart von fünfzehn Männern, von denen nur drei die Geistesgegenwart besaßen, sich ebenfalls zu bücken und ihre Waffen aufzunehmen.
Mochte das Schweigen zuvor noch ein höfliches gewesen sein, so war es nun aufgeladen mit der alles niederschmetternden Kraft eines Blitzschlags. Dreitausend Männer und Frauen hielten geschlossen den Atem an. Stammeskrieger, die früher ebenfalls in Schlachten gekämpft hatten, griffen automatisch nach den Waffen, die zu tragen ihnen doch nicht erlaubt war, und ließen ihre Hände schließlich leer und nutzlos wieder an ihren Seiten hinabfallen. Breaca hörte, wie Corvus sich erhob und sich einen Weg zwischen den Sitzplätzen hindurch und den Gang hinab bahnte. Zwei weitere Offiziere der Legionen taten es ihm gleich. Jene Männer waren Auserwählte; Auserwählte wegen ihres Geschicks, das Gleichgewicht zwischen Politik und Krieg zu bewahren und stets angemessen zu reagieren. Ihnen konnte man vertrauen, die Situation unter Kontrolle zu bringen.
Marcellus beobachtete, wie sie näher kamen. Er hob seine Klinge und begrüßte jeden von ihnen namentlich.
»Valerius Corvus: Ich werde niemals Euren Sturmangriff auf das Felsenfort der Durotriger vergessen. Unser Gott schaute an jenem Tage zu und wird von mir erneut davon hören. Cornelius Pulcher: Ich habe von Euren Aktionen gegen die Krieger des Westens gehört. Mit der Zeit werdet Ihr die Oberhand gewinnen, da bin ich mir sicher.« Sein spöttisches Lachen hingegen besagte etwas anderes. Doch sogleich verstummte es wieder, als er sich umdrehte, um sich dem letzten der Offiziere zuzuwenden, einem alternden, weißhaarigen Zenturio der Neunzehnten Legion, der durchaus alt genug aussah, um selbst bereits als Veteran pensioniert zu sein. Vor ihm vollführte Marcellus sogar eine Verbeugung. »Rutilius Albinus, Erster Vater unter dem Gott. Ich werde ihm deine Grüße überbringen, so wie ich dir meine Ehre übereigne, meinen Treueschwur und mein Leben.«
Zumindest Albinus erkannte, was nun folgen würde. Mit einem Knall, so laut wie ein Donnerschlag, stieß er sein Schwert in dessen Scheide zurück und riss den Arm zum Gruß hoch. Und alles in genau jenem Moment, als Marcellus seine gestohlene Waffe verkehrt herum packte und sich die Klinge zielsicher und ohne das geringste Zögern in seine eigene Brust stieß, eine Handbreit links von dem Brandzeichen des Stiers. Mit seiner letzten bewussten Bewegung neigte er sich vornüber, um behaupten zu können, er sei auf sein Schwert gefallen, damit er seinem Gott in Ehren gegenübertreten konnte.
Marcellus war tot, noch ehe einer der über die Bühne auf ihn zustürzenden Offiziere ihn erreichen konnte. Sie waren nur allzu langsam, wie gelähmt von ihrer eigenen Angst. Es gab Gouverneure, unter denen sie nun diejenigen gewesen wären, die Marcellus’ Platz am Kreuze hätten einnehmen müssen, denn sie hatten zugelassen, dass sich ein Gefangener seiner eigenen Exekution entzog. Die Legionen schauten keineswegs wohlwollend auf Männer, die in der Ausübung ihrer Pflicht versagten.
Der erste Offizier, der Marcellus erreichte, kniete nieder, legte die Finger flach gegen die Hauptschlagader am Hals des Gefangenen und suchte nach Lebenszeichen, die er doch nicht mehr finden würde. In dem Glauben, sich damit nützlich machen zu können, riss er das Schwert aus der leblosen Brust - öffnete damit aber zugleich dem wahren Ozean an Blut im Inneren des Brustkorbs die Tore. Geradezu durstig saugte der Eichenboden der Bühne den roten Lebenssaft in sich auf. Und mit diesem Anblick hatte auch das entsetzte Schweigen ein Ende, entlud sich aufs Neue die vielkehlige Stimme des Publikums, schuf ihr eigenes Meer an verwirrten Ausrufen.
Der hiesige Gouverneur war jedoch niemand, der grundlos Todesurteile über seine eigenen Männer verhängte. Mit einer knappen Bewegung seines Kopfes lenkte er die Aufmerksamkeit des alternden Zenturio der Neunzehnten Legion auf sich. »Albinus? Ich glaube, das war Euer Mann. Bitte kümmert Euch darum, dass er entfernt wird. Im Übrigen möchten die Veteranen womöglich Anspruch auf seine Leiche erheben. Sie sollen sie bekommen.«
Bereitwillig formierte der alte Mann auf der Tribüne eine Ehrengarde und ließ die Leiche jenes Mannes, den sie zwar nicht gemocht hatten, wohl aber respektierten, entfernen.
In seinem Tode hatte sich das Andenken an Marcellus von einem kriegshungrigen Offizier, der im Alkoholrausch seine Männer missbrauchte, in das eines Helden verwandelt, der offen seine Meinung vertrat, wenn alle anderen schwiegen. Im Augenblick jedoch war er bloß eine Leiche, aus der Blut und einige noch unangenehmer riechende Flüssigkeiten auf die neue Bühne des Gouverneurs sickerten. Die Veteranen bildeten eine Trage aus zwei Schilden, auf der sie Marcellus fortschafften, und taten wahrlich, was sie nur konnten, um die Verschmutzung in Grenzen zu halten. Kurz darauf erschien ein in Stammeskleidung gewandeter Krieger, der feinen Sand über die Schmiererei schüttete, so dass wenigstens ein Großteil des Blutes wieder aufgesogen wurde. Zwei weitere Diener harkten eine Ebene unter ihm mit Rechen durch den Halbkreis zwischen der ersten Sitzreihe und der Bühne, um auch den dortigen, etwas höher aufgeschütteten und helleren Sand von den verspritzten Überresten des Soldaten zu reinigen.
Breaca beobachtete, wie Corvus auf seinen Platz zurückkehrte. Seinen Gesichtsausdruck konnte sie nicht deuten, in seinen Augen jedoch blitzte eine Warnung auf: Das war noch nicht alles. Noch kannst du nicht aufatmen. Sie hob Graine auf ihren Schoß und fragte leise: »Ich glaube, jetzt kommt erst einmal eine Pause. Musst du nach draußen?«
Das Mädchen schüttelte den Kopf. Breaca beugte sich hinab, küsste sie und fuhr mit noch leiserer Stimme fort: »Ist es das, was du geträumt hattest und was Cunomar so zornig machte?«
»Nein, das war es noch nicht, aber es war hier an diesem Ort.« Graine erschauderte. »Aber vielleicht war es auch nicht heute.«
»Dann werden wir einfach abwarten und weiter zuschauen. Wenn irgendetwas Schlimmes sich anbahnt, lässt du es mich dann wissen, sobald du es weißt?«
»Ich werde es versuchen.«
Wenn Graine auch nicht austreten musste, so musste es doch eine Vielzahl von Erwachsenen, die nämlich am Morgen bereits Wein getrunken hatten. Es gab ein lautes Füßescharren und Plätzetauschen, und Männer und Frauen eilten über die langen Treppen an der Rückwand des Theaters, die von den oberen Sitzreihen bis ganz nach unten führten, aneinander vorbei. Breaca hielt Graine weiterhin auf ihrem Schoß und unterhielt sich mit Cygfa leise über Belanglosigkeiten, während Tagos den Gouverneur mit der spannendsten Episode von jener Eberjagd ergötzte, mit der er und Dubornos ihren Eintritt in die Gemeinschaft der Erwachsenen gefeiert hatten.
Der Gouverneur, der diese Geschichte mit ziemlicher Sicherheit schon einmal gehört hatte, oder zumindest andere ihrer Art, war augenscheinlich dennoch völlig in den Bann der Erzählung geschlagen, und nur jemand, der ihn so aufmerksam beobachtete wie Breaca, konnte das Zeichen erkennen, das er unterdessen den Offizieren am Rande des Theaters gab, womit er befahl, den nächsten Teil der nachmittäglichen Demonstration beginnen zu lassen.
Die Sitzreihen hatten sich wieder gefüllt, und die Zuschauer nahmen erneut ihre Plätze ein. Ein Hornsignal gebot Stille. Der Gouverneur erhob sich und trat in die Mitte des frisch geharkten Sandes und war damit selbst von den obersten Reihen aus ebenso gut zu erkennen wie jemand, der direkt auf der Bühne stand. Den Umhang hatte er abgelegt und auf seinem Platz liegen gelassen, als er sich erhob, so dass seine Rüstung nun die ganze Kraft der Nachmittagssonne in sich aufnahm und sein Gesicht in einem silbrig goldenen Schimmer erstrahlen ließ. Hätte das Gleiche ein Träumer getan, so hätte er gewusst, wie er den machtvollen Eindruck dieses Augenblicks dazu hätte nutzen können, die Menschen wieder ein wenig näher an die Götter heranzuführen. Der Gouverneur von Britannien aber - denn er war ein Römer - blinzelte nur einmal kurz und hielt den Kopf ein wenig anders, um nicht von dem grellen Lichtschein geblendet zu werden.
»Krieger der Trinovanter, der Eceni, der Atrebater, der Belger...«
Die Menge schnappte geschlossen nach Luft. Er sprach nicht auf Latein, das war die erste Überraschung. In weniger als einem Jahr hatte er eine recht verständliche Form jenes trinovantischen Dialekts erlernt, die im gesamten Südosten geläufig war. Darüber hinaus aber hatte er sie auch noch Krieger genannt, und das versetzte ihnen einen noch um einiges größeren Schock.
Sein Lächeln galt jedem Einzelnen von ihnen. »Heute haben wir gesehen, dass die römische Rechtsprechung unparteiisch ist, dass sie der uns nahe gebrachte, gerechte Arm des weit entfernten Kaisers ist. Sie beschützt die Schwachen und gebietet den übermäßig Starken Einhalt, erlaubt allen, gleichberechtigt zu gedeihen, ohne Angst vor Tod oder Ungerechtigkeit.
Und dennoch, damit diese Gerechtigkeit Bestand hat, müssen die Gesetze des Kaisers auf das Gewissenhafteste eingehalten werden. Wir dürfen nachsichtig sein, wenn es darum geht, dass jedes Volk in Frieden seine alten Riten und Zeremonien zelebriert. Unsere Götter hadern nicht mit euren Göttern; sie alle leben in gegenseitigem Respekt im Himmel. Und unsere Gesetze stehen auch keineswegs im Widerspruch zu euren Gesetzen, ausgenommen jener Fall, wenn das eine sich über das andere hinwegsetzt.«
Er verkündete dies alles ganz gleichmütig, so dass nur ein wahrlich übel meinender Mensch es als eine Beleidigung auffassen konnte: Ihr gehört uns; unsere Gesetze haben Vorrang vor euren Gesetzen, und die gesamte Welt wird dadurch zu einem besseren Ort.
Breaca versuchte, die Stimme ihres Verstandes zum Schweigen zu bringen, damit ihre Miene sie nicht verriet. Sie spürte, wie Graine von ihren Knien glitt.
Der Gouverneur jedoch beachtete die Bewegung des Kindes gar nicht. Sein Blick glitt vielmehr über jene hinweg, deren Leben sich in letzter Zeit auf so einschneidende Weise verändert hatte und die darüber noch immer verstimmt waren: die Männer der Trinovanter, die man dazu aufgefordert hatte, den Tempel zu Ehren von Kaiser Claudius zu finanzieren, und die darüber hinaus gelegentlich auch noch dazu herangezogen wurden, bei seiner Erbauung behilflich zu sein; die Krieger der Cantiaci und der Coritani und der Catuvellauner, die einst gegen die Legionen gekämpft hatten und die womöglich erneut zu den Waffen greifen würden, gäbe man ihnen nur einen hinreichend guten Grund dafür; die Eceni, die schon einmal rebelliert hatten und die dies womöglich wieder tun würden.
In der Hauptsache an sie gewandt fuhr er also fort: »Ein solcher Fall ist gegeben, wenn jemand dabei angetroffen wird, wie er in schamloser Weise das grundlegendste unserer Gesetze verhöhnt - Gesetze, die zum Schutze aller geschaffen wurden. In einem solchen Fall müssen wir mit Eile handeln und ohne Kompromiss, ganz genauso, wie wir auch im Falle des ehemaligen Zenturio Marcellus verfahren sind.«
Ein Signal ertönte. Die Trommeln kündigten die Ankunft eines weiteren Gefangenen an. Auf der Bühne wurde eine Tür geöffnet. »Genau solch ein Verbrecher wurde nun gefunden. Er wurde festgenommen, weil er im Besitz einer Waffe war, die aufgrund ihrer Länge und Größe dem Gesetz nach nicht mehr gestattet ist. Als er daraufhin zur Rede gestellt wurde, griff er unsere Männer an. Zwei von ihnen tötete er, und einen dritten verletzte er so schwer, dass dieser niemals wieder wird kämpfen können. Sowohl ein Mord als auch die Verstümmelung eines anderen Menschen haben jeweils für sich genommen bereits zwingend die Todesstrafe zur Folge. Kommen allerdings beide zusammen, so muss der Täter der härtesten aller Strafen entgegenblicken.«
Die zeitliche Bemessung seiner Rede war perfekt, er musste den Ablauf zuvor eingeübt haben. Seine letzten Worte erreichten die obersten Sitzreihen in genau jenem Moment, als die dort Sitzenden den ersten Blick auf jenen Stammesangehörigen erhaschen konnten, der sich über das römische Gesetz hinweggesetzt hatte und dabei ertappt worden war. Der Gefangene vermochte nicht mehr ohne fremde Hilfe zu gehen. Zwei neue Offiziere der Leibwache - diese beiden älter und erfahrener als jene, die ihnen vorausgegangen waren - zerrten den Gefangenen grob durch die mit dem Faun bemalte Tür auf die Bühne und hielten ihn dort aufrecht, nackt und blutüberströmt, so dass er von den gegenüberliegenden Sitzreihen aus klar zu erkennen war. Unter dem ersten Eindruck des Entsetzens, den sein Anblick auslöste, konnte man zunächst nur sagen, dass er sich offenbar der Festnahme widersetzt haben musste oder grundlos geschlagen worden war, oder beides.
Einer der Offiziere packte den Gefangenen am Schopf und zwang ihn mit einem Ruck, den Kopf zu heben. Jetzt konnte man erkennen, dass auch seine Nase gebrochen war, dass ein Auge angeschwollen war zu einer breiigen, rot-violetten Masse, dass über die gesamte Länge seines einen Unterarms ein Schwerthieb verlief und dass von der einen Hand in einem schmerzhaft anzusehenden Winkel ein gebrochener Finger abstand. Die Art, wie er den linken Arm an die Seite presste, legte die Vermutung nahe, dass sich darunter eine zweite Wunde verbarg oder dass er innere Blutungen hatte. Sein Atem ging nur noch stoßweise, und nichts an ihm deutete darauf hin, dass er überhaupt wusste, wo er sich befand.
Dies waren die ersten Dinge, die Breaca registrierte; die mit der Schnelligkeit eines Wimpernschlags erfolgende Einschätzung eines sich auf dem Schlachtfeld befindlichen Kriegers, der zu erkennen versuchte, ob der Verletzte noch kämpfen konnte. Dieser hier jedenfalls würde ohne rasche medizinische Versorgung nicht mehr kämpfen. Rom hingegen verschwendete die Zeit seiner Feldärzte nicht an ohnehin bereits verurteilte Gefangene. Das einzig Tröstliche, was man jetzt noch feststellen konnte, war, dass der Tod des Gefangenen spätestens bei Sonnenuntergang eintreten würde; selbst wenn man ihn zuvor noch an ein Stück Holz nagelte.
Ein kleiner, stimmloser Teil von Breaca feierte die beiden Morde, die der Gefangene verübt hatte, und suchte zugleich nach einem Träumer, der, ebenfalls schweigend, damit beginnen konnte, jenes Abschiedslied der Seele anzustimmen, das den im Kampf Gefallenen galt. Doch Graine war die einzige ihrer Träumerinnen, die zurzeit anwesend war, und gerade jetzt saß sie weder auf Breacas Schoß noch neben ihr auf der Bank.
Breaca riss ihren Blick von der Bühne los, suchte nach ihrer Tochter und fand sie schließlich auf Cunomars Knien sitzend, die kleinen Finger mit Ingrimm um seine Handgelenke geklammert, ihr Gesicht dicht an dem seinen, während sie leise, doch eindringlich und in einem steten Strom von Beschwörungen auf ihn einsprach. Für einen Fremden, vielleicht sogar für ihren Stiefvater, sah dies ganz nach einer Fortsetzung der geflüsterten Geheimnisse von vorhin aus. Breaca hingegen erkannte mit Entsetzen, dass Graine das Einzige war, was Cunomar noch davon abhielt, einen Mordversuch zu unternehmen und damit einem Schicksal ins Auge zu blicken, das eins war mit jenem, das den auf der Bühne stehenden Jugendlichen erwartete - denn es war ein Jugendlicher und kein erwachsener Mann, und tatsächlich war es sogar ein Jugendlicher mit kurzem drahtigem Haar, das ganz klebrig war von seinem eigenen Blut oder vielleicht auch dem anderer; mit brauner Haut, die in der Sonne nur allzu rasch noch dunkler wurde; mit einer dünnen Narbe auf seinem linken Arm, die vom Ellenbogen bis zum Handgelenk hinab verlief, genau dort, wo Cunomar durch Glück einen Schwertstreich hatte landen können, ehe sein Seelenfreund ausreichend Übung darin erlangt hatte, sich zu verteidigen.
»Eneit!«
Unbeabsichtigt brach dieser Name förmlich aus Breaca hervor. Steifnackig und unter Mühen drehte der Jugendliche den Kopf; noch immer hielt die Wache seinen Schopf gepackt. Mit seinem noch intakten Auge starrte er Breaca an, und langsam, wie benommen schien in ihm die Erkenntnis darüber heraufzudämmern, wo er sich eigentlich gerade befand. Er öffnete den Mund, schloss ihn dann aber wieder, denn er konnte nicht sprechen. Sein Blick glitt über die Bankreihen, suchte nach Cunomar und fand ihn schließlich. Das daraufhin auf seinem Gesicht erscheinende Lächeln war ein sehr privates, und in ihm lag alles - von der Bitte um Vergebung bis hin zu dem Jubel eines Kriegers, der das erste Mal in einer Schlacht getötet hatte. Doch über all diesem lagen Liebe und eine unendliche Trauer.
Es bestand kein Zweifel, das war Eneit.
Die Seherin der Kelten
cover.xhtml
scot_9783641010928_oeb_cover_r1.html
scot_9783641010928_oeb_toc_r1.html
scot_9783641010928_oeb_fm1_r1.html
scot_9783641010928_oeb_ata_r1.html
scot_9783641010928_oeb_fm2_r1.html
scot_9783641010928_oeb_ded_r1.html
scot_9783641010928_oeb_fm3_r1.html
scot_9783641010928_oeb_fm4_r1.html
scot_9783641010928_oeb_p01_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c01_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c02_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c03_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c04_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c05_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c06_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c07_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c08_r1.html
scot_9783641010928_oeb_p02_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c09_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c10_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c11_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c12_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c13_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c14_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c15_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c16_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c17_r1.html
scot_9783641010928_oeb_p03_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c18_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c19_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c20_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c21_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c22_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c23_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c24_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c25_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c26_r1.html
scot_9783641010928_oeb_p04_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c27_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c28_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c29_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c30_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c31_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c32_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c33_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c34_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c35_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c36_r1.html
scot_9783641010928_oeb_c37_r1.html
scot_9783641010928_oeb_bm1_r1.html
scot_9783641010928_oeb_ack_r1.html
scot_9783641010928_oeb_bm2_r1.html
scot_9783641010928_oeb_bm3_r1.html
scot_9783641010928_oeb_cop_r1.html