XVI
Vom Hügel neben Camulodunum aus betrachtet
erschien die Stadt wie ein Pilz aus Backstein und Tünche, der sich
unkontrolliert über einst grüne Landstriche ausdehnte. Nur mehr die
Triumphbögen im Westen und das Theater im Osten hoben sich noch ab
von dem Durcheinander aus gepflasterten Straßen und verschlammten
Seitenpfaden, bunt angemalten Händlerbuden und einfachen Hütten,
Schweinekoben, Holzställen und den in geradezu schreienden Farben
gestrichenen Villen.
Nachhaltiger denn jemals zuvor schienen der Lärm
und der Gestank auf Breaca einzuströmen, während sie Corvus durch
den Morast folgte. Die Stadt war alles andere als ein ruhiger Ort.
Selbst kurz vor Mittag wurden die noch immer laut krähenden Hähne
kaum übertönt von dem Gekreisch der Kinder und dem Brüllen der
Männer; der Männer in Rüstungen und der Männer in Ketten, der
Männer, die andere Männer befehligten, der Männer, die Frauen
Befehle erteilten, und der Männer, die die Maulesel kommandierten
und die Packpferde und die Ochsen. Plötzlich ertönte der Schrei
eines Mädchens, aber nur ein einziges Mal und nicht für lange;
Camulodunum war eine Stadt, die allein unter der Herrschaft der
Männer stand.
Der Gestank trieb einem die Tränen in die Augen:
jener reife Geruch nach Fäulnis, der ausströmte, wenn sich zu viele
Menschen auf zu engem Raum drängten, gemeinsam mit den verdorbenen
Essensresten und den noch frischen Speisen, den Ziegen, Schweinen
und dem Hornvieh, dem Kot, dem Urin und dem Tod. In all den
Geschichten, die man Breaca bereits über Roms neueste Stadt erzählt
hatte, war doch nie die Rede davon gewesen, dass Camulodunum unter
dem misstönenden Lärm des Lebens der Gestank des Todes
anhaftete.
Der Wind drehte sich, und mit einem Mal wurde
Breaca die ohnehin bereits überreife Mischung der vielen
verschiedenen Gerüche auch noch geradewegs ins Gesicht
geschleudert. Sie atmete ein, bereute es aber sogleich, und spie
aus.
Cunomar, der neben ihr herging, schenkte ihr ein
verbittertes Grinsen. »In Rom stinkt es noch schlimmer«, sagte er.
»Und die Stadt ist noch größer.« Dennoch fühlte er sich offenbar
gerade recht wohl in seiner Haut und zeigte dies auch nach außen.
Der um ein Haar entstandene Konflikt mit Corvus, der Umstand, dass
seine Mutter ihn brauchte, sowie ihr Vertrauen in ihn hatten in
Cunomar ein verstärktes Gefühl der Wachsamkeit und des
Verantwortungsbewusstseins erzeugt. Ähnlich wie nach einer
Speerprüfung zeigten sich in dem Jungen nun die ersten Züge des
Mannes, und dies ließ ihn bereits jetzt mit etwas höher erhobenem
Haupt marschieren. Zweimal holte Corvus Luft, um mit ihm eine
Unterhaltung zu beginnen, und zweimal erblickte er daraufhin den
Hass in Cunomars Augen und hielt abrupt wieder inne. Stattdessen
ließ er sich an Breacas Seite zurückfallen, die ihn im Gegensatz zu
ihrem Sohn nicht hasste.
»Noch ein Stückchen geradeaus, und dann liegt links
auch schon das Theater. Der Weg dorthin ist ein wenig ungepflegt.
Ich fürchte, durch den Bau des Claudius geweihten Tempels ist
dieser Teil der Stadt ein wenig in Mitleidenschaft gezogen
worden.«
»Das sehe ich.«
Breaca hob ihre Tochter hoch und setzte sie auf
ihre Hüfte, damit der Saum von Graines Tunika sauber blieb. Der
Weg, auf den Corvus gedeutet hatte, war ein einfacher Fußpfad aus
bereits von zahllosen Passanten platt getrampeltem Stroh, das man
über eine große Schlammlache gebreitet hatte, die nahtlos in die
Baustelle zu ihrer Rechten überging. Mitten auf dem Baugelände
erhob sich in einsamer Herrlichkeit der halb fertige Tempel zu
Ehren Claudius’, ragte aus dem Schlamm und dem Unrat empor wie ein
schon vor langer Zeit verstorbenes Tier, das nun von den Göttern
erneut ans Tageslicht gezerrt wurde und bloß noch aus Knochen und
Zähnen bestand und keinerlei Fleisch mehr besaß. Schutzlos lagen
seine von innen mit Marmor ausgekleideten Rippen unter freiem
Himmel. Rund um den Tempel herum türmten sich noch andere Stapel
von weißen Marmorfliesen und vierkantigen Dachbalken, sowie einige
Haufen von frisch gebrochenem, noch nicht ausgewaschenem Feuerstein
und nummerierte Stapel vergoldeter Dachziegel. Letztere standen
unter ständiger Bewachung.
Die Wachleute aber waren damit auch schon das
einzige Anzeichen von Leben im näheren Umkreis des Tempels, es
waren keine Ingenieure zu sehen, keine Architekten und auch keine
Sklaven, die unter der Peitsche ihre Arbeit verrichteten. Verlassen
für den Rest dieses Tages hockte das Tier inmitten der Knochen
seiner Baugerüste, und ebenso leicht, wie man sich im Geiste
bereits ausmalen konnte, dass dieses Gebilde wieder zusammenbräche
und das Land unter ihm erneut ergrünen würde, konnte man sich auch
vorstellen, zu welchen Höhen es sich noch aufschwingen würde,
konnte man beinahe schon das Feuer sehen, das nach der
Fertigstellung von seinem mit Goldziegeln gedeckten Dach erstrahlen
würde.
Langsam führte Corvus sie daran vorbei; man eilte
nicht einfach so an diesem immerhin einem Gott geweihten Tempel
vorüber, selbst wenn dieser Gott vor nicht allzu langer Zeit noch
ein sabbernder, in sich selbst vernarrter Idiot gewesen war, dessen
eigene Frau schließlich seine Ermordung befohlen hatte.
Breaca hielt Graine dicht an sich gedrückt und
spürte an der Schulter das rhythmische Pochen des kleinen
Kinderherzens. Und dann fühlte sie die Veränderung, die im Wesen
ihrer Tochter vor sich ging, als diese plötzlich begann, mit den
Augen des Traumes zu sehen - sie strich ihrer Tochter eine Strähne
ihres dichten roten Haares aus dem Gesicht.
»Was siehst du?«, fragte sie.
Die grünen Augen blickten beinahe ins Leere. »Zu
viele Tote«, antwortete Graine. »Die Römer wissen nicht, wie sie
die Seelen ihrer Toten nach Hause geleiten sollen.«
»Die Römer?«
»Ja. Und die Trinovanter. Die Römer machen die
Trinovanter zu ihren Sklaven, sie brechen sie, und dann sterben
sie. Ihren Angehörigen aber fehlt der Traum, fehlt das Wissen,
welche Lieder sie singen müssen, um die Seelen der Verstorbenen
wieder nach Hause zu geleiten.« Sie sprach diese Worte ganz ohne
Leidenschaft. Wo andere Rom verflucht hätten - oder womöglich auch
sich selbst, dafür, dass sie dies alles geschehen ließen -,
schüttelte Graine bloß missbilligend und in leiser Trauer den Kopf.
»Aber da sind auch noch andere Tote, sie brennen. Das ist kein
guter Tod.«
Breaca drückte ihrer Tochter einen Kuss auf die
Stirn. »Nein. Feuer ist nie ein guter Tod.«
Das Grauen dieses Gedankens streifte sie beide und
strich mit eisigen Fingern über ihre mit einem Mal scheinbar
hauchdünne Haut. Sie schmiegten sich dicht aneinander, versunken im
Augenblick, und waren somit die Letzten ihrer kleinen Gruppe,
welche die nordwestliche Ecke des Tempels umrundeten und sahen, was
ihnen dort zur Warnung errichtet worden war.
»Halt.«
Corvus war es, der dies sagte, ein Mann, der es
gewohnt war, Befehle zu erteilen, die auch befolgt wurden. Doch
Breaca war bereits stehen geblieben, weil Cygfa, die vor ihr ging,
abrupt angehalten hatte und hektisch die Zeichen zur Abwehr alles
Bösen in die Luft malte. Neben ihr zitterte Cunomar, wie Breaca ihn
noch niemals hatte zittern gesehen, und stieß in einem einzigen
ununterbrochenen Wortschwall sämtliche Flüche der Bärinnenkrieger
aus und verdammte damit sowohl Corvus als auch den Gouverneur und
überhaupt ganz Rom zu einem endlosen Sterben unter jenen Messern,
die zwar verletzten, aber nicht töteten.
Kalkweiß und stocksteif stand neben Cygfa und
Cunomar der römische Offizier namens Corvus. Seine auf Latein
gesprochenen Worte des Bedauerns vermischten sich mit den leisen,
zischenden Flüchen ihrer beiden älteren Kinder.
»Breaca...« Er legte ihr begütigend eine Hand auf
den Arm. »Du musst mir glauben. Ich wusste nicht, dass die hier
stehen.«
Sie glaubte ihm, wenn auch nur deshalb, weil er
wahrlich so aussah, als wäre ihm übel. Und diese Übelkeit wurde
sowohl von dem Geruch als auch von dem sich ihnen darbietenden
Anblick hervorgerufen. Breaca atmete nur noch durch
zusammengebissene Zähne und blickte an Corvus vorbei zu den beiden
Kreuzen hinüber, die sie bereits von der Hügelkuppe aus entdeckt
hatte. Mit einem seltsam hohlen Schmerz im Unterbauch erkannte sie,
dass Graine sich geirrt hatte, oder zumindest zum Teil, als sie
nämlich behauptet hatte, die Kreuze hätten noch kein Blut
geschmeckt.
Doch es war zumindest kein menschliches Blut, und
das Schaf, das vom rechten Arm des rechten Kreuzes herabbaumelte,
war auch nicht am Kreuz gestorben. Man hatte ihm erst die Kehle
durchgeschnitten und dann die Haut abgerissen, so dass sein
rosafarbenes Fleisch auf den ersten Blick tatsächlich wirkte, als
wäre es menschliches Fleisch. Außerdem hatte man es ausgenommen,
damit die Verwesungsgase es nicht zum Platzen brächten, doch war
dies nicht sonderlich sorgfältig ausgeführt worden, denn aus dem
auf seinem Bauch klaffenden Spalt hingen faulige Streifen von
grünlich verfärbten Eingeweiden heraus.
Langsam baumelte das Schaf im Wind, drehte sich an
dem Strick hin und her, und Breaca erkannte erst sehr spät, was
Cygfa und Cunomar bereits erblickt hatten: Auf beiden Seiten seines
Brustkorbes war mit einem glühenden Eisen das Zeichen des
Schlangenspeers der Bodicea eingebrannt worden, der sich über den
Adler Roms erhob.
Graine musste sich übergeben.
Als das jüngste von den drei Kindern der Bodicea
war sie bislang noch am weitesten verschont geblieben von der rohen
Brutalität des Krieges. Und als die Wirklichkeit nun stärker als
jemals zuvor auf sie eindrang, versuchte sie zunächst einen
verzweifelten Augenblick lang noch zu verstehen, erbrach sich aber
gleich darauf heftig in den Schlamm zu Corvus’ Füßen.
»Es tut mir Leid.«
Corvus sagte es noch einmal, sowohl auf Eceni als
auch auf Latein. »Ich weiß nicht, wer das getan hat oder warum,
aber wenn ich es herausfinde, wird derjenige dafür büßen müssen.
Und ich schwöre, wenn ich das gewusst hätte, hätte ich euch auf
keinen Fall diesen Weg entlanggeführt. Oder ich hätte eine
Möglichkeit gefunden, euch vorher wenigstens zu warnen. Es tut mir
wirklich aufrichtig Leid.«
Er kniete nieder und bot Breacas jüngster Tochter
etwas Wasser aus seiner Gürtelflasche an. Graine schluchzte leise
und zog damit die Aufmerksamkeit aller vor und hinter ihr Stehenden
allein auf sich. Ihr Entsetzen war echt, doch zugleich auch ein
wenig übertrieben - denn Graine wollte von Cunomar und Cygfa
ablenken, die zutiefst erschüttert dastanden und sich in einer Welt
zurechtzufinden versuchten, die plötzlich aus den Fugen geraten
war.
Breaca wollte zu ihnen gehen, hätte damit aber nur
noch mehr Aufmerksamkeit auf sie gezogen. Also ließ sie Corvus sich
um Graine kümmern, nahm seine Worte des Bedauerns entgegen und
schaffte es überdies sogar noch, dem Sekretär des Gouverneurs ein
Lächeln zu schenken, der die unterwürfigsten Entschuldigungen
seines Herrn überbrachte sowie dessen Wunsch, dass Breacas Familie
möglichst bald im Theater Platz nehmen möge, wo sie vor solcherlei
Hässlichkeiten, die mit ihr ja auch gewiss gar nichts zu tun
hätten, geschützt wäre.
Drei komplette Legionen hatten sich um den
Stufenbogen des Theaters herum aufgereiht und bildeten Gassen,
welche auf die zahlreichen Eingänge und Treppenaufgänge zuführten.
Breaca und ihre Familie kamen erst spät, schienen die Letzten
einiger Bummelanten zu sein, die den Weg vom Forum bis hierher
gegangen waren. Vor ihr demonstrierten derweil in einem wahren Meer
von schwatzenden Menschen die acht Delegationen der Stämme mitsamt
deren Familien, Freunden und Gefolgsleuten, wie außerordentlich
wohl sie sich doch in der Gesellschaft der Römer fühlten.
Sie konnten das erhängte Schaf, das Symbol der
Feigheit und des Mangels an Kampfesmut, unmöglich übersehen haben,
beschlossen aber offenbar, nicht darüber zu sprechen; stattdessen
drehten sich die lauten Unterhaltungen ganz pragmatisch allein um
kommerzielle Angelegenheiten. Nach der geradezu erdrückenden Würde
und Förmlichkeit der Zeremonien des Vormittags besaß die
Versammlung im Theater nun etwas von der Zwanglosigkeit eines
Viehmarkts. Die Verträge, die hier geschlossen und wieder gebrochen
wurden, waren jedoch nicht weniger verbindlich als jene, die gemäß
römischem Gesetz und unter Anwesenheit der Zeugen während der
morgendlichen Sitzung besiegelt worden waren.
Tagos war bereits da; dies hier war eine Welt, in
der er förmlich aufblühte. Selbst das Fehlen seines einen Armes war
kein Hindernis und wurde nur allzu leicht wieder ausgeglichen von
seinem scharfen Verstand und seinem Geschick, stets einen guten
Handel abzuschließen. Wie beabsichtigt hatte die Kunstfertigkeit,
die sich in seinem Königsarmreif zeigte, bereits einiges an
Aufmerksamkeit auf sich gezogen und ihn von den anderen
Vasallenkönigen abgehoben, so dass sein Alleinverkaufsrecht der
römischen Weine und griechischen Oliven ungebrochen blieb.
Breaca und die mittlerweile in Schweigen verfallene
Graine wurden an seine Seite geführt, und nachdem auch Cunomar und
Cygfa sich zu ihnen gesellt hatten, gab Tagos sich hocherfreut,
seine Familie endlich einigen Männern vorstellen zu dürfen: dem
iberischen Steinmetzmeister, der Claudius’ Tempel sowohl entworfen
hatte als auch dessen Errichtung beaufsichtigte; dem bereits kahl
werdenden gallischen Weinhändler, der unter den ranghöchsten
Beamten der Stadt schon an dritter Stelle kam und der bis zum
heutigen Tage bereits ein Hundertstel der gesamten
Herstellungskosten des Tempels gespendet hatte; sowie ganz zuletzt,
aber dafür am überschwänglichsten dem hoch gewachsenen,
weißhaarigen griechischen Arzt, den Tagos entdeckte, als dieser
neben den Stufen stand, die zu der mittleren Sitzreihe
hinaufführten.
Der Arzt war einer der wenigen Männer, die von Rom
und den Stämmen gleichermaßen geschätzt wurden. Tagos war geradezu
stürmisch in seiner Begrüßung. »Theophilus, was für eine Freude!
Ich hätte nicht gedacht, dass Ihr uns bei einer so inoffiziellen
Zusammenkunft mit Eurer Anwesenheit beehren würdet.«
»Ach, nein? Aber wie könnte ich denn fernbleiben
und nicht dabei zusehen, wenn einer meiner früheren Patienten
sterben muss?« Theophilus erwiderte Tagos’ Lächeln nicht. Sein
klarer Blick wie von einem Falken richtete sich allein auf Breaca.
»Das muss Eure neue Ehefrau sein. Ich fühle mich sehr geehrt, sie
kennen zu lernen. Dürfte ich?«
Damit verneigte Theophilus sich, wartete die
Vollendung der offiziellen Vorstellungsriten jedoch nicht mehr ab,
sondern legte, indem er Breacas Hand ergriff, sogleich die Finger
um deren Handgelenk. Sie spürte ein forschendes Tasten über die
Oberfläche ihrer Gedanken gleiten, nicht unähnlich dem von Airmid
oder, in jüngerer Zeit, dem von Graine, sowie eine Art Ziehen an
ihrem Zwerchfell, das sich genauso anfühlte wie die erste,
federleichte Berührung der Geburtsschmerzen. Doch dann war der
trockene Griff um ihre Hand auch schon wieder verschwunden, und der
Arzt verbeugte sich abermals.
»Meine Verehrteste, ich hatte vorgehabt, Euch meine
Dienste anzutragen, sollte für Euch jemals wieder die Zeit der
Niederkunft kommen, aber wie ich sehe, wird das nicht nötig sein.
Meine besten Wünsche für Euch und Eure drei wundervollen Kinder.
Sie gereichen sowohl Euch als auch ihrem Vater zur Ehre.« Der Reihe
nach nickte er erst Graine zu, dann Cunomar und schließlich Cygfa,
und ohne den Austausch von Worten nahmen alle drei plötzlich wieder
eine etwas gesündere Gesichtsfarbe an.
Falls er vorgehabt haben sollte, den König der
Eceni niederzuschmettern, so war Theophilus dies wahrlich gelungen.
Mit einigen wenigen kurzen Worten waren Tagos’ unberechtigte
Hoffnungen auf ein Herrschergeschlecht nicht nur offen gelegt,
sondern sogleich der ganzen Welt auch als vollkommen haltlos
bewiesen worden. Wie ein Fisch öffnete er den Mund und ließ ihn
gleich darauf wieder zuklappen. Er suchte mit dem Blick die Menge
ab, versuchte, herauszubekommen, welcher seiner Widersacher
womöglich dicht genug in seiner Nähe gestanden hatte, um all dies
mit anzuhören. Er konnte jedoch niemanden ausmachen und rief
Cunomar und Cygfa zu, dass sie ihm folgen sollten.
Als Breaca mit Theophilus wieder allein war, ließ
sie Graine langsam auf den Boden hinab, bis diese auf ihren eigenen
Beinen zu stehen kam, und fragte, einer plötzlichen Eingebung
folgend: »Ich habe heute Morgen einen alten Freund wieder
getroffen. Er trug einen frischen Kopfverband. Habt Ihr ihm den
angelegt?«
Theophilus’ träges Lächeln schien aus der Leere
seines Blicks zu erwachsen. »Das habe ich. Ist er Euch ein wahrer
Freund, so dürft Ihr Euch glücklich schätzen.«
»So scheint es zumindest. Ist er auch ein Freund
Eures Patienten, jenes Mannes, der heute sterben soll?« Am Rande
von Breacas Bewusstsein tauchten erneut die Kreuze auf. Kein Mann,
ganz gleich, ob Römer oder Angehöriger irgendeiner anderen Nation,
verdiente einen solchen Tod.
»Ein Freund des ehemaligen Zenturio Marcellus?
Nicht doch. Denn das ist ein Mann, der nur wenige Freunde besitzt,
aber dafür umso mehr Feinde hat.«
»Reicht es also aus, dass er keine Freunde hat,
damit man ihn gleich zum Tode verurteilt?«
»Es scheint, als habe er den Fehler gemacht, einen
unschuldigen Mann vor Zeugen hinzurichten. Sein Tod soll als
Beispiel dafür dienen, dass auch Römer nicht über dem Gesetz
stehen. Man wird von Euch erwarten, dass Ihr das lobend zur
Kenntnis nehmt.«
Dann hatte Graine also zumindest bezüglich des
ersten Teils ihrer Voraussage doch Recht. Sie wurden nicht für
uns errichtet. Es wird ein Krieger der Stämme sterben und ein
Bürger Roms, und beide halten sie bereits gefangen. Breaca
begriff und ließ diese Erkenntnis sich auch auf ihrem Gesicht
widerspiegeln.
»In dem Falle bin ich mir sicher, dass man uns
unsere lobende Zustimmung ansehen wird, obwohl es mir lieber wäre,
wenn die Kinder all das nicht miterleben müssten. Von Euch dagegen,
davon gehe ich aus, wird man erwarten, dass Ihr alledem wohl keinen
Beifall spenden könnt. Folglich wird man Euch womöglich auffordern,
das Theater noch vor uns wieder zu verlassen. Vielleicht könnten
wir uns treffen, falls danach noch Zeit dafür sein sollte? Oder Ihr
könntet uns einmal in unserem eigenen Land besuchen kommen? Ich
habe eine Freundin, die sich sehr freuen würde, Euch kennen zu
lernen. Sie besitzt eine gewisse Gabe, was die Geburtsbegleitung
betrifft, aber es gibt ja jederzeit noch etwas Neues zu
lernen.«
»Das gibt es in der Tat.« Theophilus’ Augen
leuchteten förmlich auf, ebenso wie Airmids erstrahlt wären, hätte
man ihr ein solches Angebot unterbreitet. Er berührte mit einem
Finger den Äskulapstab, der an einer Kordel von seinem Hals
herabhing. »Ich würde mich sehr geehrt fühlen. Das Krankenhaus
liegt im Südwesten der Stadt, zwei Blocks von der Villa des
Gouverneurs entfernt. Ihr könnt fragen, wen Ihr wollt, sie alle
werden Euch den richtigen Weg weisen können, und wenn Ihr dort
angekommen seid, macht Ihr Euch auf die Suche nach Nerus und sagt
ihm, dass Ihr auf ausdrückliche Einladung von Theophilus von Athen
und Kos kommt. Merkt Euch das gut, Athen und Kos. Wenn Ihr diese
beiden Namen nennt, wird er Euch einlassen.«
Gekleidet in ihre Togen, ihre verbrämten Tuniken
oder die Umhänge ihrer Stämme - alles deutlich erkennbare
Erklärungen der Zugehörigkeit ihres Trägers zu Rom, oder auch
dessen mangelnder Zugehörigkeit zu Rom -, füllten dreitausend
schwatzende und herausgeputzte Bürger von Camulodunum die in Stufen
übereinander angeordneten Sitzreihen des Theaters, während der
Gouverneur seine Offiziere zu den für sie reservierten Plätzen auf
der untersten der Bänke führte. Breaca und ihre Töchter saßen links
vom Gouverneur, Tagos zu seiner Rechten.
Die Luft in dem Theater schien vollkommen still zu
stehen, war heiß und übel riechend. Die Frühlingssonne reckte sich
über den oberen Rand der mit Marmor verkleideten Wände und ergoss
ihr Licht direkt auf den mit Sand bedeckten Halbkreis, der die
Sitze von der ihnen gegenüberliegenden hölzernen Bühne
trennte.
Links der Bühne lagen auf einigen aneinander
gereihten Tischen die Geschenke der Stammesdelegierten für den
Gouverneur. Die Sonne schenkte ihnen allen ihren Segen und polierte
das schon viel zu lange polierte Metall scheinbar noch einmal nach,
bis es in geradezu blendendem Glanz erstrahlte. Eine große, goldene
Schale trug Berikos’ Zeichen: das Symbol des Stammes der Atrebater,
die Eiche, verschlungen mit dem Adler der Legionen. Daneben wirkten
Breacas in der Kiste eingebettete Speere recht klein und
unauffällig. Ein Stückchen weiter stellten eine rote und eine gelbe
Emaillebrosche sowie ein um einen Hohlkern gearbeiteter Halsreif
die stark romanisierte künstlerische Handschrift der belgischen
Goldschmiede unter der Herrschaft von Cogidubnos zur Schau. Ein
Messer in einer Scheide aus gefärbtem Leder, ein Gürtel, ein
komplettes Pferdegeschirr und ein erst kürzlich gewebter Umhang in
Moosgrün vervollständigten die Geschenke der Belger. Am Ende jenes
Tisches, der dem Publikum am nächsten stand, lagen auf einem
karierten Brett aus zweierlei poliertem Holz je ein Satz blaue und
gelbe Spielmarken, die sich entlang der beiden Seiten des
Spielbretts aufreihten. Als die Geschenke das erste Mal präsentiert
worden waren, im Forum, hatte dieses Spiel noch nicht auf dem Tisch
gelegen.
Unmittelbar hinter Breaca ertönte nachdenklich
Corvus’ Stimme: »Irgendjemand hat dem Gouverneur ein Exemplar des
Kriegertanzes geschenkt. Was meint Ihr, ob er wohl weiß, wie man
dieses Spiel spielt?«
Ohne sich umzuwenden und als ob sie zu Graine
spräche, erwiderte Breaca: »Ich denke, einer seiner Offiziere
könnte ihm das sicherlich beibringen. Die Beherrschung dieses
Spiels wäre überdies sogar eine sehr nützliche Eigenschaft für
einen Mann, der die Stämme befehligen möchte. Könnte er nur lernen,
mit der List eines Cunobelin zu denken, dann gehörte der Krieg
längst der Vergangenheit an.«
»Ich werde sehen, was sich machen lässt.« Corvus
grinste; sie konnte es an seiner Stimme hören. Dann, allerdings
nicht mehr in dem belustigten Tonfall, fuhr er fort: »Es wird jetzt
zu einigen unschönen Szenen kommen. Ihr tätet gut daran, dennoch
vollkommen gelassen zu erscheinen.«
Dieselbe Warnung und mit dem gleichen Unterton
hatte auch der Arzt ihr bereits zukommen lassen. Breaca beugte sich
hinab, um Graines Umhang neu zu richten, und sagte dabei leise:
»Ein Mann wird gekreuzigt werden. Ein Römer. Einer von denen, die
bereits im Gefängnis festgehalten werden. Wir werden alles in
unserer Macht Stehende tun, um seine Seele sicher nach Hause zu
geleiten, aber wir werden die Anrufungen nicht laut aussprechen,
und wir werden uns auch nicht beim Gouverneur beschweren.«
Graine nickte. Bereits von dem Augenblick an, da
sich alle auf ihren Plätzen niedergelassen hatten, starrte sie zu
der vor ihr liegenden eichenen Tribüne hinüber. Nun fragte sie: »Wo
sind eigentlich die Türen, durch die sie die Gefangenen reinbringen
wollen?«
»Ich weiß es nicht. Ich bin mir nicht sicher, ob da
überhaupt Türen sind.« Breaca schaute in die gleiche Richtung, in
die auch ihre Tochter blickte. Mit seinen sorgfältig geglätteten
Eichenbohlen verlieh der Boden der Bühne einen guten
Resonanzkörper. Vorhänge in dem Gelb der Trinovanter schmückten
ihre Seiten und verbargen die Nebenplattformen. Ein auf die
Rückwand aufgetragenes vielfarbiges Wandgemälde zeigte
Darstellungen von Faunen, die Flöte spielten und gemeinsam mit
etwas androgynen Nymphen um einen Wasserfall herumtollten, während
sie von einem Gott in der Gestalt eines grasenden Stieres
beobachtet wurden. Falls sich dort also die Türen befinden sollten,
so verbargen die schwungvolle Darstellung und die schreienden
Farben des Gemäldes deren Umrisse. »Bist du dir sicher, dass da
Türen sind?«
Graine runzelte die Stirn. »Ich glaube schon. Ich
habe so etwas in der Art bereits geträumt, aber es muss nicht
unbedingt hier gewesen sein.«
Beunruhigt fragte Breaca: »Was passierte in deinem
Traum?«
»Jemand starb. Wir wollten das zwar verhindern,
konnten es aber nicht. Cunomar war unglücklich.«
Allerdings hatte Cunomar bereits den gesamten
Winter in »unglücklicher« Stimmung verbracht, was zudem keinen
guten Einfluss auf die anderen gehabt hatte. Im Augenblick saß er
zur Rechten des Gouverneurs neben Tagos. Breaca schaute zu ihm
hinüber. Um Cunomars willen wünschte sie, Eneit wäre hier.
Sicherlich hätte der die Verbitterung ihres Sohnes darüber, dass er
neben Tagos sitzen musste, ein wenig zerstreuen können. Sie
schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln und sah, wie er dies höflich
und bereitwillig zur Kenntnis nahm.
An Graine gewandt sagte Breaca: »Cunomar hasst
jegliche Ungerechtigkeit; das ist seine große Stärke. Warum gehst
du nicht einfach zu ihm und erzählst ihm, was du geträumt hast -
und erinnerst ihn daran, dass wir hier lediglich Gäste sind und uns
nicht in die Rechtsprechung des Gouverneurs einmischen dürfen?
Würdest du das tun?«
Graine runzelte die Stirn. »Spricht der Gouverneur
Eceni?«
»Ich glaube nicht, aber geh besser mal davon aus,
dass er es doch kann. Sag also nichts Unhöfliches. Wir sind seine
Gäste.«
Für ein so ernsthaftes und aufmerksames Kind, wie
Graine es war, konnte sie doch sehr schelmisch und verspielt
wirken, sofern dies ihren eigenen Interessen oder denen der Götter
zuträglich war. Fröhlich trollte sie sich davon und kletterte auf
die Knie ihres Bruders, zog ihn am Ohr und flüsterte laut auf
Latein, dass sie ein Geheimnis habe, das sie nur ihm erzählen
wolle. Überrascht legte er die Arme um sie und neigte seinen Kopf
hinab, so dass sie, mit etwas leiserer Stimme, direkt in sein Ohr
flüstern konnte. Jene, die ihrem Flüstern lauschten, hätten von der
nachfolgenden Geschichte genug verstanden, um zu erfahren, dass
Graine ihre kastanienbraune Stute, die ein Geschenk ihrer Mutter an
sie gewesen war, einem netten Mann übergeben hätte, der früher
einmal ihren Onkel gekannt hatte. Danach aber verlor sich jeglicher
Zusammenhang in einem Durcheinander von aufgeregtem,
unverständlichem Kindergeplapper, das nur noch jemand, der auf Mona
aufgewachsen war, hätte verstehen können, und selbst das nur dann,
wenn er sich unschicklich dicht an die beiden herangedrängt
hätte.
Nach dem Ende ihrer Unterredung wich Graine ein
kleines Stück zurück, grinste und küsste ihren Bruder auf die Nase.
Cunomar errötete und versuchte, sich unter dem Kuss hinwegzuducken,
ließ sich dann aber erweichen und erwiderte den Kuss seiner kleinen
Schwester. Zwei Dutzend Erwachsene, fast alle von ihnen Eltern,
sahen ihnen dabei zu, erinnerten sich an ihre eigene Kindheit und
deren unbeschwerte Freiheit und wünschten sich und ihren Nachkommen
die gleiche Ungezwungenheit.
Graine rutschte von den Knien ihres Bruders wieder
hinunter. Auf dem Weg zurück zu ihrer Mutter klopfte sie im
Vorbeigehen leicht auf das Bein ihres Stiefvaters und schenkte dem
fremden, grauhaarigen Römer, der ihr Land regierte, ein strahlendes
Lächeln.
Der Gouverneur wandte sich zu seiner Linken. »Ein
ganz außergewöhnliches Kind. Wahrlich, Ihr seid gesegnet, meine
Teuerste.«
»Danke«, erwiderte Breaca. »So lange die Kinder
noch lachen können, haben unsere Götter uns noch nicht
verlassen.«
In der Nähe ertönte ein Horn. Trommeln antworteten
ihm. Und eine plötzliche Veränderung auf der Bühne bestätigte
Graine zumindest bezüglich des ersten Teils ihres Traums. Eine Tür
wurde geöffnet und zerschnitt den größten der tanzenden Faune auf
dem Bühnenwandgemälde in zwei Hälften.
Eine speziell zu diesem Zweck aufgestellte Truppe
von ehemaligen, mittlerweile pensionierten Veteranen - strahlend
anzusehen in ihren alten Paradeuniformen - trat auf die Tribüne und
wandte sich dem Publikum zu. Genau gleichzeitig zogen die Männer
ihre Waffen, rissen sie empor, streckten sie nach vorn und bildeten
damit eine Allee aus erhobenen Kurzschwertern. Als die
Schwertspitzen aneinander schlugen, ertönte ein Klang wie von
Beckentellern; ein heller Gegensatz zu dem dumpfen Widerhall des
Bühnenbodens. Durch diese in grausamer Schönheit erstrahlende Allee
schritten langsam, wie zu einer Beerdigung, zwei Soldaten der
Leibwache des Gouverneurs und eskortierten einen Gefangenen, den
allein die Ketten an seinen Handgelenken von den anderen abhoben.
In einem Akt kalkulierten Hohns oder als Zeichen seiner
Zugehörigkeit, war er in genau die gleiche Paradeuniform gekleidet
wie die Veteranen.
Die Wirkung war dramatisch. Jeder weitere Schritt,
den der Gefangene machte, wies ihn als einen Mann aus, der Mut
besaß, der im Dienst für seinen Gott und seinen Kaiser
außergewöhnliche Tapferkeit bewiesen hatte und der nun bereit war,
sich im Interesse seines Gouverneurs auch noch selbst zu opfern.
Der ehemalige Zenturio Marcellus mochte zwar nicht sonderlich viele
Freunde haben, doch es gab eine Vielzahl von Männern, an deren
Seite er bereits gekämpft hatte und die es verabscheuten, dass er
nun als politisches Instrument missbraucht werden sollte.
Die Trinovanter unter den Zuschauern plagten
dagegen weniger Bedenken. Egal, wie es mit ihrer Zuneigung zu Rom
und seinen Institutionen auch bestellt sein mochte, so war
Marcellus doch ein Mann, der von allen gleichermaßen gehasst wurde.
Ein träges Murmeln ging durch das Halbrund des Theaters, Ausdruck
des Beifalls, dass dieser Mann nun ein Gefangener war, und zugleich
Ausdruck der Missbilligung angesichts der Haltung der Veteranen.
Jemand stampfte mit dem Fuß auf, und langsam entwickelte sich das
Trommeln seiner Füße zu dem Rhythmus des Sterbeliedes der
Trinovanter, einem komplizierten Muster aus langen und kurzen
Takten, das man entweder von der Wiege auf lernte oder gar nicht.
Andere stimmten mit ein, und das Stampfen verlief durch den
gesamten Bogen, ähnlich einem dumpfen Donnergrollen, so dass es von
Trommlern am Fluss hätte herüberschallen können.
Das Stampfen erreichte seinen Höhepunkt und brach
dann abrupt ab; niemand hätte sagen können, wer den Befehl dazu
gegeben hatte. All das war keine offene Handlung der
Feindseligkeit; man hätte sogar argumentieren können, dass sie dem
Mann damit eine große Ehre erwiesen, und doch hatte es einen
anderen Anschein gehabt. Ein wenig verzögert machte sich in
kleinen, wellenartigen Schüben die Angst im Theater breit.
Plötzlich begriffen diejenigen, die unter einem möglichen Sturm der
Vergeltungsmaßnahmen am meisten zu verlieren hätten, was sie da
gerade getan hatten. Sie begannen, sich miteinander zu unterhalten,
doch zu laut und zu spät, um das Geschehene noch zu verbergen.
Schließlich verstummten auch sie.
Alles wartete. Hätten auf den hohen Mauern des
Theaters Vögel gesessen, hätten in diesem Augenblick sicherlich
selbst sie den Atem angehalten, hätten aufgehört, mit den Flügeln
zu schlagen, und nur noch gewartet.
Ein auf Lateinisch gesprochener Befehl wurde
erteilt. Die beiden Unteroffiziere der Leibwache führten den
Gefangenen bis an den Rand der Tribüne. Alle drei Männer
salutierten.
Der Gouverneur erhob sich, um ihren Gruß zu
erwidern. In seinem Verhalten war keine erkennbare Veränderung
eingetreten, und dennoch, in der Stille, die nun seine Ansprache
erwartete, wurden dreitausend Stammesangehörige, Männer und Frauen,
die wartenden Veteranen sowie ein Dutzend ebenfalls anwesender
Offiziere noch einmal daran erinnert, dass dieser Gouverneur einst
der Anführer zweier kompletter Legionen in einem Feldzug gewesen
war, der einen ganzen Sommer andauerte, dass er folglich genau
wusste, was es bedeutete, als Soldat auf dem Schlachtfeld zu
stehen.
Seine Stimme hatte schon Armeen mitten im Chaos des
Krieges befehligt, doch die Akustik des Theaters war das Beste, was
die Ingenieure seines Kaiserreichs zu vollbringen vermochten - kein
Schlachtfeld konnte damit mithalten. Als er zu sprechen begann,
schien es sowohl jenen in den hintersten Sitzreihen als auch denen
auf den vordersten Bänken, als ob der Gouverneur kaum die Stimme
erhöbe und doch jeden Einzelnen von ihnen direkt anspräche.
»Marcellus, Veteran der Legionen, ehemaliger
Zenturio der Zweiten Kohorte der Neunten Legion, Empfänger von drei
Kronen für Tapferkeit im Kampf, Ihr werdet des Mordes an Rithicos
beschuldigt, Geschirrmacher und Gutspächter auf Euren Ländereien.
Drei Zeugen haben dies bestätigt, zwei von ihnen Bürger dieser
Stadt, einer von ihnen ein Stammesangehöriger, der unser Vertrauen
genießt. Eure Schuld steht außer Frage. Das Urteil wurde bereits
gefällt. Ihr werdet heute sterben, im Angesicht jener, denen Ihr
Unrecht angetan habt. Es ist Euer Recht, noch einmal das Wort zu
ergreifen, ehe das Urteil vollstreckt wird. Ist das Euer
Wunsch?«
»Nein. Aber ich möchte Euch vor Augen führen, wer
es ist, über den Ihr dieses Urteil verhängt habt.«
Die Bühne gehörte nun ganz allein Marcellus. Seine
ehemaligen Waffenbrüder gewährten ihm für diesen letzten Auftritt
allen Platz, den er nur brauchen könnte, um sein persönliches Drama
aufzuführen. Die Reihen, welche zuvor noch die Allee für seinen
Einmarsch gebildet hatten, legten ihre nackten Klingen in
übereinander gekreuzten Paaren auf der Bühne ab. Von Breacas Platz
aus, tief unten auf der ersten Bank, erschienen sie wie ein See aus
in Sonnenlicht gebadetem Eisen, und es war schwer, jenseits des
hellen Strahlens noch etwas zu erkennen. Von den höher gelegenen
Sitzreihen aus betrachtet, würde ihre Symbolik sicherlich
nachhaltiger zum Ausdruck kommen; eine Anordnung von Kriegswaffen,
dargeboten in einem Zeichen des Friedens.
Marcellus wartete nicht erst, bis sich wieder
Stille über das Theater herabsenkte, sondern beugte sich ohne jede
Dramatik vornüber, legte die Handflächen auf den Boden und ruckte
ein wenig mit den Schultern, so dass sein Kettenhemd sich auf links
drehte und über seinen Kopf glitt; eine Panzerhaut, gefertigt aus
schimmernden Gliedern.
Das Klirren von Eisen, welches auf Eisen schlug,
schallte über den Bühnenboden, während der ehemalige Zenturio sich
niederkniete und das Hemd zusammenlegte, ganz so, wie er es auch am
Ende eines Tages nach einem Feldzug getan haben mochte. Unter dem
Hemd trug er eine einfache, wollene Tunika, die in der Taille mit
einem Gürtel zusammengefasst war. Auch diese zog er aus, faltete
sie zusammen und legte sie auf das Kettenhemd. Keiner schritt ein,
keiner versuchte, ihn an seinem Tun zu hindern.
Der Gefangene erhob sich wieder, und es schien, als
ob er einen Großteil seines Lebens damit zugebracht hätte, ohne
seine Tunika unter der Sonne zu marschieren. Er befand sich nicht
mehr in Kampfverfassung; sein Bauch hing über seinen Gürtel hinab,
halb so dick wie der Bauch einer Schwangeren, und doch hatte er
nicht immer so ausgesehen. Die Narben auf seiner Brust waren
zahlreich und von unterschiedlicher Struktur; während seiner
Dienstjahre war er auf Schwerter, Speere und Pfeilspitzen gestoßen,
und nicht allen hatte er ausweichen können. Das Zeichen des Stiers
in der Mitte seines Brustkorbs war alt und das Brandmal mit der
Zeit verblasst. Doch vielleicht erklärte ja gerade sein
Vorhandensein, warum dem ehemaligen Zenturio bisher überhaupt ein
solch großer Spielraum bei seinem Auftritt eingeräumt worden
war.
Marcellus hob die Arme und begann, sich langsam im
Kreise zu drehen, so dass jene, die Erfahrung im Kampf gesammelt
hatten - der Gouverneur, seine Offiziere, die Krieger unter den
Stammesangehörigen -, erkennen konnten, dass er keinerlei Narben
auf dem Rücken trug. Er hatte also nie den Rückzug angetreten oder
war während seines Rückzugs zumindest nie verfolgt worden. Am
liebsten wäre ihm zweifellos gewesen, sein Publikum ginge von
Ersterem aus.
Der Gefangene hatte sich beinahe einmal um die
eigene Achse gedreht. Die Männer, welche gemeinsam mit ihm auf der
Bühne standen, erblickten die lange Linie unterhalb seiner linken
Achselhöhle und wurden damit erneut an den Tag erinnert, als diese
Wunde noch frisch gewesen war, sahen im Geiste wieder jene
Schlachten vor sich, die sie mit Marcellus an ihrer Spitze
durchfochten hatten. Doch nur einer der beiden Offiziere der
Leibwache erkannte auch die Gefahr und auch erst zu spät, um noch
reagieren zu können. Sein Schrei diente lediglich dazu, den
Höhepunkt des Dramas des Gefangenen zu markieren.
Mit dem letzten Schritt seiner Umdrehung warf
Marcellus sich blitzschnell auf den Boden, rollte sich zur Seite
und streckte sich flach aus, um die Reihe der miteinander
gekreuzten Schwerter zu erreichen, die vergessen auf der Bühne
lagen. Seine Hand stieß auf den Griff der am dichtesten bei ihm
liegenden Waffe, und in einer geübten Bewegung, mit der er zugleich
wieder aufsprang, riss er sie an sich, ein klein wenig außer Atem,
aber bewaffnet in der Gegenwart von fünfzehn Männern, von denen nur
drei die Geistesgegenwart besaßen, sich ebenfalls zu bücken und
ihre Waffen aufzunehmen.
Mochte das Schweigen zuvor noch ein höfliches
gewesen sein, so war es nun aufgeladen mit der alles
niederschmetternden Kraft eines Blitzschlags. Dreitausend Männer
und Frauen hielten geschlossen den Atem an. Stammeskrieger, die
früher ebenfalls in Schlachten gekämpft hatten, griffen automatisch
nach den Waffen, die zu tragen ihnen doch nicht erlaubt war, und
ließen ihre Hände schließlich leer und nutzlos wieder an ihren
Seiten hinabfallen. Breaca hörte, wie Corvus sich erhob und sich
einen Weg zwischen den Sitzplätzen hindurch und den Gang hinab
bahnte. Zwei weitere Offiziere der Legionen taten es ihm gleich.
Jene Männer waren Auserwählte; Auserwählte wegen ihres Geschicks,
das Gleichgewicht zwischen Politik und Krieg zu bewahren und stets
angemessen zu reagieren. Ihnen konnte man vertrauen, die Situation
unter Kontrolle zu bringen.
Marcellus beobachtete, wie sie näher kamen. Er hob
seine Klinge und begrüßte jeden von ihnen namentlich.
»Valerius Corvus: Ich werde niemals Euren
Sturmangriff auf das Felsenfort der Durotriger vergessen. Unser
Gott schaute an jenem Tage zu und wird von mir erneut davon hören.
Cornelius Pulcher: Ich habe von Euren Aktionen gegen die Krieger
des Westens gehört. Mit der Zeit werdet Ihr die Oberhand gewinnen,
da bin ich mir sicher.« Sein spöttisches Lachen hingegen besagte
etwas anderes. Doch sogleich verstummte es wieder, als er sich
umdrehte, um sich dem letzten der Offiziere zuzuwenden, einem
alternden, weißhaarigen Zenturio der Neunzehnten Legion, der
durchaus alt genug aussah, um selbst bereits als Veteran
pensioniert zu sein. Vor ihm vollführte Marcellus sogar eine
Verbeugung. »Rutilius Albinus, Erster Vater unter dem Gott. Ich
werde ihm deine Grüße überbringen, so wie ich dir meine Ehre
übereigne, meinen Treueschwur und mein Leben.«
Zumindest Albinus erkannte, was nun folgen würde.
Mit einem Knall, so laut wie ein Donnerschlag, stieß er sein
Schwert in dessen Scheide zurück und riss den Arm zum Gruß hoch.
Und alles in genau jenem Moment, als Marcellus seine gestohlene
Waffe verkehrt herum packte und sich die Klinge zielsicher und ohne
das geringste Zögern in seine eigene Brust stieß, eine Handbreit
links von dem Brandzeichen des Stiers. Mit seiner letzten bewussten
Bewegung neigte er sich vornüber, um behaupten zu können, er sei
auf sein Schwert gefallen, damit er seinem Gott in Ehren
gegenübertreten konnte.
Marcellus war tot, noch ehe einer der über die
Bühne auf ihn zustürzenden Offiziere ihn erreichen konnte. Sie
waren nur allzu langsam, wie gelähmt von ihrer eigenen Angst. Es
gab Gouverneure, unter denen sie nun diejenigen gewesen wären, die
Marcellus’ Platz am Kreuze hätten einnehmen müssen, denn sie hatten
zugelassen, dass sich ein Gefangener seiner eigenen Exekution
entzog. Die Legionen schauten keineswegs wohlwollend auf Männer,
die in der Ausübung ihrer Pflicht versagten.
Der erste Offizier, der Marcellus erreichte, kniete
nieder, legte die Finger flach gegen die Hauptschlagader am Hals
des Gefangenen und suchte nach Lebenszeichen, die er doch nicht
mehr finden würde. In dem Glauben, sich damit nützlich machen zu
können, riss er das Schwert aus der leblosen Brust - öffnete damit
aber zugleich dem wahren Ozean an Blut im Inneren des Brustkorbs
die Tore. Geradezu durstig saugte der Eichenboden der Bühne den
roten Lebenssaft in sich auf. Und mit diesem Anblick hatte auch das
entsetzte Schweigen ein Ende, entlud sich aufs Neue die vielkehlige
Stimme des Publikums, schuf ihr eigenes Meer an verwirrten
Ausrufen.
Der hiesige Gouverneur war jedoch niemand, der
grundlos Todesurteile über seine eigenen Männer verhängte. Mit
einer knappen Bewegung seines Kopfes lenkte er die Aufmerksamkeit
des alternden Zenturio der Neunzehnten Legion auf sich. »Albinus?
Ich glaube, das war Euer Mann. Bitte kümmert Euch darum, dass er
entfernt wird. Im Übrigen möchten die Veteranen womöglich Anspruch
auf seine Leiche erheben. Sie sollen sie bekommen.«
Bereitwillig formierte der alte Mann auf der
Tribüne eine Ehrengarde und ließ die Leiche jenes Mannes, den sie
zwar nicht gemocht hatten, wohl aber respektierten,
entfernen.
In seinem Tode hatte sich das Andenken an Marcellus
von einem kriegshungrigen Offizier, der im Alkoholrausch seine
Männer missbrauchte, in das eines Helden verwandelt, der offen
seine Meinung vertrat, wenn alle anderen schwiegen. Im Augenblick
jedoch war er bloß eine Leiche, aus der Blut und einige noch
unangenehmer riechende Flüssigkeiten auf die neue Bühne des
Gouverneurs sickerten. Die Veteranen bildeten eine Trage aus zwei
Schilden, auf der sie Marcellus fortschafften, und taten wahrlich,
was sie nur konnten, um die Verschmutzung in Grenzen zu halten.
Kurz darauf erschien ein in Stammeskleidung gewandeter Krieger, der
feinen Sand über die Schmiererei schüttete, so dass wenigstens ein
Großteil des Blutes wieder aufgesogen wurde. Zwei weitere Diener
harkten eine Ebene unter ihm mit Rechen durch den Halbkreis
zwischen der ersten Sitzreihe und der Bühne, um auch den dortigen,
etwas höher aufgeschütteten und helleren Sand von den verspritzten
Überresten des Soldaten zu reinigen.
Breaca beobachtete, wie Corvus auf seinen Platz
zurückkehrte. Seinen Gesichtsausdruck konnte sie nicht deuten, in
seinen Augen jedoch blitzte eine Warnung auf: Das war noch nicht
alles. Noch kannst du nicht aufatmen. Sie hob Graine auf ihren
Schoß und fragte leise: »Ich glaube, jetzt kommt erst einmal eine
Pause. Musst du nach draußen?«
Das Mädchen schüttelte den Kopf. Breaca beugte sich
hinab, küsste sie und fuhr mit noch leiserer Stimme fort: »Ist es
das, was du geträumt hattest und was Cunomar so zornig
machte?«
»Nein, das war es noch nicht, aber es war hier an
diesem Ort.« Graine erschauderte. »Aber vielleicht war es auch
nicht heute.«
»Dann werden wir einfach abwarten und weiter
zuschauen. Wenn irgendetwas Schlimmes sich anbahnt, lässt du es
mich dann wissen, sobald du es weißt?«
»Ich werde es versuchen.«
Wenn Graine auch nicht austreten musste, so musste
es doch eine Vielzahl von Erwachsenen, die nämlich am Morgen
bereits Wein getrunken hatten. Es gab ein lautes Füßescharren und
Plätzetauschen, und Männer und Frauen eilten über die langen
Treppen an der Rückwand des Theaters, die von den oberen Sitzreihen
bis ganz nach unten führten, aneinander vorbei. Breaca hielt Graine
weiterhin auf ihrem Schoß und unterhielt sich mit Cygfa leise über
Belanglosigkeiten, während Tagos den Gouverneur mit der
spannendsten Episode von jener Eberjagd ergötzte, mit der er und
Dubornos ihren Eintritt in die Gemeinschaft der Erwachsenen
gefeiert hatten.
Der Gouverneur, der diese Geschichte mit ziemlicher
Sicherheit schon einmal gehört hatte, oder zumindest andere ihrer
Art, war augenscheinlich dennoch völlig in den Bann der Erzählung
geschlagen, und nur jemand, der ihn so aufmerksam beobachtete wie
Breaca, konnte das Zeichen erkennen, das er unterdessen den
Offizieren am Rande des Theaters gab, womit er befahl, den nächsten
Teil der nachmittäglichen Demonstration beginnen zu lassen.
Die Sitzreihen hatten sich wieder gefüllt, und die
Zuschauer nahmen erneut ihre Plätze ein. Ein Hornsignal gebot
Stille. Der Gouverneur erhob sich und trat in die Mitte des frisch
geharkten Sandes und war damit selbst von den obersten Reihen aus
ebenso gut zu erkennen wie jemand, der direkt auf der Bühne stand.
Den Umhang hatte er abgelegt und auf seinem Platz liegen gelassen,
als er sich erhob, so dass seine Rüstung nun die ganze Kraft der
Nachmittagssonne in sich aufnahm und sein Gesicht in einem silbrig
goldenen Schimmer erstrahlen ließ. Hätte das Gleiche ein Träumer
getan, so hätte er gewusst, wie er den machtvollen Eindruck dieses
Augenblicks dazu hätte nutzen können, die Menschen wieder ein wenig
näher an die Götter heranzuführen. Der Gouverneur von Britannien
aber - denn er war ein Römer - blinzelte nur einmal kurz und hielt
den Kopf ein wenig anders, um nicht von dem grellen Lichtschein
geblendet zu werden.
»Krieger der Trinovanter, der Eceni, der Atrebater,
der Belger...«
Die Menge schnappte geschlossen nach Luft. Er
sprach nicht auf Latein, das war die erste Überraschung. In weniger
als einem Jahr hatte er eine recht verständliche Form jenes
trinovantischen Dialekts erlernt, die im gesamten Südosten geläufig
war. Darüber hinaus aber hatte er sie auch noch Krieger genannt,
und das versetzte ihnen einen noch um einiges größeren
Schock.
Sein Lächeln galt jedem Einzelnen von ihnen. »Heute
haben wir gesehen, dass die römische Rechtsprechung unparteiisch
ist, dass sie der uns nahe gebrachte, gerechte Arm des weit
entfernten Kaisers ist. Sie beschützt die Schwachen und gebietet
den übermäßig Starken Einhalt, erlaubt allen, gleichberechtigt zu
gedeihen, ohne Angst vor Tod oder Ungerechtigkeit.
Und dennoch, damit diese Gerechtigkeit Bestand hat,
müssen die Gesetze des Kaisers auf das Gewissenhafteste eingehalten
werden. Wir dürfen nachsichtig sein, wenn es darum geht, dass jedes
Volk in Frieden seine alten Riten und Zeremonien zelebriert. Unsere
Götter hadern nicht mit euren Göttern; sie alle leben in
gegenseitigem Respekt im Himmel. Und unsere Gesetze stehen auch
keineswegs im Widerspruch zu euren Gesetzen, ausgenommen jener
Fall, wenn das eine sich über das andere hinwegsetzt.«
Er verkündete dies alles ganz gleichmütig, so dass
nur ein wahrlich übel meinender Mensch es als eine Beleidigung
auffassen konnte: Ihr gehört uns; unsere Gesetze haben Vorrang
vor euren Gesetzen, und die gesamte Welt wird dadurch zu einem
besseren Ort.
Breaca versuchte, die Stimme ihres Verstandes zum
Schweigen zu bringen, damit ihre Miene sie nicht verriet. Sie
spürte, wie Graine von ihren Knien glitt.
Der Gouverneur jedoch beachtete die Bewegung des
Kindes gar nicht. Sein Blick glitt vielmehr über jene hinweg, deren
Leben sich in letzter Zeit auf so einschneidende Weise verändert
hatte und die darüber noch immer verstimmt waren: die Männer der
Trinovanter, die man dazu aufgefordert hatte, den Tempel zu Ehren
von Kaiser Claudius zu finanzieren, und die darüber hinaus
gelegentlich auch noch dazu herangezogen wurden, bei seiner
Erbauung behilflich zu sein; die Krieger der Cantiaci und der
Coritani und der Catuvellauner, die einst gegen die Legionen
gekämpft hatten und die womöglich erneut zu den Waffen greifen
würden, gäbe man ihnen nur einen hinreichend guten Grund dafür; die
Eceni, die schon einmal rebelliert hatten und die dies womöglich
wieder tun würden.
In der Hauptsache an sie gewandt fuhr er also fort:
»Ein solcher Fall ist gegeben, wenn jemand dabei angetroffen wird,
wie er in schamloser Weise das grundlegendste unserer Gesetze
verhöhnt - Gesetze, die zum Schutze aller geschaffen wurden. In
einem solchen Fall müssen wir mit Eile handeln und ohne Kompromiss,
ganz genauso, wie wir auch im Falle des ehemaligen Zenturio
Marcellus verfahren sind.«
Ein Signal ertönte. Die Trommeln kündigten die
Ankunft eines weiteren Gefangenen an. Auf der Bühne wurde eine Tür
geöffnet. »Genau solch ein Verbrecher wurde nun gefunden. Er wurde
festgenommen, weil er im Besitz einer Waffe war, die aufgrund ihrer
Länge und Größe dem Gesetz nach nicht mehr gestattet ist. Als er
daraufhin zur Rede gestellt wurde, griff er unsere Männer an. Zwei
von ihnen tötete er, und einen dritten verletzte er so schwer, dass
dieser niemals wieder wird kämpfen können. Sowohl ein Mord als auch
die Verstümmelung eines anderen Menschen haben jeweils für sich
genommen bereits zwingend die Todesstrafe zur Folge. Kommen
allerdings beide zusammen, so muss der Täter der härtesten aller
Strafen entgegenblicken.«
Die zeitliche Bemessung seiner Rede war perfekt, er
musste den Ablauf zuvor eingeübt haben. Seine letzten Worte
erreichten die obersten Sitzreihen in genau jenem Moment, als die
dort Sitzenden den ersten Blick auf jenen Stammesangehörigen
erhaschen konnten, der sich über das römische Gesetz hinweggesetzt
hatte und dabei ertappt worden war. Der Gefangene vermochte nicht
mehr ohne fremde Hilfe zu gehen. Zwei neue Offiziere der Leibwache
- diese beiden älter und erfahrener als jene, die ihnen
vorausgegangen waren - zerrten den Gefangenen grob durch die mit
dem Faun bemalte Tür auf die Bühne und hielten ihn dort aufrecht,
nackt und blutüberströmt, so dass er von den gegenüberliegenden
Sitzreihen aus klar zu erkennen war. Unter dem ersten Eindruck des
Entsetzens, den sein Anblick auslöste, konnte man zunächst nur
sagen, dass er sich offenbar der Festnahme widersetzt haben musste
oder grundlos geschlagen worden war, oder beides.
Einer der Offiziere packte den Gefangenen am Schopf
und zwang ihn mit einem Ruck, den Kopf zu heben. Jetzt konnte man
erkennen, dass auch seine Nase gebrochen war, dass ein Auge
angeschwollen war zu einer breiigen, rot-violetten Masse, dass über
die gesamte Länge seines einen Unterarms ein Schwerthieb verlief
und dass von der einen Hand in einem schmerzhaft anzusehenden
Winkel ein gebrochener Finger abstand. Die Art, wie er den linken
Arm an die Seite presste, legte die Vermutung nahe, dass sich
darunter eine zweite Wunde verbarg oder dass er innere Blutungen
hatte. Sein Atem ging nur noch stoßweise, und nichts an ihm deutete
darauf hin, dass er überhaupt wusste, wo er sich befand.
Dies waren die ersten Dinge, die Breaca
registrierte; die mit der Schnelligkeit eines Wimpernschlags
erfolgende Einschätzung eines sich auf dem Schlachtfeld
befindlichen Kriegers, der zu erkennen versuchte, ob der Verletzte
noch kämpfen konnte. Dieser hier jedenfalls würde ohne rasche
medizinische Versorgung nicht mehr kämpfen. Rom hingegen
verschwendete die Zeit seiner Feldärzte nicht an ohnehin bereits
verurteilte Gefangene. Das einzig Tröstliche, was man jetzt noch
feststellen konnte, war, dass der Tod des Gefangenen spätestens bei
Sonnenuntergang eintreten würde; selbst wenn man ihn zuvor noch an
ein Stück Holz nagelte.
Ein kleiner, stimmloser Teil von Breaca feierte die
beiden Morde, die der Gefangene verübt hatte, und suchte zugleich
nach einem Träumer, der, ebenfalls schweigend, damit beginnen
konnte, jenes Abschiedslied der Seele anzustimmen, das den im Kampf
Gefallenen galt. Doch Graine war die einzige ihrer Träumerinnen,
die zurzeit anwesend war, und gerade jetzt saß sie weder auf
Breacas Schoß noch neben ihr auf der Bank.
Breaca riss ihren Blick von der Bühne los, suchte
nach ihrer Tochter und fand sie schließlich auf Cunomars Knien
sitzend, die kleinen Finger mit Ingrimm um seine Handgelenke
geklammert, ihr Gesicht dicht an dem seinen, während sie leise,
doch eindringlich und in einem steten Strom von Beschwörungen auf
ihn einsprach. Für einen Fremden, vielleicht sogar für ihren
Stiefvater, sah dies ganz nach einer Fortsetzung der geflüsterten
Geheimnisse von vorhin aus. Breaca hingegen erkannte mit Entsetzen,
dass Graine das Einzige war, was Cunomar noch davon abhielt, einen
Mordversuch zu unternehmen und damit einem Schicksal ins Auge zu
blicken, das eins war mit jenem, das den auf der Bühne stehenden
Jugendlichen erwartete - denn es war ein Jugendlicher und kein
erwachsener Mann, und tatsächlich war es sogar ein Jugendlicher mit
kurzem drahtigem Haar, das ganz klebrig war von seinem eigenen Blut
oder vielleicht auch dem anderer; mit brauner Haut, die in der
Sonne nur allzu rasch noch dunkler wurde; mit einer dünnen Narbe
auf seinem linken Arm, die vom Ellenbogen bis zum Handgelenk hinab
verlief, genau dort, wo Cunomar durch Glück einen Schwertstreich
hatte landen können, ehe sein Seelenfreund ausreichend Übung darin
erlangt hatte, sich zu verteidigen.
»Eneit!«
Unbeabsichtigt brach dieser Name förmlich aus
Breaca hervor. Steifnackig und unter Mühen drehte der Jugendliche
den Kopf; noch immer hielt die Wache seinen Schopf gepackt. Mit
seinem noch intakten Auge starrte er Breaca an, und langsam, wie
benommen schien in ihm die Erkenntnis darüber heraufzudämmern, wo
er sich eigentlich gerade befand. Er öffnete den Mund, schloss ihn
dann aber wieder, denn er konnte nicht sprechen. Sein Blick glitt
über die Bankreihen, suchte nach Cunomar und fand ihn schließlich.
Das daraufhin auf seinem Gesicht erscheinende Lächeln war ein sehr
privates, und in ihm lag alles - von der Bitte um Vergebung bis hin
zu dem Jubel eines Kriegers, der das erste Mal in einer Schlacht
getötet hatte. Doch über all diesem lagen Liebe und eine unendliche
Trauer.
Es bestand kein Zweifel, das war Eneit.