XIII
»Was meinst du, kannst du schon stehen?«
»Das hast du mich gestern auch schon gefragt.« Das
sonst blonde Haar des jungen Belgers war über den Winter und ohne
die Sonne, die ihm auf den Schopf schien, recht dunkel geworden.
Seine Haut, die ohnehin sehr hell war, hatte einen geradezu
durchscheinenden Ton angenommen, und bläulich zeichneten sich unter
ihrer weißen und stets von einem dünnen, niemals trocknenden
Schweißfilm überzogenen Oberfläche die Blutgefäße ab. Verborgen vor
den des Kämpfens müden Kriegern von Mona und vom Großen
Versammlungshaus aus nicht zu sehen, lag Bellos auf einer Matte aus
zusammengerolltem und miteinander verwobenem Stroh auf der
Grasfläche zwischen der kleinen Steinhütte und dem in westliche
Richtung daran vorbeifließenden Strom.
Diese Abgeschiedenheit diente allerdings nicht
allein dem Wohle des Jungen. Denn Julius Valerius hatte immerhin
fünfzehn Jahre seines Lebens dem Kampf gegen die Krieger von Mona
gewidmet. Einige ihrer Waffenkameraden und Seelenfreunde hatte er
noch im gerechten Kampf auf dem Schlachtfeld niedergemetzelt;
andere aber hatte er abseits des Kriegsschauplatzes und nach
Gesetzen erhängen lassen, die nur noch nach den Maßstäben der
Invasoren gerecht zu nennen waren. Die Verwundeten unter ihnen
hatte er als Gefangene genommen und sie weder dem sauberen Tod
unter Brigas Schutz übergeben, noch hatte er sie versorgen lassen,
bis sie wieder genesen waren, sondern den Befehl gegeben, sie nur
gerade eben noch am Leben zu erhalten - um sie anschließend den
Inquisitoren der Legionen zu übergeben. Ihre Leichen wurden später
auf den hohen Berggipfeln abgelegt, gemeinsam mit ihren
Traumsymbolen und einigen Stücken ihrer Kleidung, damit ihre
Stammesangehörigen sie trotz ihrer verbrannten, zerfetzten und
abgehäuteten Gesichter und Körper noch erkannten und wussten, wie
sie gestorben waren.
Wenn Valerius irgendetwas bereute, dann tat er es
in den tiefsten Winkeln seines Herzens, wo das helle Strahlen der
Flammen seines Verstandes nicht mehr hinreichte. Doch er war
schließlich weder freiwillig nach Mona gekommen, noch blieb er
freiwillig. Und er unternahm auch keinerlei Anstrengungen, die
eiternde Wunde zu heilen, die seine Anwesenheit unter jenen
bedeutete, die ihren Kampf gegen Rom noch immer fortführten. Luain
mac Calma war der Vorsitzende des Ältestenrats; unter den noch
freien Stämmen galt sein Wort als Gesetz, und allein dieses Wort
garantierte Valerius’ fortgesetzte Sicherheit. Ohne Luains Befehl
aber hätte der einstige Eceni für den Verrat an seinem Volk mit
einem langen, qualvollen Tod büßen müssen, und Bellos wäre mit ihm
gestorben, so viel hatte man ihn bereits unmissverständlich wissen
lassen.
Unter diesen Umständen hätten sie somit unmöglich
gemeinsam mit den anderen Kriegern in dem großen Rundhaus leben
können; mac Calma hätte seine Leute nicht derart beleidigt. Und
überhaupt, in den ersten Tagen hatte Bellos noch zwischen Leben und
Tod geschwebt, hatte Einsamkeit und Frieden gebraucht, die nur ein
zurückgezogenes Leben ihm bieten konnten. Auf mac Calmas Bitte hin
hatte man ihnen also die kleine Steinkate am Rande des Stroms
hergerichtet, und wenn die jungen angehenden Träumer, die sie
gefegt hatten und das Feuer entzündeten und die zerkleinerten
Binsen auf dem Boden verteilten, dies auch mit abgewandtem Blick
getan haben mochten und das Zeichen Nemains machten, als sie
schließlich wieder gingen, so zog Valerius es doch vor, nichts dazu
zu sagen.
Zu diesem Zeitpunkt war er ohnehin noch völlig
arglos gewesen, und ihm war schlecht von der Überfahrt über das
Meer. Zudem hatte sich jener Teil seines Bewusstseins, der noch
nicht von Bellos’ Wohlergehen besessen war, um die rote Stute und
den stämmigen, braunen Wallach gesorgt, die man für den Fall, dass
sie irgendwelche derzeit noch verborgenen Krankheiten auf die
heilige Insel brächten, zur Beobachtung in einen kleinen Pferch
verbannt hatte.
Die Zeit der Wintersonnenwende kam, und kurz danach
schlug Bellos endlich wieder die Augen auf und nahm sowohl Nahrung
als auch Wasser an. Das war einen Tag, bevor ein kleines Mädchen
zufällig auf Valerius stieß, als dieser sich gerade in eine Grube
erleichterte, und ihn dafür verfluchte, in dem Haus einer Träumerin
zu leben. Als er mac Calma diesbezüglich schließlich befragte, fand
Valerius heraus, dass die Steinkate, in der er lebte, tatsächlich
Airmid gehört hatte, und dass die getrockneten Pflanzen und Wurzeln
und Pasten, die zu Bellos’ Genesung verwendet wurden, die ihren
gewesen waren.
Doch zu diesem Zeitpunkt war es bereits zu spät
gewesen, um wieder auszuziehen, und es hätte auch keinen Sinn mehr
gemacht: Die Winterstürme hatten Mona völlig abgeriegelt, und zwar
sowohl vom Festland als auch von Irland, und der Schnee hatte das
Große Versammlungshaus und die Kate voneinander abgeschnitten, so
dass Valerius und Bellos und die Krieger ohnehin ebenso gut auf
verschiedenen Inseln hätten leben können. Die rote Stute war aus
ihrem Quarantänepferch entlassen worden und hatte es sich
angewöhnt, dicht an der Außenwand der Kate zu stehen, den Kopf zur
Tür hereingestreckt und den Blick auf Bellos gerichtet, der auch
sie anschaute. Lange bevor er wieder sprechen konnte, hatte er der
Stute bereits ein Lächeln geschenkt - und schließlich auch
Valerius.
Somit verbrachte Valerius den Winter und die
ersten Monate des Frühlings ausgerechnet in der Hütte jener Frau,
die er zuletzt auf einem Schiff mitten auf der Irischen See gesehen
hatte; eine Frau, die in ihren Träumen so tief mit Nemain verbunden
war, dass sie ihr Heim sogar unmittelbar am Wasser errichtet hatte,
das schließlich dafür bekannt war, die weniger robusten Sterblichen
in den Wahnsinn zu treiben; eine Frau, die das Zeichen des Frosches
- ihr Traumsymbol - in die engen, dunklen Ecken der Hütte geritzt
hatte, wo Valerius sie allerdings erst im Frühling entdeckte, als
er die Dachbedeckung aus Schilfgras entfernte und durch frisches
ersetzte. Was ihn aber schließlich noch stärker beunruhigte als
irgendeines dieser Dinge, war, dass er in dieser Hütte einer
Träumerin und in Hörweite von fließendem Wasser bereits seit einer
Vielzahl von wechselnden Mondzyklen nicht mehr träumte.
Er beschloss, darüber besser nicht nachzudenken,
und vertiefte sich stattdessen in andere Arbeiten. Hilfreicherweise
war Luain mac Calma gleich mit dem ersten Schiff nach den
Äquinoktialstürmen wieder davongesegelt und hatte Valerius mit so
zahlreichen Arbeitsanweisungen zurückgelassen, dass dieser damit
leicht seine Tage ausfüllen konnte. In der Zeit der stetig
zunehmenden Frühlingswärme pflegte Valerius Bellos also, bis dieser
- schleppend - sogar wieder zu sprechen vermochte und schließlich
eine Klarheit des Ausdrucks bewies, die der Junge vor seiner
Verletzung noch nicht hatte erkennen lassen. Mit dem Sprechen war
die Kraft zurückgekehrt, und mit der Kraft, so schloss Valerius,
sollte bald auch die Fähigkeit wiederkehren, sich von seinem Lager
erheben zu können. Und wenn Bellos stehen konnte, konnte er auch
ein Schwert halten. Und damit wäre mac Calmas Anforderungen bereits
Genüge getan.
An dem Tag, an dem Bellos stehen kann, sein
eigenes Schwert hebt und damit zwei deiner Schläge pariert, ohne
die Waffe fallen zu lassen, an dem Tag will ich zustimmen, dass er
geheilt ist und dass du nicht länger an mich gebunden
bist.
Während der Dunkelheit des Winters und der Nächte,
die er wachend damit verbracht hatte, dem fernen Heulen der
Bärensänger in dem Großen Versammlungshaus zu lauschen, hatte
Valerius sich im Geiste immer wieder jenen Moment ausgemalt, in dem
Bellos endlich wieder stehen und ein Schwert halten konnte und zwei
seiner Schläge parierte. Oder auch nur einen. Einer würde ja schon
reichen.
Valerius kniete sich neben die Strohmatte. Die
Sonne war noch immer schwach, und die Schatten, die sie warf, waren
noch nicht wirklich schwarz. Bellos lag dort mit dem Kopf auf eine
leicht aufwärts gerichtete Schräge gebettet - mac Calma hatte
darauf bestanden -, um das Blut daran zu hindern, den Riss in
seinem gebrochenen Schädel zu füllen. Valerius tauchte einen Strang
noch unverarbeiteter Wolle in einen Eimer mit Wasser und wischte
dem Jungen den Schweiß vom Gesicht. Augen in der Farbe von
Kornblumen blickten blinzelnd zu ihm auf. Bellos lächelte schwach.
»Was passiert, wenn ich nicht versuche, aufzustehen?«
Valerius ließ sich auf die Fersen zurücksinken.
»Wenn du es noch nicht einmal versuchen kannst, dann entzünde ich
das Feuer und koche das Wasser für den Wermutsud.«
Die großen Augen weiteten sich noch mehr. »Schon
wieder? Ich dachte, wir wären damit durch.«
»Nein. Gemäß mac Calmas Anweisungen muss er die
ersten neun Tage nach jedem Neumond eingenommen werden, bis du
wieder stehen kannst. Gestern war der Tag des alten Mondes. Heute
haben wir Neumond.«
»Und wenn ich doch versuche zu stehen?«
»Wenn du dich mehr als eine Handbreit vom Boden
erheben kannst, brauchen wir den Wermut nicht mehr, sondern können
zu Eisenkraut und Ackerklee überwechseln.« Er grinste aufmunternd.
»Das schmeckt dann nur noch nach Hundeurin - nicht mehr wie der
verfaulte Dung eines brünstigen Dachses, gewürzt mit verdorbenen
Schalentieren, so wie der Wermut.«
»Ich danke dir vielmals.« Bellos’ Augen fielen
langsam wieder zu. Seine Kraft war noch begrenzt, und das Sprechen
erschöpfte ihn. Dann, ohne die Augen wieder zu öffnen, sagte er:
»Weißt du, ich möchte wirklich gerne mal wieder auf echtem Gras
mein Wasser lassen, und nicht in einen Becher, den ein anderer Mann
mir hält. Meinst du, das wäre ein sinnvolles Ziel, das wir uns
einmal vornehmen könnten? Ich weiß, das ist nicht das Gleiche, als
wenn ich mit meiner Waffe den Hieb deiner Schwertklinge parieren
könnte, aber es wäre schon mal ein guter Anfang.«
Das war sogar ein sehr guter Anfang, und schon bald
hielt Valerius ihn an der Schulter, um zu verhindern, dass er
vornüberkippte, und Bellos erleichterte sich auf ein Stück guten,
alten Moorboden. Zwar war das nüchtern betrachtet nur ein kleiner
Erfolg, für Valerius und Bellos aber war er mehr wert als der Sieg
über eine ganze Legion. Später an diesem Abend, Bellos saß gegen
einen Sack getrockneten Mooses gestützt, verbrannten sie feierlich
die letzten Reste von mac Calmas getrocknetem Wermutkraut.
»Du hättest Träumer werden sollen, Julius
Valerius, und kein Menschenschlächter.«
Es war Bellos, der dies verkündete, als er eines
Abends im Frühling auf seinem kühlen Aussichtsplatz vor dem Haus
saß. Er konnte sich nun schon ohne Unterbrechung einen halben Tag
lang aufrecht halten und besaß genug Kraft, um seine Meinung
kundzutun und selbstständig Wasser zu lassen. Seine Haut schien
nicht mehr ganz so dünn und durchscheinend und hatte eine
kräftigere Farbe angenommen, so dass seine Adern keine Muster mehr
auf seine Schläfen zeichneten und nicht mehr zu pulsieren begannen,
sobald er sprach. Noch vor seinen Beinen hatten seine Arme wieder
an Kraft gewonnen, und für beides hatte Valerius Bellos einige
Übungen aufgegeben. Er hatte ihm Rohlederstreifen gereicht, die
Bellos zur Kräftigung und Ertüchtigung seiner Finger in Zöpfe
flechten sollte, und, als eine etwas leichtere Übung, eine mit
Stroh gefüllte Keilerblase, die er mit den Füßen vom Boden heben
musste.
Als Bellos nach einigen Tagen bewiesen hatte, dass
er die Blase zwischen seine Fußknöchel geklemmt vom Boden heben und
sie so lange in der Luft halten konnte, bis er bis zwanzig gezählt
hatte, nahm Valerius ihm die Blase wieder weg und füllte sie mit
dem grobkörnigen Sand vom Ufer der Meerenge, ganz in der Nähe von
jener Stelle, wo die Fähre auf ihren dreimal täglich stattfindenden
Überfahrten zum Festland an- und wieder ablegte. Valerius kehrte
gerade eben wieder zurück und jonglierte mit der Blase und einem
Strang Seetang, der, über Rauch getrocknet und fein zermahlen,
helfen würde, die Koliken der roten Stute zu lindern, als Bellos
ihm seine Einschätzung offenbarte. Valerius warf dem Jungen die
Blase zu, erwiderte jedoch nichts.
Das war ein Wurf, der nicht allzu leicht zu fangen
war. Bellos packte die Blase, schwankte allerdings ein wenig unter
ihrem Gewicht und balancierte sie schließlich, ohne hinzuschauen,
auf den Fußspitzen; seine ganze Aufmerksamkeit war auf Valerius
gerichtet. »Ich meine es ernst«, sagte er. »Träumer sind Heiler,
und du hast die Gabe dazu. Meine Mutter beherrschte das fast ebenso
gut wie du - das heißt, ehe die Sklavenhändler sie gefangen nahmen
-, und vor ihr der Großvater meines Vaters, aber ansonsten habe ich
nur noch wenige andere von dieser Art kennen gelernt.«
Valerius konzentrierte sich ganz darauf, den
Seetang in klarem Wasser auszuspülen. Ohne aufzuschauen entgegnete
er freundlich: »In den Armenvierteln von Gesoriacum waren sie wohl
auch nicht allzu häufig anzutreffen. Ich kann mir nur schwer
vorstellen, dass ein Heiler freiwillig seine Zeit in Fortunatus’
Hurenhaus verbringen würde.«
Es war ein Zeichen ihrer gegenseitigen Annäherung,
dass Bellos nun von seiner Familie erzählte, wie er sie aus den
wenigen Jahren vor seiner Gefangennahme in Erinnerung hatte, und
dass Valerius Scherze über die schmutzige, von Läusen verseuchte
Taverne machen konnte, aus der er den nicht minder schmutzigen
belgischen Bengel freigekauft hatte, der ihm damals als
nachmittägliche Unterhaltung angeboten worden war.
Bellos grinste und schlang die geflochtene Kordel
zu einem Pferdehalfter zusammen. Seine Hände bewegten sich in
geübten, fließenden Bewegungen, als ob sie schon immer Lederkordeln
angefertigt hätten, und verliehen ihnen zudem auch noch ein so
schönes Muster, wie es sonst kaum jemand zu flechten
vermochte.
Nach einer Weile bemerkte Bellos wie beiläufig:
»Mein Vater sagte immer, ich würde einmal einen guten Töpfer
abgeben. Das war sein Handwerk, und er erwartete, dass seine Söhne
in seine Fußstapfen treten würden. Wenn du bei deinen Leuten
geblieben wärst, wärst du dann Schmied geworden oder Heiler, was
meinst du?«
»Ich war dabei, zum Krieger ausgebildet zu werden.
Dafür sollte meine Schwester die Träumerin von uns beiden werden,
und womöglich hielt sie sich sogar bereits dafür.«
»Aber du hast das anders gesehen?«
Valerius blickte auf. Sie sprachen nicht oft über
seine Schwester. Und in Valerius’ Augen erschien ein Blitzen, das
andeutete, wie gefährlich dieser Vorstoß war, wie dicht sie sich
gerade jenem Gebiet angenähert hatten, das noch nicht einmal Bellos
betreten durfte. »Als sie zwölf war, tötete sie einen bewaffneten
Krieger mit einem einzigen Wurf eines Jagdspeers«, antwortete
Valerius. »Sie erwachte jäh aus tiefem Schlaf und hatte keinerlei
Schild oder Zeit, ihr Vorgehen zu planen. Nein, ich habe nie
geglaubt, dass sie einmal irgendetwas anderes werden würde als eine
Kriegerin.«
»Dann hast du also Recht behalten.«
»Ja.«
»Und war das der Grund, weshalb auch du schließlich
das Schwert ergriffen hast?«
Valerius zog den tropfenden Seetang aus dem Fluss
und lehnte sich auf die Fersen zurück. Sein Gesicht wirkte
entspannt und sein Lächeln sanft. Nur seine Augenlider hatten sich
ein wenig tiefer hinabgesenkt als sonst, ganz so, als ob sich Dinge
hinter ihnen verbargen, die sie lieber nicht zeigen wollten.
»Nein«, erwiderte er. »Das habe ich getan, weil Rom mich dafür
bezahlte. Als ich ein Sklave war, ist nämlich niemand gekommen, um
mich aus Amminios’ Haushalt freizukaufen. Mich der Hilfstruppe
anzuschließen, war also die einzige Möglichkeit, die mir noch
blieb.«
Bellos bemerkte die ersten Anzeichen der Warnung,
entschied aber, sie zu ignorieren. Er war schon einmal zuvor so
weit gekommen und war dann doch wieder zurückgeschreckt. In dem
deutlichen Bewusstsein dessen, was er tat, sagte er nun: »Corvus
hätte dich aber schon gekauft, glaube ich.«
Die Augen unter schweren Lidern verloren jeglichen
Ausdruck. Das Lächeln war nur noch ein Reflex, höflich, doch
distanziert. »Schon möglich, aber ich wollte mich nicht von Corvus
kaufen lassen.«
»Warum nicht, wenn du ihn doch liebtest?«
Bellos’ letzte Worte trafen auf Schweigen. Von dem
Augenblick an, als Bellos und Valerius sich in dem Hurenhaus das
erste Mal begegnet waren, hatten Valerius’ Schnelligkeit und
Leichtfüßigkeit den Jungen in Erstaunen versetzt. Und urplötzlich
musste er nun, in der Frühlingssonne auf Mona, feststellen, dass er
wieder allein war. Manchmal vergaß er ganz einfach die Tiefe des
Schmerzes in jenem anderen Mann, die Ozeane des Zorns, die diesen
Schmerz überschwemmten. Im Geiste schüttelte Bellos sowohl über
sich selbst als auch über die zuschauenden Götter den Kopf und
blickte sich dann nach dem Zaunkönig um, der es sich angewöhnt
hatte, ihn zu besuchen. Der Vogel kam täglich. Allerdings nur, wenn
Bellos allein war. Dann jedoch setzte er sich fast auf dessen Hand.
Nun, da Bellos wieder ganz allein war und dies für eine Weile
wahrscheinlich auch erst einmal bleiben würde, pfiff er kurz,
langte nach einem Haferkuchen, den er extra für diesen Zweck
aufgehoben hatte, und krümelte kleine Bröckchen davon an das
Flussufer.
Die Unterhaltung wurde mit keinem Wort
fortgesetzt, bis Valerius zwei Tage später aus dem hinteren Teil
der Kate mit zwei zusammengerollten Ziegenhäuten auftauchte. Direkt
vor Bellos, der sie mit augenscheinlicher Neugier betrachtete,
breitete Valerius die eine quer über die andere gelegt auf dem Gras
aus.
»Was ist da drin? Krücken?«
»Nein. Die Krücken können wir, denke ich,
weglassen.« Valerius packte das Endstück einer der Häute und rollte
sie auseinander. Metall schlug auf Metall, als zwei Klingen
hinausfielen und auf das Gras schlitterten.
Auf Bellos’ Gesicht zeichnete sich das gleiche
Wechselspiel von Emotionen ab wie an jenem Tag, als man ihn bat,
den Wermutsud zu trinken. »Was ist das?«
»Das sind Übungsschwerter. Wonach sehen sie denn
sonst aus?« Valerius grinste. »Dein Vater sagte, du würdest einen
guten Töpfer abgeben. Ich aber denke, du wärst ein Krieger
geworden, hätte man dir nur die Möglichkeit dazu gegeben. Gegen
Ende des kommenden Mondes wird Luain mac Calma wieder zurück sein.
Er sagte, wenn du stehend zwei meiner Schwertstreiche abwehren
könntest, stände es uns frei, wieder nach Hibernia zurückzukehren.
Ich dachte mir aber, es wäre doch schön, wenn wir ihm noch ein
bisschen mehr zeigen könnten als bloß zwei Schläge.«
»Dann willst du also einen Krieger aus mir machen?«
Bellos lachte. Der Zaunkönig, der sich gerade an den Krumen auf
einem Stein gütlich getan hatte, flatterte mit warnendem Zirpen
davon. »Julius, das kann nicht dein Ernst sein!«
»Warum denn nicht?«
»Weil ich eine panische Angst vor jeder Art von
Kampf habe. Ich habe doch hinter dir auf dem Pferd gesessen, als du
in Gesoriacum die Römer getötet hast, und ich habe in meinem ganzen
Leben noch nie eine solche Angst gehabt. Wäre Fortunatus in dem
Augenblick wie Neptun aus dem Meer gestiegen und hätte mir
angeboten, mich wieder mit zurück in die Taverne zu nehmen, wo er
mich für den Rest meines Lebens täglich verprügeln würde, dann
hätte ich ihm dafür sogar noch gedankt.«
»Wirklich? Hinterher aber nicht mehr, bestimmt
nicht. Der Mann war doch abscheulich. Doch wie auch immer, Angst
ist stets genau der richtige Ausgangspunkt. Wenn du auf ein
Schlachtfeld marschierst und dein Herz steckt dir vor lauter Angst
nicht sprichwörtlich in der Kehle, dann bist du tot, noch ehe du
überhaupt Zeit hast, deinen Fehler zu bemerken.«
Bellos schüttelte den Kopf. »Ich habe doch gesehen,
wie du gekämpft hast, Valerius. Ich hatte die Arme um deine Taille
geschlungen. Ich konnte jeden einzelnen deiner Herzschläge spüren.
Du warst verzweifelt. Du warst von einem tödlichen Zorn erfüllt.
Und gegen Ende, am Meeresufer, machtest du dir Sorgen um das
Schiff, denn du wusstest nicht, wohin es uns führen würde. Aber
nie, nicht einen einzigen Augenblick, hattest du Angst.«
Valerius zuckte mit den Schultern. »Manchmal
überdeckt der Zorn bloß die Angst. Und wenn man keine andere Wahl
hat, ist das sogar ganz nützlich. Hier - jetzt nimm das, und bis
zum Vollmond üben wir mit dir im Sitzen. Danach werden wir mal
sehen, ob wir dich nicht dazu bringen können, aufzustehen.«
»Ich bin kein Krieger. Und du wirst auch keinen
aus mir machen können.« Bellos saß auf dem dreibeinigen Schemel und
fuhr sich keuchend und mit zitternder Hand durch sein vom Schweiß
dunkel gefärbtes Haar. Über die gesamte Länge seines Unterarms
verlief eine klaffende Wunde, und seine Schultern waren schwärzlich
verfärbt vor lauter alten Prellungen, von denen einige an den
Rändern bereits ins Grünliche übergingen. »Warum können wir nicht
wie die Kinder mit hölzernen Knütteln üben? Hat mac Calma denn
gesagt, dass es ein echtes Schwert sein müsste?«
»In der Tat, das hat er gesagt. Und überhaupt,
selbst Kinder üben nicht mit Knütteln, sofern sie ihre erste
richtige Schlacht überleben wollen. Krieger, die mit Holzwaffen
üben, sterben im Kampf nämlich gleich nach denen, die meinen, sie
wären zu groß, um Angst zu haben. Das Holz lehrt einen nicht jene
Reflexe, die man braucht, um es mit Eisen aufnehmen zu
können.«
»Aber ich werde es ja auch nicht mit Eisen
aufnehmen, von deinem einmal abgesehen. Zudem wirst du mich ohnehin
gewinnen lassen, damit wir wieder nach Hause zurückkehren können.
Gerade du wirst doch nicht versuchen, mich zu töten. Das Ganze ist
also sinnlos.« Bellos schleuderte seine Waffe zu Boden. Klirrend
schlug sie gegen einen Felsen. »Im Sitzen kann ich schon zwei
deiner Schläge abwehren. Das reicht. Jetzt muss ich nur noch
aufrecht stehen können, und du darfst nicht so... Julius? Hörst du
mir zu? Ich sagte, ich muss jetzt nur noch stehen können, dann
können wir...«
Er verstummte. Leider war es Bellos bereits viel zu
sehr zur Gewohnheit geworden, in die leere Luft zu sprechen,
besonders, wenn diese Luft erfüllt war von einem lebenden Mann,
oder, genauer gesagt, dem Abbild jenes Mannes, dessen
Aufmerksamkeit sich gerne auf etwas ganz anderes richtete. Bellos
ließ den Blick in jene Richtung schweifen, in die auch Valerius
starrte, und sah, wie auf dem Pfad hinter dem Großen
Versammlungshaus mit den gemessenen Schritten einer
Trauergesellschaft eine Abordnung von Träumern entlangwanderte, in
ihrer Mitte eine von Hand getragene Totenbahre. Von dem Leichnam,
der darauf lag, konnte man nichts erkennen, nur die Farbe des
Haares, die von dem Kupferrot eines Fuchses im Winter war. Die
Träumer wurden angeführt von einem Mann, der nicht Luain mac Calma
war, in dessen Haltung sich aber die gleiche Autorität
ausdrückte.
Mit einer Stimme bar jeder Empfindungen flüsterte
Valerius einen Namen - »Efnís« - und war gleich darauf
verschwunden.
Es war noch nicht Vollmond, und der Tag war noch
jung und warm. Bellos, den man wegen eines Mannes verlassen hatte,
der offenbar größeres Interesse hervorzurufen vermochte, machte
sich also daran, aus eigener Kraft die letzte von mac Calmas
Bedingungen zu erfüllen.
Als Valerius zurückkehrte, lag Bellos neben dem
Strom, den Kopf hügelaufwärts gebettet, so wie es mac Calma
befohlen hatte. Wie mac Calma aber nachdrücklich nicht befohlen
hatte, lag der Kopf des Jungen auf einer Kante des Zaunkönigsteins;
allmählich gerinnendes Blut verklebte sein Haar zu einem dunklen
Durcheinander, und ein bisschen davon tropfte sogar auf den Boden
hinab.
»Bellos...«
»Ich weiß. Brüll mich nicht an. Ich habe
Kopfschmerzen.« Zu plötzlich und zu weit öffnete Bellos beide
Augen. »War das deine Schwester auf der Bahre?«
»Was? Nein, das war eine Träumerin, die versucht
hatte, in die Festung der Zwanzigsten Legion einzudringen. Drei
Tage lang hatten die Inquisitoren sie in ihrer Gewalt. Der Legat
hatte schließlich befohlen, das, was von ihrem Körper noch übrig
war, in Sichtweite der Fähre zu deponieren. Aber was hast
du...«
»Und ist der Träumer, Efnís, nun wieder dein
Freund?«
»Nein. Er hasst mich. Wenn wir nicht unter mac
Calmas Schutz stünden, würde er uns das Gleiche antun, was Rom
gerade mit der Träumerin angestellt hat. Und das weißt du. Ist etwa
Efnís der Grund, weshalb du...«
»Nein. Ich wollte nur mal wieder wissen, wie die
Welt für einen aussieht, wenn man aufrecht steht. Das ist schon so
lange her, dass ich es ganz vergessen habe.« Bellos’ Grinsen war
nur noch ein Schatten seiner morgendlichen Fröhlichkeit. »Oder wenn
du dich gerne in Selbstbeschuldigungen suhlen willst, dann könnten
wir auch sagen, dass es allein deine Schuld ist, weil du wolltest,
dass ich wieder aufrecht stehe und kämpfe. Also, wenn man uns
beiden nun schon gleichermaßen die Schuld geben muss, brauchen wir
uns darüber wenigstens nicht mehr zu streiten. Aber könntest du
mich vielleicht bald mal aus der Sonne herausschaffen, was meinst
du? Sie ist zu stark und tut mir in den Augen weh. Ich kann dich
nicht richtig sehen.«
Sein Kopf fiel zur Seite, und nun wurde deutlich,
dass er weinte; zarte, nur ganz langsam kullernde Tränen hatten
bereits eine Spur auf seinen Wangen hinterlassen. Sein Blick, mit
dem er eindeutig Valerius ansehen wollte, fixierte stattdessen die
schmucklose Seitenwand von Airmids Kate.
»Große Götter, Bellos...« Valerius kniete sich
nieder. Er bewegte eine Hand vor den glänzenden, zu weit
aufgerissenen Augen des Jungen hin und her. Als Bellos nicht
reagierte, neigte Valerius den Kopf, so dass er dem Jungen direkt
in die Augen blicken konnte. »Bellos? Kannst du mich sehen?«
In jenem winzigen Augenblick, in dem eigentlich die
Antwort hätte erklingen sollen, verlor die Welt urplötzlich all
ihre Wärme. Valerius spürte die rasche Woge der Übelkeit, die auch
früher stets in ihm aufgestiegen war, wenn Corvus verwundet worden
war. »Oh, große Götter«, murmelte er abermals. »Bellos, es tut mir
so Leid.«
»Nicht.« Eine blasse Hand tastete nach der von
Valerius und drückte sie tröstend; ganz so, als ob Valerius und
nicht der Junge verletzt wäre. »Bring mich einfach nur nach drinnen
und gib mir den Wermut oder was für unaussprechliche Gebräue dein
irischer Heiler sonst noch zurückgelassen haben mag, und dann wird
alles wieder gut.« Dieses Mal wirkte Bellos’ Grinsen schon etwas
zuversichtlicher. »Ich hatte schließlich den ganzen Nachmittag
Zeit, darüber nachzudenken. Luain mac Calma spricht mit den
Göttern, wie der Rest von uns mit seinen Pferden spricht. Sie
erzählen ihm alles, was gerade in der Welt passiert oder noch
passieren könnte. Er müsste so was also vorausgesehen haben.
Bestimmt wird er irgendetwas zurückgelassen haben, das dagegen
wirkt.«
Luain mac Calma mochte sich zwar täglich mit den
Göttern besprochen haben, aber weder sahen diese tatsächlich alle
Entwicklungen voraus, noch berichteten sie ihm von allem, was sie
sahen. Unter den zahlreichen mit Wachs verschlossenen Flaschen und
Bechergläsern seiner Apotheke gab es somit also nichts, was die
Fähigkeit besessen hätte, dem plötzlich Erblindeten sein Augenlicht
zurückzugeben.
Valerius wusste das, und trotzdem machte er sich
auf die Suche, einfach deshalb, weil dies von ihm erwartet wurde
und weil es Hoffnung vermittelte, was sehr wichtig war. Und aus
genau diesem Grunde nahm er schließlich ein halbes Maß getrocknetes
und zermahlenes Labkraut, obwohl dieses Mittel eigentlich nur bei
einer Augenentzündung wirkte, nicht bei einer echten Erblindung,
und vermischte es mit den Wurzeln der Schwarzrübe und Galle, um ihm
einen unangenehmen Geschmack zu verleihen und damit wiederum den
Geschmack des ebenfalls enthaltenen Wermuts und des Mohnextrakts zu
überdecken; Letztere würden Bellos wenigstens einen ungestörten
Schlaf schenken.
Doch er errang nur einen Teilerfolg; Bellos trank,
wie es von ihm erwartet wurde, doch in der Zeit des Wartens, ehe
sich der Schlaf einstellte und während Valerius kleine Strünke
angefeuchteter Wolle auf Bellos’ Haar legte, um das Blut daraus
herauszuziehen, sagte der Junge mit matter Stimme: »Wenn mac Calma
nichts dagegen zurückgelassen hat, haben wir beide wohl erst recht
keine Handhabe dagegen, nicht wahr?« Als Valerius nichts erwiderte,
fuhr Bellos fort: »Vielleicht könntest du das nächste Mal ein wenig
mehr von dem Mohn untermischen? Als ein Junge, der seine Beine
nicht mehr richtig benutzen kann, könnte ich das Leben ja noch
ertragen. Aber ich bin mir ganz und gar nicht sicher, ob ich es als
ein Mann erleben möchte, der sowohl verkrüppelt ist als auch noch
blind.«
Sie befanden sich in der Hütte einer Träumerin, wo,
mehr als irgendwo sonst, Worte ihre ganz eigene Macht besaßen. Mit
der linken Hand machte Valerius das Zeichen zur Abwehr alles Bösen.
»Sag so etwas nicht. Du bist gefallen und hast dir den Kopf
gestoßen, und jetzt blutet es sowohl innerhalb des Schädelknochens
als auch außerhalb. Aber wenn die Blutung aufhört, kannst du auch
wieder sehen.«
»Und dann wird auch der Schmerz in meinem Kopf
weniger? Ich hoffe es. Aber du hättest so oder so mehr Opium
beimischen sollen. Das reichte noch nicht, um über all dies einen
Schleier zu ziehen.«
Doch Bellos hatte Unrecht: Das Mohnextrakt reichte
aus, um ihm einen traumlosen Schlaf zu schenken; und er hatte
zugleich Recht: Am Morgen hatte der Schmerz in seinem Kopf
keineswegs nachgelassen, und er war noch immer blind.
»Wir brauchen mac Calma.«
Da der Junge es nicht sagen wollte, war Valerius es
schließlich, der dies aussprach. Er hatte Bellos zur Abortgrube
getragen, damit dieser sich dort erleichtern konnte, hatte ihn
gefüttert und gewaschen, und ihrer beider Leben war wieder genauso,
wie es am Anfang von Bellos’ Genesung ausgesehen hatte,
ausgenommen, dass Bellos diesmal wach und rege war und - wenn er
nicht von dem pochenden Schmerz im Inneren seines Kopfes förmlich
erdrückt wurde - klar denken und sprechen konnte. Nun sagte er:
»Genauso dringend brauchen wir Schnee mitten im Sommer. Und wenn
ich nicht mehr Zeit verloren habe, als ich mich entsinnen kann, ist
mit der Rückkehr unseres von den Göttern geliebten Träumers nicht
vor dem Ende des kommenden Monats zu rechnen.«
»Vielleicht, aber wir können ihn ja rufen, oder
vielmehr Efnís kann das. In mac Calmas Abwesenheit ist er der
Vorsitzende des Ältestenrats von Mona - es muss stets einer auf der
Insel bleiben, der diese Würde trägt, um den Traum der Ahnen in
sich zu bewahren. Und wenn die Not groß genug ist, gibt es Wege,
auf denen ein Träumer dem anderen etwas mitteilen kann.«
Bellos starrte mit trockenen Augen in jene
Richtung, von der er annahm, dass Valerius dort stünde. »Dir
zuliebe wird Efnís mac Calma aber nicht rufen.«
»Nein. Aber vielleicht tut er es dir zuliebe. Ich
kann ihn ja mal fragen. Mehr als ›nein‹ sagen kann er schließlich
nicht.«