Anmerkung der Autorin
Diejenigen, die noch aus der Schule etwas über
die Bodicea in Erinnerung haben oder auch durch die
geschichtswissenschaftlichen Dokumentationen in den neuen Medien,
werden sich wohl erinnern, dass die Bodicea ausgepeitscht wurde und
ihre Töchter vergewaltigt und dass genau dies jener Funke gewesen
sein soll, der schließlich die Feuer ihres Aufstands gegen die
römische Besatzung entfachte. Das verleiht der Geschichte einen
romantischen Unterton und lieferte unseren viktorianischen
Vorfahren eine plausible Entschuldigung dafür, wie und warum jemals
eine Frau die Möglichkeiten bekommen und das Geschick besessen
haben sollte, ein bewaffnetes Kriegsheer in eine ganze Reihe
erfolgreicher militärischer Kampfhandlungen zu führen; als die
»geschändete Mutter«, die kämpfte, um die an ihren Töchtern
begangenen Verbrechen zu rächen, erregte sie selbst im
viktorianischen Zeitalter keinerlei Empörung.
Genau genommen waren die Abscheulichkeiten, die
nach Prasutagos’ Tod und im Namen der römischen Machthaber begangen
wurden, allerdings eher das Ende einer sich fortwährend
verstärkenden Unterdrückung. Außerdem, so denke ich, ist es
wahrscheinlicher, dass diese Taten vielmehr die ersten
Vergeltungsmaßnahmen für jene Aufwiegeleien waren, die
unterschwellig bereits eingesetzt hatten, denn deren Auslöser. Den
Beginn dieses Aufstands können wir zwar nicht genau datieren, doch
er geschah zu jener Zeit, als Suetonius Paulinus gerade zum Angriff
auf die Druideninsel von Mona ansetzte (nun bekannt als Anglesey,
eine Insel an der Nordwestküste von Wales), und wir dürfen davon
ausgehen, dass Paulinus bereits zu einem recht frühen Zeitpunkt in
der Kampfsaison angriff, einfach, um Zeit genug zu haben, seine
militärischen Unternehmungen noch vor dem Herbst wieder
abzuschließen. Ferner wissen wir von Tacitus, dass die Stämme »...
die Aussaat des Getreides vernachlässigten, weil Menschen allen
Alters in den Krieg zogen...«, woraus wir schließen dürfen, dass
die Revolte sich während der Zeit der Frühlingsaussaat ereignete -
kurz nach dem auf den Winter einsetzenden Tauwetter.
Wenn wir diese Tatsachen zusammenfügen, ergibt
sich ein Aufstand im Frühling, in dem eine Anzahl von ansehnlich
bewaffneten Stammeskriegern mindestens zwei gut geplante Angriffe
geführt haben, welche geschickt jenen Umstand ausnutzten, dass der
Gouverneur derzeit ganz von seinen Vorhaben im Westen des Landes in
Anspruch genommen wurde. Es scheint mir unwahrscheinlich, dass, wer
auch immer die Eceni anführte, aus einem besiegten und entwaffneten
Volk wieder ein Kriegsheer aufgestellt haben soll, ohne dass dieser
Aufstellung ein gewisses Maß an Vorbereitung vorausging, und ich
denke, dass es zudem einige Informanten gegeben haben musste und
dass angesichts der Beschränkungen durch den Winter diese
Vorbereitungen mindestens bereits im vorausgegangenen Herbst
eingesetzt haben mussten.
Nimmt man all dies als gegeben an, dann dürfte
Prasutagos’ Tod - obwohl auch dieses genaue Datum nicht bekannt ist
- sich in etwa gegen Ende der Vorbereitungen auf den Krieg ereignet
haben.
Tacitus’ beredte Beschreibung der Verbrechen an
den Stämmen der Eingeborenen durch die römischen Kolonisatoren von
Camulodunum gibt ein wahrhaft eindrucksvolles Zeugnis ab. Und
bündig fasst ein einziger Absatz jene Umstände zusammen, die
schließlich zum Kriege führten:
Der Hass [der rebellierenden Stämme] richtete
sich in der Hauptsache gegen die Veteranen. Denn diese neuen
Siedler in der Kolonie von Camulodunum trieben die Menschen aus
ihren Häusern, jagten sie von ihren Höfen und nannten sie Gefangene
und Sklaven. Die Veteranen wurden in ihrer Zügellosigkeit auch noch
ermutigt von den Soldaten, die ein ähnliches Leben führten und sich
ähnliche Freiheiten erhofften. Außerdem hatten die Eingeborenen
stetig den zu Ehren des Göttlichen Claudius errichteten Tempel vor
Augen, ein Bollwerk, so scheint es, der immerwährenden
Tyrannei.
Die Trinovanter in Camulodunum wurden also
genauso behandelt, wie überhaupt alle Eingeborenen von den
Besatzungsmächten behandelt wurden: voller Geringschätzung und
unter nur geringer Beachtung der Gesetze. Zudem erfahren wir von
Suetonius aus seinem Werk Das Leben der Cäsaren, dass Nero -
ein lasterhafter Verschwender selbst nach kaiserlich-römischen
Maßstäben - durchaus bereits darüber nachgedacht haben soll, seine
Truppen aus Britannien wieder abzuziehen. Das allein dürfte zwar
noch kein allzu großes Entsetzen ausgelöst haben, würde uns nicht
Dio Cassius zudem verraten, dass der kaiserliche Ratgeber
Seneca
...in der Hoffnung, einen guten Zinsertrag zu
erzielen, den Inselbewohnern 40 000 Sesterzen geliehen hatte,
obwohl diese die gar nicht haben wollten, und sein Darlehen dann
später auch noch komplett auf einmal samt Zinsen wieder
zurückforderte und dabei auf strenge Maßnahmen zurückgriff, um
seine Forderungen durchzusetzen.
Die Stämme des Ostens standen demnach also unter
einem enormen sozialen und politischen Druck. Man kann sich
unschwer vorstellen, wie jede neue Demütigung sie nur noch näher an
den Rand eines Krieges trieb und dass die Eceni ein äußerst günstig
gelegenes Gebiet bewohnten, um schließlich jenen Aufstand zu
entfesseln. Sie hatten bereits an der verhältnismäßig erfolgreichen
Rebellion im Jahre 47 nach Christi Geburt teilgenommen und standen
zudem nicht unmittelbar unter der Fuchtel der Veteranen von
Camulodunum, so wie es ihren Nachbarn, den Trinovantern, erging.
Dennoch war der König der Eceni, Prasutagos, bloß ein
Vasallenkönig, eingesetzt von Claudius, und wurde wahrscheinlich
als treuer römischer Untertan betrachtet, dem kaum ein Aufbegehren
zuzutrauen wäre.
Wir wissen von Prasutagos nur wenig mehr, als
dass er »Berühmtheit wegen seines beständigen Wohlstands« erlangte
und starb, nachdem er eines der unglückseligsten Testamente der
gesamten Geschichte verfasst hatte, in dem er nämlich neben dem
Kaiser als Miterben seine beiden Töchter einsetzte.
Man kann sich kaum vorstellen, warum er dies wohl
getan haben könnte. Die Möglichkeiten reichen von der Vermutung,
dass er eine Urkunde unterzeichnet haben soll, die er nicht lesen
konnte, bis zu der Annahme, dass er ein Dokument unterschrieb, bei
dessen Abfassung er nur wenig Mitspracherechte hatte; also ganz
nach der Art von »unterzeichne dies, und wir wollen uns unter
Umständen daran halten; oder unterzeichne es nicht, dann werden wir
später ohnehin alles an uns nehmen«.
Die Frage, inwieweit Frauen damals bereits
erbberechtigt waren, ist an dieser Stelle ungeklärt. Cicero
berichtet, dass die »Lex Vocania« es generell jedem »der in ihr
Aufgeführten« verbot, als seinen Erben eine Frau einzusetzen. Diese
Vorgabe wurde dann von Augustus modifiziert, der bestimmte, dass
fortan auch Frauen erben dürften, sofern sie römische
Staatsbürgerinnen wären und mindestens drei Kinder geboren hätten;
oder frei geborene Latinerinnen wären und vier Kindern das Leben
geschenkt hätten; oder aber zwar keine Bürgerinnen der Staaten Roms
wären, jedoch bereits fünf Kinder hätten. Das bedeutete, dass
Mädchen, die zu jung waren, um ein Kind zu empfangen, oder die
entweder nicht geheiratet oder einfach keine Nachkommen hatten,
nicht erben durften.
Und das führt uns wiederum zu Prasutagos’
Töchtern, von denen nichts bekannt ist, außer dass sie von den
Zenturionen, die ausgeschickt wurden, um Prasutagos’ gesamten
Nachlass zu beschlagnahmen, »geschändet« worden seien, während zur
gleichen Zeit ihre Mutter, die Bodicea, »gegeißelt« wurde.
An dieser Stelle ist Tacitus zwar unsere einzige
Quelle, aus der aber wiederum fast unwiderlegbar hervorgeht, dass
es keine anderen Mädchen als die Töchter des Königs gewesen wären,
die vergewaltigt wurden, und keine Geringere als seine Ehefrau, die
man auspeitschte. Man fragt sich - zumindest frage ich mich das -,
warum eine Gruppe bewaffneter Männer, die schließlich nichts zu
verlieren hatten, nicht einfach beschlossen, auch die Ehefrau des
Königs zu vergewaltigen, sondern vielmehr trotz ihres Blutrauschs
irgendwann innehielten und eine Auspeitschung anberaumten - die
wohl kaum das spontanste aller denkbaren Ereignisse gewesen sein
dürfte -, und selbst im Anschluss daran noch immer nicht auch die
Bodicea vergewaltigten, geschweige denn die gesamte Familie einfach
abschlachteten.
An diesem Punkt scheinen nun zwei Dinge von
Bedeutung zu sein, und beide gehören zu den weniger beachteten
Eigenarten des römischen Gesetzes. In einem weiteren Bericht von
Tacitus findet sich nämlich eine lebendige Schilderung jener
Racheakte, unter denen die Familie des Verräters Seianus rund ein
halbes Jahrhundert vor dem Aufstand der Bodicea unter Tiberius zu
leiden hatte. In diesem Bericht erfahren wir von der kleinen
Tochter von Seianus, die zu ihrer Hinrichtung geschleift wurde und
damals noch eindeutig zu jung gewesen sein soll, um überhaupt zu
verstehen, was dort gerade vor sich ging beziehungsweise warum.
»Die Geschichtsschreiber jener Zeit berichten uns, dass der
Scharfrichter das Mädchen - weil es keinen Präzedenzfall für die
Ausführung der Todesstrafe an einer Jungfrau gab - bereits mit dem
Strang um ihren Hals zuerst noch vergewaltigen musste.« Wesentlich
später, im vierten Jahrhundert nach Christi Geburt, wurde auch jene
junge Frau, die später als St. Agnes heilig gesprochen wurde, vor
ihrer Hinrichtung noch vergewaltigt; aus dem einfachen Grunde, weil
auch sie noch eine Jungfrau gewesen war und es als unrechtmäßig
galt, ein Mädchen hinzurichten, das noch nicht seine Keuschheit
verloren hatte.
Wenn wir all dies nun zu der äußerst umfangreich
dokumentierten Tatsache hinzufügen, dass die Auspeitschung ein an
Aufständischen vor deren Kreuzigung routinemäßig verübtes
Instrument war (Jesus Christus ist an dieser Stelle das beste
Beispiel), dann besteht Grund zu der Annahme, dass die
Vergewaltigung der Mädchen sowie die Auspeitschung der Bodicea
keineswegs Taten von Männern waren, die die Beherrschung verloren
hatten, sondern vielmehr die Einleitung der rechtmäßigen
Hinrichtung einer Familie, welche man bei aufständischen Handlungen
festgenommen hatte.
Dennoch bleibt die Frage, warum die eigentliche
Hinrichtung letztlich doch nicht stattfand. Dafür gibt es keinerlei
Begründung, abgesehen von dem Umstand, dass Rom bei dieserart
Angelegenheiten - gleichsam wie in seiner Nachfolge auch die
Spanische Inquisition - äußerst penibel auf die Einhaltung der
Vorgaben des Gesetzes achtete; und die Hinrichtung der Familie
eines Königs war eine Sache, die keiner unter dem Stande eines
Kaisers einfach so auf die leichte Schulter nahm. Ein Gouverneur
mochte zwar ebenfalls die nötige Amtsgewalt besessen haben, um eine
solche Hinrichtung anordnen zu dürfen, wir wissen jedoch auch, dass
Paulinus zu jener Zeit anderenorts und mit dem Angriff auf Mona
beschäftigt gewesen war. Somit übertrat derjenige, wer auch immer
dort im Osten des Landes derart gehandelt haben mochte, mit
ziemlicher Sicherheit seine Befugnisse. Und man darf mit einiger
Berechtigung annehmen, dass spätestens ein höherer Offizier sich in
einer solchen Situation genötigt gesehen haben wird, dagegen
einzuschreiten.
Dies sind also die schriftlich belegten
historischen Hintergründe des vorliegenden Buches. Alles andere ist
das Ergebnis meines Verständnisses der Ereignisse. Allein eine
weitere Tatsache ist noch weitestgehend unzweifelhaft: In
Colchester wurde ein Grabstein gefunden, der sich auf die Zeit des
von der Bodicea angeführten Aufstands datieren lässt. Dieser Stein
wurde einem Mann gewidmet, der den Namen »Longinus Sdapeze« trug
und der in der Ersten Thrakischen Kavallerie gedient hatte. Sowohl
der Grabstein selbst als auch dessen Inschrift entsprechen fast zur
Gänze dem im Text beschriebenen Stein.
Bei allem anderen gilt, wie immer, dass es mehr
Fantasie denn Faktum ist, wenngleich ich mich bemüht habe, das
Grundgerüst auf Tatsachen zu gründen oder zumindest auf das, was
man aus dem vorhandenen geschichtlichen Material an gesicherten
Erkenntnissen ableiten darf. Der Aufbau der Stammesgesellschaft ist
beispielsweise meine eigene Idee, hervorgehend aus einer
vergleichsweise unsicheren archäologischen Basis und späteren
Aufzeichnungen aus dem Bereich des keltischen Irland, welches nie
von Rom eingenommen worden war. Als eine der noch am
verlässlichsten »Tatsachen« darf der Jahreskalender angesehen
werden, dem Breaca und die ihren folgten und der auf einem in
gallischer Sprache in einen Stein eingravierten Überbleibsel eines
solchen Kalenders gründet. Für die Gallier gilt mit Sicherheit und,
so glaube ich, auch für die Stämme der Britannier, dass der Tag mit
der Abenddämmerung begann, so dass die Nacht dem darauf folgenden
Tage vorausging. Das Jahr wiederum begann mit Eintritt des Winters,
an einem Tag, der uns heute als Samhain bekannt ist oder auch als
1. November. Und die davor liegende Nacht, der 31. Oktober, ist
nach wie vor jene Zeit, wenn die Schleier zwischen den Welten am
feinsten sind.
Zusätzliche Tiefe und Farbe erhalten die
Charaktere und ihre Reisen durch das Träumen, welches ihr Leben
sowohl bestimmte als auch bereicherte. Wie bereits in den
vorausgegangenen beiden Bänden spiegeln sich auch in den in diesem
Buch beschriebenen Träumen zum einen meine eigenen Visionen wider
und auch die derjenigen, die an meinen Traumsitzungen teilgenommen
haben. Zwar basieren diese Traumerlebnisse weniger auf dem, was wir
in allgemeiner Übereinstimmung die Realität nennen - sondern
vielmehr auf diversen, wohl aber gleichsam als äußerst real
empfundenen, außerhalb des Gewöhnlichen liegenden Wirklichkeiten,
die wiederum jene von uns als Realität beschriebene Ebene
beeinflussen.
Für alle, die diese Dinge gerne etwas tiefer
erforschen, sei gesagt, dass die Höhlen von Mithras, in denen
Valerius seinem Gott begegnet, lediglich erdacht sind; die
Traumreisengräber in Irland hingegen, in denen er endlich sich
selbst erkennt, sind ganz und gar real und sehen fast genau so aus,
wie ich sie beschrieben habe. Zudem scheinen mir diese Gräber
eindeutig als Traumkammern angelegt zu sein, wenngleich bereits von
einer Kultur, die noch wesentlich älter ist als die in meinen
Büchern beschriebene römische Eisenzeit (Ältere Eisenzeit). Im
Übrigen sind die von den Charakteren im Traum erlebten Erfahrungen
- wie überhaupt immer - heute natürlich genauso erfahrbar wie
damals, wenn wir bloß unsere Wahrnehmung genügend erweitern und uns
für den Gedanken öffnen, dass die Welt kaum ein so fest gefügtes
Gebilde ist, wie wir sie uns gerne vorstellen möchten.
Die Internetseite der Autorin http://www.mandascott.co.uk
hält Einzelheiten zu den aktuellen Traumkursen bereit; zudem sind
dort Literaturempfehlungen und weitere Quellenangaben zu
finden.